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Namibia erlaubt Bergbau im MeerFreie Bahn für Phosphor aus dem Atlantik

Mitten in Namibias Fischereigründen soll Meeresboden zur Phosphorgewinnung ausgebaggert werden. Die Umweltlizenz hat die Regierung jetzt erteilt.

Als erstes Land der Welt steigt Namibia in den großflächigen Meeresbodenbergbau zur Gewinnung von Phosphor ein. Wie am Montag in der Hauptstadt Windhoek bestätigt wurde, hat die namibische Regierung in diesem Monat die nötige Umweltlizenz für das umstrittene Vorhaben erteilt, deren Fehlen das Projekt über zehn Jahre lang blockiert hatte.

Das Projekt „Sandpiper“ des Unternehmens NMP (Namibia Marine Phosphate) sieht vor, im Südatlantik rund 40 Kilometer vor der namibischen Küste 20 Jahre lang Phosphorit aus dem Meeresboden zu holen. Auf 1,7 Quadratkilometern pro Jahr – insgesamt 34 Quadratkilometer – will NMP durchschnittlich 2,30 Meter Meeresboden in durchschnittlich 215 Metern Tiefe abtragen. Daraus sollen jährlich bis zu 3 Millionen Tonnen des Phosphorerzes Phosphorit gewonnen werden.

Die namibische Umweltschutzorganisation OCM (Ocean Conservation Namibia) kritisiert das Projekt scharf. Das maritime Ökosystem werde potenziell schwer beschädigt und die für Namibias Wirtschaft wichtige Fischerei beeinträchtigt, schreibt OCM und warnt, Phosphorförderung im Meer gebe es nirgends auf der Welt in dem geplanten Ausmaß. Namibia werde ein „Versuchsballon“, so die Organisation.

„Die geplante Ausbaggerung des Meeresbodens könnte wichtige Lebensräume zerstören und Erdwolken verbreiten“, analysiert OCM und warnt vor der möglichen Freisetzung von Schwermetallen und giftigen Substanzen. Nötig sei eine unabhängige Überprüfung der Studien, auf deren Grundlage die Umweltlizenz erteilt wurde,

Das Förderunternehmen NMP ist ein Joint Venture der Bergbaufirma Mawarid aus Oman, die einen 85-Prozent-Anteil hält, und dem lokalen Partner Havana Investments. Mawarid ist Teil einer Holding im Besitz des omanischen Milliardärs Mohammed al-Barwani und ist bereits in Namibias Bergbau aktiv, außerdem hält das Unternehmen eine Tiefseebergbaulizenz in Papua-Neuguinea. Havana Investments gehört dem namibischen Bergbauunternehmer Knowledge Katti.

Phosphorit wird bisher an Land gewonnen, vor allem in Nordafrika und im Nahen Osten. Aber die Vorkommen im Meer vor Neuseeland, Mexiko, Peru und eben Namibia interessieren schon länger internationale Investoren.

„Die marinen Phosphate können ohne weitere Aufbereitung für die Düngung verwendet werden“, schrieb 2018 der Umweltwissenschaftler Hermann Kudrass, warnte aber, dass dabei „ökologisch kritische Elemente wie Uran, Arsen und Cadmium“ entweder entweichen oder im Dünger verbleiben. In Namibia sei geplant, die phosphorithaltigen Schwämme nicht an Land zu bringen und dort zu filtern, sondern auf den Förderschiffen „die Phosphoritkörner auszusieben und die Feinfraktion wieder ins Meer zurückzuleiten – dies hätte gravierende Folgen“.

Korrupte Lizenzvergabe

Betroffen wäre vor allem Namibias lukrative Hochseefischerei. Namibias Fischereiministerium hat sich jahrelang gegen die Phosphoritabbau gewehrt, ist aber in den vergangenen Jahren durch korrupte Lizenzvergabe ins Zwielicht geraten und politisch gegenüber dem Bergbau geschwächt. NMP verweist darauf, dass Bergbau im Meer längst stattfindet: In Flussmündungen am Atlantik werden Diamanten aus dem Meeresboden geholt.

Das Unternehmen erwarb bereits 2011 die Förderlizenz ML 170 für ein Meeresgebiet von 2.233 Quadratkilometern. Die Lizenz wurde aber aus ökologischen Bedenken ausgesetzt und trat erst 2021 unter Vorbehalt einer Umweltverträglichkeitsprüfung wieder in Kraft. Die Prüfung wurde 2022 abgeschlossen und am 5. August erteilte Namibias Umweltministerium NMP das Umweltverträglichkeitszertifikat. Es ist für drei Jahre gültig.

Der von NMP veröffentlichte Sozial- und Umweltverträglichkeitsbericht kommt zum Schluss, die Förderung werde sich auf die Fischerei, die Gesundheit der Belegschaft sowie die namibische Binnenmigration negativ auswirken, aber die Vorteile in Form vor allem von Profit für das Förderunternehmen und für das namibische Wirtschaftswachstum würden überwiegen.

Arsen könnte die Meeresfauna vergiften

Die Bewertung der einzelnen Umweltrisiken ist dabei nicht immer wirklich vertrauenerweckend. Dass das Abbaggern des Meeresbodens Sedimente freisetzt und verteilt, „könnte eine negative Auswirkung haben, aber diese wird auf das Fördergebiet beschränkt und von kurzer Dauer sein“, heißt es. Auch die Freisetzung von Arsen, das die Meeresfauna vergiften könne, wird mit Verweis auf die räumliche und zeitliche Beschränkung minimiert. Wie sich die Freisetzung von Uran auswirkt, dazu sei keine Expertise vorhanden, aber die Schleppnetzfischerei wühle den Boden sowieso schon auf und es gebe keine Veröffentlichungen über mögliche radioaktive Verseuchung von Fischen.

Namibias Fischereibranche ist nun empört. Fischereivertreter demonstrierten am vergangenen Donnerstag vor dem Umweltministerium, kündigten eine Klage an und forderten ihre Einbeziehung in die Überwachung des Projekts, berichtet die Regierungszeitung New Era. NMP-Landeschefin Hannelie Scheepers sagte dem Bericht zufolge, eine unmittelbare Aufnahme der Förderung stünde nicht an. Hauptgrund: Die Infrastruktur zur Anlandung und Weiterverarbeitung des Phosphorits im namibischen Hafen Walvis Bay existiert noch nicht.

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