Verlegerin über den Wert von Biografien: „In Familiengeschichten steckt die Weltgeschichte“
Katrin Rohnstock ist Spezialistin für Erzählen: Sie hat einen Verlag für Autobiografien. In ihren Erzählsalons kommen die unterschiedlichsten Menschen zu Wort.
taz: Frau Rohnstock, Sie gelten als Wegbereiterin der Biografien für die sogenannten kleinen Leute, also nicht prominente Menschen. Wie viele „Bücher des Lebens“ hat Ihr Unternehmen Rohnstock Biografien bisher herausgegeben?
Katrin Rohnstock: Ungefähr 400. Die Auftraggeber kommen aus ganz Deutschland, Privatleute aller Couleur, darunter viele Unternehmer. Hier auf dem Tisch liegt gerade „Stiller Sand“ – die Geschichte eines Berliner Trainers, der in verschiedenen afrikanischen Ländern Fußballer trainiert hat.
taz: Was sind die Beweggründe für so ein Buch des Lebens?
Rohnstock: Das Leben an seinem Ende Revue passieren zu lassen und Erfahrungen festzuhalten. Und das Bewusstsein über die Bedeutung der Familiengeschichte wächst. Immer öfter beauftragen 50-, 60-jährige „Kinder“ uns, für ihre Eltern das Buch zu schreiben. Da will zum Beispiel ein Arzt von seiner Mutter alles wissen über die Familie. Für die eigene Identität werden familiäre Wurzeln immer wichtiger. Auch, weil die Berufsidentität und die regionale Identität mit zunehmender Mobilität fragiler werden.
Der Mensch
Katrin Rohnstock, Jahrgang 1960, ist in Jena aufgewachsen. Sie studierte Germanistik in ihrer Heimatstadt und Berlin, wo sie heute auch lebt. Rohnstock ist Spezialistin für autobiografisches Erzählen und Schreiben.
Das Unternehmen
Rohnstock Biografien wurde 1998 gegründet. Mittlerweile sind dabei rund 400 solcher nach mündlichen Erzählungen zum Buch verfasster Memoiren erschienen. Die Anlässe sind verschieden: der 80. Geburtstag, die diamantene Hochzeit, ein Firmenjubiläum. Die Auflage schwankt zwischen einem einzigen, dem Testament beiliegenden Exemplar und 200 Exemplaren, der Durchschnitt liegt bei 30 Stück.
Die Erzählsalons
Vor 25 Jahren veranstaltete Rohnstock ihren ersten Erzählsalon. Bisher haben 560 in verschiedenen Formaten vor allem in Ostdeutschland und in Berlin stattgefunden.
taz: Haben Sie noch Zeit für Bücher, die nicht aus Ihrem Unternehmen kommen?
Rohnstock: Nur im Urlaub, da schaffe ich höchstens zwei Bücher. Zuletzt im Albanienurlaub habe ich Lea Ypi gelesen, eine albanisch-britische Politikwissenschaftlerin und Philosophin, die sich anhand ihrer Familiengeschichte mit der faschistischen, sozialistischen und postsozialistischen Geschichte Albaniens auseinandersetzt.
taz: Familiengeschichte – da sind wir mitten im Thema. Das Erzählen liegt Ihnen am Herzen. Was war zuerst da? Die Erzählsalons oder die Bücher des Lebens?
Rohnstock: Das Buch des Lebens. Rohnstock Biografien habe ich 1998 gegründet. Meine Idee war, die Geschichte der kleinen Leuten aufzuschreiben. Doch da gab es diesen Widerspruch: Eine Lebensgeschichte, die professionell geschrieben wird, schön gestaltet mit Fotos, kostet einiges. Das aber können sich viele Menschen nicht leisten.
taz: Aber die kleinen Leute haben interessante Geschichten zu erzählen, oder?
Rohnstock: Unbedingt. Und sie sind lebensklug, du kannst viel von ihnen lernen. Deshalb habe ich mich gefragt: Wie kriegst du es hin, diesen Geschichten einen Raum zu bieten? Ab und an pro bono arbeiten geht, aber nicht regelmäßig.
