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Postpartale Psychose Mitgefühl mit der Mörderin

Kommentar von

Marit Blossey

Eine Mutter in den USA tötet ihre drei Kinder. Dass nun einige online harte Strafen fordern, beweist, wie schwer es Menschen fällt, Ambiguität auszuhalten.

E in Mensch kann etwas zutiefst Grausames tun – und trotzdem unser Mitgefühl verdienen. Das zeigt die aktuelle Debatte um die US-Amerikanerin Lindsay Clancy, die im Januar 2023 ihre drei Kinder getötet haben soll. Der per Livestream übertragene Prozess um die 36-Jährige hat im Internet massive Diskussionen ausgelöst.

Er lenkt den Blick auf die postpartale Psychose – eine schwere psychische Erkrankung nach der Geburt, an der Clancy nach Darstellung ihres Anwalts gelitten haben soll. Zugleich macht der Fall noch etwas anderes sichtbar: wie schwer es unserer Gesellschaft fällt, Geschichten auszuhalten, die sich einem einfachen Täter-Opfer-Narrativ entziehen.

Lindsay Clancy selbst bestreitet nicht, die Tat begangen zu haben. Ihre Verteidigung argumentiert jedoch, dass sie aufgrund einer postpartalen Psychose zum Tatzeitpunkt nicht schuldfähig gewesen sei. Anschließend soll sie versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Seitdem ist sie querschnittsgelähmt.

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Die postpartale Psychose gilt als die schwerste Form der postpartalen psychischen Erkrankungen. Sie kann Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Realitätsverlust hervorrufen. Von 1.000 Müttern sind etwa 1 bis 2 Frauen betroffen. Sie ist also deutlich seltener als postpartale Depression, die rund 10 bis 15 Prozent aller Mütter erleben. Die Dunkelziffer könnte allerdings höher sein, denn aufgrund von Scham und gesellschaftlichem Stigma bleibt ein Großteil der postpartalen psychischen Erkrankungen unbehandelt.

Schnell wurde deutlich, dass der Clancy-Fall das Potenzial hat, eine größere Debatte über die psychische Gesundheit von Frauen anzustoßen. Vor Gericht wurde Beweismaterial gesichtet, demzufolge Clancy in den Monaten zuvor offenbar mehrfach verzweifelt versucht hatte, psychiatrische Hilfe zu bekommen: Innerhalb weniger Monate sollen Ärzte ihr 13 verschiedene Psychopharmaka verschrieben haben.

Jede Mutter könnte zu Lindsay Clancy werden

Clancy selbst hat inzwischen gegen acht Einrichtungen des Gesundheitssystems Klage eingereicht und wirft ihnen vor, ihre Erkrankung nicht richtig diagnostiziert und behandelt zu haben. Von Ärzten nicht ernst genommen zu werden – eine Erfahrung, in der sich viele Frauen, die online auf den Clancy-Prozess reagieren, wiedererkennen.

Seit Prozessbeginn Ende Juli hat sich eine Community der Solidarität um die Angeklagte gebildet. Anfang August versammelten sich nach Angaben des Boston Globe rund 300 Unterstützerinnen vor dem Gerichtsgebäude im US-Bundesstaat Massachusetts, um auf den Umgang mit der psychischen Gesundheit von Frauen aufmerksam zu machen; viele trugen pinke T-Shirts mit Aufschriften wie „She Needed Help“ oder „Peace For Lindsay“. Plakate, offene Briefe und Videos im Internet transportieren die Message: „Lindsay could be one of us.“ Viele Frauen sehen in Clancys Geschichte etwas, das ihnen selbst widerfahren könnte.

Die Reaktionen auf den Fall verdeutlichen allerdings auch, wie schlecht wir als Gesellschaft damit umgehen können, wenn die Dinge aus einem klaren Täter-Opfer-Narrativ herausfallen. Auf Solidarität reagieren manche mit Empörung: Wie kann eine Person, die etwas so Schreckliches getan haben soll, unser Mitgefühl verdienen? Mangelnde Aufklärung über postpartale psychische Erkrankungen spielt sicher eine Rolle bei denjenigen, die in Clancy eine eiskalte Psychopathin sehen wollen, die eine harte Strafe verdient hätte.

