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Christopher Street Day Gibt es zu viele freischwingende Schwänze auf dem CSD?

Am Samstag strömen wieder Hunderttausende zum CSD, dabei werden auch viele Geschlechtsteile ausgehängt. Ist das übergriffig – oder befreiend?

Ja!

D as männliche Glied entblößt sich gern. Es begegnet einem als Graffitikunst an Häuserwänden. Es blitzt linkisch hinter einem Baum hervor, wenn ein Mann mal wieder von seinem vermeintlichen Geburtsrecht Gebrauch macht und wild pinkeln geht. Oder es begegnet einem in der Sauna, wenn sich vor den Augen aller Anwesenden ein Krimi entfaltet, während man darauf wartet, ob der Hodensack des breitbeinig in erster Reihe sitzenden Mannes beim Aufstehen zwischen den Holzbalken hängen bleiben wird.

Wer Männer auf Online-Dating-Apps matcht, bekommt so viele ungefragte Dick Pics, also Penisbilder zugeschickt, dass sich damit auf dem Handy ein ganzes Album füllen lässt. An Badeseen verstecken sich manche Männer meist schlechter als besser hinter Büschen, um dort zu masturbieren. Auch Figuren der Popkultur zeigen ihr gutes Stück gern öffentlich. Joey Tribbiani in Friends und Barney Stinson in How I Met Your Mother machen einem Millionenpublikum seit Jahrzehnten vor, wie man Frauen beim ersten Date direkt verstören kann – und ziehen in einer unbeobachteten Situation auf dem Sofa der Angebeteten blank.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Auch vor queeren Kontexten wie dem CSD macht der Schwanz nicht halt. Auch hier möchte er sich präsentieren und gesehen werden. Stark alkoholisiert und grölend läuft er an einem vorbei und bleibt gern mal zwischendurch stehen, um vor aller Augen stolz den Hubschrauber als Kunststück aufzuführen. Längst sind auf dem CSD auch viele Touris – nicht wenige davon hetero – unterwegs. Und einige von ihnen meinen, der CSD wäre da genau der richtige Ort dafür.

Wer muss mit Konsequenzen rechnen?

Natürlich soll auf dem CSD queere Sexualität endlich mal im Vordergrund stehen. Aber muss es beim Feiern von queerer Liebe ausschließlich um Nacktheit und Sexualität gehen – oder sitzt man da nicht einem Stereotyp auf?

Wer als queere Frau das Gleiche tun will, wird schnell mit den Konsequenzen konfrontiert. Muss sich als Schlampe beleidigen, angrapschen oder fotografieren lassen. Letzteres kann dann auch schnell zu weitreichenden Problemen führen: Man muss damit rechnen, dass die Bilder im Netz kursieren, auch den Arbeitskollegen erreichen, der einen monatelang schief ansehen oder gar anmachen wird. Auch davon, ernst genommen zu werden, besonders in einer professionellen Rolle, kann man sich dann verabschieden.

Inzwischen ist das Problem der überpräsenten männlichen Genitalien auf dem CSD seit vielen Jahren bekannt. Und so herrscht in lesbischen und queeren Kreisen in Berlin häufig Übereinstimmung darüber, dass man dem CSD doch lieber fernbleibt und die eigene Liebe und Sexualität besser auf Parallelveranstaltungen wie dem Dy­ke*­M­arch feiert. Also Männer, werft doch einfach schnell den Lendenschurz über und macht Platz für eure weiblichen Mitstreiter*innen. Anna Simbürger

Nein!

Es ist nicht queer-feministisch, auf der Pride weniger Schwänze und weniger nackte Männer (und wen man für einen hält) zu wollen. Nicht nur, weil auch trans Frauen ihre schönen Schwänze zum CSD tragen. Auch nackte sexpositive Schwule können empowernd sein. Weil nuttige Männlichkeit eine andere ist als patriarchale Männlichkeit. Denn natürlich gibt es Männlichkeit, die nicht patriarchal ist. Auch auf dem CSD sehe ich die.

Man muss mitnichten alle Schwulen in Schutz nehmen. Egal ob sie schwul sind oder nicht, cis Männer laufen durch eine andere Welt als andere. Darüber hinaus gibt es in schwuler Kultur viel zu viel Misogynie. Oder reiche schwule Männer, die Frauen als Leihmütter anstellen, um das Baby aus ihrem Bauch zu kaufen, während sie es anderen verbieten. Kritik an reichen weißen Menschen sollte sowieso Konsens sein.

Es ist auch mit Privilegien verbunden, auf einem CSD-Wagen mit dem Schwanz zu wackeln. Aber zu patriarchaler Gewalt gehört eben auch, dass der gleiche Popoträger früher auf dem Dorf als tuntige „Schwuchtel“ beleidigt oder gar zusammengeschlagen wurde. In der Aids-Krise in den 1980ern bis 1990ern schauten Regierungen dabei zu, wie die queere Community ihre Liebsten massenhaft zu Grabe trug.

Noch früher entstanden queere, schwule, Schwarze Subkulturen wie Ballroom. Vieles von der Schlampenästhetik, die heute trendet, geht darauf zurück. Die Rechte und Freiheit, die sich queere Menschen bis heute erkämpften, haben damit zu tun, dass sie so „pervers“, wie sie sind, auf die Straße gingen. Patriarchale Männlichkeit wird nämlich schon seit Jahrzehnten auf der Pride weggeschüttelt: von nackigen Popos und schwingenden Geschlechtsteilen. So fordern auch sie die Geschlechterordnung heraus.

Voneinander lernen

Wenn Mama Ikkimel uns beibringt, wie man feministisch eine Fotze sein kann, dann können uns auch unsere schwulen Schwestern beibringen, wie queer-feministisch ein Schwanz sein kann. Das heißt es, Gender konsequent zu Ende zu denken. Sonst droht man, beim FLINTA*-Feminismus zu landen: dann sollen viele mitgenannt werden, aber in der Realität sind oft nur cis Frauen gemeint.

Statt in die üblichen Grabenkämpfe zurückzufallen, sollten wir lieber mehr voneinander lernen. Zum Glück schließt Feminismus inzwischen trans Frauen und nicht-binäre Feminitäten (manchmal) ein. Und die meisten von ihnen sind nun mal schwul sozialisiert. Ist doch schön. Wie wär's mit etwas Neugierde: Was kann man voneinander lernen über Gender und Patriarchat? „Wie war das bei dir früher, Schatz?“

Schwule, trans und Frauenkämpfe gehören endlich verbunden. Mitsamt dem Streit und der Kritik, die auf beiden Seiten angebracht ist. Im Kampf gegen das Patriarchat würde es guttun, einander wertzuschätzen. Dazu gehört, den jeweiligen Schmerz zu sehen. Und manchmal auch ein paar Schwänze zuzulassen. Vielleicht nimmt ihnen das so sogar ihre Macht. Adam Schwedhelm |

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Adam Schwedhelm

Adam Schwedhelm

Studium der Germanistik u.v.m. in Marburg und Leipzig. Lernte im Freie Radio CORAX, bei der Freien Presse in Chemnitz und bei Missy Magazine in Berlin. Schreibt für das Inland über Sachsen, Soziales, Medien. Geht auch gerne in die Oper.

Anna Simbürger

Jahrgang 1993, hat in Gießen, Lissabon und Hamburg Psychologie studiert. Ihre journalistische Laufbahn startete sie beim kohero Magazin in Hamburg, aktuell schreibt sie für das Berlin-Ressort der taz. Ihre Themenschwerpunkte sind Trauma, Migration und Fragen der sozialen Gerechtigkeit.
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