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taz: Und so haben Sie sich vor 25 Jahren ein Veranstaltungsformat ausgedacht …
Rohnstock: … bei dem wir mehreren zuhören. So kamen wir auf das kollektive Erzählen. Ein Jahr lang habe ich experimentiert, weil wir nicht wussten, wie so eine Erzählrunde hierarchiefrei funktionieren kann. Denn unsere Philosophie ist, dass jede Geschichte gleich wertvoll ist. Die Geschichten werden nicht kommentiert, sondern es wird nur zugehört. So ein Format gab es damals nicht.
taz: Ein niedrigschwelliges Angebot, wo es also nicht um Diskussion geht?
Rohnstock: Es diskutieren ja vor allem die Leute, die darin geschult sind und sich gut ausdrücken können. Alle Ungeübten haben das Nachsehen. Ich habe deshalb nach einem Gegenentwurf gesucht. Eines Tages hat ein Freund, der gerade von einer Reise aus Israel zurückkam, erzählt, wie Juden nach dem Gottesdienst gemeinsam essen und trinken und dabei reihum erzählen, was jeder in der Woche so erlebt hat.
taz: Und alle anderen hören zu?
Rohnstock: Ja. Über die Vermittlung von Herrn Finkelstein, der in der jüdischen Gemeinde aktiv war, konnte ich an einer solchen Runde teilnehmen. Man merkte, dass alle erzählen und zuhören können, weil sie es gewohnt sind. Das war die „Vorlage“. Im Prinzip ist der Erzählsalon ein Import aus der jüdischen Kultur.
taz: Wer kann denn heute noch zuhören?
Rohnstock: Genau. Doch wenn keiner mehr zuhört, erzählt auch keiner. Ein Riesenproblem für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft, das in Einsamkeit mündet.
taz: Sie haben eine Art Ventil für den Erzählstau geschaffen, die Idee wurde angenommen. Was waren das damals, vor 25 Jahren, für Themen?
Rohnstock: Sie haben über den ersten Schultag und ihre Lehrer erzählt, über die Kleidung, die sie zur Konfirmation oder Jugendweihe getragen haben. Doch die Kriegserlebnisse standen im Mittelpunkt.
taz: Wer kam da zu Ihnen zu der Gesprächsrunde?
Rohnstock: Es kamen von 1920 bis 1940 Geborene. Eine Jüdin, deren Familie in Auschwitz ermordet wurde, unsere spätere Köchin. Eine Kommunistin, die Tochter von John Heartfield, eine Botschafterwitwe. Ein ehemaliger Wehrmachtoffizier aus Spandau. Eine Sudetendeutsche aus der Schorfheide. Ein früherer Kriegsfotograf aus Zehlendorf. Ein NVA-Offizier, der nach der Wende arbeitslos wurde. Sie kamen aus ganz Berlin, Ost und West.
taz: Per Zufall? Nicht gecastet?
Rohnstock: Nein, sie kamen, weil wir ihren Erinnerungen einen Raum gaben. Und sie haben sich verstanden. Sie trafen sich 15 Jahre lang. Bis fast alle gestorben waren.
taz: Sie haben viele Erzählsalons in der Lausitz durchgeführt.
Rohnstock. 2015 haben wir das erste große Erzählprojekt für die Lausitz gefördert bekommen – von der damaligen Ostbeauftragten Iris Gleicke. Da haben wir vierzig Erzählsalons veranstaltet. In der Lausitz sind in der Wendezeit 90.000 Leute entlassen worden. Ständig wurden von den Leuten neue Themen vorgeschlagen: „Wir wollen auch mal unsere Geschichte erzählen“, sagten die Kleintierzüchter, Existenzgründer und Heimkehrer. Danach haben wir in Cottbus in Kooperation mit dem LausitzLab ein Projekt mit Unternehmern gemacht, denn die müssen ja die Transformation auch verkraften; danach mit dem Landkreis Oberspreewald-Lausitz und Elbe-Elster zehn Erzählsalons für Existenzgründer, und 2023 hat uns Heike Jakobsen von der Brandenburgisch Technischen Universität Cottbus eingeladen, für das Projekt „Altersinnovationen“ in Spremberg und Guben Erzählsalons zu veranstalten, um Ideen zu entwickeln, wie eine gealterte Stadtgesellschaft sich selbst helfen kann. Aus den Geschichten sind schöne Publikationen entstanden.
taz: Wie viele Leute haben Sie in den 25 Jahren Erzählsalons wohl erreicht?
Rohnstock: Mehrere Tausend, wir haben sie nicht gezählt. Es gibt zwei Formen des Erzählsalons: Den geschlossenen, wie hier um den großen Tisch bei uns im Firmensitz in Berlin-Pankow, mit bis zu 20 Leuten. Und den offenen mit Publikum. Da sitzen vorne drei, vier Erzähler und es kommen 100 oder 200 Leute, die auch die Möglichkeit bekommen, ihre Stimme zu erheben.
taz: Die Themenpalette ist breit gefächert …
Rohnstock: … je nachdem, was man erreichen will. Man kann das Erzählen strategisch einsetzen, zum Beispiel um Brücken zu bauen. Im Dresdner Hygienemuseum zum Beispiel haben wir ein Erzählprojekt durchgeführt, dessen Anliegen es war, Wessis, Ossis und Migranten an einem Tisch zusammenzubringen.
taz: Das ist nicht einfach.
Rohnstock: Wir haben lange überlegt, was für die drei Gruppen verbindende Themen sein könnten, und haben uns auf Biografisches beschränkt. Das war spannend. Ein sogenannter Kontingentflüchtling hat mit gebrochenem Deutsch seine Familiengeschichte bis zurück zur Oktoberrevolution erzählt, und eine Westdeutsche, dass ihre Großeltern zur Leibstandarte Adolf Hitler gehörten und bis zu ihrem Tod ein Porträt von Hitler in der Wohnstube hing. In Familiengeschichten steckt die Weltgeschichte wie der Ozean in einem Wassertropfen.
taz: Wie laufen die Berliner Erzählsalons ab?
Rohnstock: In unserem Büro gibt es jeden letzten Montag im Monat den Montagssalon. Da kann jeder kommen. Im Juni war das Thema: „Wie ich den Osten beziehungsweise den Westen kennenlernte“. Da haben wir viel gelacht.
taz: Wer kommt da zum Erzählen?
Rohnstock: Einige regelmäßig, zum Beispiel ein berenteter Polizist, ein Lehrer, ein früherer Abteilungsleiter vom VEB Kombinat Autotrans Berlin, eine Mathematikerin, die die Kraftwerke berechnet hat, die der DDR-Kraftwerksanlagenbau in alle Herren Länder exportierte, und die Erfinderin des Studienganges für künstlerisches Erzählen, Professorin Kristin Wardetzky von der Universität der Künste.
taz: Es ist gut, wenn sich verschiedene Menschen zum Erzählen treffen?
Rohnstock: Unbedingt, es erweitert den eigenen Horizont. Nur Jüngere kommen leider selten. Die erreichen wir noch nicht. Nur im Erzählsalon in der Gemeinschaftsunterkunft in Berlin-Marzahn, wo Nachbarn und Geflüchtete zusammenkommen, sitzen junge Männer dabei. Wenn man denen zuhört, wird einem mit Erschrecken bewusst, wie weit die Kindheiten in unserer Wohlstandsgesellschaft gegenüber denen der Flüchtlinge auseinanderklaffen. Afghanen, Syrier, Iraner mussten sich manchmal jahrelang durchkämpfen, ohne ein richtiges Zuhause.
taz: Ein Projekt, bei denen Leuten zugehört wird, die sonst keine Stimme haben. Geht das auf Deutsch oder wird übersetzt?
Rohnstock: Es wird zweimal übersetzt, einmal aus der jeweiligen Landessprache ins Englische, das machen die Flüchtlinge untereinander. Danach übersetzt der Chef des Wohnheimes, ein Südafrikaner, aus dem Englischen ins Deutsche, weil die meisten Nachbarn nicht gut Englisch können, ich ja auch nicht.
taz: Die Erzählsalons wollen Sie nun in andere Hände geben?
Rohnstock: Ich bin vergangenes Jahr 65 geworden und denke darüber nach, wie es mit der Firma und dem gesammelten Know-how weitergeht. Als nächstes möchte ich die Erzählsalons und die Ausbildung für das Salonieren dem gemeinnützigen Verein zur Förderung lebensgeschichtlichen Erinnerns und biografischen Erzählens übertragen. Der Vereinsvorsitzende Professor Otto Kruse ist der wichtigste Erzähldidaktiker im deutschsprachigen Raum und kann unser Tun wissenschaftlich einordnen. Gerade erarbeiten wir einen Essayband über die „Kraft des Erzählens“.
taz: Das klingt nach Wachstum.
