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Berlin im Mietenwahlkampf Diese SPD braucht es nicht

Timm Kühn

Kommentar von

Timm Kühn

Unter Steffen Krach will die SPD sowohl Partei der Mie­te­r:in­nen als auch Schutzpatron der Immobilienkonzerne sein. Das wird wohl kaum aufgehen.

D as Denken von So­zi­al­de­mo­kra­t:in­nen ist manchmal nur schwer nachzuvollziehen. Nehmen wir das neue Lieblingsthema des Spitzenkandidaten der SPD, Steffen Krach: die Verhinderung der Enteignung jener Wohnungskonzerne, die die Mie­te­r:in­nen dieser Stadt seit Jahrzehnten ausplündern. Seit einigen Tagen erklärt Krach unentwegt das „Nein“ zur Enteignung zur roten Linie seiner Partei und grenzt sich damit von der Linkspartei ab, die den Volksentscheid, der genau das fordert, umsetzen will.

Welches Ziel verfolgt ein Steffen Krach mit dieser Positionierung? Sicherlich, es ist ein Alleinstellungsmerkmal, die einzige Partei zu sein, die sich sowohl als Partei der Mie­te­r:in­nen und gleichzeitig auch als Schutzpatron der Immobilienkonzerne aufspielt. Aber wen soll diese Position überzeugen?

Einerseits will die SPD im Wahlkampf gegen den Mietenwahnsinn mitmischen, dessen Bekämpfung für die Ber­li­ne­r:in­nen weiter das wichtigste Thema dieser Wahl ist. Und mit dem kürzlich beschlossenen Mietenkataster hätte die SPD da sogar etwas anzubieten. Aus den Reihen der Partei stammt sogar ein eigenes Vergesellschaftungskonzept, das statt auf Enteignung auf eine weitreichende Mietmarktregulierung setzt. Man kann das, wie die Initiative Deutsche Wohnen & Co enteignen, für eine Nebelkerze halten – doch Werbung machen könnte die Partei damit.

Eine Partei, die sowohl Kapital als auch Arbeit vertreten will, braucht es nicht.

Argumente der Immobilienlobby

Gleichzeitig will die Partei aber im konservativen Milieu auf Stimmenfang gehen. Insbesondere der rechte Parteiflügel ist hier offenbar von dem Gedanken getrieben, den Abfluss der eigenen Wäh­le­r:in­nen zur CDU zu stoppen. Also bespielt Krach die Talking Points der Immobilienlobby.

Doch noch nicht einmal in seiner Ablehnung von Enteignungen ist Krach konsistent: Im nächsten Moment stellt er sich in den sozialen Medien dann vor das Russische Haus in Berlin-Mitte, das vom Putin-Regime betrieben wird, und fordert dessen Enteignung – und dann kritisiert er die Bundesregierung, weil die dort mitregierende SPD gemeinsam mit der CDU Vergesellschaftungen auf Landesebene verbieten will, was Krach auch wieder nicht gut findet.

Wie dieser Hickhackkurs die SPD aus der tiefen Vertrauenskrise führen soll, in der die SPD auch steckt, weil die Partei seit Jahren die Vergesellschaftung blockiert und weil ihr Spitzenpersonal immer wieder Investoreninteressen über das Allgemeinwohl stellt, weiß wohl nur Steffen Krach. Die Wäh­le­r:in­nen überzeugt das alles jedenfalls offenbar nicht: Auf mickrige 12 Prozent ist die Partei in Umfragen zuletzt zusammengeschrumpft.

Vielleicht wissen die Ber­li­ne­r:in­nen inzwischen auch: Wem die Interessen der Immobilienkonzerne am Herzen liegen, kann CDU wählen. Wer für Mie­te­r:in­nen eintreten will, kann sich zwischen Grünen und Linken entscheiden. Eine Partei, die sowohl Kapital als auch Arbeit vertreten will, braucht es dagegen nicht. Insofern ist es wahrscheinlich auch nicht schade um diese SPD.

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Timm Kühn

Timm Kühn Redakteur

Timm Kühn ist Redakteur für soziale Bewegungen im Inland und in Berlin. Für die taz schreibt er seit 2021 über Klima, Kapitalismus und kleine Risse im großen Ganzen. Hat auch mal Politische Theorie studiert.
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10 Kommentare

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  • Worgt Michael

    Die Grünen werden , sollten sie in der Regierung sein , eine Vergesellschaftung versuchen zu verhindern .



    Im Prinzip sund doch die Grünen eine neoliberale



    Partei mit grünen Anstrich .

  • Worgt Michael

    Typisch SPD . Kein klarer Standpunkt , keine klare Meinung - nur Wischi Waschi.



    Man braucht eine neues Mietengesetz , das klar eine Mietobergrenze festlegt , gab es Alles schon.



    Ein Mietzins für Vermieter , mit dem kann man



    den sozialen Wohnungsbau finanzieren kann gab's auch schon.



    Wohnungskonzerne enteignen ? - selbstverständlich .



    Früher galten Mieten über 20 Prozent des Monatseinkommens als zu hoch und volkswirtschaftlich sehr bedenklich, wo sind wir heute angekommen?



    Berlin hat die geringste Kaufkraft , warum wohl ?

