AfD-Parteitag in Erfurt: Führerprinzip lässt weiter auf sich warten
Weidel und Chrupalla treten vor dem Parteitag erneut als Doppelspitze an – aber hinter den Kulissen bekämpfen sich die Lager. Auch Höcke lauert.
Im Vorfeld des AfD-Parteitages stieg die Nervosität in den verschiedenen Lagern deutlich. Wer sich in der Partei umhört, merkt: Die Zweckgemeinschaft Tino Chrupalla und Alice Weidel geht langfristig dem Ende entgegen. Die Doppelspitze tritt vor dem Parteitag in Erfurt zwar demonstrativ einig auf und kandidiert auch für zwei Jahre erneut. Aber es dürfte die letzte gemeinsame Amtszeit der beiden werden: Hinter den Kulissen belauern sich die beiden Co-Bundessprecher seit Langem. Innerhalb der Partei und vor allem bei den Spitzen gilt es deshalb als spannende Frage, wer in Erfurt das bessere Ergebnis bekommt: Weidel oder Chrupalla.
Weidel, die sich eng mit den völkischen Netzwerken verbündet hat, lässt sich in der AfD bei jeder Gelegenheit als „nächste Kanzlerin“ feiern. Aber auch Chrupalla kokettiert mit der Spitzenrolle: Etwa in seinem Buch („Handwerk – Meister – Politik“), das er kurz vor dem Parteitag veröffentlichte. Darin posiert er vor dem Kanzleramt und lässt sich in Anekdoten von Spaziergängerinnen als „nächster Kanzler“ ansprechen. Trotz Limousinenfahrdienst und stattlichem Salär gibt er einmal mehr seine politische Paraderolle: den geerdeten Malermeister. Und wer sucht, findet im Buch durchaus auch Spitzen gegen Weidel.
Bei der letzten Wahl in Essen 2024 hatte Chrupalla mit 82,7 Prozent – durchaus überraschend – leicht die Nase vorn, Weidel fiel leicht ab mit 79,8 Prozent. Bis heute ist vor allem aus dem Umfeld von Weidel zu hören, dass es aus Chrupallas Umfeld eine Nein-Stimmen-Kampagne gegen Weidel gegeben habe.
Das könnte diesmal durchaus anders werden: Chrupalla gilt zwar als vernetzt mit etwa dem nordrhein-westfälischen Landeschef Martin Vincentz und auch dem großen niedersächsischen Landesverband sowie zumindest einem Großteil von Sachsen – die ihn wohl auch diesmal stützen dürften. Aber die insgesamt größere Hausmacht und das bessere Standing hat eindeutig Weidel, die sowohl für die Basis als auch die Wähler*innen das Gesicht der AfD ist und die meisten anderen Verbände auf ihrer Seite hat.
„Münzenmaier-Netzwerk“ regelt
Es ist ein offenes Geheimnis, dass Weidel etwa Chrupallas Zukunft als AfD-Spitzenkandidat in Sachsen bei der Landtagswahl 2029 sieht. Auch er selbst liebäugelt schon länger damit, stünde aber vor Machtkämpfen mit dem dortigen Landeschef Jörg Urban.
Weidel selbst will weiter Spitzenkandidatin für die nächste Bundestagswahl 2029 sein – und im Moment gilt sie nicht zuletzt aufgrund hoher Umfragen als gesetzt. Und sie hat die mächtigeren Verbündeten, die auch vor dem Parteitag federführend im Stile einer „Altpartei“ mit allen Lagern eine Kandidatenliste auskungelten.
Zuständig für den Posten-Kuhhandel ist das einflussreichste Parteinetzwerk des frisch gewählten hessischen Landeschefs Sebastian Münzenmaier, ein wegen Beihilfe zur Körperverletzung verurteilter ehemaliger Fußballhooligan. An ihm führt kaum noch ein Weg vorbei, wenn man heute in der Partei etwas werden will. Er gilt als designierter Generalsekretär für die Zeit nach Chrupalla, wenn die AfD sich mit Einerspitze straffer organisieren will.
Das „Münzenmaier-Netzwerk“ will die Partei radikal halten, gleichzeitig professionell auftreten. Es ist eng vernetzt bis teil-identisch mit der völkischen Strömung. Eine Win-win-Situation für die opportunistische Weidel, die gerne das Gesicht der AfD sein will, der aber wenig Lust auf Parteiarbeit nachgesagt wird.
Interessant wird auch, dass der Thüringer Landeschef Björn Höcke als Gastgeber nicht nur das Grußwort halten wird, sondern auch näher ins Zentrum der Macht rückt: Er selbst traut sich zwar nicht zu kandidieren, aber schickt seine rechte Hand, seinen Co-Landessprecher Stefan Möller, als Vizeparteichef ins Rennen. Seine Wahl gilt als ausgemacht. Der Kotau, das Niederknien vor Höcke – das wiederum verbindet Weidel und Chrupalla.
Darüber hinaus erwartet der Parteigossip zumindest ein paar Kampfkandidaturen – es könnte sogar zu offenen Machtkämpfen kommen: So will der ebenfalls stramm-völkische Landesverband Brandenburg mit einer Kampfkandidatur des Bundestagsabgeordneten Hannes Gnauck den bisherigen Schatzmeister Carsten Hütter aus dem Amt kegeln. Das machthungrige Brandenburg beansprucht daneben zwei weitere Vorstandsposten und dürfte damit bei anderen Verbänden für Unmut sorgen.
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