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Umstrittener MilliardärKlaus-Michael Kühne hinterlässt ein Erbe

Der Logistik-Unternehmer war zeitweise der reichste Deutsche. Ein offener Umgang mit seinem NS-Erbe gelang ihm nicht.

Klaus-Michael Kühne ist tot. Der aus Hamburg stammende Milliardär und Mehrheitsaktionär des Logistikkonzerns Kühne+Nagel starb in der Nacht zum Montag 89-jährig im schweizerischen Schindellegi.

Bekannt war Kühne als zeitweise reichster Deutscher mit zahlreichen Beteiligungen, etwa an Lufthansa, Flixbus und Hapag-Lloyd, als Sponsor für Wissenschaft und Kultur – aber auch als Erbe eines im „Dritten Reich“ groß gewordenen Unternehmens, dessen Geschichte er unter dem Teppich halten wollte.

Als Kühne 1937 in Hamburg zur Welt kam, war die Spedition seines Vaters Alfred gerade zum ersten Mal als „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ ausgezeichnet worden. Den jüdischen Anteilseigner Adolf Maass hatte man bereits 1933 aus dem Unternehmen gedrängt. In den Fußstapfen der Wehrmacht gründete die Firma zahlreiche Niederlassungen im besetzten Ausland, sie dienten als logistische Knotenpunkte für den Abtransport jüdischen Eigentums.

Für all das hatte Klaus-Michael Kühne selbstverständlich keine Verantwortung. So wenig wie für die Entwicklung weiterer Geschäftsfelder wie die Militärlogistik, von denen er später freilich selbst profitierte. Aber: Den Umgang mit dieser Geschichte verantwortete er.

Fragwürdige Firmenchronik

Bekannt wurde sie, nachdem Kühne+Nagel 2015 sein 125-jähriges Firmenjubiläum am Stammsitz Bremen mit einem mehr als lückenhaften history marketing feierte – und die taz zu recherchieren begann. Den Startschuss dazu lieferte die Firma selbst, indem sie auf Nachfrage mitteilte: Die 30er und 40er Jahre kämen in der Firmenchronik kaum vor, da es ihnen „an Relevanz“ mangele.

Kühne fühlte sich zeitlebens dem Erbe seines Vaters verpflichtet, dem er bescheinigte: „Er hat seine Familie klug und umsichtig durch den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit gebracht. Dafür schulde ich ihm großen Respekt.“

Dieser Vater holte ihn als 21-Jährigen in die Firma – „viel zu früh“, wie Kühne manchmal sagte – und machte ihn mit 26 Jahren zum persönlich haftenden Teilhaber. Gemeinsam betrieben Vater und Sohn den Umzug der Unternehmens-Holding in die Schweiz, wofür neben den Steuervorteilen auch die Sorge vor betrieblicher Mitbestimmung eine Rolle spielte: Die Kühnes fürchteten, dass Willy Brandt als SPD-Kanzler die unternehmerischen Freiheiten beschneiden würde.

1981, im Todesjahr seines Vaters, folgte das große Versagen als Sohn: Klaus-Michael Kühne musste die Hälfte der Firmenanteile verkaufen, da er sich nach den Ölpreiskrisen im Reedereigeschäft verrannt hatte. Erst 1992 gelang der Rückkauf, dann folgte der Aufstieg zum weltweit drittgrößten Logistik-Konzern.

Als Sponsor in der Öffentlichkeit

Im Umgang mit der (Familien-)Geschichte hat es Kühne nicht anders gemacht als die meisten Menschen in Deutschland. Nur dass er gleichzeitig in der Öffentlichkeit stand und diese als omnipräsenter Sponsor und HSV-Investor auch suchte. Wichtig war, dass in der Auseinandersetzung mit ihm das dahinter stehende gesamtgesellschaftliche Thema bekannter wurde: Die von Kühne+Nagel transportierten Besitztümer fanden ja reißenden Absatz in der „Volksgemeinschaft“. Wer jüdischen Besitz an sich nahm, erwartete (und wollte) wohl auch nicht, dass die Eigentümer zurückkehrten.

Während es in Bremen möglich war, 2023 ein Mahnmal vor der K+N-Deutschlandzentrale zu bauen, wurde Kühne in seiner Geburtsstadt Hamburg meist hofiert. Der Senat ernannte ihn zum „Professor ehrenhalber“ und hielt trotz aller Kritik an den Plänen zu einer maßgeblich von ihm finanzierten „Kühne-Oper“ fest.

Von Kühne selbst waren in Bezug auf den Umgang mit der Geschichte zuletzt neue Töne zu hören: „Ich denke jetzt mehr über das Thema nach – auch angeregt dadurch, dass ich ständig dazu befragt werde.“

Kühne starb kinderlos. Sowohl sein Vermögen als auch die Verantwortung für den Umgang mit der Firmengeschichte erben seine Frau Christine und perspektivisch die Kühne-Stiftung, die zu Europas finanzstärkster Stiftung anwächst. Welchen Umgang mit der Geschichte sie wählen werden, bleibt abzuwarten.

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3 Kommentare

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  • Nuklon

    Wo liegt das Problem? Hamburg darf doch gerne einen Unternehmen unterstützen und gleichzeitig den Umgang mit der Vergangenheit aufarbeiten. Das muss sich doch nicht ausschließen. Deshalb ist Hamburg wirtschaftlich stark und Bremen quasi pleite. Die haben zwar das Denkmal aber sonst halt nix.

  • Andreas_2020

    Klaus Michael Kühne hat Hamburg 1975 verlassen, wäre er geblieben, Hamburg hätte 2,5 Mrd. EUR oder 4 Mrd EUR an Steuern eingenommen.



    Das ist eine Summe, die viel über den Mann Kühne verrät, der sich generös und patriotisch gab - von wegen HSV-Sponsor etc.



    Hätte er Hamburg wirklich geliebt, dann hätte er auch Steuern bezahlt. Aber so lief das nicht ab.



    Kühne war durchaus ein Mann, über den sich Positives sagen lässt, aber grundsätzlich war er von dem Wunsch gerieben, den Gewinn zu steigern, koste es, was es wolle.



    Es ist interessant, sich Kommentare anzuschauen, die in Hamburg bei Social Media abgegeben werden, anscheinend haben viel Menschen Sympathien für den Steuerflüchtling Kühne. Das kann ich nicht verstehen.



    Ich bin auch gespannt, was aus den Opernplänen wird. Ob das am Ende nicht wieder der Hamburger Steuerzahler am Ende begleicht. Dass Kühne die Aufarbeitung der NS-Zeit nicht hinbekommt hat, wundert mich nicht. Es hätte keine Zusatzeinnahmen generiert. Und wer wollte das schon? Kühne jedenfalls nicht.

    • Michel76

      @Andreas_2020:

      Kühne war ein typischer Unternehmer, durch und durch. Solche Leute schaffen mit 16-Stunden Arbeitstagen Innovation und Arbeitsplätze. Zudem gibt er (nicht nur) mit der Stiftung doch auch sehr viel an die Gesellschaft zurück.

      Die Verlegung des Hauptsitzes in die Schweiz hatte bestimmt nicht nur steuerliche Gründe, da hätte es diesbezüglich bessere Domizile gegeben. Dass jemand wie Kühne die optimale Umgebung für sein Unternehmen sucht, kann ihm wohl niemand übel nehmen. Der Erfolg gab ihm schlussendlich auch Recht.