piwik no script img

Afrikanischer Fanaktivist über die Fifa„Es ist der Anfang einer globalen Fanbewegung“

Der Koordinator von „Football Supporters Africa“, Adebayo Akande, erklärt, weshalb Fifa-Chef Infantino weg muss und was der afrikanische Fußball braucht.

Alina Schwermer

Interview von

Alina Schwermer

taz: Herr Adebayo Akande, die „Football Supporters Africa“ haben gemeinsam mit nordamerikanischen und europäischen Fanverbänden eine Erklärung veröffentlicht, in der Sie Infantinos Rücktritt und mehr Transparenz bei der Fifa verlangen. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Adebayo Akande: Wir haben eine Verantwortung, uns zu den Problemen bei der Fifa zu äußern, insbesondere zum Verhalten des Präsidenten. Bei der WM 2026 haben die völlig überhöhten Ticketpreise erstmals überhaupt so viele Fans ausgeschlossen. Es ist natürlich grundsätzlich aus Afrika schwieriger, zur WM zu fahren, aber in der Vergangenheit waren wir dazu immer in der Lage. Diesmal konnte sich kein einziger durchschnittlicher Afrikaner ein Ticket leisten. Außerdem hat uns der Gastgeber USA entrechtet, indem er unsere Länder teils mit Einreiseverboten belegt hat. Zu unserer Überraschung stand die Fifa nicht auf der Seite der Fans, sondern auf der Seite der USA. Und dann war da natürlich noch die „Fifa Forward Enterprise“, also Infantinos Privatisierungsplan für Fifa-Turniere, den er gegen den Willen vieler durchdrücken wollte.

Im Interview: Adebayo Akande

lebt in Lagos (Nigeria), engagiert sich dort für den Fußball-Breitensport, ist leitender Fan-Koordinator von „Football Supporters Africa“.

taz: Ihre Positionierung kam trotzdem sehr unerwartet. Die afrikanischen Verbände haben sich hinter Infantino gestellt, er hatte in Afrika immer seinen stärksten Rückhalt.

Akande: Die Fifa hat uns Afrikaner respektlos behandelt. Infantino hat gesagt, dass afrikanische Verbände durch seine Privatisierungspläne mehr Geld bekommen werden. Es hat sich angefühlt, als würden wir bestochen. Ja, der afrikanische Fußball braucht mehr Geld, aber nur mit transparenten Plänen, hinter denen alle Akteure im Fußball stehen. Deshalb haben wir uns mit Mitstreitern aus aller Welt gegen Infantino zusammengeschlossen.

taz: Kameruns Verbandspräsident Samuel Eto’o hat kürzlich gesagt, Fußball sei ohnehin kommerzialisiert und Europa verfolge im Streit mit der Fifa nur seine eigenen Interessen. Infantino sei gut für Afrika. Ist da nicht etwas dran?

Akande: Nicht jeder in Afrika empfindet das so, insbesondere nicht die Fans. Klar, Geld kann viel bewirken. Es ist in Ordnung, sich über Geld von der Fifa zu freuen. Aber wie wird dieses denn verteilt? In vielen afrikanischen Ländern gibt es Beschwerden über die Verwendung. Oft erreicht es die Basis nicht. Hier in Nigeria gab es zum Beispiel gerade einen Streit über ein teures Stadionbauprojekt aus Fifa-Mitteln, mit dem viele Menschen nicht zufrieden waren. So etwas passiert auf dem ganzen Kontinent. Wir haben übrigens aus Verbandskreisen gehört, dass auch dort nicht alle hinter Infantino stehen. Der Kontinentalverband Caf gibt eine Position vor, ohne dass sich Verbände selbst äußern können.

taz: Wie kann man eine sinnvollere Verwendung der Gelder garantieren?

Akande: Die Fifa und die afrikanischen Verbände müssen vollständig offenlegen, wohin das Geld fließt. Jeder Cent muss nachvollziehbar sein. Es reicht nicht, einfach Geld nach Afrika zu schicken. Es sollte in den Breitensport fließen, in den Aufbau des Fußballs von unten, in echte Entwicklung. Nicht in die Taschen von Einzelpersonen.

taz: Sie haben sich unter anderem mit den „Football Supporters Europe“ verbündet, aber ihre Vorstellungen sind gegensätzlich: Viele Fans in Europa kämpfen gegen große Investoren und Kommerzialisierung, viele Fans in Afrika dagegen wünschen sie sich. Ist das ein Problem?

Akande: Unsere Diskussionen werden sich immer von denen in Europa unterscheiden, weil der Fußball dort wesentlich stabiler und kommerzialisierter ist. Viele europäische Ligen haben große TV-Verträge und Sponsoring von außerhalb der Fifa und der Uefa. In Nordafrika sind die Fußballökosysteme zumindest halbwegs stabil, aber in Subsahara-Afrika muss viel passieren. Wir wollen größere TV-Verträge, Investoren, bessere Vermarktung. In der Champions League der Caf bekommt der Sieger weniger als ein Playoff-Teilnehmer in der europäischen Champions League. Wir müssen diese Lücke schließen. Und zwar mit einem kommerzialisierten Ökosystem, nicht mit Almosen.

taz: Das heißt mehr Unabhängigkeit von der Fifa?

Akande: Ja, wir wollen Dinge selbst voranbringen. Wir fordern bessere Infrastruktur, höheren kommerziellen Wert. Wir möchten in der Lage sein, unsere besten Spieler zu halten. Viele afrikanische Fußballverbände sind sehr schlecht geführt, es gibt viel Korruption. So können wir den Fußball nicht kommerzialisieren. In manchen Fällen haben wir auch Probleme mit staatlicher Einflussnahme. Wir haben ganz andere Themen als in Europa, aber das wird immer so sein.

taz: Wird global zu wenig über afrikanische Perspektiven gesprochen? Der Ausschluss vieler afrikanischer Fans bei der WM etwa war in Europa nicht mal ein Aufreger.

Akande: Afrika wird seine Probleme selbst lösen müssen. Europa sollte sich mit seinen eigenen Problemen beschäftigen. Wir können unser Kreuz selbst tragen. Wir sind über den Kolonialismus hinaus. Afrika ist ein erwachsener Mann und muss nicht warten, dass Europa kommt und sich kümmert.

taz: Aber europäische Verbände hätten sich ja solidarisch erklären können?

Akande: Wenn wir Probleme mit Einreiseverboten haben, müssen wir sie diplomatisch lösen. Die Fifa hätte mit den USA sprechen müssen, nicht Europa. Sie hätte Garantien einholen müssen, dass ein qualifiziertes Land und seine Fans einreisen dürfen. Ich war bei der WM in Brasilien, bei der in Russland und in Katar – nur in den USA war ich nicht dabei. Es ist okay, wenn Europa solidarisch die Stimme erhebt. Aber es ist nicht ihre Aufgabe, für uns zu kämpfen.

taz: Haben Sie nach Ihrer Erklärung gegen Infantino Rückmeldungen von afrikanischen Verbänden bekommen?

Akande: Nein. Hier in Afrika sind Fans ziemlich isoliert, wir haben keine formale Kooperation wie zum Beispiel „Football Supporters Europe“ mit der Uefa. Wir kämpfen immer noch darum. Wir führen nur informelle Gespräche. Wir verfügen aber über ein gutes Netzwerk nationaler Fan-Organisationen.

taz: Wie viele Länder sind denn bei Ihnen durch Fans vertreten?

Akande: Derzeit sind es 13. Die meisten Mitglieder haben wir in Tunesien, außerdem sind zum Beispiel Ghana, Nigeria, Namibia, Kenia und Tansania dabei. Wir wachsen. Wir haben in den vergangenen 15 Jahren viele Konferenzen und Workshops veranstaltet und lassen unsere Mitglieder bei „Football Supporters Europe“ schulen. Wir hatten auch schon Gespräche mit dem afrikanischen Kontinentalverband Caf und hoffen auf offizielle Anerkennung. Sie haben uns gesagt, dass sie an unserer Arbeit interessiert sind, aber sie haben noch nicht die nötigen Strukturen, um uns einzubinden. Sie haben zum Beispiel gar keinen Fanbeauftragten.

taz: Der Aufruf gegen Infantino ist die erste tatsächlich globale Bewegung im Fußball. Wird das etwas verändern?

Akande: Ja, ich glaube, das hier war erst der Anfang. Es wird mehr kommen. Wir erleben gerade den Auftakt einer neuen globalen Fanbewegung. Einer, bei der wir gemeinsam dafür sorgen, dass wir gehört werden.

taz: Im März 2027 steht die Fifa-Präsidentschaftswahl an, Afrika könnte dabei das Zünglein an der Waage werden. Wie, glauben Sie, werden die afrikanischen Verbände abstimmen?

Akande: Ehrlich gesagt, viele werden für Infantino sein. Aber ein paar könnten sich dagegen entscheiden. Die gescheiterte „Fifa Forward Enterprise“ hat die Debatte auch bei uns verändert. Ein paar Länder haben schon begonnen, sich zurückzuziehen. Allerdings wird das nicht im gleichen Ausmaß wie anderswo passieren.

taz: Wird Infantino also wiedergewählt?

Akande: Europa tut momentan alles, um ihn zu diskreditieren. Jeden Tag verliert er dort Unterstützer, genauso in Nordamerika. Einer der entscheidenden Faktoren wird sein, welcher Kandidat gegen ihn ins Rennen geht. Wenn dieser Kandidat Sympathien gewinnt, muss Infantino auf jeden Fall sehr viel mehr tun als jetzt, um wiedergewählt zu werden.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!