Foto: Mirja Vogel
Geflüchtete in Italien: Im Schattenreich Apuliens
Im nicht anerkannten Flüchtlingslager Borgo Mezzanone leben Tausende Menschen unter prekären Bedingungen, geprägt von Ausbeutung. Eine Fotoreportage.
W illkommen im Ghetto“, sagt Abdul, während er in seinem aus Wellblech und Plastikplanen erbauten Restaurant die Pfanne schwenkt. Zwanzig Kilometer entfernt sind die Osterfeierlichkeiten in Foggia in vollem Gange. Elegant gekleidete Familien schmücken die Kopfsteinpflaster der märchenhaften italienischen Altstadt und bereiten den Osterschmaus vor.
Doch in Abduls Restaurant im Herzen von Borgo Mezzanone – Europas größtem Flüchtlingslager – bleibt der Alltag von den Feierlichkeiten der Region unberührt. In dem weitläufigen Slum, der auf einem ehemaligen Militärflugplatz inmitten der apulischen Landschaft in Süditalien entstanden ist, birgt jeder Tag die gleiche Trostlosigkeit.
Rauch steigt von Feuerstellen auf, in denen Plastikmüll verbrannt wird, direkt daneben liegen junge Männer auf verfallenen Sesseln – Glasscherben bedecken den Boden um sie herum. Auf der gegenüberliegenden Seite des staubigen Weges schneidet ein Mann mit einem großen Messer Fleisch von Knochen. Funken von Schweißbrennern sprühen aus einer anderen Ecke, in der jemand unter dröhnender Bassmusik ein Auto zerlegt.
Vor einem Steinhaus wartet eine Frau auf ihren nächsten Kunden für das improvisierte Bordell. „Sei vorsichtig“, warnt ein älterer Mann namens Daniel von einem der vier Stühle in Abduls kleinem Restaurant. „Stell hier besser nicht zu viele Fragen.“
Prostitution, Drogenhandel und Gewalt
Offiziell existiert das Flüchtlingslager Borgo Mezzanone nicht: Es ist kein staatlich eingerichtetes oder betriebenes Flüchtlingslager. 2005 wurde auf dem ehemaligen Militärflugplatz das staatliche Aufnahmezentrum Cara für Asylsuchende eingerichtet. Außerhalb seiner Zäune entstand mit der Zeit eine informelle Siedlung – zunächst für Menschen außerhalb des regulären Aufnahmesystems, später auch für zahlreiche migrantische Saisonarbeiter. Über 20 Jahre hinweg hat sich dort eine eigene Schattenwirtschaft entwickelt. Bekleidungsgeschäfte, Werkstätten, Kirchen, Moscheen, Taxiunternehmen, Friseursalons, Bars und Restaurants lassen den Eindruck einer kleinen Stadt entstehen.
Mit der Siedlung haben auch Prostitution, Drogenhandel und Gewalt zugenommen. Die Einheimischen nennen den Ort das „Ghetto von Borgo Mezzanone“. Die italienischen Behörden haben die Siedlung nie als offizielles Flüchtlingslager anerkannt, dulden sie jedoch bis heute.
Im Inneren gibt es kein fließendes Wasser und keine Kanalisation. Den Strom beziehen die Bewohner über ein selbst installiertes System, das die Leitungen zum Auffanglager Cara anzapft.
Jeden Monat werden neue Hütten entlang der 3 km langen Start- und Landebahn gebaut, um der wachsenden Zahl von Migranten – sowohl mit als auch ohne Papiere – hauptsächlich aus Subsahara-Afrika gerecht zu werden.
Im Winter lässt der Regen die unbefestigten Straßen überfluten und zerstört die notdürftigen Behausungen. Die eindringende Kälte lässt oft alles Leben erstarren. Brände, meist verursacht durch Heizbrenner, breiten sich schnell und unaufhaltbar aus und brennen große Teile der Lager in Sekundenschnelle nieder.
Das Leben wird für die rund 2.500 Bewohner, die das ganze Jahr über in provisorischen Unterkünften ansässig sind, immer schwieriger. Und trotzdem wird die durchschnittliche Einwohnerzahl von 2.500 Menschen jeden Sommer mit Rückkehrern und Neuankömmlingen mehr als verdoppelt.
