Kakaoschmuggel in der DR Kongo: Bittere Schokolade
Die Rohstoffschmuggler im Osten der DR Kongo haben eine neue Branche entdeckt: Kakao. Der Boom bringt schnelles Geld und vernichtet die Wälder.
Kaum verlässt man die ostkongolesische Stadt Beni auf der Nationalstraße Richtung Norden, sieht man sie: Kakaobäume auf riesigen Plantagen bis zum Horizont. An den Straßenrändern der Stadt, in der die Militärverwaltung des von Kongos Regierung kontrollierten Teils der Provinz Nord-Kivu ihren Sitz hat, liegen Kakaobohnen in der Sonne zum Trocknen auf großen Planen. Kakao ist der neueste Renner in Ostkongos Kriegswirtschaft.
Fünf bis acht US-Dollar pro Kilogramm Kakaobohnen gibt es zu Spitzenzeiten, berichtet ein Bauer in der Kleinstadt Oicha. Kein anderes Agrarprodukt bringt so viel Geld. „Wenn man 100 Quadratmeter bebaut, sind 200 Kilo Ernte normal“, erklärt er. „Aber mit einem Hektar sind es viel mehr! Und je größer der Kakaobaum wird, desto mehr wirft er ab. Mir diesem Geld kann ich alle meine Kinder zur Schule schicken und ich werde für die nächsten drei Jahre investieren.“
Fast überall in den Distrikten Beni von Nord-Kivu sowie Mambasa und Irumu in der Nachbarprovinz Ituri ist Kakao mittlerweile die wichtige Einkommensquelle. Die Plantagen breiten sich kilometerweit aus, die Käufer schlängeln sich auf ihren Motorrädern die Feldwege entlang und sammeln die Säcke voller Bohnen ein. Einmal getrocknet, landen die Bohnen in großen Lastwagen und überqueren am Handelsknotenpunkt Kasindi östlich der größten Marktstadt Butembo die Grenze nach Uganda.
Viele kongolesische Bauern werden durch Kakao reich. Aber wie jeder Wirtschaftszweig in Kongos Kriegsgebieten ist auch die Kakaowirtschaft von Gewalt, Betrug, Spekulation und Konflikten geprägt. Man lebt vom Kakao, aber man stirbt auch daran.
Kakao statt Maniok und Bohnen
Je mehr Geld mit Kakao zu verdienen ist, desto weniger Arbeit fließt in die traditionelle Landwirtschaft. Maniok, Bohnen und andere Grundnahrungsmittel verschwinden von den Feldern zugunsten der Kakaoplantagen. „Die Auswirkung des Kakaobooms ist schwer einzuschätzen, aber man sieht, dass die Leute immer mehr Importreis kaufen – früher haben sie ihren Reis selbst angebaut“, analysiert der Agronom Vutseme Lusenge. „Der Reisanbau wurde zugunsten des Kakaos eingestellt.“
Aus der dichtbesiedelten Provinz Nord-Kivu wandern viele Bauern in die nördliche Nachbarprovinz Ituri aus, die in weiten Gebieten noch von Wald bedeckt ist. Entlang der Straße von Beni nach Norden sind ganze Wälder für Plantagen abgeholzt worden. „Es ist sehr besorgniserregend“, sagt der Umweltaktivist Mwanalirwa Jean de Dieu. „Die Wälder werden verschwinden. Klar, Kakaobäume sind auch Bäume, aber die anderen Baumarten verschwinden und mit ihnen ein ganzes Ökosystem mit seiner Biodiversität. Man muss sich jetzt darum kümmern.“
Das Thema ist besonders heikel, seit neue EU-Richtlinien gegen die Entwaldung in Kraft sind und europäische Delegationen die Umweltverträglichkeit von Kakaoplantagen untersuchen. Kongos Kakaoexporteure wollen vermeiden, dass ihr Produkt in Zukunft diesen Richtlinien nicht mehr entspricht.
„Es kommt vermehrt zu Landkonflikten“
Die Migration von Bauern aus Nord-Kivu nach Ituri und sogar in die benachbarte Regenwaldprovinz Tshopo weiter westlich mit der Hauptstadt Kisangani führt auch zu ethnischen Spannungen. Zuwanderer kaufen riesige Waldflächen, zum Nachteil der dort lebenden Bevölkerungen. Menschenrechtsaktivist Alimasi Lukokoma im Dorf Lukaya sagt: „Es kommt vermehrt zu Landkonflikten. Kongos Verfassung gibt jedem Bürger das Recht, sich überall im Land niederzulassen, aber die Aneignung großer Landflächen wird die Einheimischen in die Revolte treiben, und wir sind nicht in der Lage, mit diesen Landkonflikten umzugehen.“
Landkonflikte zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen liegen an der Wurzel zahlreicher lokaler Konflikte, die den Osten der DR Kongo seit über 30 Jahren zum Kriegsgebiet machen, mit unzähligen bewaffneten Gruppen und einem kaum vorhandenen Staat.
