: Der rote Faden vom Black Atlantic
Das Victoria & Albert Museum hat eine Dependance im Osten Londons eröffnet. Zu sehen gibt es dort eine beeindruckende Schau zur britischen Geschichte von Black Music
Foto: Syd Shelton
Von Stephanie Grimm
Am Samstagmittag geht es auf der East Bank, einer neuen Kulturmeile im Londoner Osten, noch verschlafen zu. Dabei soll hier gleich das Minifestival „Queer Frequencies“ als Rahmenprogramm der Ausstellung „The Music is Black: A British Story“ überbordende Vibes aussenden. Mit dieser Schau öffnete die auf zeitgenössisches Kunstgeschehen abonnierte Filiale „V&A East“ unlängst ihre Pforten – das vierstöckige Gebäude ist eine Dependance des altehrwürdigen Victoria & Albert Museum in Kensington, das die weltgrößte Sammlung an Kunstgewerbe, Design und Mode beherbergt.
Auf den Uferterrassen vor den architektonisch ambitionierten Neubauten – 2012 fanden hier die Olympischen Sommerspiele statt – legen sich Performer:innen und DJs auf zwei Bühnen ins Zeug. Die Resonanz ist zunächst verhalten. Also erst mal in die Ausstellung! Sie erweist sich als vergnügliche Stimulation aller Sinne und ist zudem ausgesprochen ergiebig. Der Kuratorin Jacqueline Springer ist es gelungen, historisch weit auszuholen, Verzweigungen von Schwarzer Musik in Großbritannien nachzugehen und sich dabei doch nicht zu verzetteln.
125 Jahre afrodiasporische Musik im Vereinigten Königreich sind der rote Faden. Doch die Ausstellung blickt noch weiter zurück. Schließlich war es die millionenfache Verschleppung versklavter Menschen, die den Grundstein legte, für das, was der britische Kulturhistoriker Paul Gilroy 1993 „Black Atlantic“ nennen sollte.
In diesem Schlüsselwerk postkolonialer Kulturkritik, das im Kontext aktueller Debatten höchst erhellend wirkt, skizziert Gilroy einen hybriden Kulturraum der afrikanischen Diaspora, der durch einen transatlantischen, nicht an Nationalstaaten gebundenen Austausch entstand. Auf Deutsch erschien „Schwarzer Atlantik: Moderne und doppeltes Bewusstsein“ übrigens erst 2025 im Merve Verlag.
Musik spielt dabei eine tragende Rolle. So fanden auch musikalische Ausdrucksformen aus den Amerikas, wie Jazz, Calypso und Steelpan, stets ihre Wege nach Großbritannien, der seinerzeit weltgrößten Kolonialmacht. Den ersten Nummer-1-Hit einer afrokaribischen Künstlerin gab es übrigens 1954, mit Winifred Atwells „Let’s Have Another Party“.
Intensiviert wurde der Ideentransfer durch die Migration der 1950er und 1960er Jahr, als eine halbe Million Menschen aus den karibischen Commonwealth-Staaten nach Großbritannien einwanderten. Und nicht zuletzt Reggae als Ingredienz mitbrachten, das „musikalische Geschenk Jamaikas an die Welt“, wie es auf einer Schautafel heißt.
Und selbstredend auch dessen Vorläufer Ska. Der sollte, mit Punk-Energie und einer Prise Sozialkritik aufgeladen, zwei Jahrzehnte später in Gestalt des Two-Tone-Sounds bei Bands wie The Specials und The Selector wieder aufpoppen. Der atmosphärische Specials-Song „Ghost Town“ (1981) über den wirtschaftlichen Niedergang von England gilt nicht umsonst als eine der eindrücklichsten Sozialstudien, den die britische Popgeschichte hervorgebracht hat – und als Protesthymne gegen die neoliberale Politik der damaligen konservativen Regierungschefin Margaret Thatcher.
Über Kopfhörer werden beim Rundgang die zum jeweiligen Exponat passende Musik und O-Töne eingespielt: ein kurzweiliger Ritt von Reggae, Dub und Lovers Rock über die Soundsystem-und Dancehall-Kultur zu zeitgenössischen Dancefloor-Genres, die daraus hervorgingen: Jungle, Drum‘n‘Bass und UK-Garage.