Genau dieses Bedürfnis nach Einfachheit erklärt aber ebenso, warum sich unter einem Teil derjenigen, die sich mit Lindsay Clancy solidarisieren, mittlerweile Verschwörungstheorien breitmachen. Immer mehr Tiktok-Nutzer:innen wollen Hinweise darauf erkennen, dass Clancy unschuldig ist, und machen stattdessen ihren Ehemann für die Tat verantwortlich.

Komplexität, wie sie in Clancys Fall vorhanden ist, scheinen diejenigen, die den Fall verfolgen, nicht auszuhalten. Genau deswegen ist Aufklärung über psychische Erkrankungen nötig. Sie könnte dabei helfen, der Wahrheit, dass Mütter in psychischen Notlagen eine Gefahr für ihre Kinder und sich selbst werden können, ins Gesicht zu sehen – und dabei trotzdem Verständnis für Lindsay Clancy zu haben.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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39 Kommentare

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  • Jim Hawkins

    "Wenn man Mord und Totschlag betrachtet, ist die Rate von psychisch Kranken erheblich höher. Schätzungen von Experten gehen von 50 bis 90 Prozent aus."

    Psychisch gestörte Attentäter – Seelische Krankheiten und Gewalt - SWR Kultur share.google/HnFuqW53O3V49ViKd

    So gesehen ist der Fall also nichts besonderes. Und die Kinder sind tot, ermordet. Sie sind die primären Opfer.

    Bleibt zu hoffen, dass die Erkrankung bei der Urteilsfindung berücksichtigt wird.

    Unschuldig ist die Frau meines Erachtens nicht.

  • nanymouso

    Ich finde es bezeichnend, dass die Autorin "Psychopath" (was ja dem Wortsinn nach einen Kranken beschreibt) und die "verdiente Strafe" unhinterfragt zusammenschreibt und sich eigentlich mit genau diesem Kurzschluss im Artikel auseinander setzen will.

    • mwanamke

      @nanymouso:

      "Mangelnde Aufklärung über postpartale psychische Erkrankungen spielt sicher eine Rolle bei denjenigen, die in Clancy eine eiskalte Psychopathin sehen wollen, die eine harte Strafe verdient hätte."



      Was genau finden Sie jetzt an diesem Satz fragwürdig? Hier wird ein Sachverhalt beschrieben, nicht die Meinung der Autorin wiedergegeben.

  • -_JK_-

    Der Artikel spricht einige wichtige Punkte wie postpartale psychische Erkrankungen und deren mangelhafte Erkennung und Behandlung an. Umso trauriger finde ich es, dass die Autorin durch einseitige Berichterstattung selbst zum besten Beispiel ihres Punktes "Menschen tun sich schwer mit Ambiguität" wird.



    An dieser Stelle hätte man die millionenschwere Spendensammlung für die Familie der Angeklagten erwähnen können und die (zumindest kurz genannten) Verschwörungstheorien und Täter-Opfer-Umkehr weiter ausführen.

  • jackie_zat

    Im Gegensatz zu vielen Kommentierenden hier, die die Aussage der Autorin missverstehen und denken, es gehe um eine Schuldfrage: ich würde noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Jeder von uns wäre zu jedem grausamen Verbrechen fähig, es ist Teil des Menschseins. Kriegsverbrechen werden von liebenden Familienvätern begangen, oder eben hier: eine Mutter tötet ihre Kinder.



    Dazu wäre jeder von uns fähig, und wir arbeiten alle hart daran, es nie zu tun. Aber ganz gefeit ist doch niemand von uns.

    • Perkele

      @jackie_zat:

      So ist es - zweifellos.

  • Kawabunga

    Ah, darum geht es also bei den reddit-Beiträgen in denen davon berichtet wird, dass sich Familien zerstreiten und Freundschaften zerbrechen an der Frage.

    Aber ja, Ambiguitätstoleranz ist den meisten Menschen ein Fremdwort (im wörtlichen wie übertragenen Sinne). Genauso wie die Fähigkeit, sich nicht von Emotionen leiten zu lassen. Bzw. zu erkennen, wann man gerade (eher) rational und wann man (eher) emotional reagiert/urteilt.