Rohnstock: Ja, wir wollen Kampagnen machen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es gibt viele weiße Flecken, die nach einer Aufarbeitung drängen. Selbst die Kriegs- und Nachkriegsgeschichte ist nicht abgehandelt. Jetzt stellen die Kriegsenkel Fragen, das zeigt gerade der Run auf die NSDAP-Datenbanken. Sie nehmen die familiäre Tabuisierung nicht mehr hin, weil sie wissen, welche psychischen und physischen Folgen diese haben können.
taz: In den Familiengeschichten wird sicher nicht nur Schönes erzählt?
Rohnstock: Nein, auch das Scham- und Schmerzhafte. Dafür Worte und Narrative zu finden, ist manchmal schwer. Da hilft es, von anderen zu hören, wie sie ähnliche Erfahrungen formulieren. In einem Erzählsalon hat der Polizist zum Thema „Mein Vater“ von seinem erzählt, der im Krieg verletzt wurde und Alkoholiker wurde und ihn windelweich geschlagen hat. Doch er hat seinem Vater verziehen. Die Geschichte hat sehr berührt.
taz: Was braucht es, um die Erzählsalons zu erhalten und auszubauen?
Rohnstock: Wir brauchen Menschen, die uns unterstützen. Eine öffentliche Förderung zu erhoffen, ist illusorisch. Stichwort: Kürzungen in allen Bereichen. Wir haben mit dem Erzählsalon ein leises, feines Instrument.
taz: Und neue Ideen?
Rohnstock: Mir macht es Spaß, Konzepte für Erzählprojekte zu entwickeln. Denn durch einen guten Austausch ließe sich so manches Problem lösen.
taz: Probleme lösen durch Erzählen!
Rohnstock: Ja, sowohl gesellschaftlich als auch individuell. Wenn du ein Problem hast und davon erzählst, findest du meist jemanden, der erzählt, wie er das Problem bewältigt hat. Bewältigungsstrategien, auf die du allein niemals kommen würdest. Regelmäßige Erzählsalons zum Beispiel in Häusern, Kiezen oder Dörfern können Menschen zusammenbringen und Gemeinschaft stiften. Zum Austausch, aber auch, um sich gegenseitig zu unterstützen im Alltag. Kollektives Erzählen als Selbsthilfe.
taz: Und das ist demokratiefördernd.
Rohnstock: Absolut. Weil Erzählen integriert und nicht entzweit. Erzählen ermöglicht Verständigung.
taz: Wurde bei Ihnen zu Hause viel erzählt oder woher kommt Ihr Faible fürs Erzählen? Ihre Eltern haben beide im VEB Carl Zeiss Jena gearbeitet …
Rohnstock: Ja, wir haben in der Familie erzählt – jeden Abend beim Essen, bei Familienfesten. Doch weil meine Eltern voll berufstätig waren, habe ich nach der Schule die Nachmittage bei meiner Großmutter verbracht, die unten im Haus wohnte. Sie hat mir ständig aus ihrer Kindheit erzählt, aus ihrer Konditorei, für die sie morgens die Brötchen austragen musste.
taz: Zum Schluss vielleicht noch ein Lesetipp aus Ihrem Verlagsprogramm?
Rohnstock: „Der große Schock – Ostdeutsche erzählen von den Folgen der Treuhandpolitik“, unser neues Buch, das im Bebra Verlag erschienen ist. Darin sind die Geschichten von 30 ehemaligen Mitarbeitern von fünf volkseigenen Betrieben versammelt – Kaliwerk Bischofferode, ESDA-Strumpffabrik Diedorf, Henneberger Porzellan Ilmenau, Möbelwerk Eisenberg und Relaiswerk Großbreitenbach. Die Leute erzählten über den Niedergang ihrer Betriebe infolge von Fehlentscheidungen der Treuhandanstalt und warum das für sie so schmerzlich war. Weil sie nicht nur ihre Arbeit, sondern auch ihre Gemeinschaft verloren haben.
taz: Da erzählen also Industriearbeiter:innen …
Rohnstock: … zu denen wir Intellektuelle meist keinen Zugang haben. Die haben sich auf die Wiedervereinigung gefreut, glaubten an Investoren, die ihre Betriebe modernisieren würden. Doch dann kamen die Westberater, die oft keine Ahnung hatten. Millionen Ostdeutsche wurden nach der Wende arbeitslos. Da begreift man, woher der heutige Frust kommt, warum so viele nicht mehr an die Demokratie glauben, weder an Parteien, noch an staatliche Institutionen. Wenn du das liest, treibt es dir Tränen in die Augen.
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