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Migrantisches Leben in Deutschland Warum ich dieses Land nach 15 Jahren verlasse

Gastkommentar von

Zara Rahman

Nicht wegen des Rechtsrucks, sondern des Selbstbetrugs der vermeintlich Liberalen und Progressiven muss ich gehen. Ein Abschiedsbrief.

W enn weiße Deutsche hören, dass ich Deutschland nach 15 Jahren verlasse, fragen die meisten: Warum? Wenn Menschen mit Migrationshintergrund oder People of Colour das hören, gratulieren sie mir.

Ich bin eine britisch-bangladeschische Muslimin, die seit 2011 in Berlin-Neukölln lebt. Für diesen Bezirk habe ich mich aus mehreren Gründen entschieden. Das Gefühl, mich einzufügen, anstatt aufzufallen; die Freundlichkeit in den Spätis und Cafés; und in letzter Zeit auch die sichtbaren Zeichen der Solidarität mit Palästina – all das gab mir in vielerlei Hinsicht das Gefühl, zu Hause zu sein.

Zara Rahman

ist britisch-bangladeschische Schriftstellern und Forscherin. Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Macht, Technologie und Gerechtigkeit. Sie ist Autorin der Bücher Machine Readable Me: The Hidden Ways Tech Shapes Our Identities (2023) und It’s About Time: Motherhood’s Most Precious and Contested Resource (2026). Rahman war Fellow an der Stanford University und der Harvard Kennedy School und ist derzeit Visiting Research Collaborator an der Cornell University.

Natürlich ist der Rassismus in Deutschland erschreckend. Ich könnte ein ganzes Buch über den offenen Rassismus schreiben, den ich in Berlin erlebt habe. Diese Geschichten und Erfahrungen sind allgegenwärtig, wenn man sie sehen will. Aber der Hauptgrund, warum ich Berlin verlasse, ist nicht die AfD oder der Aufstieg der Rechten.

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Blind für den eigenen Rassismus

Es liegt an der Unehrlichkeit und dem Selbstbetrug der übrigen deutschen Gesellschaft, die sich für progressiv und liberal hält. Es ist der Chefredakteur eines großen deutschen Mediums, der mir erzählt, dass er keine Ahnung hatte, dass die Polizei bei Protesten häufig arabische Parolen verbietet. Es sind die linksgerichteten Aktivist:innen, die mir ernsthaft sagen, dass sie natürlich gegen Gewalt sind – außer gegen die, die sich gerade gegen Pa­läs­ti­nen­se­r:in­nen richtet.

Die guten Deutschen nehmen sogar an Demos teil. Aber nur an solchen gegen die AfD

Es sind „Räume für die Demokratie“, die Bundesbildungsministerin Karin Prien einladen, ohne dabei ein einziges Mal darauf einzugehen, dass sie Israels Genozid unterstützt und Terrorismusvorwürfe gegen Pa­läs­ti­nen­se­r:in­nen erhoben hat. Es ist die progressive deutsche Stiftung, die (natürlich hinter verschlossenen Türen) sagte, dass sie eine zivilgesellschaftliche Organisation nur finanzieren würde, wenn diese nichts mehr über Palästina sagen würde.

All diese Leute sind von Grund auf davon überzeugt, dass sie die Guten sind. Sie sind empört und verärgert, wenn man ihnen Rassismus vorwirft, und weisen dann auf all die „guten“ Dinge hin, die sie für die deutsche Gesellschaft getan haben. Sie nehmen sogar an Demos teil, aber nur an solchen gegen die AfD, und sie tragen T-Shirts mit antifaschistischen Slogans. Sie weigern sich gleichzeitig, den Zusammenhang zwischen der Islamfeindlichkeit, die sie hinnehmen, und dem Aufstieg der extremen Rechten zu erkennen.

Niemals kämen sie auf die Idee, dass das, was sie tun, in vielerlei Hinsicht tatsächlich mindestens so schlimm sein könnte wie das, was die Menschen tun, die offen rassistisch sind. Das ist einer der Hauptgründe, warum ich gehe: die Diskrepanz zwischen dem, was deutsche Linke von sich denken, und dem, was sie tatsächlich tun.

