Foto: Marco Zschiek
Sommerferien in der Ukraine: Berge, Strand und Drohnen
Urlaub vom Krieg ist in der Ukraine praktisch unmöglich. Urlaub im Krieg geht aber. Die Sommerferien verbringen viele in den Karpaten. Auch Lwiw und Odessa sind beliebt.
E s riecht nach Nadelwald, nebenan plätschert ein Bergbach. Am oberen Ende der Seilbahn steht ein Jugendlicher mit Schutzhelm und Sicherheitsgurt auf einem Podest. Als er sich in das über ihm gespannte Seil fallen lässt, hört man einen spitzen Freudenschrei. Wenige Augenblicke später ist er mehrere Dutzend Meter den Hang hinabgeschwungen.
Es ist Mitte August, in den ukrainischen Karpaten hängt die Sommerhitze wie eine Glocke über dem Tal des Flusses Tscheremosch. 110 Teenager verbringen zehn Tage in einem Ferienlager nahe dem kleinen Dorf Kryworywna. Einige von ihnen sind extra aus den Ländern zurückgekommen, in die sie vor dem Krieg Russlands gegen die Ukraine geflohen sind.
Von Juni bis Ende August haben auch die Schulkinder in der Ukraine Sommerferien. Menschen machen Urlaub. Und die, die nicht ins Ausland dürfen oder es sich nicht leisten können, suchen nach Erholung im Inland. Der Ausstieg aus dem Alltag wirkt unter den erschwerten Bedingungen noch verlockender. Zu den Hauptzielen gehören die Karpaten, der Westen des Landes mit der Großstadt Lwiw und die Schwarzmeermetropole Odessa.
Auf einem Holzpodest am unteren Ende des Hangs sitzt eine Gruppe Teenager und wartet auf ihre nächste Runde mit der Seilbahn. Eine davon ist Melania. Die 16-Jährige hat schon ihren roten Schutzhelm auf. Über der beigen Jogginghose hat sie Sicherungsgurte um Taille und Hüfte gespannt. Melania stellt sich als Melany vor. So werde sie in Großbritannien genannt, wo sie seit Beginn von Russlands großangelegter Invasion mit ihrer Mutter lebt. Seitdem komme sie jeden Sommer für das Camp in den Karpaten zurück.
Begeisterung schwingt in ihrer Stimme mit, wenn sie über das Camp spricht. „Das wichtigste ist, dass ich meine Freunde wiedersehen kann.“ Aber auch das Programm sei toll. „Immer gibt es etwas zu tun und oft sind neue Aktivitäten dabei, wie das da“, sagt sie und zeigt auf einen Geschicklichkeitspfad, der ein paar Meter weiter aufgebaut ist. Dort ist ein Gurt zwischen zwei Bäumen gespannt, auf dem die Teenager balancieren. Daneben hängen Holzbretter und Baumstämme an Seilen einen knappen Meter über dem Boden. Social Media haben sie hier fast vergessen. Nur abends dürfen die TeilnehmerInnen ihre Smartphones benutzen, auch, um mit den Eltern zu telefonieren.
Auch Polina hat schon mehrmals am Camp teilgenommen. Einige der TeilnehmerInnen und BetreuerInnen kenne sie schon aus den Vorjahren. „Für mich ist es die beste Zeit im ganzen Jahr“, sagt sie. Sie zeigt zu dem gespannten Seil am Hang. „Wenn man den Schritt von der Plattform macht, fühlt man, dass das Seil leicht nachgibt. Und dann geht alles ganz schnell.“
Foto: Marco Zschiek
Polina lebt mit ihrer Familie in Kyjiw. Dort gibt es inzwischen praktisch täglich Luftalarm. Immer wieder wird die Stadt schwer getroffen. „Natürlich ist es hier in den Bergen viel ruhiger.“ Nie höre man Sirenen. Aber mittlerweile könne sie auch in Kyjiw durchschlafen. „Ich bin damit aufgewachsen. Man gewöhnt sich an alles.“ Auch nach dem Schulabschluss in zwei Jahren will sie bleiben. „Ich will in Kyjiw studieren“, sagt sie.
Ferienlager sind in der Ukraine populär. Die Schulferien sind lang, so viel Urlaub haben Eltern in der Regel nicht. Schon zu Sowjetzeiten gab es große Camps auf der Krim oder am Asowschen Meer. Doch diese Regionen sind von Moskaus Truppen besetzt. Die Karpaten unweit der Grenzen zu Rumänien, Ungarn und der Slowakei sind so weit weg von der Front, wie es in der Ukraine nur geht.
Der Anbieter Strokatoi Enoty, was so viel wie „bunte Waschbären“ bedeutet, ist erst seit 2018 auf dem Markt. Über die Jahre hat er sein Programm ausgeweitet. Inzwischen bietet er im Sommer alleine hier in den Karpaten sieben Durchgänge à zehn Tage für Kinder verschiedener Altersgruppen an. 480 Euro zahlen die Eltern dafür pro Kind. Mittlerweile können Jugendliche mit Strokatoi Enoty auch im Winter in Camps fahren, in denen sie beispielsweise Skifahren lernen.
„Wir haben hier 20 Mentoren, die sich um die Kids kümmern“, erzählt Campleiter Anatoli Steliha bei einem Rundgang. „Und jeder bringt eigene Fähigkeiten und Erfahrungen ein.“ Die beruflichen Hintergründe seien ganz verschieden. Es gebe PsychologInnen, HandwerkerInnen, KünstlerInnen. Er selbst arbeite in seiner Heimatstadt Ternopil als Trainer für Mixed Martial Arts und als Betreuer für Menschen mit Einschränkungen.
Etwas später wird weiter oben am Hang gesägt. Eine Gruppe lernt „Bushcraft“. Es geht darum, mit wenig Werkzeug einfache Bauten im Wald zu errichten. Eine Stichsäge und eine kleine Axt hat die Gruppe dabei. Die Holzstöcke werden nicht mit Nägeln, sondern mit Stricken verbunden. Dabei müssen die Teilnehmer zusammenarbeiten und die Aufgaben aufteilen.
Bogdan arbeitet mit der Stichsäge. Damit trennt er dünne Zweige ab, die viel Laub tragen. Das soll später ein dichtes Dach für die Hütte geben, von dem der Regen ablaufen kann. Er gehört sozusagen schon zum Inventar bei Strokatoi Enoty. „Das ist mein 15. Camp in fünf Jahren“, erzählt er. Neben dem Spaß dabei, sei es für ihn auch ein Weg, mit seiner Heimat in Kontakt zu bleiben. 2022 sei er mit seiner Mutter nach England geflohen. Im nächsten Jahr will er die Schule abschließen. Einen Studienplatz habe er auch schon. „Cybersecurity. Ich glaube, das könnte gebraucht werden.“
Cyberangriffe sind ein fester Bestandteil von Russlands Kriegsführung – nicht nur gegen die Ukraine, und auch schon vor 2022. So gab es 2015 und 2016 Hackerangriffe auf die ukrainische Stromversorgung. Erst im Juli hatte das Auswärtige Amt den russischen Botschafter einbestellt: Hacker im Auftrag russischer Geheimdienste sollen Angriffe gegen Deutschland und weitere EU-Länder verübt haben. Und in Großbritannien sollen russische Hacker die Anmeldedaten von RegierungsmitarbeiterInnen gestohlen haben.
Das Camp in Kryworywnya wurde erst vor wenigen Jahren errichtet: Mehrere Holzhäuser im typischen Stil der Region schmiegen sich in ein enges Tal. Ringsum sind bewaldete Berge. In der Mitte gibt es eine Wiese, auf der sich mehrmals täglich alle versammeln. Dazu ein Fußball- und ein Basketballplatz und halb offene Hütten, um regen- und sonnengeschützt an der frischen Luft zu sein.
An diesem Tag können die TeilnehmerInnen zum Beispiel lernen, wie Seife hergestellt wird und Armbänder geknüpft. Eine Gruppe geht wandern in den Bergen, eine andere spielt Strikeball im Wald. In einer Mensa wird frisch gekocht: Pilzsuppe, Krautsalat, Buchweizen und überbackenes Fischfilet.
