Russischer Angriffskrieg: Kriegslogik oder Kriegsverbrechen?
Der wichtigste russische Onlinehändler Wildberries wird immer öfter Ziel ukrainischer Angriffe – um die Kriegslogistik des Kreml zu treffen.
Foto: reuters
Tagelang stiegen riesige grau-schwarze Rauchwolken Hunderte Kilometer weit in den Himmel über der Stadt Elektrostal bei Moskau und an vier anderen Orten. Zehnmal wurde der größte russische Onlinehändler Wildberries allein in der vorigen Woche von ukrainischen Drohnen getroffen. Als „Staatsterrorismus“ hat die russische Führung die wiederholten Angriffe auf die riesigen Warenlager verurteilt. Wieder einmal warf der Kreml der Ukraine vor, was er selbst seit Jahren massiv tut: Angriffe auf zivile Infrastruktur.
Doch Wildberries, das als „russisches Amazon“ bezeichnet wird, ist weit mehr als ein Onlinehändler. Die EU hat in ihrem jüngsten, 21. Sanktionspaket am Donnerstag auch jegliche Geschäfte mit der Wildberries Bank untersagt, einer Art Alternative zum internationalen Zahlungsdienstleister Swift. Dazu kommt, dass Wildberries die wohl effizientesten Logistikketten zwischen Kaliningrad und Kamtschatka im Riesenreich aufgebaut hat – die auch für militärische Lieferungen genutzt werden.
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
„Alles für die SWO“ (wie die Spezielle Militäroperation abgekürzt wird, als die der Kreml seinen Krieg verbrämt) – diese besondere Kategorie für Bestellungen hat Wildberries nach den jüngsten Drohnenangriffen jetzt abgeschafft. Versucht man jetzt, diesen Suchbegriff auf der Website oder in der App einzugeben, kommt die Meldung: „Es wurden keine passenden Artikel gefunden.“
Kriegsausrüstung bestellen, Sanktionen umgehen
Aber die gut 200.000 Waren dieser Kategorie bleiben weiter bestellbar. Drohnen sind nach wie vor erhältlich, ebenso Glasfaserkabel (Made in China, da die Ukraine die russische Glasfaserfabrik zerstört hat) und Splitterschutzwesten. Mit den Glasfaserkabeln steuern russische Militärs Drohnen bei Angriffen in der Ukraine. Schutzwesten oder Helme sind nun in der Kategorie „Sport“ einsortiert. Drohnen und Zubehör in der Kategorie „TV, Audio, Foto, Videotechnik“.
Wildberries werde auch gezielt zur Umgehung von Sanktionen eingesetzt, sagen Russland-Fachleute in der EU. Produkte von Adidas, Bosch, Philips und andere bekannte westliche Marken werden weiter bei Wildberries angeboten – auch von Firmen, die ihr Russlandgeschäft eingestellt haben.
Bei den Angriffen auf Wildberries-Lager wurden laut russischer Medienberichte Waren für über eine Milliarde Dollar vernichtet. Nun tobt ein heftiger Streit, ob der größte Einzelhandelskonzern des Landes Zehntausende kleine Firmen, die Waren über Wildberries vertreiben und in deren Lagern vorrätig halten, entschädigen werden.
Verheerende Folgen für die russische Wirtschaft
Für die russische Wirtschaft sind die Drohnenattacken auf den Riesenkonzern verheerend: Denn viele Unternehmen im geografisch größten Land der Erde können ihre Produkte ohne einen solch großen Onlinehändler nur lokal vertreiben. Mit der Zerstörung der Vertriebszentren fällt bei ohnehin durch Steuererhöhungen zum Füllen der klammen Kriegskasse gebeutelten Mittelständlern das Geschäft weg.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, die getroffenen Lager und Versandzentren seien „zur Versorgung der russischen Armee mit Drohnenkomponenten, Navigationsausrüstung und Militärausrüstung“ genutzt worden. Zuvor waren von der russischen Armee die ukrainischen Logistikkonzerne Nowa Poschta und Ukrposchta mehrfach angegriffen worden, die bis kurz vor die Frontlinie Waren ausliefern.
Wildwest bei Wildberries
Offiziell gehört Wildberries seiner Gründerin Tatjana Kim, die die Plattform als eine Art elektronischen Flohmarkt 2004 gegründet hatte. Mit der Handelsplattform wurde sie zur reichsten Russin mit einem vom US-Magazin Forbes auf 8,1 Milliarden Dollar geschätzten Vermögen. Und wer in Russland Erfolg hat, bekommt ungewollte Aufmerksamkeit.
So wurde Wildberries im Juni 2024 mit dem Außenwerber Russ fusioniert, der dem umstrittenen Oligarchen Suleiman Kerimow zugerechnet wird. Der von Forbes auf 25,7 Milliarden Dollar taxierte, seit März 2022 auf der EU-Sanktionsliste stehende Gold-, Kali- und Medienunternehmer sitzt seit 2008 für seine Heimatregion Dagestan als Senator im russischen Oberhaus (Föderationsrat).
Zuvor hatte sich der für seine besondere Brutalität bekannte Ramsan Kadyrow, Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien, in den Übernahmekampf eingemischt. Im September 2024 kam es – ganz wie in den „wilden“ 1990ern des Umbruchs in Russland – im Moskauer Hauptquartier von Wildberries zu einem tödlichen Schusswechsel zwischen Wachleuten und bewaffneten Angreifern.
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