  • rhebs

    Diese SPD braucht es nicht



    Timm Kühn hat recht: Diese SPD braucht es nicht. Aber aus einem anderen Grund. Eine Partei, die gleichzeitig Mieter beruhigen, Vermieter nicht erschrecken, Immobilienkonzerne nicht verärgern und trotzdem sozial aussehen möchte, hat offenbar einen neuen politischen Beruf erfunden: den Interessen-Spagat ohne Bodenkontakt. Steffen Krach sagt Nein zur Enteignung, will aber gegen den Mietenwahnsinn kämpfen – das ist ungefähr so, als würde die Feuerwehr erklären, sie sei gegen Wasser, wolle aber Brände löschen. Und wenn das Russische Haus enteignet werden soll, während bei Wohnungskonzernen plötzlich die Eigentumsrechte heilig sind, wird aus Sozialdemokratie endgültig situatives Eigentumsrecht. Vielleicht ist das eigentliche Problem der SPD nicht, dass sie Kapital und Arbeit vertreten will. Das wäre ja noch klassische Sozialdemokratie. Das Problem ist, dass inzwischen beide Seiten nicht mehr wissen, ob sie ihr glauben sollen. Die SPD hat also nicht zu viele Wähler verloren. Sie hat ihre Gebrauchsanweisung verloren.

  • rero

    Wozu dieser Manichäismus?

    Mit diesem Sowohl-alsauch ist die SPD in Berlin lange nicht unerfolgreich gewesen.

    Bis ein rot-roter Senat vor 25 Jahren meinte, voll auf Neoliberalismus umschwenken zu müssen.

    Möglicherweise wird der Senat, der das Mietproblem erfolgreich angehen will, beide Seiten im Blick haben müssen.

    Grüne und Linke werden umfallen.

    Das deutete die zurückhaltende Äußerung Eralps ja schon an.

  • Josef 123

    Weil ich dazu nichts finde: Gibt es eigentlich von der Linken oder den Grünen Aussagen dazu, wie sie gedenken, den Rückkauf der Wohnungen zu finanzieren? Und an welchen (sozialen, kulturellen?) Stellen sie planen, die Ausgaben durch Streichungen zu kompensieren? Und zwar konkret und nicht in takatukamäßigem Sozialgeschwafel.

    Denn: Die gern genannte, weil radikal-cool und gut klingende "Enteignung" (ohne Entschädigung, wie gerne impliziert wird) gibt es nicht, da mit dem GG nicht vereinbar. Das sollten eigentlich alle wissen, die sich zu diesem Thema äußern, und das auch ehrlich kommunizieren.

    "Die offiziellen Schätzungen des Berliner Senats beziffern die Kosten für eine Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen (im Volksmund oft Enteignung genannt) auf rund 29 bis 39 Milliarden Euro. Die genaue Höhe hängt stark von der gewählten Berechnungsmethode für die Entschädigung ab." (KI)

    Wie Berlin, das jährliche mit rund 4 Milliarden Euro am Tropf des Länderfinanzausgleichs hängt, derartige Summen zusätzlich zu den sonstigen Ausgaben stemmen will ist mir rätselhaft.

    Außerdem glaube ich auch nicht, daß die Mieten durch die staatliche Verwaltung billiger werden würden. Wieso auch?

    • Michael Fischer

      @Josef 123:

      kluger, an der Wirklichkeit orientierter Kommentar!



      Die Kosten für das Bauen sind einfach viel zu hoch, d.g. nur



      wenn der Bund auf die Uststeuer verzichtet oder reduziert, mag es gehen, kann er aber nicht. Hinzu kommt das Bevölkerungswachstum der letzten Jahrzehnte dass die Nachfrage erhöht und die Preise treibt. Gewollt.

    • Janix

      @Josef 123:

      Dem stehen Werte und Einnahmen entgegen, Investition als Konzept. Wien hat es seit hundert Jahren vorgemacht, und jeder träumt sich dorthin, jeder.



      Auf den konkreten Preis gucken ist dagegen eine legitime Frage und tatsächlich ein Fragezeichen daran, politische Fragen in einer repräsentativen Demokratie stoßartig plebiszitär zu vereinfachen.

      Einfach ignorieren danach kann es aber nicht sein. Trump hat vorgemacht, was Politik alles schon kann (er macht das Falsche, bevor die Frage kommt).

  • Reisehank

    Sehr bemühter und schwacher Artikel. Enteignungen stoppen den Mietenwahnsinn nicht und wer will dass weitere Wohnungen gebaut werden, darf Investoren nicht mit Enteignungen verschrecken. Die Enteignungen würden Milliarden kosten und nur den vielleicht 300000 Bestandsmietern nützen, die im Vergleich zu Neumietern eben keine allzu hohen Mieten zahlen. Und das Ding mit dem russischen Haus: Echt jetzt? Hat der Autor die Pointe wirklich nicht begriffen? Oh weh....

  • Tobias Eberhardt

    Vielleicht will Herr Krach sich ja auch nicht in die juristischen Untiefen einer Enteignung begeben? Woher soll denn die Stadt die Milliarden für die Entschädigung nehmen?

    • Janix

      @Tobias Eberhardt:

      Er hätte eigentlich Sarrazin verklagen müssen, wenn es gegangen wäre, wie der einst Stadteigentum zum Minimaltarif an Bonzenfonds verscherbelte, um kurz danach unverdaut Gelesenes gegen die Ärmeren loszulassen, die wohl intelligenter gehandelt hätten.

      Wenn Krach sagt, dass er den Entscheid nicht umsetzen kann, muss er das sehr deutlich tun und die Ziele eben anders anstreben. Ich bin kein Freund von pseudoplebiszitären Elementen, doch wenn die nun mal da sind, ist etwas Respekt zumindest nachdenkenswert.