Gewerkschafter über Sozialproteste: „Die Regierung will unser Leben verschlimmern“
Die linke Szene ist zu abgekapselt von einfachen Leuten, sagt Sebastian Grambow von der anarchistischen Gewerkschaft FAU – und ruft zu Protesten auf.
Foto: Ardan Fuessmann/imago
taz: Herr Grambow, nach DGB und Linken rufen jetzt auch Ortsgruppen der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft FAU zu Sozialprotesten auf. Das Motto: „Du bist der Regierung egal“. Wie meinen Sie das?
Sebastian Grambow: Naja, die normalen Bürger:innen sind doch der Regierung egal, oder etwa nicht? Das sieht man ja an diesem sogenannten „Reformpaket“. Da geht's nur um die Gewinne der Konzerne und die Streichung von längst erkämpften Erfolgen. Da wollen wir den Menschen klarmachen: Die aktuelle CDU-SPD-Regierung hat kein Interesse, unser Leben zu verbessern, sondern eher zu verschlimmern. Auch eine andere Regierung wird es nicht richten, das Problem ist schließlich das System selber. Das war so der Grundgedanke unserer Kampagne.
ist Metallarbeiter aus Magdeburg und hasst seinen Job bei einer Leiharbeitsfirma. Beim Magdeburger Syndikat der anarchistischen Gewerkschaft FAU sucht er nach Gleichgesinnten, um der Lohnsklaverei ein Ende zu setzen.
taz: Sie glauben wirklich, dass die Regierung versucht, das Leben der Menschen zu verschlimmern?
Grambow: Sie tut es auf jeden Fall. Nur ein Beispiel: Unsere „Initiative Grüne Gewerke“ für die Landwirtschaft kritisiert gerade, dass die Regierung das Recht auf Hautkrebsvorsorge deutlich reduzieren will – dabei ist das eine der häufigsten berufsbedingten Krankheiten in dem Sektor. Sie wollen tatsächlich, dass wir auf den Feldern brutzeln und nehmen in Kauf, wenn wir daran sterben.
taz: Die DGB-Gewerkschaften und Linksparteien mobilisieren bereits zu Sozialprotesten, wenn auch bisher eher mit mäßigem Erfolg. Warum braucht es denn jetzt noch eine linke Kampagne?
Grambow: Also, ich will klar sagen, wir haben gar kein Problem mit den anderen Kundgebungen und Protesten, einige unsere Syndikate mischen da auch mit. Wir wollen nicht sagen: Wir sind die Besseren und die sind die Schlechteren. Aber wenn die DGB-Chefin Yasmin Fahimi das Reformpaket als „richtiges Signal“ lobt, dann kotzt uns das halt an. Das sehen auch viele Menschen an der Basis der DGB-Gewerkschaften so. Deshalb wollen wir auf unseren Kundgebungen auch eine andere, staatskritische Position in die Öffentlichkeit bringen und die DGB- und Linken-Proteste kritisch begleiten.
taz: Auf Ihrer Kampagnenseite findet sich eine Art Aufruf, zu den Protesten des DGB und der Linken zu gehen, um zu zeigen, dass sich der Protest auch gegen deren Spitzen richtet. Heißt: mit Störaktionen ist zu rechnen?
Grambow: Nein. Also, was die einzelnen Syndikate und Mitglieder:innen machen, müssen sie natürlich selber wissen. Aber unser Kernanliegen ist eher, Anwesenheit zu zeigen. Wir wollen da präsent sein, wo was passiert, um den Unmut der Bevölkerung aufzugreifen, der hier im Osten ja meistens in der AfD endet. Dafür wollen wir in erster Linie mit den Kolleg:innen ins Gespräch kommen.
taz: Und was ist die anarchistische Antwort auf die gegenwärtigen Sozialkürzungen?
Grambow: Wir haben natürlich Forderungen. Aber wir gehen mal davon aus, dass die Regierung darauf scheißen wird. Was wir wirklich wollen, ist, dass die Leute sich selbst ermächtigen und nicht ihre Wut irgendwelchen Bestimmern überlassen. Deshalb bilden wir uns in Magdeburg gegenseitig im Arbeits- und Sozialrecht aus, betreiben eine Kiezkommune mit Stadtteilladen, haben eine Erwerbslosen-AG und bauen Betriebsgruppen auf. Wir wissen, dass wir damit nicht von heute auf morgen Erfolg haben. Aber dafür wollen wir werben.
taz: Warum sollte das gerade jetzt klappen?