  • Dreja

    Dem Artikel mangelt es daran, klar zu beschreiben, was eine postpartale Psychose ist. Wenn ich mich nicht irre, steht es nicht ein einziges Mal in dem Artikel.



    Es wäre auch deshalb wichtig, weil das eigentliche Thema ein anderes ist: nicht Mitgefühl mit einer Täterin (anstelle von rationalem Verständnis, wie hier schon jemand schreib), sondern die Frage, ob diese Aspekte in der Medizin wirklich nicht mitgedacht werden. Und was DAS über unsere Gesellschaft aussagt.



    Zumindest in Deutschland ist es ja inzwischen so, dass die Geburt bereits oft ein Problem ist, weil die Schwangere evtl weit fahren muss. Über die Hebammen-Verordnung schweige ich hier lieber, das ist auch ganz übel. Also: welchen Stellenwert gibt die Gesellschaft in den USA bzw., um das überhaupt auf uns übertragen zu können, hier, einer sicheren Geburt und all dem, was danach kommt?



    Man darf nicht vergessen, dass Frauen in den USA ja die Geburt anscheinend selbst bezahlen müssen.



    In welcher Situation war diese Frau? Darüber und über ihr soziales Umfeld erfährt man nichts.



    Der Artikel ist unausgegoren und von zu viel unreflektierem "sie tut mir leid" aus welchen tieferen Gründen auch immer geprägt.

    • mwanamke

      @Dreja:

      Haben Sie den Artikel richtig gelesen?



      "Die postpartale Psychose gilt als die schwerste Form der postpartalen psychischen Erkrankungen. Sie kann Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Realitätsverlust hervorrufen. Von 1.000 Müttern sind etwa 1 bis 2 Frauen betroffen. Sie ist also deutlich seltener als postpartale Depression, die rund 10 bis 15 Prozent aller Mütter erleben. "



      Wollen Sie hier noch eine ausführliche medizinische Abhandlung lesen? Außerdem wird in dem Artikel gesagt, dass sie acht verschiedene medizinische Einrichtungen aufgesucht hatte, aber ihre Krankheit wurde nicht richtig diagnostiziert. Wieso wollen Sie jetzt noch unbedingt wissen, ob die Frau, bzw. das Ehepaar, das selber bezahlen musste, oder ob die Kosten von einer Krankenkasse getragen wurden?

  • Strolch

    Wenn ich die Geschichte lese, habe ich vor allem Mitgefühl mit dem Vater: Er hat seine drei Kinder verloren und muss sich jetzt noch anhören, dass er der wahre Täter ist.

    Bei der Mutter erkenne ich bisher nur, dass sie bei vielen Ärzten war und Medikamente bekam. Schuld ist nicht sie. Das ist entweder die Krankheit oder die Ärzte, die die Krankheit nicht erkannt haben sollen. Das ist durchaus typisch für unsere Gesellschaft: Schuld sind immer die anderen.

    Im ersten Schritt würde ich mal abwarten, ob eine Krankheit diagnostiziert wird oder ob es nicht schlicht und ergreifend die einzig mögliche Verteidigung ist. Für mich lässt sich an dem Fall erkennen, dass es schnell viel Meinung und wenig Wissen über den Sachverhalt gibt. Weshalb das unter Feminismus laufen soll, erschließt sich mir gar nicht mehr.

    • mwanamke

      @Strolch:

      Vielleicht sollten Sie manchmal gründlicher lesen, damit die Dinge sich Ihnen besser erschließen.

  • Chris McZott

    Eine derartige Argumentation kann man für fast jeden Mord oder Totschlag heranziehen. Kein Kindermörder ist in einer "normalen" psychischen Verfassung. Und natürlich wäre diese bei der Festsetzung des Strafmaßes zu berücksichtigen. Nur sollte man sich dabei nicht zu viel versprechen.

    "die in Clancy eine eiskalte Psychopathin sehen wollen, die eine harte Strafe verdient hätte." - Eben. Psychopathie ist ebenfalls pathologisch.

  • Deep South

    Im Prinzip richtig. Aber Ambiguität kann man auch nur dann nur einfordern, wenn man die Komplexität bei jedem Einzelfall zur Grundlage macht und aushält. Dann muss man bei jedem Mörder prüfen, ob er psychisch krank ist, bei jedem Gewaltäter prüfen, ob er nicht traumatisiert ist oder unter "Realitätsverlust" leidet. Wenn man das nur dann ins "Täter-Opfer Narrativ" einpreist, wenn man sich auf irgendeine Weise mit der oder dem Beschuldigten identifizieren kann, dann ist das schlicht selektiv und in der Argumentation nicht ehrlich.



    Und dann muss man den Maßstab auch immer an sich selbst anlegen und nicht nur von der Justiz erwarten. Wie oft hab ich hier gelesen, man könne anhand wenigen Fakten auch moralisch urteilen, eine Unschuldsvermutung gelte nur bei Gericht. Genaugenommen machen das diejenigen, die in diesem Fall nach harten Strafen schreien auch nicht anders.

  • economista

    Innerhalb weniger Monate 13 verschiedene Psychopharmaka verschrieben: diese können, wie auch Cannabis, Psychosen auslösen oder verschlimmern. Wer beispielsweise wegen Depressionen ein Antidepressivum verschrieben bekommt, tatsächlich aber an einer bipolaren Störung leidet, kann sich in einer manischen Phase einen psychotischen Schub einhandeln.

    Die Liste der Psychopharmaka, die Lindsay Clancy verschrieben wurden, ist im Internet zu finden. Von Antidepressivum zum Antipsychotikum Quetiapine zurück zu Valium und Antidepressivum. Quetiapine retardiert 300 mg + 100 mg + 25 mg nicht retardiert wurden im Dezember von Rebecca Jollatta, NP (nurse practitioner), verschrieben. In dieser Dosierung senkt das Medikament den Dopaminspiegel und eignet sich zur Behandlung einer Schizophrenie. Im Januar bekam Clancy dann Trazodone 150 mg und Amitriptyline 10 mg von der Ärztin Jennifer Tufts verschrieben, beides Antidepressiva. Das dürfte ein schwerer Behandlungsfehler gewesen sein und die Krankenschwester lag richtig.

    Noch als Antwort zu anderen Beiträgen: während einer schweren Psychose mit Kommandohalluzinationen sind Betroffene tatsächlich schuldunfähig.

  • Kkphh96

    Meiner Meinung nach geht es hier, wie so oft, um mangelnde gesellschaftliche Verantwortungsübernahme. Wie oft schauen wir Menschen weg, wenn uns etwas irritiert oder für uns vermeintlich unbequem werden könnte. Wir ziehen lieber den Zaun hoch und schotten uns ab. Solange bis etwas passiert und es etwas zu „verurteilen“ gibt. Dann schauen wir über die Hecke und hetzen los. Die Meisten kümmern sich einfach nur um sich selbst, manche sind gar nicht willens oder in der Lage zu erfassen, womit einige Menschen zu kämpfen haben. Ist ja nicht ihr Problem. Ist es aber leider schon, wie man hier sieht. Wir sind eine soziale Gemeinschaft und was einzelnen passiert, betrifft uns am Ende alle (Stichwort: traumatisierte Flüchtlinge). Social Media hat das Phänomen der Empathielosigkeit noch verschärft. Soziale Kompetenzen verkümmern. Leidtragende sind wir alle, verantwortlich aber auch.

  • Hage1975

    "Viele Frauen sehen in Clancys Geschichte etwas, das ihnen selbst widerfahren könnte."

    In erster Linie ist diese "Geschichte" ihren drei grausam ermordeten Kindern widerfahren.

    Ein solch verstellter Blick auf diese Gräueltat lässt vermuten, um wen es Clancy und ihren Unterstützerinnen vor allem geht: um sich selbst.

    Die Art und Weise, wie sich einige Frauen dafür einsetzen, dass diese Mörderin sich den Konsequenzen ihrer Tat entziehen kann, ließ dieses Thema online schon längst zur Gretchen-Frage werden. Für einige Männer, die noch auf der Suche nach der Mutter ihrer Kinder sind, ist sie zum Lackmustest geworden.

    • mwanamke

      @Hage1975:

      Die "Mörderin" kann sich den Konsequenzen ihrer Tat nicht entziehen, denn sie selber leider (außer ihrem Mann, der ihr beisteht) vermutlich am meisten unter dem Tod ihrer Kinder und der Tatsache, dass sie selbst diese Tat begangen hat. Und was hat das jetzt zu tun mit Männern, die auf der Suche nach der Mutter ihrer Kinder sind?

