Projekte für Islamismusprävention: Reden hilft
Frühzeitige Prävention kann vor Radikalisierung schützen. Doch viele Vereine, die diese Arbeit leisten, sind von Kürzungen betroffen.
Foto: Zoonar/imago
Nach dem mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag beim Berliner CSD am Samstagabend betonen Vereine und Initiativen die Bedeutung von frühzeitiger Präventionsarbeit. Denn da, wo Extremismus nur eindeutige Antworten zulässt, also nur gut oder böse, richtig oder falsch kennt, da setzten politische Bildung und pädagogische Angebote darauf, Zweifel zu sehen, zu irritieren und Fragen aufzuwerfen, sagt Jochen Müller. Er hat den Verein ufuq.de mitgegründet, der zu Pädagogik, politischer Bildung und Prävention in der Migrationsgesellschaft arbeitet. Dort beschäftigen sie sich schon seit 20 Jahren auch mit Themen wie Islamismus und Homofeindlichkeit.
„Wir arbeiten mit ‚ganz normalen‘ Jugendlichen, also mit denen, die nicht bereits irgendwo auffällig geworden sind“, sagt Müller. Damit setzt der Verein sozusagen auf der untersten Stufe an, bei der „universellen Prävention“, wie er es nennt. Dabei gehe es darum, die Jugendlichen so zu sensibilisieren und zu stärken, „dass sie die demokratie- und grundrechtsfeindlichen Angebote, die ihnen von islamistischer oder anderer extremistischer Seite gemacht werden, erkennen und gar nicht erst attraktiv finden“, sagt er. Der Verein gibt Workshops an Schulen und bietet Fortbildungen etwa für Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen an.
Es gehe darum, die „Ambiguitätskompetenz“ zu trainieren – auch die eigene, sagt Müller. Damit meint er die Fähigkeit, Widersprüche, Mehrdeutigkeit und Graustufen auszuhalten und sogar produktiv damit umzugehen, ohne dass dabei rote Linien aufgegeben werden müssten.
Das Rezept: ins Gespräch kommen
Es gäbe kein allgemeingültiges Rezept dafür, wie Lehrer*innen oder Sozialarbeiter*innen auf herausfordernde Äußerungen von Jugendlichen reagieren könnten. „Uns ist wichtig, dass wir mit ihnen ins Gespräch kommen und dass wir gleichzeitig Betroffene schützen“, sagt er, das würden sie auch Lehrer*innen bei Fortbildungen vermitteln. Dabei sei es ihnen sehr wichtig, die unterschiedlichen Perspektiven der Jugendlichen einzubeziehen. „Nicht weil wir die immer richtig finden“, sagt Müller, „sondern weil das die Voraussetzung dafür ist, ins Gespräch zu kommen.“
Queerfeindlichkeit sei ein fester Bestandteil von islamistischen und anderen extremistischen Ungleichheitsideologien, schreibt auch die Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus (BAG RelEx). Das ist ein Dachverband, in dem knapp 40 Vereine und Initiativen organisiert sind, die zu Prävention, Distanzierung oder Deradikalisierung im Bereich des religiös begründeten Extremismus arbeiten. Die BAG RelEx fordert daher mehr Kontinuität und Planbarkeit für „wirksame Prävention“, um menschenfeindliche Weltbilder frühzeitig zu bearbeiten. Dort setzten auch die meisten der vertretenen Vereine an, sagt Geschäftsführerin Jamuna Oehlmann.
Der Tatverdächtige Abdul B. war nach Angaben der Strafgerichte in Berlin zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden. Das Gericht hatte dann nach eigenen Angaben gemäß dem Jugendstrafrecht eine sogenannte Vorbewährung beschlossen. Außerdem hatte es dem Angeklagten mehrere Auflagen erteilt, darunter auch die Vorgabe, an wöchentlichen Beratungsgesprächen teilzunehmen. B. war den Angaben nach auch im Kontakt mit dem Violence Prevention Network (VPN), die Menschen bei der Deradikalisierung begleiten. Dessen Leiter Thomas Mücke hatte allerdings erklärt, dass er bei dem mutmaßlichen Attentäter keine Bereitschaft für eine Deradikalisierung gesehen habe.
Ein Fall von Behördenversagen?
Oehlmann betont, dass hier nicht die Prävention, sondern die staatlichen Behörden versagt haben. „Damit eine Ausstiegsberatung gelingen kann, muss die betroffene Person zugänglich sein und zustimmen“, erklärt Oehlmann. „Dann sind die Chancen gut, einen Distanzierungsprozess anzustoßen.“ Die Antwort auf den Anschlag müsse daher auch ein „Zusammenspiel von Sicherheit und Prävention“ sein. „Strafverfolgung wehrt die akute Gefahr ab, Prävention setzt dort an, wo das Gesetz nicht greifen kann – bei den Ursachen“, sagt Oehlmann.
Jamuna Oehlmann, Extremismusexpertin
Die Projekte, die in der Prävention tätig seien, wüssten auch sehr gut, was zu tun sei. „Das Problem ist eher die mangelnde Kontinuität, dass viele jedes Jahr neue Anträge stellen müssen, um weiter finanziert zu werden.“ Dass Bildungsministerin Karin Prien (CDU) das Programm „Demokratie Leben“ genau in den Blick nimmt, hält Oehlmann für nachvollziehbar. Zugleich verweist sie auf die Folgen für die Träger: Der BAG RelEx sei darüber ursprünglich eine Laufzeit von acht Jahren zugesagt gewesen, nun müsse man sich neu bewerben. „Das bindet Zeit und Ressourcen, die wir lieber unmittelbar in die inhaltliche Arbeit stecken würden.“
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert