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Debatte über Vergesellschaftung Radikale Hoffnung statt Erbsenzählerei

Lotte Laloire

Kommentar von

Lotte Laloire

Wer die Demokratie gegen rechts verteidigen will, sollte nicht auf der Mehrheitsfrage herumreiten. Besser wäre es, die Vergesellschaftung voranzubringen.

E s ist demokratiezersetzend, wenn Linksliberale und andere Pseudopragmatiker jede sinnvolle politische Idee sofort mit ihrem verbalen Mehrheitstotschläger abwatschen. Beobachtet werden kann dieser Mechanismus beim aktuellen Krach in der Hauptstadt.

Die Bundesvorsitzende der Linken, Ines Schwerdtner, hatte in einem Podcast an den Beschluss des Berliner Landesverbandes erinnert, wonach Wohnraum vergesellschaftet werden soll – wofür die Mehrheit der Berliner 2021 in einem Volksentscheid gestimmt hatte. Nun hat der Berliner SPD-Kandidat Steffen Krach deshalb eine Koalition mit der Linken ausgeschlossen. Fein. Dass Sozialdemokraten die Bevölkerung (und sogar ihre eigenen Beschlüsse dazu) verraten, ist nichts Neues.

Aber die Koalitionskeule schwingen auch Grüne, Linksliberale und Medien. So etwa die Moderatorin beim ZDF-Sommerinterview mit Luigi Pantisano am Sonntag, die unablässig nachgebohrt hat, mit welchem Koalitionspartner die Linke die Vergesellschaftung denn nun umsetzen wolle. Natürlich braucht es nach Wahlen Bündnisse. Doch wem die Demokratie am Herzen liegt, der sollte nicht nur nach Mehrheiten fragen, sondern auch das Grundgesetz ernstnehmen. Und das sieht sowohl Volksentscheide als auch Vergesellschaftung vor. Würden Parteien nur Dinge fordern, die zu 100 Prozent umsetzbar sind, entstünde tatsächlich der „Einheitsbrei“, den die AfD kritisiert.

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Hoffnung wirkt

Seit deren Erstarken wird andauernd erklärt, was alles nicht gehe – bessere Grundsicherung, weniger Abschiebungen, mehr Klimaschutz – schließlich müsse man eine „demokratische Mehrheit“ erhalten, um die AfD zu verhindern. Nach dem Motto: Als Antifaschistin musst du schlechte Politik akzeptieren, sonst kommen die Rechten dran. Dabei profitieren die genau davon.

Ganz im Gegensatz dazu hat der Volksentscheid zur Enteigngung von Deutsche Wohnen & Co 2021 sicher auch deshalb eine Mehrheit erhalten: weil er den völlig verzweifelten Menschen eine radikal andere Perspektive angeboten hat, anders genug, um ihnen erstmals seit Langem wieder Hoffnung zu machen. Und es gibt fast nichts, was im Kampf gegen rechts effektiver ist als Hoffnung.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Lotte Laloire

Lotte Laloire

Lotte Laloire ist Mitte 30 und immer noch links. Als taz-Redakteurin im Ressort "taz.eins" sowie im Online-Ressort "Regie" interessiert sie sich besonders für politische Strategien, Feminismus, Antifa, Die Linke und die Türkei. Sie ist Herausgeberin des Buchs "Trouble on the Far Right: Contemporary Right-Wing Strategies and Practices in Europe" (Transcript, 2016) und ausgebildete Surflehrerin.
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21 Kommentare

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  • nutzer

    huch, bin ich im Vermieterforum gelandet..? Hab ich den falschen Link geklickt...?

  • behr Behr

    Vielleicht sollten alle, vor allem die Mieter betroffener Wohnungen, die jetzt vehement für eine Vergesellschaftung eintreten, noch einmal zurück blicken und sich fragen, warum der Senat früher



    tausende Wohnungen aus staatlichem Bestand verscherbelt hat.



    Der Grund war doch, dass der Unterhalt, Renovierungen und Sanierungen nicht mehr bezahlbar waren. Und das soll nach einem



    Rückerwerb mit hohen Finanzierungskosten heute besser gehen?



