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Zschäpe-Freundin drohen vier Jahre HaftSie soll alles gewusst haben

Im Prozess gegen die frühere Zschäpe-Freundin Susann Eminger fordert die Bundesanwaltschaft vier Jahre Haft. Sie sei in den Terror eingeweiht gewesen.

Konrad Litschko

Aus Dresden

Konrad Litschko

Susann Eminger blickt nur starr auf den Boden, verzieht keine Miene, als Claus Möllinger, der Vertreter der Bundesanwaltschaft, klarstellt, dass die Sächsin von allem gewusst haben muss. Von den zehn Morden des NSU, den Anschlägen, den Raubüberfällen. Dass sie dennoch ihre beste Freundin Beate Zschäpe und deren Untergrundkumpanen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unterstützte – und damit wissentlich deren Terror beförderte. Und dass sie dafür vier Jahre in Haft gehen soll.

Das Plädoyer der Bundesanwaltschaft vor dem Oberlandesgericht Dresden läutet die Schlussphase im Prozess gegen Susann Eminger ein. Seit November wird gegen sie verhandelt. Die 45-Jährige soll in den Jahren, in denen Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos abgetaucht in Zwickau lebten, mit ihrem Mann André Eminger deren engste Helferin gewesen sein. Bis sich am 4. November der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) selbst enttarnte.

Neun migrantische Gewerbetreibende und eine Polizistin erschoss die Terrorgruppe ab dem Jahr 2000, verübte 3 Anschläge und 15 Raubüberfälle. Ohne dass die Behörden sie stoppten oder das rechtsextreme Motiv erkannten. Erst 2011 endete der Terror: Mundlos und Böhnhardt erschossen sich nach einem gescheiterten Banküberfall, Zschäpe verschickte die NSU-Bekennervideos und enttarnte die Terrorgruppe.

Der Prozess gegen Susann Eminger ist nun der letzte Versuch, doch noch einmal eine Helferin dieses Terrors zu verurteilen. Zschäpe wurde 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt, vier Helfer des Kerntrios zu Haftstrafen bis zu zehn Jahren – darunter André Eminger. Gegen neun weitere Helfer wurde danach noch ermittelt, aber die Verfahren wurden eingestellt. Einzig Susann Eminger wurde angeklagt.

Keine normale Freundschaft

Die vierfache Mutter war zumindest früher selbst Teil der rechten Szene Sachsens, am Freitag nun sitzt sie in gepunkteter Bluse und mit blondierten Haaren im Gericht, zuletzt arbeitete sie als Altenpflegerin. Ihr Mann André Eminger hatte schon früh Kontakt zum 1998 abgetauchten NSU-Trio, hatte ihm Wohnungen und Wohnmobile besorgt. Über ihn lernte auch Susann Eminger die drei kennen, freundete sich mit Zschäpe an, ging mit ihr auf Cocktail- oder Comedyabende oder mit den Kindern auf den Spielplatz.

Es sei aber „keine normale Freundschaft“ gewesen, betont Wolfgang Barrot, der zweite Vertreter der Bundesanwaltschaft im zweistündigen Plädoyer. Susann Eminger sei für Zschäpe „die Tür in die Normalität“ gewesen. Eminger habe stets gewusst, dass sie eine untergetauchte Rechtsextremistin unterstütze. So hätten sich Zschäpe und Eminger über Telefonzellen angerufen, Eminger sprach Zschäpe mit ihrem Tarnnamen an. Und sie half ihr, nicht aufzufliegen.

So nutzte Zschäpe Susann Emingers Namen für die Buchungen von Urlauben, für eine Videothekkarte oder für eine Bahncard, die sie als Ersatzausweis benutzte. Zschäpe ging auch mit Emingers Krankenkassenkarte zum Zahnarzt. Und sie gab sich bei einer Polizeivernehmung als Susann Eminger aus, nachdem sie wegen eines Diebstahls in ihrem Wohnhaus vorgeladen worden war. Ins Revier ging sie mit André Eminger, bekam den Ausweis seiner Frau – und flog so nicht auf. Vor dem letzten Banküberfall des NSU fuhr Susann Eminger das Trio zur Verleihstation, wo diese das Wohnmobil dafür anmieteten. Und noch auf der Flucht nach dem NSU-Auffliegen rief Zschäpe als erstes André Eminger an, bekam dann Kleidung von Susann Eminger. Nur wenige Sekunden dauerte das Telefonat. Weil Susann Eminger längst über alles im Bilde gewesen sei, so Barrot.

Genau das war die Frage im Prozess: Wusste Susann Eminger bei all ihren Hilfen, dass sie damit auch eine Terrorgruppe unterstützt? Eminger schwieg dazu im Prozess. Beate Zschäpe, die dreimal als Zeugin geladen war, bestritt das: Nur in die Banküberfälle sei Susann Eminger eingeweiht worden. Die Bundesanwaltschaft aber sieht in ihrem Plädoyer am Freitag ihre Anklage bestätigt: Susann Eminger wusste alles.

Alles andere wäre lebensfremd, sagte Barrot. Dafür spreche nicht nur ihr Ehemann André Eminger, der dem Trio so früh und intensiv half, sondern auch die enge Freundschaft zu Beate Zschäpe, deren „besonderes Vertrauen“. Spätestens im Frühsommer 2007, nachdem sich Zschäpe als Susann Eminger auf der Polizeiwache ausgegeben hatte, sei ihre Freundin in die Mordtaten eingeweiht worden, ist Barrot überzeugt. Dennoch habe Susann Eminger die Untergetauchten weiter unterstützt.