Lovers Rock, eine romantisch grundierte Fusion von Soul, Reggae und R&B, gilt übrigens als das einzig genuin britische Subgenre des Reggae (dem der Filmemacher Steve McQueen mit der anrührenden Episode „Lovers Rock“, Teil der sehenswerten Filmreihe „Small Axe“ (2020), ein Denkmal setzte). Die Liste der Genres, die dieser Rundgang in Erinnerung ruft, ist zu lang, um sie vollständig aufzuführen.
Im neuen Jahrtausend entstand etwa eine eigenständige Jazz-Szene und zudem das Genre Afrobeats, das westafrikanische Pop-Einflüsse mit britischem HipHop und Dancehall-Elementen zusammenbringt. Und in der unmittelbaren Nachbarschaft des Museums natürlich mit Grime, einem Mix aus Rap, schnellen Beats und rohen Bässen, als Antwort auf den zunehmend dystopischen Zeitgeist.
Angenehm undidaktisch rekurriert diese musikalische Reise durch die Jahrzehnte immer wieder auch auf den sozialen Kontext: Geschlechterverhältnisse, ethnische Spannungen und die hyperkapitalistische Gentrifizierung Londons laufen stets als Unterströmungen mit.
Im aktuellen Kontext, in dem auch im Einwanderungsland Großbritannien rechte Populisten mit der Angst vor der Migration ihr toxisch-trübes Süppchen kochen, scheint bemerkenswert, dass die Initiative Rock Against Racism, diese 1978 ins Leben gerufenen Koalition von Musiker:innen, aus dem Stand 100.000 Demonstranten gegen rechts auf die Londoner Straßen bringen konnte. Gegründet wurde die Plattform übrigens nach rassistischen Entgleisungen des Rockgitarristen Eric Clapton – vor dem Hintergrund besonders absurd, dass seine Musikkarriere maßgeblich auf afroamerikanischem Blues fußt. Schieflagen werden nicht verschwiegen.
Vor allem aber erlaubt die Ausstellung kurzweilige Zeitreisen, nicht zuletzt in die eigene Jugend – egal welcher Generation man angehört. Ich jedenfalls fühle mich durch das immersive Ausstellungsdesign in eine hitzige Nacht in den mittleren Neunzigern versetzt, in denen das weibliche DJ-Duo Kemistry & Storm den Underground-Club Blue Note in eine Sauna voller zuckender Leiber verwandelte. Der Club, in dem die beiden Mitbegründerinnen des Label Metalheadz regelmäßig auflegten, war zentral für die Entwicklung von Drum ’n’Bass in London.
Die Atmosphäre beim Umsonst-und-draußen-Event ist Stunden später, als mich die Ausstellung wieder ausspuckt, wie verwandelt: Es wird wild getanzt und getrunken. Die queere Community gibt sich ein Stelldichein mit den Locals, manch eine:r ist hübsch aufgebrezelt. Das Programm, kuratiert unter anderem von Donny Sunshine, Veranstalter der queeren Partyreihe „To The Left“, ist abwechslungsreich, wenngleich manch Nuance in den wummernden Bässen untergeht.
Die Idee, dass dieses Kulturquartier im Osten der Metropole, zu dem neben dem Museum auch das Royal College of Fashion, die BBC-Aufnahmestudios und ein Ableger des Tanztheaters Saddler’s Wells gehören, neben Kulturinteressierten auch Anwohner:innen anlocken soll, scheint an diesem sonnigen Augusttag aufzugehen. Die Stimmung wirkt so frohgemut und warmherzig, dass, als die Party am Abend ins Foyer des Saddler’s Wells weitergezogen ist, selbst ein akustisch herausfordernder Poetryslam und eine eher linkische Tanzeinlage enthusiastisch bejubelt werden – auch wenn das den Danceflow kurz ausbremst.
Die Ausstellung: „The Music is Black: A British Story“, im V&A East Museum, London, bis zum 10. Januar 2027
Das Festival: Ein weiteres Mini-Festival, „Black Into The Future“, findet dort am 12. und 13. 9. statt.
Weitere Infos: www.vam.ac.uk/exhibitions/the-music-is-black-a-british-story
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