    Das Gegenteil wird der Fall sein und die Mieter werden wie damals



    unter der Finanzierungsnot des Senates leiden.

    • Peter Blunt

      @behr Behr:

      Wie immer wird der entscheidende Teil bei dieser Argumentation weggelassen. Das was Du beschreibst geht so nicht auf - zumindest rein rechnerisch nicht. Sanierungskosten fallen für jeden Träger an. Egal ob öffentlich oder privat. Die Kosten dafür sollten in der Theorie für die öffentliche Hand günstiger sein, weil keine Luxusimmobilien entstehen. Und das Wichtigste: Der Staat muss hier keinen Gewinn erwirtschaften der auf die bis dahin im Vergleich noch ähnlich hohe Miete noch oben drauf kommt. Und das gilt für jeden Vergleich zwischen privater und öffentlicher Wirtschaft. Also klarer Vorteil für von öffentlicher Hand gehaltene und betriebene Strukturen. Der Bahn beispielsweise hat die teilweise Privatisierung nur Raubbau am Kapital und Erosion von Service und Substanz eingebracht ...

  • Gerald Schmitt

    Was mich am meisten irritiert ist diese Stimmenfangtaktik als keine Suche nach Mehrheiten zu bezeichnen. Das war schon beim Tempelhofer Feld nicht anders. Überall lauerten Unterschriftenfänger. Ich bezweifle ob diese sogenannten Mehrheiten tatsächlich durch gut informierte und kompetente Bürger erzielt wurden. Wie bei diesem Herrn basiert einiges auf Gefühlslage und Stimmung, wenn nicht sogar Vorurteilspflege. Das schafft kein Vertrauen sondern erinnert doch sehr an die Methoden aller Parteien: Einfache Sprache, Schuldzuweisungen, nach dem Mund reden und simple Lösungen. Sehr schade – vor allem weil eigene Urteilsfähigkeit als Teilnehmer an diesem Diskurs abgesprochen wird. Zu sehr geht es um An-die-Hand-nehmen, Belehren und eben Mehrheitsschaffung. Das in Abrede zu stellen verfängt eben nur bei der Fanbase, die sowieso schon immer weiß wo sie hingehört ohne zu hinterfragen.

    • nutzer

      @Gerald Schmitt:

      "..basiert einiges auf Gefühlslage und Stimmung, wenn nicht sogar Vorurteilspflege."



      na dann ist die Linke ja genauso wie die anderen Parteien....

  • yohak yohak

    Vonovia & Co verstaatlichen ist alles andere als eine "sinnvolle politische Idee". Denn durch Verstaatlichen entstehen keine neuen Wohnungen. Entsprechend ist es auch nicht sinnvoll, wenn Leute mit der Enteignungsinitiative Hoffnungen auf mehr billigen Wohnungen verbinden. Denn diese Hoffnungen können nur enttäuscht werden.



    Unrealistische Hoffnungen zu wecken, um diese dann zu enttäuschen - das ist nun wirklich nicht geeignet, Demokratie zu stärken.

  • Chris McZott

    "Es ist demokratiezersetzend, wenn Linksliberale und andere Pseudopragmatiker jede sinnvolle politische Idee sofort mit ihrem verbalen Mehrheitstotschläger abwatschen."

    Genau das Gegenteil ist der Fall.

  • Exilberliner

    8 Milliarden, also 8.000 Millionen Kaufsumme. Bei, runden wir auf, 250.000 Wohnungen wären das Bei 100 € pro Wohnung Ertrag, schließlich wird noch Geld für Sanierung und Pflege benötigt, im Jahr 25 Millionen „Ertrag“ der für die Kredite zur Verfügung vorhanden wäre. Also ohne Zinsen wäre das nach 320 Jahren abbezahlt.



    Bei 30 Milliarden wären es 1.000 Jahre. NIEMAND gibt einen Kredit bei solchen Laufzeiten.



    Man kann natürlich von „Enteignung“ fabulieren, aber realistisch ist das nicht. Und hatte nicht die Linke, die jetzt schwadroniert den Verkäufen in den 90ern zugestimmt!



    Also in der realen Welt ist das absoluter Quatsch.

