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CDU nach Wahl in Sachsen-Anhalt„Aufgeben ist keine Option“

Nach der desaströsen Wahlniederlage in Sachsen-Anhalt steht Bundeskanzler Merz in der Kritik. Der will nicht weichen – aber mehr auf Emotionen setzen.

Das Entsetzen ist groß, auch im Kanzleramt. Er sei „zutiefst schockiert“ über den Wahlausgang in Sachsen-Anhalt, sagt Friedrich Merz, als er am Montagmittag nach den CDU-Gremiensitzungen in der Parteizentrale neben dem Wahlverlierer Sven Schulze auf der Bühne steht. Das Wahlergebnis, so der Kanzler weiter, werde nicht nur in Sachsen-Anhalt etwas verändern, sondern im ganzen Land. „Und es hat Auswirkungen auch auf die internationale Lage.“

Die CDU war bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt dramatisch abgestürzt, gerade mal 17 Prozent hat sie geholt. Der AfD fehlen im Landtag dagegen nur drei Stimmen zur absoluten Mehrheit. Es ist eine Zäsur: Erstmals seit 1945 stehen Rechtsextremisten in Deutschland kurz vor der Macht. Und die CDU konnte es nicht verhindern. Die Partei steckt in der größten Krise ihrer Geschichte, nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern im ganzen Land.

Inzwischen scheint auch bei Merz angekommen zu sein, dass er daran einen gehörigen Anteil hat. Am Vormittag, so ist zu hören, soll das in Gremien Thema gewesen sein, man sei sachlich geblieben, heißt es. Ignorieren lässt sich das Thema nicht, dafür waren die Nachwahlbefragung zu eindeutig.

„Wenn die Bundesregierung bessere Politik machen würde, wäre die AfD nicht so stark in Sachsen-Anhalt“, meinen 88 Prozent der Befragten. „Die CDU hat vor der Bundestagswahl zu viel versprochen, aber wenig davon gehalten“, dieser Aussage stimmen 84 Prozent zu. Und drei Viertel der Befragten sind der Ansicht, dass Merz persönlich dem Abschneiden der CDU geschadet habe, auch knapp die Hälfte der CDU-Anhänger:innen sieht das so. Allein AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund meint: „Ein sehr guter Wahlkämpfer war für uns Friedrich Merz.“

Erst Dank und Lob, dann Selbstkritik

Erstmals seit 1945 stehen Rechtsextremisten in Deutschland kurz vor der Macht. Und die CDU konnte es nicht verhindern

Nach Dank und Lob an Sven Schulze setzt Merz denn auch zu ein wenig Selbstkritik an. „Ich weiß, dass auch meine Person Dauerthema in diesem Wahlkampf war und dass die Reformen Dauerthema in diesem Wahlkampf waren“, sagt er. Diese würden für die Zukunft des Landes dringend gebraucht, davon sei er fest überzeugt. Ablassen will er also davon nicht, auch wenn große Teile der Bevölkerung sie als sozial ungerecht empfinden.

Aber man müsse, so Merz sensationelle Idee, sie nicht nur rational begründen, sondern auch emotional vermitteln. Das sei jetzt gemeinsame Aufgabe, dieser stelle er sich auch. Er wolle mit der SPD „eine neue, bessere Erzählung“ für die Reformen finden. Das alles trägt Merz allerdings ausgesprochen nüchtern vor. Und hieß es nicht schon so oft und ohne Erfolg, dass man die Kommunikation jetzt wirklich verbessern wolle?

Große Zweifel in der CDU

In der CDU gibt es denn auch große Zweifel, ob Merz das überhaupt kann. Zu oft trifft dieser den falschen Ton, ganz besonders im direkten Austausch mit den Bürger:innen. Aber noch hält man sich in der Partei bedeckt, denn in den nächsten zwei Wochen stehen eine Kommunal- und zwei wichtige Landtagswahlen an. In den Umfragen in Mecklenburg-Vorpommern ist die CDU inzwischen einstellig, in Berlin hofft man noch auf einen Wahlsieg. Den will man mit einer Debatte über die Zukunft des Kanzlers nicht gefährden.