Ihre Bereitschaft, die verschiedenen Formen der Gewalt, die sich gegen eine marginalisierte Minderheit richten, zu ignorieren (und sie damit indirekt zu unterstützen), ohne groß darüber nachzudenken. Und ihre Unfähigkeit, auch nur für einen Moment in Betracht zu ziehen, dass sie selbst ein Teil des Problems sind und nicht der Lösung.

Was sich hinter der Erinnerungskultur verbirgt

Als ich aus Großbritannien hierher zog, war ich von der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit beeindruckt: die unübersehbar vielen Stolpersteine und die Überzeugung der Menschen, aus ihren Fehlern lernen zu wollen, um sie nicht zu wiederholen.

Es hat länger gedauert, bis ich gesehen habe, was hinter der Fassade liegt: eine große Bereitwilligkeit, eine andere Minderheit, nämlich Palästinenser und Muslime im Allgemeinen, zu Sündenböcken zu stempeln; die Überzeugung, Antisemitismus sei heute „importiert“; die historische Sonderrolle, die dem Holocaust zugewiesen wird, indem man ihn zum ultimativsten Übel erklärt, das niemals mit anderen Übeln verglichen werden darf, und ein einseitiger Fokus auf den Schutz Israels, dessen staatliche Gewalt man unterstützt.

Nach dem 7. Oktober 2023 habe ich Monate damit verbracht, mit Freunden, meinen Nachbarn und anderen Menschen, denen ich in Cafés und auf Spielplätzen begegnet bin, zu sprechen, um ihre für mich wirklich verwirrende Reaktion zu verstehen. Deutschland, dessen gesamte Identität darauf beruht, aus der eigenen Gewaltgeschichte gelernt zu haben, finanziert, billigt und unterstützt einen Völkermord? Wie soll das Sinn machen?

Das ist der Grund, warum das alles wahrscheinlich mehr wehtut, als es eigentlich sollte. Eigentlich sollte das keine Rolle mehr spielen –aber ich habe mit aller Kraft versucht, mich zu integrieren, was immer das heißt. Ich habe seit 2011 in Deutschland gearbeitet und hier meine Steuern gezahlt. Ich habe einen Deutschen geheiratet, zwei deutsche Kinder bekommen, bin selbst Deutsche geworden und habe in deutschen Organisationen gearbeitet.

Alles, was ich im Moment für Deutschland empfinde, ist Mitleid. Es ist bedauerlich, dass diese Gesellschaft nicht erkennt, was aus ihr geworden ist. Es ist bedauerlich, dass so viele Menschen die Augen vor der Realität verschließen. Es ist tieftraurig, dass so viele Menschen überzeugt sind, die „Guten“ zu sein, während sie so viel Schmerz und Schaden verursachen.

Aufarbeitung muss von innen kommen

Das Einzige, was helfen könnte, wäre eine tiefgreifende Selbstbefragung. Der Anstoß dazu kann aber nicht von jemandem kommen, der so aussieht wie ich. Diese Art der Aufarbeitung muss von innen kommen. Und bisher scheint es mir nicht so, als würde das passieren.

Also, ade, Deutschland. Ihr habt uns nicht verdient, die Millionen von Immigranten, die Deutschland zu ihrer Heimat gemacht haben. Wir haben so viel Schönheit und Gemeinschaft in unseren Herkunftsländern aufgegeben, um hier ein Zuhause aufzubauen. Wenn der Tag kommt – und er wird kommen –, an dem ihr erkennt, was ihr getan habt, und dass ihr eure schlimmsten Fehler wiederholt habt, kann ich nur hoffen, dass genug Menschen noch hier sind, die euch vergeben wollen.

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1 Kommentar

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  • Die Autorin hat recht - die Merz-Regierung unterstützt die Kriegsverbrecher Trump und Netanjahu und niemand regt sich darüber groß auf.