  • Vigoleis

    Es ist schon eine merkwürdige Demokratieauffassung, es als "demokratiezersetzend" zu behaupten, wenn die eigenen (in diesem Fall "linksliberalen") Ideen innerhalb des demokratischen Spektrums keine Mehrheit findet.



    Ich denke, dass ich hier nicht zu erläutern brauche, wie Demokratie funktioniert. So ist es eben. Wenn ein Mitglied des Souveräns das Prinzip nicht versteht oder es ablehnt, kann es sich auch innerhalb einer demokratisch geleiteten Gesellschaft selbst neutralisieren.



    Und was in einer Demokratie als "gute" oder "schlechte" Politik bewertet wird, ist oberhalb der Basis "Verfassungstreue" und "Gesetzeskonformität" eine Frage des Aushandelns, des Ausgleiches und letztlich der persönlichen Bewertung (deshalb gibt es z.B. Parteien)



    Wir haben auf deutschem Boden schon andere Verfahren der politischen Entscheidungsfindung ausprobiert. Das endete bekanntlich jedesmal im Fiasko. In einer Demokratie sind "Ideen" eben nur dann wirklich "sinnvoll", wenn sie von einer Mehrheit der Wahlbevölkerung mitgetragen werden. "Demokratiegefährdend" ist meiner Meinung nach nur eine Auffassung, die diesen Grundsatz infrage stellt.

  • Petzi Worpelt

    "Und es gibt fast nichts, was im Kampf gegen rechts effektiver ist als Hoffnung."

    Doch, so ziemlich alles. Verbesserung der Infrastruktur, mehr Wohlstand, mehr Geld im Geldbeutel, mehr Sicherheit, mehr Perspektiven, mehr Jobs. Weniger Einsamkeit, mehr Kultur für alle, mehr Vereine usw...



    Hoffnung, Stories, Frames und Erzählungen bringen gar nichts - das will auch keiner mehr. Die Leute wollen endlich Taten.

    • Gerald Schmitt

      @Petzi Worpelt:

      Bravo. Diese Aussage hat mich ebenfalls verwirrt.

    • behr Behr

      @Petzi Worpelt:

      Und die vielen Wohnungssuchenden in Berlin können auch



      noch die Hoffnung begraben, jemals eine Wohnung in



      Berlin zu ergattern, wenn die Vergesellschaftung umgesetzt



      wird, die Kassen für staatlichen Wohnungsbau damit leer und



      private Immobilieninvestoren, die Berlin ja offensichtlich



      nicht will, abgeschreckt sind.l

  • Jochen Laun

    Man kann für oder gegen die Vergesellschaftung von Wohnraum in Berlin sein und darüber streiten. Der SPD, die dagegen ist, "Verrat an der Bevölkerung" vorzuwerfen, ist aber nicht okay. Zum einen, weil das Lied vom "Volksverrat" bevorzugt in Diktaturen gesungen wird. Zum anderen, weil auch der Slogan von den Sozialdemokraten, die "uns" verraten haben, eine antidemokratische Geschichte hat. Zur Verteidigung der Demokratie gehört eine angemessene Wortwahl.

  • Der andere Robert

    Wenn man Geld von den Steuerzahlenden zur Verfügung hat, sollte man damit lieber den massenhaften Neubau von Wohnungen anschieben, statt vorhandene Wohnungen zu kaufen. Dann hätte man nämlich am Ende mehr Wohnungen eine bessere Marktsituation für Mieter. Aber das ist natürlich Erbsenzählerei.

  • Wayko

    "Und das sieht sowohl Volksentscheide als auch Vergesellschaftung vor."

    Wenn ich Googel frage, heißt es, dass der Volksentscheid nicht bindend ist. Nur weil man Volksentscheide machen darf, heißt es nicht dass das Ergebnis umsetzen muss.

    Wir müssen mal ehrlich sein: Wenn die AFD ein Volksentscheid macht mit "Ausländer raus!" und die Mehrheit erreicht (nicht unwahrscheinlich), dann sind wir froh, dass so etwas nicht Umgesetzt werden muss weil nicht verpflichtend.

  • Usch Bert

    vielleicht sollten diejenigen, die Enteignung (damit Diebstahl an der Gesellschaft) favorisieren, einen Blick nach Südamerika zu werfen. Länder wie Venezuela oder Argentinien sind Beispiele dafür, wohin der Weg gehen kann.

  • Dirk Osygus

    Ich würde gerne mal einen Artikel in der Taz zum Thema "Wie realsitisch ist die Vergesellschaftung von Wohnungen, wenn die Finanzierung auf 100 Jahre ausgedehnt werden soll." lesen.



    Ohne nachvollziehbare und auch durchführbare Finanzierung der Wohnungen wird die Enteignung in Berlin niemals kommen.

  • Jürgen Schmidt

    Ja, so ist es.



    Die dauernde Gegenwehr gegen solche vernünftigen Ziele zeigt aber zudem auch schön auf, welche Kreise der Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums dadurch gestört werden (Indikativ). Alles, was die neoliberal-umverteilende Politk stört, wird heftigst beschossen; da schreckt man nicht einmal vor offensiver Missachtung des GG zurück, wie die Enteignungs-"Debatte" zeigt. Aber das sind sie ja gewohnt, unsere Regierenden.

  • DiMa

    Ich verstehe beim besten Willen nicht, was an der Vergesellschaftung positiv sein soll. Neuer Wohnraum entsteht nicht, die finanziellen Risiken für das Land Berlin sind wegen der Rechtsunsicherheit enorm, eine finale Entscheidung vor einem Verfassungsgericht wird Jahre dauern (sehr viel länger als beim Mietendeckel, bei dem es ja noch nicht mal eine persönliche Anhörung gegeben hat) und damit einhergehend eine erhebliche Unsicherheit für alle Beteiligten. Ferner werden Inverstoren abgeschreckt und zwar ganz Deutschland betreffend und über alle Wirtschaftszweige verteilt.

    Diese ganze Debatte ist doch eher auf Stimmenfang ausgelegt und je länger diese andauert, desto größer werden später die Enttäuschungen sein. "Pseudo" und vor allem populistisch ist dabei doch allenfalls die Hoffnung auf die Vergesellschaftung.

    "Und das sieht sowohl Volksentscheide als auch Vergesellschaftung vor." Dieser Satz ist in höchstem Maße kritisch, den nur weil das Grundgesetz Volksentscheide vorsieht, bedeutet dass noch lange nicht, dass diese rechtlich bindend sind und nur weil die Vergesellschaftung vorgesehen ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen ist.

  • Lowandorder

    Shure un much all weesen.

    “Doch wem die Demokratie am Herzen liegt, der sollte nicht nur nach Mehrheiten fragen, sondern auch das Grundgesetz ernstnehmen. Und das sieht sowohl Volksentscheide als auch Vergesellschaftung vor.“ Ja - Aber 🫵

    Schon Ol Conny sagte weiland im Parlamentarischen Rat zum nasciturus Art. 15 Ausschuß Grundgesetz - zu Pferdmenges CDU



    (=>Flick & Abs - später Deutsche Bank 🏦 - 🙀)



    “Das müssemer machen - das machemer aber nit!



    Du machst den Vorsitz.“

    So geht das ©️Kurt Vonnegut



    True terror is to wake up one morning and discover that your high school class is running the country.



    🤖Von 1948 bis 1951 verwalteten Pferdmenges und Abs den beschlagnahmten Besitz des Flick-Konzerns unter alliierter Besatzung treuhänderisch, um die Vermögenswerte zu sichern.



    Beide galten als führende Architekten der westdeutschen Wirtschaftspolitik und gehörten zum engsten Beraterkreis von Konrad Adenauer.Pferdmenges: War Kölner Bankier (Sal. Oppenheim) und CDU-Politiker (Bundestagsabgeordneter) sowie enger privater Duzfreund Adenauers.Abs: War Vorstandssprecher der Deutschen Bank, prägte den Wiederaufstieg des deutschen Großkapitals und war eine der mächtigstenWirtschaftspersö

  • gyakusou

    Das ist vollkommen legitim, auf dieser Fragen "herumzureiten", wenn Ines Schwerdtner die Enteignung großer Wohnungskonzerne gegen Entschädigung zur Bedingung für eine Regierungsbeteiligung macht.

    Da kann man dann schon mal nachfragen, wie das funktionieren soll.