Merz selbst macht klar, dass er keinesfalls weichen will. Mehrfach sagt er an diesem Mittag Sätze wie: „Ich habe nicht vor, mich der Verantwortung zu entziehen.“ Oder: „Aufgeben ist für mich keine Option.“ Dennoch wirkt es immer wieder so, als könnten Merz Tage im Kanzleramt gezählt sein. Nur: Den Kanzler auszutauschen, ist in Deutschland gar nicht so leicht. Und wer sollte Merz eigentlich ersetzen? Am häufigsten wird dabei der Name von Hendrik Wüst genannt, dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten, der relativ geräuschlos mit den Grünen regiert. Wüst aber steht im April eine für die CDU sehr wichtige Landtagswahl bevor, die will er wohl erst mal gewinnen.

Merz versucht an diesem Mittag nach dieser einschneidenden Wahl aber auch den Leuten die Sorge ein bisschen zu nehmen. „Ich will allen Menschen versichern, unsere Institutionen sind wehrhaft und stabil“, sagt er. Das Grundgesetz schütze und garantiere diese Ordnung. Und: „Die von mir geführte Bundesregierung wird dafür sorgen, dass das Grundgesetz durchgeführt wird.“ Wie er das in Zweifelsfall aber machen will, das allerdings sagt Merz nicht.

Sven Schulze steht neben Merz und lässt den Blick durch das Foyer der CDU-Zentrale schweifen. Beinahe unbeteiligt wirkt er dabei. Am frühen Montagabend kommt in Magdeburg der CDU-Landesvorstand zusammen. Viele rechnen damit, dass Schulze dort sein Amt als Landeschef zur Verfügung stellt. In Berlin lässt er sich einen möglichen Rücktritt bestenfalls entlocken. Er spricht von einer „schweren Niederlage“, davon, dass er „entsprechende Konsequenzen ziehen“ und dem Landesvorstand ein Verfahren vorschlagen werde. Kommt es so, wäre die CDU in Sachsen-Anhalt wohl erst einmal mit sich selbst beschäftigt. Immerhin scheint durch das Wahlergebnis, das eine von den Linken tolerierte Kenia-Koalition unmöglich macht, der CDU aktuell ein großer Streit erspart zu bleiben: um den Umgang der Partei mit den Linken.

Bleibt die Gefahr, von der immer wieder zu hören ist, dass Überläufer aus der auf 15 Sitze geschrumpften CDU-Fraktion AfD-Mann Siegmund ins Ministerpräsidentenamt wählen könnten. Zwei von den Namen, die dabei stets genannt werden, gehören der Fraktion weiter an: Ulrich Thomas aus dem Harz und Lars-Jörn Zimmer aus Bitterfeld-Wolfen. Die beiden hatten schon 2019 eine neunseitige „Denkschrift“ erarbeitet, die Gemeinsamkeiten ihrer Partei mit der AfD auslotete. Die CDU müsse „das Soziale mit dem Nationalen versöhnen“, hieß es darin.

Thomas weist diesen Verdacht vehement zurück. „Totaler Quatsch“ sei das, sagte er der taz im Wahlkampf. „Die haben mich fünf Jahre lang beschimpft und für blöd erklärt, die werden von mir keine Zustimmung bekommen. Für mich ist und bleibt die CDU meine politische Heimat.“ Auch Schulze sagt am Montag entschieden: „Da wird es mit Sicherheit niemanden aus der CDU-Fraktion geben.“ Das BSW werde dafür sorgen, dass die AfD regieren kann. Ob es so kommt, wird man vielleicht erst sehen, wenn die Wahl im Landtag wirklich durchgeführt wird. Ein Termin dafür ist offen. Bis dahin bleibt Sven Schulze als Ministerpräsident geschäftsführend im Amt.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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14 Kommentare

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  • Powpowerpow

    Und Merz so: Fantastische Nachrichten!



    Es gibt mehr Heu!



    Denn um die Nadel im Heuhaufen zu finden, brauchen wir wirklich viel mehr davon.

