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Sommerhitze in der UkraineDie Sonne zähmen, das Leben anpassen

In der Südukraine bleiben die Häuser auch im Sommer kühl. In Kyjiw helfen Klimaanlagen – wenn Russland nicht die Stromversorgung unterbricht.

I ch bin im Süden der Ukraine aufgewachsen – im Gebiet Cherson. Zwischen Mai und September waren nicht selten bis zu 40 Grad. Und manchmal war es sogar noch heißer. Trotzdem habe ich dort früher fast nie unter der Hitze gelitten, so wie jetzt in Kyjiw, wo es gewöhnlich etwas kühler ist.

Warum? Mir scheint, die Menschen im Süden haben gelernt, nicht gegen die Hitze anzukämpfen, sondern ihre Häuser – und ihren Tagesablauf – an sie anzupassen. Sie wissen: Die Sonne besiegt man nicht, aber ihr Temperament kann man zähmen.

Küche in separatem Gebäude

Eine der Besonderheiten der traditionellen südukrainischen Häuser ist die separate Küche. Schlaf- und Wohnzimmer befinden sich in einem Gebäude – gekocht wird in einem anderen. Dieses andere nennen wir Sommerküche.

Hitzschlag

Über 40 Grad in Deutschland – was früher unvorstellbar war, ist heute real. Die Zahl der Hitzetoten steigt, die Wasserpegel der großen Flüsse sinken. Und wir merken, wie schlecht vorbereitet unser Land auf den Klimawandel ist. Doch der betrifft ja alle Länder. Wie gehen die Menschen anderswo mit den steigenden Temperaturen um? Und wo können wir von ihnen lernen? Eine Sommerserie der taz.

Und genau dort kümmert man sich im Sommer um die Vorräte für den Winter. Meine Mama kocht zum Beispiel Kirschkompott mit Pfefferminze ein, Aprikosenmarmelade und Zucchinikaviar, ein dickes, unglaublich leckeres Gemüsepüree.

Dank der Sommerküche heizt sich das Haus, in dem sich alle aufhalten, von der Hitze ausruhen und schlafen, nicht durch Herd und Backofen auf. In den Räumen steht keine heiße Luft und der Essensgeruch zieht keine Fliegen an. Eine einfache architektonische Lösung hilft, dass es auch bei großer Hitze drinnen immer angenehm kühl bleibt.

Das grüne Versteck

Rings um unser Haus und die Sommerküche hat mein Vater immer wieder Bäume gepflanzt. Als Kind wusste ich das nicht richtig zu schätzen, weil ich, als Jüngste in der Familie, oft das Fallobst aufsammeln musste. Der angenehme Aspekt dabei war allerdings mein erstes selbstverdientes Geld, was mein Opa mir dafür zahlte.

Erst heute ist mir klar, dass die Kronen der großen Bäume für das Haus eine Art zweites Dach und zweite Wand waren. Sie spendeten dem Hof Schatten und die Hauswände heizten weniger schnell auf, sodass es drinnen länger kühl blieb. Zusätzlicher Schatten kam von einer mit Wein überwachsenen Pergola. Die Weinblätter bildeten ein dichtes grünes Dach, unter dem man sich vor der Sonne schützen konnte. In den heißesten Stunden des Tages war der Hof wie ein grünes Versteck.

Ein sinnvoller Tagesablauf

Die Sommertage meiner Eltern begannen sehr früh. Sie standen gegen fünf Uhr auf und versuchten, die wichtigsten Arbeiten bis zehn Uhr vormittags erledigt zu haben. Denn anschließend wurde die Hitze fast unerträglich und die Menschen bemühten sich, das Haus nicht mehr zu verlassen. Die Zeit verbrachten sie mit Mittagessen, ausruhen, schlafen und nach sechs Uhr abends arbeiteten sie weiter. Das, was man zum Beispiel in Spanien Siesta nennt, hieß in der Südukraine schlicht Mittagsschlaf.

Jetzt lebe ich in Kyjiw, aber noch immer versuche ich, im Sommer die Hitze der Straße zu meiden. In einer Großstadt ist es jedoch wesentlich schwieriger, nach den Regeln des südlichen Sommers zu leben. Der Arbeitstag beginnt nicht um fünf Uhr morgens und wird auch nicht wegen der Hitze für einige Stunden unterbrochen. In Hochhäusern gibt es keine Sommerküchen, keine Weinlauben und keine großen Bäume, die die Wände vor der Sonne schützen.

Und obwohl die Hitze in Kyjiw weitaus weniger intensiv ist, fühlt sie sich oft schwerer an. Meine größte Rettung ist dann die Klimaanlage. Aber auf die hilft nicht immer. Und durch die starken Temperaturschwankungen zwischen draußen und drinnen habe ich mich schon häufiger erkältet. Deshalb versuche ich, sie nicht zu oft einzuschalten.

Und heute ist in der Ukraine eine Klimaanlage keine Garantie mehr gegen Hitze. Denn aufgrund der russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur fällt häufig gerade dann der Strom aus, wenn man ihn am dringendsten benötigt. Und dann müssen die Menschen in den Großstädten lernen, was die Menschen im Süden schon lange wissen: Schatten suchen, Tempo rausnehmen – und das Leben an die Sonne anpassen.

Aus dem Ukrainischen: Gaby Coldewey

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