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Welttag der Suizidprävention„Reden kann Leben retten“

In Deutschland nehmen sich jährlich 10.000 Menschen das Leben. Dennoch ist das Wissen über Hilfe und Prävention kaum verbreitet. Was sich Betroffene wünschen.

Shoko Bethke

Aus Speyer

Shoko Bethke

O liver Wildenstein war Anfang 30, als die Krankheit anfing. Er bekam Konzentrationsprobleme, hatte Schlafstörungen und war ständig müde. Wenn er ein Buch las, wusste er am Ende der Seite nicht mehr, was ganz oben stand. Legte er sich abends schlafen, wachte er zwei Stunden später schweißgebadet wieder auf. Überall sah er nur noch Probleme.

„Die Gartenarbeit wurde mir zu viel“, sagt Wildenstein. „Rasen mähen, die Hecke schneiden, das Grüngut wegbringen … Was, wenn jemand merkt, dass es mir schlecht geht?“

Wildenstein sitzt während des Gesprächs mit der taz in der hinteren Ecke seines Wohnwagens. Wenn er nachdenkt, wandert sein Blick an die Decke. Der ehemalige Senior-Projektmanager ist 55 Jahre alt und lebt seit 25 Jahren mit seiner Depression. Einen konkreten Auslöser habe es nicht gegeben. „Es kamen viele Faktoren zusammen.“

Der Welttag der Suizidprävention

Seit 2003 rufen Organisationen der Suizidprävention jedes Jahr am 10. September zum gemeinsamen Handeln gegen die hohe Zahl von Suiziden auf und machen auf die Möglichkeiten ihrer Verhinderung aufmerksam. JIn Deutschland wird dieser Tag von vielen Initiativen und Einzelpersonen genutzt, um mit Aktionen, Veranstaltungen und Gedenkmomenten ein starkes Zeichen für das Leben und die Solidarität zu setzen. Mehr Informationen hier: https://www.welttag-suizidpraevention.de

Unter anderem im Job habe er sich viel Druck gemacht. Nach außen hin funktionierte er: Er verantwortete das Budget, handelte Verträge aus und führte Gespräche mit Mitarbeitenden. Dass es ihm mental schlecht ging, konnte er gut verheimlichen: „Wie ein Schauspieler.“ Er liebte seine Arbeit und bekam viel positives Feedback. Trotzdem war er überzeugt: Es werde nicht lange dauern, bis alle merkten, dass er nichts draufhabe. Rückblickend weiß Wildenstein, dass diese Ängste nicht real waren.

Neben der Verantwortung im Job kam die Verantwortung zu Hause. Mit der Geburt seiner Kinder ging seine damalige Frau in Elternzeit, Wildenstein hatte die Verantwortung für das Haushaltseinkommen. Nach Feierabend habe er sich nur noch ins Bett legen wollen – anstatt Zeit mit seiner Familie zu verbringen. „Meine Ex-Frau war hilflos, weil sie nicht wusste, wie sie damit umgehen soll.“ Auch sozial zog sich Wildenstein zunehmend zurück. Der Freund, mit dem er regelmäßig Squash gespielt hatte, habe irgendwann nicht mehr nach ihm gefragt. „Es wäre schön gewesen, wenn er weiter gefragt hätte, ob wir gemeinsam spielen wollen“, sagt Wildenstein.

Hilfe bei Suizidgedanken

Haben Sie den Verdacht, an Depression zu leiden? Oder haben Sie sogar suizidale Gedanken? Andere Menschen können Ihnen helfen. Sie können sich an Familienmitglieder, Freun­d:in­nen und Bekannte wenden. Sie können sich auch professionelle oder ehrenamtliche Hilfe holen – auch anonym. Bitte suchen Sie sich Hilfe, Sie sind nicht allein. Anbei finden Sie einige Anlaufstellen.

Akute suizidale Gedanken: Rufen Sie den Notruf unter 112 an, wenn Sie akute suizidale Gedanken haben. Wenn Sie sofort behandelt werden möchten, finden Sie Hilfe bei der psychiatrischen Klinik oder beim Krisendienst.