Ganz ausblenden lässt sich der Krieg auch in der Bergidylle nicht. In der Ecke eines der Holzhäuser steht ein symbolischer Baum der Erinnerung: An einem Ast können die Teenager Briefe an Menschen aufhängen, die sie vermissen – gefallene Väter oder Onkel, oder Verwandte und Freunde, die an der Front kämpfen. Auch mehrere Betreuer aus dem Team sind Soldaten in der ukrainischen Armee. An zwei Gefallene erinnert das Team auf seiner Webseite.
Nach dem Mittagessen sagt Campleiter Steliha das geplante Programm für den Nachmittag ab. „Zu heiß heute“, sagt er. Stattdessen plant er eine Strandparty. „Bloß, dass wir keinen Strand haben.“ Die BetreuerInnen bauen also einen aufblasbaren Pool und allerlei Liegestühle auf. Eine Plastikplane wird auf eine abschüssige Wiese gelegt und soll später als Wasserrutsche dienen. Schilder weisen wie am Strand darauf hin, dass man nicht bis hinter die Markierung schwimmen und seine Besitztümer nicht aus den Augen lassen soll. Aus Boxen tönt Musik.
Städteurlaub in Lwiw
250 Kilometer weiter nördlich in Lwiw herrscht in der Touristeninformation im Hochparterre des historischen Rathauses reger Betrieb. Die Saison laufe gut, erzählt eine der Mitarbeiterinnen, bei denen man Stadtführungen buchen kann. „Wenn das Wetter gut ist, wie heute, wollen alle auf den Rathausturm steigen wegen der guten Aussicht über die ganze Altstadt.“ Sie empfiehlt einen Rundgang zu den „zehn Wundern von Lwiw“, architektonisch interessante Gebäude aus verschiedenen Epochen. Dabei bekomme man unterwegs gleich noch etwas von der Stadt zu sehen. Umgerechnet fünf Euro koste das.
Das Angebot überzeugt offenbar. Zwei Stunden später stehen am Treffpunkt an einer Ecke des Marktplatzes mehr als 50 TeilnehmerInnen mit ihren Tickets. Ein Mitarbeiter der Touristeninfo teilt die Wartenden in vier Gruppen auf. Fremdenführerin Ludmilla stellt sich lediglich mit Vornamen vor und bittet gleich zum ersten Museum, einem Renaissancepalast aus dem 16. Jahrhundert. Sie legt ein beachtliches Tempo vor und schafft die zehn Sehenswürdigkeiten in zweieinhalb statt drei Stunden.
In der Gruppe mit 13 TeilnehmerInnen ist ein einziger erwachsener Mann. Bis auf einen Teenager sind alle anderen Frauen. Die meisten im Alter 40 aufwärts. Maria und Viktoria sind aus Kyjiw. Ihre Männer seien in der Armee, erzählen sie, und die Kinder schon aus dem Haus. „Wenn wir eine gute Zeit haben wollen, müssen wir eben zusammen losziehen“, sagt Maria, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Nach ein paar ruhigen Tagen in den Karpaten sei nun das Kulturprogramm an der Reihe. „Es ist doch toll hier“, sagt sie und deutet auf die Gebäude ringsum im Unseco-Welterbe der historischen Altstadt. „Und gutes Essen und Getränke gibt es auch.“
Natürlich seien sie auch froh, dass es im Westen der Ukraine weniger Luftangriffe gebe, sagt Viktoria. „Die vergangenen Wochen in Kyjiw waren sehr unruhig.“ Und sie wisse auch, dass es nach dem Urlaub wieder so sein werde. Aber umso mehr wolle sie etwas Abwechslung haben. „Wenn ich wieder in den Luftschutzraum muss, dann wenigstens gut erholt.“
Viktoria, Touristin in Lwiw
Lwiw ist die westlichste Großstadt der Ukraine. Nur rund 90 Kilometer sind es bis zur polnischen Grenze. Das schützt die Stadt nicht vor Angriffen. Auch Todesopfer gab es schon mehrmals. Aber die Attacken sind seltener als in den Regionen weiter östlich. Die Stadt mit ihrer langen Geschichte und einer gut erhaltenen historischen Altstadt ist schon seit vielen Jahren Ziel für Städtetouristen.
Das ist auch während des Krieges so. Die Zahlen zeigen nach einem Einbruch wieder nach oben, weiß Stadtsprecherin Iryna Salo. „Im Jahr 2025 wurde ein moderater Anstieg des Touristenaufkommens in Lwiw verzeichnet.“ Die Zahl der TouristInnen in der Stadt habe fast 1,8 Millionen erreicht – rund 63.000 mehr als 2024. Von Spitzenwerten ist man aber weit entfernt. 2019 – vor der Pandemie und vor Beginn der umfassenden Invasion – wurde Lwiw laut der amtlichen Statistik von rund 2,5 Millionen TouristInnen besucht. Gezählt werden dabei nur Gäste in Herbergsbetrieben. Wer bei FreundInnen oder Bekannten unterkommt, taucht nicht in der Statistik auf.
Allerdings trifft man kaum noch Reisende aus dem Ausland. Seit Beginn der russischen Vollinvasion habe sich die Zusammensetzung des Touristenstroms nach Lwiw erheblich verändert, so Salo. „Inländische Besucher machen inzwischen einen deutlich größeren Anteil aus.“ Die kämen oft auch aus beruflichen Gründen, für Verwandtenbesuche oder weil sie Freiwilligeninitiativen unterstützten.
Zuletzt habe sich aber auch bei den ausländischen BesucherInnen etwas getan. „Ihre Zahl stieg im vergangenen Jahr um fast 18,5 Prozent.“ Im Jahr 2025 kamen demnach die meisten ausländischen BesucherInnen aus Polen, Deutschland, Italien, dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden.
Gästezahlen in Odessa wieder gestiegen
Ähnlich entwickeln sich die Touristenzahlen in Odessa, der Millionenstadt rund 700 Kilometer weiter südöstlich am Schwarzen Meer. Nachdem die Saison 2022 praktisch ausgefallen war, habe die Stadt im vergangenen Jahr bis zu 3,1 Millionen BesucherInnen verzeichnet, erfährt man im Rathaus. Inzwischen sind die meisten Strände im Stadtgebiet wieder geöffnet und mit Schutzräumen aus Beton ausgestattet. Die Einnahmen aus der Übernachtungssteuer für TouristInnen haben sich demnach fast verdreifacht.
Damit hören die Parallelen aber auch schon auf, denn ruhig ist es in Odessa überhaupt nicht. Praktisch täglich wird die Stadt vom russischem Militär beschossen. Von den einfachen propellergetriebenen Drohnen über Marschflugkörper bis zu ballistischen Raketen ist alles dabei, was Moskaus Militärarsenal zu bieten hat.
Dennoch ist die Stadt in den Schulferien voller Besucher. Weder die Schäden noch die anhaltende Gefahr stoppen den Touristenstrom in diesem Jahr. Auch die ukrainische Eisenbahn lässt mehr Züge fahren. Hotels, die zu Anfang der großangelegten russischen Invasion 2022 noch geschlossen waren, haben wieder geöffnet. Statt Rabattangebote werden höhere Preise verlangt. Viele Unterkünfte sind ausgebucht. Einheimische freuen sich schon darauf, wenn sie im September ihre Stadt wieder für sich haben.
Am Widrada-Strand nahe dem Stadtzentrum von Odessa herrscht an einem Nachmittag bestes Badewetter: 26 Grad, eine leichte Brise, hin und wieder zieht eine Wolke vorbei, die Wellen plätschern sanft an den breiten Sandstrand. Hunderte BesucherInnen haben es sich auf ihren Handtüchern bequem gemacht, Kinder bauen Sandburgen, Teenager schubsen sich kichernd gegenseitig ins Wasser. Der Eintritt ist frei und es gibt Platz für alle. Es könnte eine Sommeridylle sein.
Dann fängt die Sirene an zu heulen und in den einschlägigen Telegram-Kanälen wird vor russischen Flugzeugen über dem Meer gewarnt. Sie könnten Raketen abfeuern, die in wenigen Minuten auch diesen Strand treffen können. Man soll schnell Schutz suchen. Die Badegäste irritiert das augenscheinlich nicht. Keiner von ihnen bewegt sich weg. Nur ein paar schauen auf ihre Telefone. Die Eisverkäuferin am Zugang zum Strand ist die Einzige, die zu einem nahegelegenen Schutzraum aus Beton geht. Dabei ist die Gefahr nicht abstrakt: Zwei Wochen zuvor wurde genau an diesem Strand eine Besucherin aus Kyjiw vom Splitter einer explodierenden russischen Langstreckendrohne am Hals getroffen. Die 26-Jährige war nicht zu retten.
