Staatskrisen am Horn von Afrika: Somalia fürchtet das „Kabul-Szenario“
Somalias Shabaab-Islamisten und Jemens Huthi-Rebellen arbeiten zusammen, auch die Piraterie blüht. Wie lange hält sich Somalias Regierung in Mogadischu noch?
Foto: Abuukar Mohamed Muhidin/Anadolu Agency/imago
Es war der sechste Piratenüberfall in nur einem Monat. Am 20. August wurde der vollbeladene Öltanker „Sibu 1“ vor Jemens Küste von Bewaffneten gekidnappt und Richtung der somalischen Region Puntland umgeleitet. Erst drei Tage vorher war vor Somalias Küste der Frachter „Lutuf“ mit Waffen an Bord gekidnappt worden.
Das Piratenproblem vor der Küste Somalias ist nicht neu. In den Jahren um 2008 kam es ständig zu Kaperungen. Internationale Marinemissionen und Sicherheitsvorkehrungen auf den Schiffen selbst setzten dem ein Ende.
Aber in diesem Jahr gab es bereits 13 Piratenüberfälle. Und die Befürchtung: Piraten operieren in Verbindung mit Jemens Huthi-Rebellen, die von Iran unterstützt werden – und mit Somalias islamistischen Shabaab-Rebellen, die zum internationalen Al-Qaida-Netzwerk gehören.
UN-Ermittler berichten von einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Jemens Huthi, die den Norden des Landes kontrollieren und in der Hauptstadt Sanaa eine Regierung gebildet haben, und Somalias Shabaab. Laut UN-Ermittlungen hat die von Iran unterstützte Huthi-Miliz im vergangenen Jahr somalischen Al-Shabaab-Kämpfern in Trainingslagern in Jemen den Umgang mit Kamikazedrohnen beigebracht, ihnen Waffen und Munition verkauft. Eine in diesen Tagen veröffentlichte neue Recherche des Wall Street Journal nennt als zentralen Mittelsmann den Somalier Jibril Yahya Ali, der eine Jemenitin geheiratet hatte. Er wurde kurz vor Beginn des Irankrieges der USA unter unklaren Umständen getötet. Die USA haben seit Anfang 2025 demnach über 80 Angriffe auf Shabaab-Stellungen in Somalia geflogen.
„Die Huthi haben die Waffen, die Shabaab das Geld“
Neben der rein militärischen Kooperation sieht der in den USA tätige somalische Shabaab-Experte Guled Ahmed, der im vergangenen Jahr das Buch „Al-Shabaab Mafia Inc.“ herausgebracht hat, eine „geopolitische Partnerschaft“ zwischen Shabaab, Huthi und lokalen Piraten-Netzwerken. „Al-Shabaab finanziert die Piraten, die die Schiffe kapern, und koordiniert mit den Huthi die Angriffe“, sagt Ahmed im Gespräch mit der taz: „Das Lösegeld teilen sie sich.“
Seinen Recherchen nach hat sich die Shabaab-Miliz mit Geschäftsaktivitäten zu einer Mafiaorganisation gemausert, die einen Jahresumsatz von rund einer Milliarde Dollar verbuchen kann. „Die Huthi haben die Waffen und Shabaab hat das Geld“, so Ahmed. Womöglich nutze Iran, das finanziell klamm ist, diesen Umstand, um mit somalischer Hilfe die Seewege vor Jemens Küste Richtung Rotes Meer „unpassierbar zu machen“. Laut einem neuen Bericht des Thinktanks Century Foundation bauen Jemens Huthi-Kommandanten im Auftrag Irans ihren Einfluss nach Eritrea, Sudan und Somalia gezielt zu diesem Zweck aus.
Irans Bedürftigkeit wiederum können somalische Piraten ausnutzen. Die „Sibu 1“ unter eritreischer Flagge ist bis heute in Piratenhand. Der Tanker soll Öl aus Iran im Wert von bis zu 20 Millionen US-Dollar zur Lieferung nach Sudan tragen und steht auf der US-Sanktionsliste für Iran. Der Frachter „Lutuf“ unter der Flagge Kameruns transportiert offenbar Militärausrüstung und Bauteile für einen türkischen Weltraumbahnhof, der in Somalia gebaut wird. Nachdem er am 17. August gestürmt wurde, lag er vor der Küste Puntlands vor Anker. Als sich Boote dem gekaperten Tanker näherten, wurden sie von Drohnen angegriffen. Dabei wurden laut Somalias Verteidigungsministerium 14 Menschen getötet.
Die Türkei ist ein enger Freund von Somalias Regierung
Die Türkei unterhält enge Beziehungen zur international anerkannten somalischen Regierung in Mogadischu. Die somalische Hauptstadt beherbergt die größte Auslandsbasis des türkischen Militärs, Ankara gewährt Militärhilfe im Austausch für Öl, Gas oder Fischereirechte. Türkische Kampfjets, die in Mogadischu stationiert sind, bombardierten Ende Juni Shabaab-Stellungen im Süden Somalias.
Die Regierung in Mogadischu kontrolliert nur einen kleinen Teil des somalischen Staatsgebiets. Das Land hat seit dem Sturz des letzten somalischen Militärdiktators Siad Barre durch Rebellen 1991 keine einheitliche Regierung mehr. Der nördliche Teil Somaliland erklärte sich damals unabhängig. Die nordöstliche Region Puntland sieht sich als autonom.
In Somalias Süden kämpft die Regierung mal mit lokalen Warlords und regionalen Machthabern, mal gegen sie und vor allem gegen die Shabaab, die seit zwanzig Jahren weite Landstriche beherrschen und zeitweise auch immer wieder Angriffe in Mogadischu verüben konnten.
In den vergangenen Jahren hat es enorme militärische Anstrengungen gegeben, die Zentralregierung zu stärken. Mit internationaler Hilfe durch eine AU-Stabilisierungsmission (Aussom) und Truppen aus Uganda, Burundi, Kenia und Äthiopien gelang es, die Shabaab immer weiter zurückzudrängen. Die islamistische Rebellengruppe war zuletzt nur noch in den ländlichen Regionen von Zentralsomalia aktiv, kontrollierte dort den Holzkohlehandel und trieb Steuern von der Bevölkerung ein.
Die afrikanische Eingreiftruppe wird abgewickelt
Seit Juli steht nun fest: Aussom wird ab Ende des Jahres nicht weiter von der UN unterstützt. Der Grund: Der größte Beitragszahler, die US-Regierung, hat die Finanzierung eingestellt. Bislang lieferten UN-Flugzeuge monatlich 240 Tonnen Lebensmittel für die AU-Friedenstruppen und für Somalias Armee sowie Fahrzeuge, Benzin und medizinische Ausrüstung. Jetzt wird diese Operation abgewickelt. Die ersten Logistiker haben bereits ihre Kündigungen erhalten, ab September werden Fahrzeuge und Geräte online versteigert.
Nun steht die Frage im Raum, ob die Aussom-Truppen langfristig sogar abziehen müssen. Äthiopiens Einheiten haben bereits im Juli Somalia verlassen. Ugandas Armeechef Mohoozi Kainerugaba erklärte am Freitag auf X, nach rund 20 Jahren würden alle ugandischen Truppen bis August 2027 Somalia verlassen. Der X-Post wurde allerdings wieder gelöscht, es bleibt also unklar.
Zusammen mit dem Aufschwung der Piraterie und dem Überschwappen des Irankrieges auf die Seewege vor Somalia ist also festzustellen: Somalias Krise erreicht einen erneuten Höhepunkt. Omar Mahmood, Somalia-Analyst der International Crisis Group (ICG), sagt der taz: „Im Kern geht es stets um den Kampf, in Somalia einen funktionsfähigen, zentralisierten Staat wiederaufzubauen, der die Kontrolle über das gesamte Staatsgebiet ausüben kann.“
Genau das rückt jetzt offenbar in weite Ferne, und laut dem Analysten Guled Ahmed ist Shabaab im Begriff, die Gunst der Stunde zu nutzen. Das mögliche Sicherheitsvakuum „bestärkt al-Shabaab darin, sich ermutigt zu fühlen, Mogadischu einzunehmen“, so Ahemd. Die Kämpfer würden dieser Tage die Hauptstadt wieder „umzingeln“ und auch innerhalb der Stadtgrenze seien sie bereits gesichtet worden – eine „furchterregende Lage“.
Wie in Afghanistan die Taliban?
Vergangene Woche kreisten Kampfjets über den Dächern der Hauptstadt. Die Bevölkerung habe Angst vor einem sogenannten Kabul-Effekt, sagt Ahmed: Als 2021 die ausländischen Truppen aus Afghanistan nach zwanzig Jahren abzogen, brach die vom Westen unterstütze Regierung Afghanistans wie ein Kartenhaus zusammen und die Taliban konnten die Herrschaft übernehmen.
ICG-Analyst Mahmood relativiert diese Befürchtungen: „Ich sehe keinen Zusammenbruch der Regierung oder Ähnliches voraus“, stellt er klar. Dafür hätten viel zu viele Staaten Sicherheitsinteressen. „Ich sehe eher einen Wandel voraus hin zu bilateralen Sicherheitsabkommen, der im Grunde schon im Gange ist.“
Neben der Türkei unterzeichnete Pakistan im August eine Militärpartnerschaft mit Somalias Regierung, eine weitere Militärkooperation wurde bereits im Februar mit Saudi-Arabien geschlossen. Israel beschloss Anfang des Jahres, Somaliland anzuerkennen – eine Kampfansage gegen Iran, Hauptunterstützer der Huthi-Rebellen in Jemen. Somalia, strategisch gelegener Anrainer der wichtigsten Seewege zwischen Asien, Afrika und Europa, wird zum Flickenteppich verschiedener Einflussgebiete.
Somalias Regierung ist dieser Lage nicht gewachsen. Wie so oft ist die politische Elite in Mogadishu mit sich selbst beschäftigt. Die Amtszeit des Präsidenten Hassan Sheikh Mohamud ist offiziell im Mai zu Ende gegangen. Neuwahlen – sie finden bisher immer nur indirekt statt, indem Clanvertreter Parlamentarier ernennen, die dann den Präsidenten wählen – werden mit dem Argument verschleppt, man müsse eine Verfassungsreform vollziehen sowie das Wahlsystem überholen. Stattdessen organisieren manche Regionalfürsten eigene Wahlen, die die Zentralregierung dann nicht anerkennt. Es kam vor diesem Hintergrund zu Kämpfen um die Kontrolle der wichtigen Stadt Baidoa.
Vergangene Woche protestierte die Bevölkerung in mehreren Stadtteilen der Hauptstadt. Die Zentralregierung hat für zahlreiche Wohngebiete Räumungsbefehle erlassen, um auf den Grundstücken, auf denen ohne Baugenehmigungen ganze Armenviertel entstanden sind, neue Gebäude zu errichten. Es gab Tote und Verletzte, als Polizei und Militär einschritten.
Der Oppositionsabgeordnete Abdirahman Abdishakur Warsame warnte, dass Zwangsräumungen die Gefahr einer Katastrophe bergen: „Es geht hier nicht nur um Obdachlosigkeit, sondern um die nationale Sicherheit“, so Abdishakur. Die Abrisskampagne der Regierung liefere al-Shabaab ein „mächtiges Rekrutierungsinstrument auf dem Silbertablett“.
Shabaab rekrutiert und investiert
Shabaab-Sprecher Ali Dhere lud nun in einer Videobotschaft die aus Mogadischu Vertriebenen ein, sich in den von der Miliz kontrollierten Gebieten niederzulassen und dort zu investieren. Shabaab Experte Ahmed hat Informationen, wonach die islamistische Miliz mit dem Bau neuer Hochhäuser in der Innenstadt von Mogadischu enorme Summen ihres illegal erwirtschafteten Geldes wäscht. „Sie investieren hauptsächlich in Immobilien in Mogadischu“, erläutert er.
Durch verstärkte Rekrutierungen unterhält al-Shabaab laut UN-Ermittlern mittlerweile rund 18.000 Kämpfer, darunter zunehmend auch Ausländer, sogar aus der Türkei. Gleichzeitig lenkt das Vorgehen der Regierung in Mogadischu von den eigentlichen Problemen ab, so ICG-Analyst Mahmood: „Es bindet Kräfte, die gegen Shabaab kämpfen könnten.“
Somalias Armee, deren Truppen gerade frisch trainiert aus der Türkei zurückkamen, haben in den vergangenen Wochen erneut Militäroperationen gegen Shabaab im Umland von Mogadischu gestartet. Es gibt Meldungen über getötete hohe Kommandanten auf beiden Seiten. Aber vor dem Hintergrund des weit verzweigten Netzwerks von Shabaab komme eine rein militärische Lösung viel zu kurz, so Ahmed: „Es bedarf eines ganzheitlichen Ansatzes, sowohl die Geldströme als auch die Kontakte zu anderen Terrornetzwerken zu zerschlagen.“
Der Aufschwung der Piraterie macht genau dies praktisch unmöglich. Am vergangenen Samstag wurde das gekaperte Rüstungsshiff „Lutuf“ nach Angaben des somalischen Verteidigungsministeriums durch eine gemeinsame Operation türkischer und somalischer Kräfte „befreit“. Die Regionalregierung des autonomen Puntland erklärte aber, die Piraten seien freiwillig abgezogen, nachdem Somalias Regierung ihnen Lösegeld in Millionenhöhe bezahlt habe. Das, so zitierte die somalische Nachrichtenportal Garowe Online Offizielle aus Puntland, sei ein „schwerer Fehler“.
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