Themenreise durch den Hamburger Hafen: Kohle und Koks
Eine performative Themenreise durch den Hamburger Hafen erzählt von den beiden beliebtesten Exportgütern Kolumbiens. Und kommt ihnen dabei näher als erwartet.
Foto: Farina Mietchen
„Willkommen an Bord!“, heißt es an der Landungsbrücke 1 in Hamburg. Auf der Barkasse „Tanja“ soll es nach Bogotá gehen. Tatsächlich handelt es sich um die performative Themenreise „Kohks“ zu Kohle und Kokain. Beide Stoffe sind ja Energieträger, beide Exportgüter aus Kolumbien, beide auch als „Koks“ bekannt. Initiiert hat die Fahrt ein gewisser Club Energía, der mitsamt Kapitän – hanseatisch in Mütze und Ringelpulli – die Fahrgäste durch den Hamburger Hafen moderiert. Am Pier winken Mitglieder der Crew, wiegt sich ein Performer im mannsgroßen Nasenkostüm im Wind. Nach der Rundfahrt werden wir sie wieder treffen, wenn sie die Kraft der Rituale feiern.
Doch erst mal geht es durch Wellen und Wind und über die Elbe. Vorbei an Fähr- und Lotsenschiffen, nah ran an die haushohe Bordwand eines Containerschiffs, mit sich stapelnder legaler und vermutlich auch illegaler Fracht, weiter zu einem Kohlenfrachter, hinter dem sich schwarze Pulverberge türmen. Ab und an ziehen ein paar Ruderer vorbei, taumeln Haubentaucher auf den Wellen, kreuzt ein Partyschiff.
Zu der eindrucksvollen Kulisse gibt es jede Menge Informationen, etwa zum Kokskonsum der Hansestadt, der höher ist als der in Berlin, aber niedriger als der in Frankfurt. Zur Ausbeutung der Kokabauern in Kolumbien, zum Strombedarf, der in Deutschland noch zu rund 20 Prozent aus Kohle gewonnen wird und auch zu den in Hamburg noch immer sichtbaren und zu oft unkommentierten Spuren der Kolonialgeschichte.
Immer wieder werden live und über Kopfhörer Texte etwa von Siegfried Lenz oder zum Kohleabbau gesprochen, da wird der Rotterdam-Effekt erklärt – eine Verzerrung in internationalen Handelsstatistiken –, werden einschlägige Songs von Falco und Boris Bukowski eingespielt. Die Fahrt wird abwechselnd auf Spanisch und Deutsch moderiert, schließlich haben das Hamburger wirvier Kollektiv und das kolumbianische Colectivo Teatral Luz de Luna diese Site-specific-Performance im Programm des Lichthof Theaters gemeinsam entwickelt.
Nach einer guten Stunde meist kluger und immer schaukelnder Unterhaltung inklusive Tanzeinlagen, einem Mitmachquiz und einzelner unter der Hand verkaufter hochenergetischer Traubenzuckertafeln ist man um einige Hafenbecken weiter und um etliche Kokain-und-Kohle-Informationen reicher.
Performer als Welcoming-Indigene
Als man vermeintlich in Bogotà von Bord geht, trifft man auf eine Handvoll Performer, die in bunt gewebten Stoffen recht langatmig Welcoming-Indigene spielen, und auf eine nicht ganz zufällige Protestaktion, die „Coca is not Cocaine“-Flugblätter verteilt und mit „Frag dich vor der nächsten Linie: Ist sie das Blut dahinter wert?“-Texten mahnt. Gerade so, als wären aus der Barkasse soeben zwei Dutzend Hardcorekonsument*innen gestolpert, die letzte Impulse für einen ehrlichen Drogenentzug brauchten.
Ob es danach jetzt ins Flugzeug nach Bogotá geht oder doch zum „Farewell“-Event, bleibt unklar. So oder so landet die Reisegesellschaft in den Clubräumen des Hafenklang, um dort alle bisher gehörten Informationen noch einmal zu hören. Nur eben ohne Wellengang und von der Bühne. Anschließend wird noch eine schlechte Persiflage einer Tanzperformance versucht, bei der natürlich nasenweise Koks gezogen wird. Schließlich hatte der übermäßige Kokainkonsum von Schauspieler*innen und Musiker*innen in einigen deutschen Städten dazu geführt, dass Kokain 1887 teilweise verschreibungspflichtig wurde.
Danach wird bisschen über die Glorifizierung der Droge geplaudert, fallen betroffen Worte wie „Doppelmoral“, „Rapper“ und „Haftbefehl“, wird mit dem Titel der eigenen Veranstaltung kokettiert, die während der Proben entstandene deutsch-kolumbianische Arbeitsfreundschaft gefeiert, ein bisschen verschämt über deutsche Traditionen, Kaffee-Kuchen und Franzbrötchen gesprochen und inbrünstig die Kraft der Rituale gepriesen. Ein gemeinsames Abschlusslied mit Gitarre scheint die Performer*innen alle sehr glücklich zu machen. Für die Performance hingegen wird es zum Soundtrack der Beliebigkeit. Am Ende ist es im Theater wie mit dem Koks: Weniger wäre die bessere Dosis gewesen.
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