      • mwanamke

        @mwanamke:

        Berichtigung: "denn sie selber leidet" muss es natürlich heißen, nicht "leider".

    • jackie_zat

      @Hage1975:

      Nein, ich finde, es ist auch Clancys Geschichte, und seine Kinder in einer Psychose umzubringen, macht den allerwenigsten Menschen Spaß. Ihr Selbstmordversuch gibt einen Hinweis darauf, was Clancys Gefühle zu ihrer Tat sind.

  • Ruhig bleiben

    Der Artikel springt hier ziemlich schnell von „postpartale Psychosen können extrem schwer sein“ zu „deshalb ist harte Bestrafung mangelndes Verständnis für psychische Erkrankungen“.

    Man könnte der Autorin also ebenfalls vorwerfen, Ambiguität nicht aushalten zu können.

    • mwanamke

      @Ruhig bleiben:

      Andererseits wäre manchen Leuten (vermutlich hier in der Mehrzahl Männer) mangelndes Textverständnis vorzuwerfen. Oder einfach mangelnden Willen, sich mit einem beschriebenen Sachverhalt auseinanderzusetzen.

  • Andi S

    Und ich dachte, dass Männer bei psychiatrischen Erkrankungen diagnostisch und Verfügbarkeit adäquater Behandlungen, schlechter gestellt sind.

    Wäre sehr interessant, was der Sachverständige in dem Prozess sagt. Angeklagte und Anwalt sind per se erstmal nicht neutral.

  • Eugen-Emilio

    Dass eine Mutter ihre Kinder tötet, ist tatsächlich nicht zu akzeptieren. Ich habe den Artikel zweimal lesen müssen, bevor bei mir angekommen ist, dass dies aufgrund einer Krankheit geschah.

    Ohne in irgendeiner Form Expertise zu haben, würde ich mal stark vermuten, dass das Krankheitsbild sich verschärft, wenn die Mutter an oder über die Grenze der Belastung ist, weil sie sich um mehrere Kinder kümmern muss und vielleicht auch sonst ein hartes Leben hat.

    Und an diesem Punkt kann ja fast jedes Elternteil mitfühlen.

    • ToMuch

      @Eugen-Emilio :

      Man/Frau kann aber auch einfach gehen, wenn man die Situation nicht aushält. Statt drei Kinder zu töten.

    • Strolch

      @Eugen-Emilio :

      Nein, allein wegen des Überschreitens der Belastungsgrenze kann ich nicht mitfühlen. Sie hätte das Haus verlassen und die Polizei rufen können, dass die sich um die Kinder kümmern. Wenn es eine psychische Erkrankung war, gilt mein hauptsächliches Mitgefühl immer noch den toten Kindern und vor allem dem Vater.

  • hedele

    Wir sollten vor allem aufhören, die Straßen und Social Media-Kanäle zu besseren Gerichtssälen zu machen, und das Publikum mal in die eine, mal in die andere Richtung zu hetzen. Für die Gerichtsverhandlung gibt es einen Ort, den wir mit unseren Steuergeldern bezahlen, es gibt in den USA gewählte Geschworene und außerdem Richter und Anwälte, die ihr Leben lang nichts anderes machen, versierte Gutachter, und es gibt erfahrene Gerichtsreporter. Manchmal muss man auch mal Experten vertrauen.

  • rero

    „Zugleich macht der Fall noch etwas anderes sichtbar: wie schwer es unserer Gesellschaft fällt, Geschichten auszuhalten, die sich einem einfachen Täter-Opfer-Narrativ entziehen.“

    Nein.

    Über unsere Gesellschaft sagt der Fall gar nichts aus.

    Er macht nur etwas in der US-Gesellschaft sichtbar.

    Ob es in unserer Gesellschaft besser oder schlechter wäre?

    Keine Ahnung.

    Der Fall in den USA liefert dazu aber auch nichts.

    Wir sind nicht USA.

    Den kulturellen Unterschied erlebe ich als deutlich.

  • c. F

    Ihr Fazit ist stärker als die Analyse.