Dabei ist auch die Kakaowirtschaft an sich nicht konfliktfrei. Das in der Landwirtschaft übliche System der Vorfinanzierung sorgt für Dauerspannungen. Händler zahlen Bauern Vorschüsse, um sich die Ernte zu sichern – aber wenn dann zur Erntezeit die Preise steigen, finden die Bauern oft die Vorschüsse zu niedrig und verkaufen ihren Kakao lieber kurzfristig aufgetauchten Käufern, die mehr bieten.
„Dann wird es kompliziert“, berichtet Ngakulirahi Ndekere, ein Kakaoankäufer in Mangina. „Du gibst einem Bauern dein Geld, weil er sich als Lieferant angeboten hat. Du hast ihm Vertrauen geschenkt – aber wenn es dann zur Lieferung kommen soll, ist er weg. Dann musst du ihn suchen gehen, aber du hast ja noch andere Kunden, und du willst nicht die Polizei einschalten, weil dir dann niemand mehr traut. Und das Geld, was du dem Bauern vorgeschossen hast, hast du selbst von Großhändlern als Vorschuss erhalten.“
Kongo will der weltgrößte Kakaoproduzent werden
Kongos Kakao wird nicht in der DR Kongo konsumiert. Man findet keine Schokolade auf den Märkten von Beni oder Butembo, es gibt höchstens kleine teure Kakaopulverbeutel im Supermarkt. Die lokal produzierte Schokolade der Firma Virunga ist zu teuer für kongolesische Normalverbraucher. Die gesamte Ernte geht nach Uganda und von dort nach Malaysia, Indien oder in europäische Länder.
Kongos deklarierte Kakaoexporte lagen bis 2020 nach internationalen Handelsstatistiken noch bei unter 40 Millionen US-Dollar im Jahr. 2023 waren es schon 120 Millionen und 2024 351 Millionen. Kakao ist heute bei weitem das wichtigste Agrarexportprodukt des Landes, und die Regierung setzt darauf: Die Kakaoproduktion soll von 100.000 Tonnen im Jahr 2024 auf drei Millionen bis 2030 steigen, so die Planzahlen des Außenhandelsministeriums – dann wäre die DR Kongo der größte Kakaoproduzent der Welt.
Aber an der Grenze zu Uganda in Kasindi wird ein großer Teil des kongolesischen Kakaos nicht korrekt deklariert, bestätigt das kongolesische Agrarproduktamt ONAPAC (Office National des Produits Agricoles du Congo). Er landet illegal in Uganda und wird als ugandischer Kakao weiterverkauft.
„Wir sind da machtlos“, sagt ein ONAPAC-Kontrolleur, der anonym bleiben will. „Der Mechanismus ist bekannt. Die Händler deklarieren zu wenig und zahlen damit nur auf einen kleinen Teil der Ware Steuern, der Rest passiert die Grenze heimlich. Militäroffiziere sind beteiligt, und wir dürfen uns da nicht einmischen, wir wollen lieber am Leben bleiben. Oder die Händler sagen, es sei Transitware auf dem Weg nach Europa oder Asien, aber sie verkaufen den Kakao in Uganda.“
Nachts über den Grenzfluss
Es ist dasselbe Muster, das aus Ostkongos Mineralienexporten Richtung Uganda und Ruanda bekannt ist. Das kongolesische Zollsystem sei so kompliziert, dass es Schmuggel begünstige, erläutert ein Zöllner. „Über zehn verschiedene Dienste sind involviert, auch welche, die es nicht sein dürften. Staatsbeamte, Sicherheitsbeamte, Zöllner und manchmal sogar Schmuggelbekämpfer nehmen direkt am Schmuggel teil. Manche Schmuggellieferungen sind riesig, mehrere Dutzend Tonnen auf einmal.“
In Uganda bieten Händler mehr Geld für kongolesische Kakaobohnen als in der DR Kongo, denn die ugandischen Steuern und Gebühren sind niedriger als die kongolesischen und die ugandischen Straßen sind besser. Beides verringert die Kosten für die Händler. Ugandische Unternehmer leihen ihren kongolesischen Partnern Geld und warten einfach, bis die Ware bei ihnen ankommt. Ein kongolesischer Kakaoankäufer erläutert: „Bei geringen Mengen überqueren wir einfach den Grenzfluss Lubirihya mit der Ware auf dem Kopf, meistens nachts, und nicht nur Kakao.“
Die Behörden beider Länder arbeiten zwar gegen Schmuggel an der Grenze zusammen, zuletzt unterzeichneten Ugandas und Kongos Regierungen am 11. Mai in Uganda ein Memorandum zur besseren ökonomischen Zusammenarbeit und zur Förderung des legalen Handels durch Verringerung von Kosten und Verzögerungen. Aber verhindert werden reale Verbesserungen unter anderem durch die Sicherheitslage.