Zschäpe hat Lüge eingeräumt

Immer wieder stützt sich Barrot für diese Annahme auf Zschäpes Aussagen. Zwar sei Zschäpe bemüht gewesen, ihre frühere Freundin „nicht über Gebühr zu belasten“, habe Erinnerungslücken und Beschwichtigungstendenzen gezeigt. Dennoch, so Barrot: „So nah wie hier im Verfahren kam Zschäpe der Wahrheit bisher nicht.“ Dafür spreche auch, dass sie eine Lüge im Münchner NSU-Prozess einräumte. Anders als dort behauptet, habe sie sehr wohl vorab gewusst, wenn weitere Morde anstanden. Und Zschäpe habe letztlich Susann Eminger doch belastet: Indem sie bestätigte, dass diese das letzte Wohnmobil angemietet hatte. Oder als sie einräumte, dass Eminger ihre Nervosität vor anstehenden Überfällen bemerkte.

Auch ideologisch habe Susann Eminger wohl hinter den Taten gestanden, so Barrot. Er erinnert daran, dass ihr Mann André Eminger seinen Anwalt im NSU-Prozess erklären ließ, er sei „ein Nationalsozialist mit Haut und Haaren“. Unwahrscheinlich, dass seine Frau politisch ganz anders eingestellt sei. André Eminger verschickte auch mal „im Namen der gesamten Familie“ einschlägige Weihnachtsgrüße: „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“ Im gemeinsamen Schlafzimmer prangte an der Wand eine schwarze Sonne, ein Szenesymbol aus drei übereinandergelegten Hakenkreuzen.

Nicht jedes einzelne Indiz weise zwingend nach, dass Susann Eminger vom NSU-Terror wusste, sagt Barrot. Die Gesamtschau aber sehr wohl. Ein weiteres sei der Dank der NSU-Terroristen für die „treuen Dienste“ der Emingers: Sie hatten der Familie eine Stereoanlage und eine Reise ins Disneyland Paris geschenkt.

Verräterisch sei vor allem das Verhalten der Emingers nach der Tat, betont Barrot. Wären sie wirklich nicht in die Morde eingeweiht gewesen, wäre ein Entsetzen und eine Abkehr von den Terroristen zu erwarten gewesen. Stattdessen aber habe sich Susann Eminger nach dem Auffliegen nur über die Antifa und die Presse beschwert. Bei einer Durchsuchung zwei Jahre später sei an der Wohnzimmerwand, zentral neben Fotos der eigenen Kinder, eine Zeichnung gefunden wurden, mit den Porträts der beiden Uwes, einer Rune und dem Schriftzug „unvergessen“. Das komme einem Geständnis gleich, so Barrot. Und ebenso die Entscheidung, welchen dritten Vornamen die Emingers 2015 für ihren dritten Sohn wählten: Uwe. Damit hätten die Emingers die Terroristen zum Teil der Familie gemacht.

Härter bestraft als ihr Mann?

Die Verteidiger von Susann Eminger hatten im Prozess dagegen ein Wissen von Susann Eminger über den Terror verneint und nahegelegt, dass sie auch deshalb nicht wegen Terrorunterstützung verurteilt werden könne, weil sich das NSU-Trio nach dem letzten Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 aufgelöst habe. Auch dies weisen die Ankläger zurück: Auch zwischen vorherigen Morden habe es längere Pausen gegeben und schon der Versand des Bekennervideos 2011 sei Beleg für das Fortbestehen.

Am Ende fordert die Bundesanwaltschaft vier Jahre Haft für Susann Eminger. Einzig, dass sie nicht vorbestraft sei sowie die lange Verfahrensdauer müssten ihr angerechnet werden, weshalb ein halbes Jahr Haft als verbüßt gelten könne. Susann Eminger ist derzeit auf freiem Fuß, hat durch den Prozess aber ihren Job als Altenpflegerin verloren.

Würde sie tatsächlich zu vier Jahren Haft verurteilt, wäre das mehr als ihr Ehemann einst im Münchner NSU-Prozess erhielt. Er kam mit zweieinhalb Jahren Haft überraschend milde davon, weil das Gericht es nicht für nachweisbar hielt, dass er von Beginn an in die Terrortaten eingeweiht war. Die Bundesanwaltschaft hatte damals auch für ihn zwölf Jahre Haft gefordert und in den Raum gestellt, ob er nicht gar der vierte Mann des NSU war.

In Dresden sagt Wolfgang Barrot, dass die Bundesanwaltschaft angesichts der größten rechtsextremen Terrorserie der Bundesrepublik immer deutlich gemacht habe, dass es keinen Schlussstrich geben werde – was auch der Prozess gegen Susann Eminger beweise. Seine Behörde habe „nie aufgehört zu ermitteln, trägt weiter Puzzlestück für Puzzlestück zusammen“, nur eben nicht in der Öffentlichkeit. Der Prozess zeige: Jedes offenbarte Wissen könne noch zur Aufklärung oder Strafverfolgung beitragen.

Opferangehörige hatten dagegen beklagt, dass die Bundesanwaltschaft das Helfernetzwerk des NSU nicht wirklich aufklärt. Sie sind nach wie vor überzeugt, dass es weitere Unterstützer an den Tatorten ab, die bis heute nicht verfolgt sind.

Die Verteidiger von Susann Eminger sollen nun ihr Plädoyer am 9. Juli halten. Das Urteil soll am 17. Juli fallen.

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