Es ist Hauptsaison der Tomatenernte. Seit zwanzig Jahren ist Borgo Mezzanone eine der Hauptquellen für landwirtschaftliche Arbeitskräfte in Apulien, wo 30 Prozent der italienischen Tomaten produziert werden. Die UN beschreibt diesen Prozess als moderne Sklaverei.
Konservierte, geschälte und halbgetrocknete apulische Tomaten werden anschließend weltweit exportiert. Diese Industrie erwirtschaftet jährlich fast drei Milliarden Euro für Italien. Deutschland ist nach wie vor der größte Importeur italienischer Tomatenprodukte.
Für die Arbeiter in Borgo Mezzanone beginnt die Knochenarbeit auf den Tomatenfeldern im Morgengrauen. Busse und inoffizielle Taxis bringen Hunderte von Männern zu verschiedenen Feldern, wo sie 12 bis 16 Stunden täglich Tomaten pflücken. Die mühsame Arbeit wird in der prallen Sonne bei Temperaturen von bis zu 40 Grad Celsius verrichtet. Die meisten verdienen nur 2–3 Euro pro Stunde.
Die NGO Intersos, die als eine von zwei Organisationen vor Ort unterstützt und regelmäßig medizinische Versorgung vor dem Lagereingang anbietet, bestätigt: „Die meisten Verletzungen der Bewohner werden auf den Feldern erlitten“, so Eva Pinna, Projektleiterin der NGO in Foggia.
Die Bewohner von Borgo Mezzanone sind ihrem eigenen Schicksal überlassen. Die Abschottung von der Gesellschaft, die brutale Ausbeute auf den Feldern und die menschenunwürdigen Bedingungen im Camp, machen sie zu einem willkommenen Ziel für Drogenhändler. „Es ist ein ganz anderer Ort, wenn die Sonne untergeht, besonders jetzt, wo die Mafia Drogen hierhergebracht hat“, sagt ein Mann mittleren Alters, der aus Angst vor Verfolgung anonym bleiben möchte.
Mehrere Personen berichten, dass die Mafia die Lager infiltriert habe, zumeist durch nächtlichen Drogenhandel. „Es ist gut für sie, unsere Leute abhängig von ihrem Zeug zu machen“, sagt ein anderer Bewohner. Neben Crack, Kokain und Ecstasy werden zunehmend auch Opiate wie Tramadol als Schmerzmittel für Verletzungen von der Feldarbeit und zur Arbeitskraftoptimierung eingenommen.
Für viele ist die brutale Realität des Lebens in Italien ein Schock. Gefangen in einem Kreislauf der Ausbeutung und Abhängigkeit, haben die meisten Bewohner von Borgo Mezzanone keine andere Perspektive. „Es ist ein stiller und unsichtbarer Notstand“, sagt Eva Pinna. „Der Zustand, in dem die Menschen hier leben müssen, sollte im heutigen Europa unvorstellbar sein.“
Ein gefährlicher Ort für Frauen
Vor einem der Bordelle sitzt eine Frau auf einem Stuhl und wartet auf den nächsten Kunden. Sie vergräbt ihr Gesicht in ihrer Kapuze, als sie die Kamera bemerkt. Frauen sind selten auf den Straßen des Camps zu sehen. „Jeder Schritt in der Öffentlichkeit zieht Aufmerksamkeit auf sich“, so eine Bewohnerin. „Es ist besser, unsichtbar zu sein, um Gefahren aus dem Weg zu gehen.“
Improvisierte Infrastruktur
Die Bewohner haben private Taxidienste gegründet, um den Bedarf an Transportmöglichkeiten in die Stadt zu decken. Kabelberge für die Stromversorgung hängen an den Wänden der Unterkünfte. Ohne die Anzapfung des öffentlichen Stromnetzes läge das gesamte Camp im Dunkeln. Nicht selten kommt es zu Kurzschlüssen und damit verbundenen Bränden.
Hier hat alles einen Wert
Ein Bewohner arbeitet in seiner Hütte an der Hose eines Kunden. Das Schneidern hat er sich selbst beigebracht. Wenn es Arbeit auf den Feldern gibt, verdient er dort sein Geld, außerhalb der Saison näht und verkauft er Kleidung. „Ich mache alle möglichen Arbeiten. In der Saison arbeite ich auf den Feldern, und wenn es keine Feldarbeit gibt, bin ich Schneider.“
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