Wer klaut den Kakao von den Bäumen?
Die Kakaoregionen von Nord-Kivu und Ituri sind zugleich Aktionsgebiet der islamistischen ugandischen Rebellengruppe ADF (Allied Democratic Forces), gegen die Ugandas Armee zwar auf kongolesischem Gebiet vorgeht, die aber ihren Einflussbereich in den vergangenen Jahren eher ausweiten konnten. In von Gewalt geprägten Gebieten können Bauern nicht auf ihre Felder. Aber anders als Lebensmittel am Boden verfaulen Kakaobohnen an Bäumen nicht. Man kann sie irgendwann ernten – oder sie werden irgendwann gestohlen. Immer wieder stellen Bauern fest, dass jemand nachts ihre Bäume abgeerntet hat.
Die Landbevölkerung beschuldigt oft die Ehefrauen der zum Kampf gegen die ADF stationierten kongolesischen Soldaten, für diese und andere Diebstähle verantwortlich zu sein. „Die Frauen haben keine Felder, aber sie verkaufen Lebensmittel in den Militärlagern. Das ist doch verdächtig, oder?“, sagt ein Bauer in Mavivi. „Wir verstehen sowieso nicht, warum sie ihre Männer sogar an der Front begleiten.“ Ein Dorfchef sagt hingegen, manche Jugendlichen würden sich als ADF ausgeben, um den Bauern Angst zu machen, damit sie nicht auf ihre Felder gehen, und dann den Kakao klauen. „Sie besetzen dein Feld, und wenn man sie mit Macheten sieht, denkt man, das ist die ADF, und läuft weg. Dann ernten sie zwei oder drei Tage alles ab und verkaufen ihre Beute“, erzählt er.
Da der Kakaohandel liberalisiert ist, werden solche Geschäfte erleichtert. Früher durften in Nord-Kivu nur die Staatsbehörde ONAPAC und das Privatunternehmen Esco-Kivu legal Kakao von Bauern ankaufen. Heute darf es jeder, und niemand blickt mehr durch.
Protzen mit dem neuen Reichtum
All dies verändert die bäuerliche Gesellschaft. Eine Kakaoplantage ist ein sichtbares Zeichen von Wohlstand und Erfolg, es entstehen neue Formen von Ungleichheit und Abhängigkeit. „Jeder will ein Kakaofeld“, sagt der Soziologe Kamlae Mulaghalia. „Man setzt große Hoffnungen darauf, und arme Leute, die sich das nicht leisten können, sind nichts mehr wert. Wer seine Ernte eingefahren hat, protzt mit seinem Reichtum: ein neues Motorrad, ein Haus aus Stein, viel Bier. “ Kakao bringt sofort Bargeld ein, für Schulen, Medikamente, Nahrung. Er ist fast eine Art Parallelwährung. Die Ankäufer geben Kredite, etwa zur Finanzierung einer Hochzeitsfeier oder für teure Anschaffungen oder zur Rückzahlung früherer Schulden.
Die Bauern verpfänden ihre zukünftigen Ernten, sie haben keine Wahl. Der Profit aus dem Kakaoexport bleibt derweil bei den Händlern und in den internationalen Handelsketten, weit weg von den Feldern von Beni. International wird gerechter Handel gefordert und eine ethische und nachhaltige Landwirtschaft, Kongos Bauern sollen neue ökologische Techniken und Umweltzertifizierungen lernen. Aber im Umfeld einer Kriegswirtschaft, wo nur der unmittelbare Gewinn zählt, sehen die Menschen darin keinen Vorteil. „Wir wollen die Leute für Waldschutz sensibilisieren, aber es ist sehr schwer“, erläutert ein Dorfchef. „Damit verdient man kein Geld und wir haben keine Finanzierung anzubieten. “
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert