Unabhängigkeitstag in der Ukraine: „Wir sind der Welt nicht gleichgültig“
Mit Blumen und einem Flaggenmeer gedenkt die Ukraine am Unabhängigkeitstag all derer, die im Krieg gestorben sind. Russland greift auch an diesem Tag an.
Foto: Viacheslav Onyshchenko/imago
Marianna Kolos trägt an diesem Montag ein besticktes weißes Kleid. Bei den gelb-blauen Flaggen auf dem Maidan in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw bleibt sie stehen. In den Händen hält sie die Auszeichnung „Held der Ukraine“ – sie hat sie gerade von Präsident Wolodymyr Selenskyj für ihren gefallenen Sohn überreicht bekommen.
Derweil dauern die Feierlichkeiten anlässlich des 35. Jahrestags der Unabhängigkeit der Ukraine noch an. Kyjiw empfängt derzeit die Staats- und Regierungschefs mehrerer europäischer Länder. Alle Treffen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Großveranstaltungen in der Hauptstadt sind aufgrund des Krieges und der ständigen Gefahr von Beschuss nicht möglich.
Dennoch versammeln sich Ukrainer im Stadtzentrum. Sie tragen traditionell bestickte Hemden und bringen Blumen zu dem Denkmal auf dem Maidan, das an die Gefallenen erinnert. „Ich bin hierhergekommen, um all jenen zu danken, die für unsere Unabhängigkeit gestorben sind, auch meinem Sohn danke ich. An diesem Feiertag geht es für uns um die Namen unserer Kinder. Das ist ein Ausdruck von Respekt und zugleich Schmerz für die Vermissten und für jene, die sich in Gefangenschaft befinden“, sagt die Frau. Auf ihrem Hals ist ein Tattoo zu sehen – mit roten Buchstaben, die an eine Stickerei erinnern: „Grenka wird ewig leben.“
„Grenka“ war der Kampfname ihres Sohnes Nasarij Grinzewitsch. Er war der jüngste Verteidiger von Asowstal, geriet in russische Gefangenschaft und kehrte nach seiner Freilassung erneut an die Front zurück. Nasarij fiel im Osten der Ukraine.
„Wir sind der Welt nicht gleichgültig“
Marianna hat die Auszeichnung für ihren Sohn im Beisein hochrangiger europäischer Gäste auf dem Sophienplatz entgegengenommen. Deren Besuch gibt der Frau Hoffnung, dass die Ukraine im Krieg gegen Russland weiterhin Unterstützung erhalten wird. „Heute habe ich gesehen, dass wir der Welt nicht gleichgültig sind. Das kann man daran ablesen, dass so viele Staats- und Regierungschefs keine Angst davor hatten, nach Kyjiw zu kommen – eine Stadt, die massiven Angriffen ausgesetzt ist. Für mich ist das ein Zeichen der Unterstützung. Es zeigt, dass man heute in Europa versteht: Die Ukraine ist Europas Schutzschild. Und solange wir unabhängig sind, hat Europa diesen Schutzschild“, sagt sie.
Die Frau fügt hinzu, dass ihr Sohn durch eine Videobotschaft bekannt geworden sei, die er 2022 während der Einkesselung im Stahlwerk Asowstal aufgenommen hatte. Damals habe sich „Grenka“ mit folgenden Worten an die Ukrainer gewandt: „Was auch immer geschieht: Liebt eure Mutter, esst euren Brei und liebt die Ukraine.“
„Genau das ist mein Traum: dass wir die Ukraine lieben, dass wir endlich siegen, dass ich in die befreite Stadt Mariupol fahre“, sagt Marianna, während sie sich ein paar Tränen abwischt. Nach Angaben der ukrainischen Luftstreitkräfte führte Russland in der Nacht zum 24. August einen massiven kombinierten Angriff auf die Ukraine durch, bei dem zwei Antischiffsraketen vom Typ „Oniks“, sechs gelenkte Flugkörper und 143 Drohnen zum Einsatz kamen. Am stärksten betroffen waren die Gebiete Odessa und Tschernihiw.
Den Russen ist der Feiertag ein Dorn im Auge
Aufgrund der ständigen Angriffe ist der Zug von Odessa nach Kyjiw mit dreistündiger Verspätung eingetroffen. Die 55-jährige Larissa Teresi aus Odessa tat während der gesamten Fahrt kein Auge zu, da der Zug wegen Luftalarms mehrmals halten musste. „Die Fahrt war beschwerlich. Die Russen beschießen uns sogar am Unabhängigkeitstag – das zeigt, wie sehr ihnen dieser Feiertag ein Dorn im Auge ist“, sagt Larissa.
Sie ist nur für wenige Stunden nach Kyjiw gekommen, um das Porträt ihres gefallenen Sohnes auf dem Maidan auszutauschen. Die Frau erzählt, dass der Unabhängigkeitstag für ihn immer eine große Bedeutung gehabt habe. Und heute, während die Ukrainer ihre festlichen Wyschywankas trügen, sei das Einzige, was sie für ihren Sohn noch tun könne, sein Foto auszuwechseln. „Wir begehen keine Feiertage mehr, weil es zu schmerzhaft ist. An all unseren Feiertagen geht es heute nicht mehr um Freude, sondern darum zu gedenken.“
Auch in der südukrainischen Hafenstadt Odessa steht der Montag im Zeichen des Gedenkens. Im Schewtschenko-Park haben sich am Vormittag auf der Allee der Helden rund 200 Personen eingefunden. Gekommen sind Kinder, Frauen, Soldaten und Veteranen. Hier erinnern 400 Fotos an Militärangehörige aus Odessa, die während Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine an der Front gestorben sind. Diejenigen, die heute gekommen sind, legen Blumen nieder und verharren schweigend einige Minuten.
Foto: Julia Surkowa
Im Stadtgarten, der sich direkt an der Fußgängerzone befindet, geht es am frühen Nachmittag etwas lauter zu. Dutzende versuchen sich an Volkstänzen, jeder ist eingeladen mitzumachen. Mindestens genauso so viele Besucher schauen dem Treiben einfach nur zu. Hin und wieder ist das dumpfe Geräusch von Explosionen zu hören, doch diese scheinen etwas weiter weg zu sein. Ohnehin löst das bei den Odessiten keine Panik aus, denn die Stadt ist regelmäßig Ziel russischer Angriffe.
Entspannte Stimmung in Odessa
Am späten Nachmittag ist der Strand gut besucht. An einem Abschnitt sonnen sich rund 300 Menschen, mit und ohne Badebekleidung, einige drehen im Wasser ihre Runden. Die Stimmung scheint alles andere als angespannt. Die Servicekraft an einer Strandbar bestätigt dies. Auch wenn Explosionen zu hören seien, holen sich die Leute ihre Getränke. Auch Katja Chalaya trifft sich hier mit einigen Bekannten. Heute habe nicht nur die Unabhängigkeit Geburtstag, sondern auch sie, sagt die Frau. Sie werde 44 Jahre alt. Chalaya ist Leiterin eines Kulturzentrums namens Talant+. Tagsüber werden hier verschiedene Kurse für Kinder angeboten. Basteln, malen, arbeiten mit Keramik und Englisch lernen. Abends finden Konzerte für Erwachsenen statt. Auch odessitische Künstler können im Zentrum ausstellen.
Sie sei etwas niedergeschlagen, sagt Katja, deren Sohn zu Beginn des Jahres als Soldat an der Front gestorben ist. Aber sie wolle sich, trotz ihrer Trauer, das Leben nicht vom Krieg diktieren lassen. Am Abend wolle sie ein wenig mit guten Freunden ihren Geburtstag feiern – natürlich am Strand.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!