Grambow: Die ganze Legitimation für diesen Staat bricht doch gerade weg: Das Versprechen, dass wir zwar ausgebeutet werden, aber es uns eben auch noch ganz gut geht, dass den Schwachen geholfen wird. Auf diese Staatslegitimation spucken jetzt viele Kapitalfraktionen und die ihr gehörige Politik. Das müssen wir ausnutzen, um zu zeigen, dass es auch anders geht, abseits von straff organisierten Parteien und dem DGB, der sich oft nur bei Tarifverhandlungen für Beschäftigte interessiert.
taz: Sind die DGB-Gewerkschaften wirklich so schlimm?
Grambow: Keineswegs immer, es geht uns auch nicht darum, das zu sagen. Wir wollen die Kolleg:innen unterstützen, die kämpferisch sind. In Stuttgart bei Mercedes zum Beispiel sieht man ja auch gerade, dass es sogar auch eine kämpferische IG Metall geben kann – das sag’ ich jetzt mal so, als alter Metaller. Am wichtigsten ist uns, dass die Leute überhaupt organisiert sind. Am liebsten natürlich in einer revolutionären Gewerkschaft, aber zum DGB zu gehen, ist auch ein guter erster Schritt.
taz: Wie groß ist die FAU eigentlich?
Grambow: Ich sage mal so, der Verfassungsschutz zählt bei uns etwa 2.000 Leute, aber der kann nicht so gut rechnen und hat ein paar Menschen vergessen. Uns ist aber bewusst, dass wir aktuell noch klein sind, wenn auch gleichzeitig für die Verhältnisse der radikalen Linken in Deutschland ziemlich groß. Deswegen glauben wir, dass wir gerade echt die Chance haben, mehr Betriebsgruppen aufzubauen, damit uns die Leute auch ernster nehmen.
taz: Linke Gruppen versuchen seit einigen Jahren immer wieder, Sozialproteste auf die Beine zu stellen. Es will einfach nicht klappen. Warum ist das so schwer in Deutschland?
Grambow: Ich glaube, vieles, was linke Gruppen in Deutschland tun, ist nicht wirklich nachhaltig. Viele Bündnisse ziehen ihre Aktionen an einem Wochenende durch und sind dann wieder verschwunden. Was uns unterscheidet, ist, dass wir eine tatsächlich dauerhafte Organisierung anbieten, dass sich bei uns viele tatsächlich als Arbeiter:innen begreifen. Ich erlebe bei Flyeraktionen oder auf der Maloche immer wieder, dass die einfachen Leute gar keinen Kontakt zu Linken mehr haben. Sie kennen uns überhaupt nicht als normale Kolleg:innen. Die linke Szene ist einfach zu abgekapselt. Das ist der Knackpunkt, den wir durchbrechen wollen.
taz: Was erleben Sie so, wenn Sie in Magdeburg flyern gehen?
Grambow: Was ich öfter erlebt habe, ist, dass die Leute ein völliges Zerrbild von Linken haben, das sie von Twitter haben. Die sind dann ganz überrascht, dass wir normale Leute sind. Viele haben auch eine tiefe Abneigung. Da muss man dann ins Gespräch kommen und versuchen, eine Gemeinsamkeit zu finden. Oft sind AfD-Wähler:innen hier im Osten Friedensthemen wichtig, da können wir dann damit punkten, dass wir bedingungslos gegen Kriege sind. Das sind so Punkte, wo man vielleicht ein Umdenken bewirken kann. Aber manchmal wird man auch einfach angebrüllt oder bedroht. Dann muss man zeigen, dass man sich nicht einschüchtern lässt.
taz: Wann würden Sie sagen: Unsere Kampagne war ein Erfolg?
Grambow: Wenn sich mehr Betriebsgruppen bilden, wäre das ein Anfang. Unseretwegen werden jetzt nicht die großen wilden Streiks ausbrechen, wir werden auch keinen Generalstreik organisieren können, auch wenn das nötig wäre. Aber wir können darauf hinwirken, dass sich die Leute da organisieren, wo sie arbeiten – denn da haben sie die meiste Macht, etwas zu verändern. Es ist ganz egal, ob das im Kindergarten, in der Werksküche oder in einem großen Industriebetrieb passiert. Wenn wir uns anfangen als Kolleg:innen zu organisieren, kann die Regierung auch wieder Angst vor uns kriegen.
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