  • Philippo1000

    Es ist kein Geheimnis, dass ich kein Freund von Friedrich Merz bin.



    Nun eine Geschichte zu erzählen, dass "der Kanzler wackelt", nützt allerdings nur der "afd".



    Es ist schon erstaunlich, nachdem wir die gute Arbeit der Initiative "taktisch wählen" beobachten konnten, wie Wenige daraus lernen.



    Es mag schon sein, dass es Menschen gibt, die noch vom Kommunismus träumen, realistisch ist das aber nicht.



    Wir stehen nicht vor einem Linksruck, sondern betrachten den Rechtsruck in letzter Konsequenz .



    Anders gesagt: es geht nicht darum, gut gepflegte Feindbilder wie die Union zu zerstören, sondern die Demokratie vor der Zerstörung zu schützen.



    Es kommt mir sehr seltsam vor, dass gestern noch die Zivilgesellschaft gelobt wurde und heute "Verantwortliche" gesucht werden.



    Ist es nicht offensichtlich, dass das das Vorgehen der "afd" kopiert?



    _Die Schuldigen sind immer die Anderen "!?



    Aufwachen!



    Die Blase schützt nicht vor Rechtsextremismus.



    Da muss man*frau den Hintern schon mal vom Sofa erheben und das Hirn lüften.



    Viele Menschen in Sachsen Anhalt haben uns gezeigt, wie das geht.



    Daran müssen wir anknüpfen, dann kann auch eine Wahl in MV gewonnen werden.

  • Gerald Müller

    Soso, Merz will also auf Emotionen setzen. Die er bisher gut versteckt hat. Oder besser: die eher negativ aufgefallen sind. Glaube nicht, dass der über seinen Schatten springen kann.



    Mann oh Mann, Merz ist der Bundeskanzler, an den Schalthebeln der Macht! Der soll nicht "auf Emotionen setzen" sondern Taten tun! Nicht quatschen, sondern machen! Aber er redet weiter vom "besser erklären" (tut mir leid, aber ich bin nicht doof und Unsinn bleibt Unsinn, auch wenn man ihn "besser erklärt"), von einer "besseren Erzählung" - der Mann hat wirklich keine Ahnung. Ernnert mich an ein Zitat von Mark Twain (sinngemäß, konnte das Original nicht so schnell finden): "Als wir merkten dass wir auf dem falschen Weg waren, sind wir schneller marschiert".



    Friederich oh Friederich, mach weiter so. Die AfD wird es dir danken.

  • Sabine Hofmann-Stadtländer

    "Aufgeben ist keine Option!" - So weitermachen jedoch auch nicht.

  • Strolch

    Hendrik Wüst würde im schlimmsten Fall die AFD weiter befeuern. Er ist weniger konservativ als Merz. Die Frage ist, wenn die Koalition bricht, kommt dann CDU/AFD im Bund unter wem auch immer? Oder will hier irgendwer im Forum gerade Neuwahlen im Bund? Da wäre die AFD noch stärker.

  • Forist Grump

    Ich verstehe die allgemeine Schockiertheit nicht. Das Wahlergebnis entspricht doch im Wesentlichen den Prognosen. Aber anscheinend hat man die nicht wahrhaben wollen. Kanzlerazubi Merz wollte die AfD halbieren, stattdessen halbiert er jetzt die CDU. Gratulation!

  • Willi Müller alias Jupp Schmitz

    "Ulrich Siegmund meint: „Ein sehr guter Wahlkämpfer war für uns Friedrich Merz.“"



    Spricht doch für sich, oder?

    • Willi Müller alias Jupp Schmitz

      @Willi Müller alias Jupp Schmitz:

      Nachschlag - Danke 🌜🐑

      taz.de/ARD-Sommeri...&s=Wahlkampf+Merz/

  • warum_denkt_keiner_nach?

    "Er wolle mit der SPD „eine neue, bessere Erzählung“ für die Reformen finden."

    Ein Grund für den Aufstieg der AfD ist, dass viele Politiker glauben, dass man grottenschlechte Ideen nur richtig verkaufen müsse. Die sogenannten "Reformen" sind vom Inhalt her gegen die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung gerichtet. Da nützt auch eine andere Verpackung nichts. Den Inhalt muss man ändern.

    Das Verrückte an der Geschichte ist, dass die Wähler jetzt in Scharen zu einer Partei laufen, die noch mehr gegen die Interessen der Bevölkerung regieren will.

  • Kunoberti

    Aufgeben war für Nagelsmann auch keine Option ;-))

  • Aurego

    Wenn Merz versuchen sollte, mir etwas "emotional zu vermitteln", dann höchstens, die CDU/CSU überhaupt gar nicht zu wählen. Da ich aber im Söder-Land lebe, hätte ich ja eine Alternative, denn Söder kann das um Größenordnungen besser - das muss man schon anerkennen, auch wenn Söder und ich selten einer Meinung sind.

  • Joba

    Vorneweg: Wenn mir nur die Wahl zwischen Merz und Siegmund bliebe, was hoffentlich nie der Fall sein wird, würde ich Merz wählen, obwohl er mir weder sympathisch ist, noch ich seine Inhalte wirklich möchte.



    Unabhängig von Emotionen seiner Person gegenüber, bliebe er für mich, das kleinere Übel.



    Am gestrigen Wahlabend habe ich zum ersten Mal, längere Ausführungen von Ulrich Siegmund über mich ergehen lassen, ohne sofort wegzuzappen und mit Entsetzen festgestellt, dass der Mann von seinem Auftreten her, gar nicht so unsympathisch bei mir rüberkommt, wie Friedrich Merz . Herr Schulze strahlt demgegenüber eine solide Langeweile aus, die gegen Siegmund keine Chance hat.



    Ob es uns gefällt oder nicht spielt persönliche Ausstrahlung (durch Sachkompetenz hat sich Merz in seiner bisherigen Kanzlerschaft solche leider nicht für sich erworben) bei Wahlen eine immer größere Rolle. Merz sollte daher einsehen, dass er, wenn er stärker auf Emotionen setzt, die Leute nur noch mehr gegen sich aufbringt und Platz für Hendrik Wüst oder Daniel Günther machen. Gleiches gilt für Klingbeil und Bas.

  • Wunderwelt

    Sorry Hr Merz..und nichts gegen Sie persönlich. Aber all das hat sich schon seit Jahren abgezeichnet.







    Seit Jahren haben diverse Persönlichkeiten immer wieder darauf hingewiesen, daß eine Anbiederung an die afd Themen, samt Übernahme ihres populistischen Stils, eben nicht der cdU nützt, sondern allein der afd.







    Sie haben behauptet, die afd halbieren zu können und sie "weg zu regieren". Und nun sagt die afd zu recht Sie seien ihr bester Wahlkämpfer gewesen..was der einzige Punkt ist in dem die afd recht hat.







    Sorry Hr. Merz: sie können es nicht..und Sie lernen es auch nicht..denn mit ihren jetzigen Äußerungen zeigen Sie, daß Sie den entscheidenden Punkt immer noch nicht verstanden haben.







    Was es jetzt braucht ist eine echte Führungspersönlichkeit, mit Strahlkraft, die in der Lage ist, ohne zu spalten, alle mitzunehmen. Die eine glaubhafte Zukunftserzählung hat. Die neue Gesprächsformate anstößt, in der sich alle..und dabei insbesondere auch die Ostdeutschen gehört und ernst genommen fühlen. Und die endlich mit klarer Kante gege die Extremisten in der afd vorgeht.







    Es gibt eine solche Persönlichkeit, sie heißt: Hendrik Wüst.







    -> Bitte machen den Platz frei Hr Merz..!!

  • Minion68

    Die Reformen sind also gut für uns, und Merz & Co wollen daran festhalten, Merz will auch den ganzen Laden weiterführen. Heißt also, es wird sich nichts ändern, der Sozialabbau wird wie geplant durchgezogen. Für die Neoliberalisten, zu denen Merz & Co. gehören, läuft es derzeit prächtig, warum sollten sie also etwas ändern.