    Aufklärung und das daraus folgende Verständnis für diesen Fall sind richtig und wichtig, Mitgefühl jedoch zu viel verlangt. Mitgefühl habe ich mit den Kindern, aber aufklärerisches Verständnis für die Mutter, weil sie nicht nur an einer schweren psychischen Erkrankung leidet, sondern auch Opfer struktureller Fehler ist. Mitgefühl hätte ich, wenn sie ihren Mann getötet hätte, weil er seine Frau und Kinder misshandelt und niemand der Mutter/Frau geholfen hätte. In diesem Fall reicht jedoch rationales Verständnis aus.

    Ich glaube, dass der Umgang mit psychischen Erkrankungen bei Nicht-Betroffenen (Familienmitglieder/Freunde ausgenommen) rational und nicht irrational sein sollte. Ich als "psychisch gesunder Mensch" kann mich nur sehr abstrakt in eine Person hineinversetzen, die an so einer Erkrankung leidet. Ich kann kein emotionalen Zugang zu dieser Mutter herstellen, dafür aber ein rein sachliches.

    Aber allgemein finde ich Ihre Argumentation richtig....

  • Zippism

    Sehr praktisch. Erst drei Kinder töten und anschließend wird aus der Täterin im Kommentar ganz schnell ein tragisches Opfer, mit dem wir bitte „Ambiguität aushalten“ sollen. Natürlich darf eine schwere psychische Erkrankung bei der strafrechtlichen Bewertung eine Rolle spielen. Aber zwischen eine Erkrankung verstehen und Mitgefühl für die Mörderin zum moralischen Hauptthema erklären liegen ein paar Kilometer.

    Die eigentlichen Opfer sind hier übrigens drei tote Kinder. Aber offenbar ist das Täter-Opfer-Narrativ nur dann „zu einfach“, wenn man die Täterin nicht ausreichend bedauert.

    Wenn das die Blaupause für die Zukunft ist, dürfen wir uns schon darauf freuen: Mörder, Gewalttäter und andere Täter werden künftig nicht mehr primär nach ihrer Tat betrachtet, sondern danach, wie viel psychologisches Mitgefühl sie bei uns auslösen. Die Opfer kommen dann vermutlich als störendes Detail im zweiten Absatz vor.

    Wie beruhigend, dass man selbst bei drei getöteten Kindern noch einen Weg findet, die Täterin zur emotional interessanteren Figur zu machen.

    • WT Sherman

      @Zippism:

      Tat und Schuld sind nicht identisch. Mord impliziert Schuld. Wenn jemand akut psychotisch und damit nicht mehr Herr seiner selbst ist, ist er in dem Moment schuldunfähig und damit kein Mörder.

      Ob das in dem Fall, um den es geht, so war, müsste erstmal ermittelt werden im Rahmen des Prozesses. Dass alle vorher schon genau wissen, wie es war, ist befremdlich, aber auch nicht neues.

      Problematisch ist, dass hier wieder alles an irgendwelchen Gutachtern hängen wird, bei denen insbesondere in den USA schon oft gezeigt hat, dass eine Jury überzeugen können und tatsächlich seriös arbeiten zwei völlig verschiedene Dinge sind.

  • Toni Zweig

    Darf ich fragen, ob diese, von der Autorin geforderte Ambiguität, ebenso erwartet wird, wenn es um männliche Wesen geht, die in psychotischen oder ähnlichen Zuständen zu Tätern werden!?



    Differenzierungsvermögen ist generell, umso mehr in Internet-Zeiten durch rasche und massenhafte Verbreitung von Emotionalitäten, leider keine Tugend mehr; sollten diese Bedingtheiten unverändert so bleiben, wird so schnell keine neue Aufklärung am Horizont erscheinen.

    • Dreja

      @Toni Zweig:

      Der Unterschied ist, dass es um eine POSTPARTALE Psychose geht; das hat die Autorin aber nirgends erklärt. Das heißt, durch die Geburt oder Schwangerschaft ausgelöst, jedenfalls NACH der Geburt.



      Eine Psychose ist generell etwas, für das man nichts kann, aber Frauen, die das Erbe von jahrtausendealtem Risiko in sich tragen, bei der Geburt sterben zu können - und es passiert ja immer noch -, haben da ein zusätzliches Risiko.