Noch während die Sirene heult, schallt ein dumpfes Explosionsgeräusch über den Strand. Die fehlende Druckwelle deutet darauf hin, dass der Ursprung wohl einige Kilometer entfernt gewesen sein muss. Bald danach wird gemeldet, dass der Bereich des etwa 30 Kilometer entfernten Hafens Piwdenne getroffen wurde.
Lidia, ihren Nachnamen möchte sie nicht nennen, hat einen guten Überblick, was am Strand los ist. Sie kassiert das Eintrittsgeld an der öffentlichen Toilette und sorgt für Sauberkeit. „Jeden zweiten Tag arbeite ich hier“, sagt sie. Die Getötete und deren Begleiterinnen habe sie an jenem Tag gesehen. „Ich habe ihnen noch gesagt, sie könnten auch hier hineinkommen, wenn ihnen der Weg zum Schutzraum zu weit ist.“ Das Toilettenhäuschen ist aus Beton und der Sichtschutz vor den Eingängen dürfte Splitter abhalten.
Zu Odessas Sommergästen zählt auch Kateryna Tschulkova. Sie bevorzuge ohnehin Strände, die etwas weiter vom Zentrum entfernt sind, weil es dort mehr Platz gebe. „Außerdem habe ich subjektiv das Gefühl, dort sicherer zu sein, da es weiter vom Hafen entfernt ist“, sagt die 36-Jährige. Sie kennt sich aus. Tschulkova lebt schon viele Jahre in der Hauptstadt Kyjiw, ist aber in Odessa aufgewachsen. Die Reise sei auch eine gute Gelegenheit, Familie und alte FreundInnen wiederzutreffen.
Kateryna Tschulkova, Touristin in Odessa
Im Ausland Urlaub zu machen, war für sie keine Option. Sie wollte die Zeit unbedingt mit ihrem Ehemann verbringen, der Soldat in der ukrainischen Armee ist und einen seltenen Urlaub bekommen hat. Zwei Wochen im Juli haben sie in der Stadt verbracht. „Wir sind fast jeden Tag ans Meer gegangen.“
Dass die Stadt oft angegriffen wird, sei ihr natürlich bewusst gewesen. Aber besondere Vorbereitungen habe sie nicht getroffen. „Ich wohne in Kyjiw, und leider haben wir uns mittlerweile einigermaßen an Luftalarm und Beschuss gewöhnt“, sagt sie.
Luftalarm in Odessa habe sie etwas anders wahrgenommen. Dort dauere der Luftalarm oft wesentlich länger an als in Kyjiw, aber die meisten Drohnen würden abgefangen. In Kyjiw gebe es oft zwar kürzere, aber koordinierte Großangriffe. Das fühle sich schon beängstigender an, „wenn zahlreiche ballistische Raketen sowie Drohnen gleichzeitig eintreffen“. Während ihrer Zeit in Odessa sei einmal nach einem Angriff der Strom ausgefallen, erzählt Tschulkova. „In der ganzen Stadt liefen dann die Generatoren.“ In Kyjiw kenne sie das nur aus dem Winter.
Im vergangenen Winter hatte Russland über Monate gezielt die Energieinfrastruktur angegriffen. In Kyjiw und anderen Städten häuften sich nicht nur die Stromabschaltungen, sondern auch die Fernwärme fiel aus – mancherorts dauerhaft. Für den nächsten Winter wird Ähnliches erwartet. Nur, dass bereits viel zerstört ist und nur wenig repariert. Staatliche Stellen und auch die Bewohner selbst versuchen die Notstromversorgung zu dezentralisieren und schaffen sich Stromspeicher an.
Trotz allem habe sie richtig gut abschalten können. „Natürlich trübt der Luftalarm die Entspannung, doch leider ist das heute unsere Realität.“ Sie möchte einfach – zumindest für eine Weile – das Gefühl haben, ein normales Leben zu führen: geliebte Menschen sehen, ans Meer fahren, spazieren gehen, sich entspannen und einfach Zeit mit den Menschen verbringen, die einem am Herzen liegen. Der Winter kommt noch früh genug.
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