      Ich vermute, dass die Autorin deshalb so von Mitgefühl erfüllt ist, was ich auch wie manche andere in den Kommentaren zugunsten eines rationalen Verständnisses ablehne.

  • Ruediger

    Würden wir hier das gleiche lesen, wenn ein Vater unter einer Psychose seine Kinder umgebracht hätte? Oder eine fremde Person?

  • Mr. Hello

    Es nimmt leider, wie im Text angedeutet, bizarre Züge an. Das was hier abläuft wäre bei einem Mann niemals gesellschaftl. akzeptiert.

    Wir sehen hunderte Frauen vor Ort, die öffentlichkeitswirksam ihre Unterstützung zeigen. Wir haben ehemalige Freundinnen von Clancy aus Kindertagen, für die die Gerichtsverhandlung ein Event ist, die lachend in Kameras grinsen und ebenfalls betonen, Clancy sei primär Opfer. Wir sehen massenweise Kommentare, auch von Deutschen, die sich als feministisch und/oder progressiv bezeichnen, die sagen, man wolle nicht urteilen, aber der Mann hätte versagt, er sei definitiv Schuld, und in Verschwörungstheorien über Polizei und Patriarchat abdriften. Als dürften bestimmte Dinge nicht sein, weil es nicht in das eigene Weltbild passt: Frauen sind immer das Opfer.

    • mwanamke

      @Mr. Hello:

      "Das was hier abläuft wäre bei einem Mann niemals gesellschaftl. akzeptiert." - Männer kriegen bis jetzt auch noch keine Kinder und kennen deshalb auch keine Postpartale Psychose.

  • Verschlafend

    Sehr schade, einen derart interessanten und wichtigen Text mit Fremdwörtern wie Ambiguität oder postpartal derart verzuunleserlichen.

    • Hans - Friedrich Bär

      @Verschlafend:

      Ich konnte mit "Ambiguität" auch nichts anfangen. Es ist in diesem Fall m.E. auch falsch gebraucht . Ambiguität bedeutet nämlich "Mehrdeutigkeit."

      Mehrdeutig wäre die Situation, wenn man nicht genau wüsste, ob es drei tote Kinder gegeben hat und ob die Mutter die Täterin war.

      Die Autorin meinte "Ambivalenz" = gleichzeitige Erleben widersprüchlicher Gefühle, Gedanken, Wünsche oder Einstellungen in einer Person.

      "Postpartal" heißt "im Zeitraum nach der Geburt."

      Das ist Fachvokabular. Das könnte man unten mit einem Glossar an den Artikel anhängen , wenn man es schon benutzen muss.

      Das (journalistische) Problem ist letzten Endes die schlechte Gesundheitsbildung der allgemein bildenden Schulen . Sonst wüssten die Leser und die Journalisten, dass schizophrene Erkrankungen häufig (1 bis 2% der Bevölkerung) sind, wie sie sich äußern, und welche juristischen Konsenquenzen das hat ( in Deutschland §20 StGB Schuldunfähigkeit) .

      gesund.bund.de/schizophrenie

      Das ist eine Tragödie, vor allem, wenn die Mutter der Kinder, die sich trotz der Einschränkungen ihrer Handlungsfähigkeit um Hilfe bemüht hat keine wirksame (sozial)psychiatrische Hilfe erhalten hat.

  • Liebknechto

    Stellen Sie sich vor ein weisser Cis Mann begeht die Tat? Oder ein syrischer Mann in Deutschland? Die Reaktionen wären sogar härter. Insgesamt muss das Gesundheitswesen und Justiz anders mit dem Menschen umgehen, aber die Reaktion ist nicht groß anders als sonst nur das hieraus ein Mann gegen Frau Szenario von den politischen Rändern konstruiert wird

  • gyakusou

    Es ist eine Sache, mehr Unterstützung zu fordern für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Aber Mitgefühl mit einer Mörderin zu haben, für sie zu protestieren, sich auf ihre Seite zu stellen –das ist nur schwer nachvollziehbar und finde ich etwas verstörend. Und Verschwörungstheorien dazu verbreiten ist natürlich komplett verrückt.