Depression und depressive Stimmung: Holen Sie sich Hilfe durch eine Psychotherapie. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe kann Ihnen ferner Hilfe und Information zum Umgang mit Depression bieten.

Kummer: Sind Sie traurig und möchten jemanden zum Reden haben? Wollen Sie Sorgen loswerden und möchten, dass Ihnen jemand zuhört? Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr besetzt. Die Telefonnummern sind 116 123 oder 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Sie können auch das schriftliche Angebot via Chat oder Mail in Anspruch nehmen.

Onlineberatung bei Suizidgedanken: Die MANO Suizidprävention bietet eine anonyme Onlineberatung an. Wenn Sie über 26 Jahre alt sind, können Sie sich auf der Webseite registrieren. Sollten Sie jünger sein, können Sie hier eine Helpmail formulieren.

Hilfsangebot für Kinder, Jugendliche und Eltern: Die Nummer gegen Kummer hat sich zum Ziel gesetzt, Kindern, Jugendlichen und Eltern zu helfen. Kinder erhalten dort Unterstützung unter der Nummer 116 111, Eltern unter 0800 111 0 550, und bei der Helpline Ukraine unter 0800 500 225 0 finden Sie auch Hilfe auf Russisch und Ukrainisch.

Hilfsangebot für Mus­li­m:in­nen: Die Ehrenamtlichen des Muslimischen Seelsorgetelefons erreichen Sie anonym und vertraulich unter 030 443 509 821.

Bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention können Sie nach weiteren Seiten und Nummern suchen, die Ihrem Bedarf entsprechen.

Sein Zustand hielt mehrere Monate an. Irgendwann habe er auch suizidale Gedanken gehabt. Fast täglich habe er darüber nachgedacht, sich sein Leben zu nehmen.

Es wäre schön gewesen, wenn er weiter gefragt hätte, ob wir gemeinsam spielen wollen.

Oliver Wildenstein

Darüber reden konnte er nicht. Stattdessen sei er zunehmend verstummt, habe keine Emotionen mehr gezeigt, war stets erschöpft. Von der Ex-Frau, Kol­le­g:in­nen und im Freundeskreis bekam er zu hören, dass jeder Mensch mal schlechte Tage habe. „Reiß dich zusammen“, habe er oft gehört. Das wiederum führte bei Wildenstein dazu, dass er sich in seinem Zustand nicht gesehen fühlte.

„Sätze wie ‚Geh mal joggen‘ sind nicht hilfreich“

„Noch immer wissen viele nicht, wie sie mit depressiven oder suizidalen Menschen umgehen sollen – oft aus Unsicherheit oder Angst“, sagt Ute Lewitzka, Psychiaterin und Professorin für Suizidologie. „Sie wissen nicht, dass Sätze wie ‚Geh mal joggen‘ nicht hilfreich sind.“ Hilfreicher sei es, zuzuhören, nachzufragen und den Zustand des Gegenübers auszuhalten.

Doch solche Unterhaltungen überhaupt zu führen, sei gerade für Männer ein großes Problem. Sie gehören zur Hochrisikogruppe: Bei 10.000 Suiziden jährlich in Deutschland – die häufigste Todesursache hierzulande – sind zu drei Vierteln Männer betroffen.

Nach Informationen von Hilfsangeboten wie der Website Männer stärken sowie dem Netzwerk Nationales Suizidpräventionsprogramm scheuen sich Frauen weniger davor, Hilfe anzunehmen, während Männer anerzogen bekommen, keine Schwäche zu zeigen. Frauen haben demnach auch oft ein breiteres soziales Netz, das sie auffängt. Dass die Zahl der Männer, die sich das Leben nehmen, so viel höher ist als die der Frauen, liege auch daran, dass sie häufig aggressivere Suizidmethoden wählen. Ihre Suizidversuche gelingen dadurch besser.

Weil die Sensibilität für die Thematik fehlt, kursieren noch immer viele Mythen rund um den Suizid – selbst unter Mediziner:innen. Der Klassiker sei noch immer, dass viele Menschen glaubten, ein Mensch wolle mit seinem Sterbewunsch nur Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sagt Lewitzka.

„Aus Studien wissen wir, dass ein erheblicher Teil der Menschen, die durch Suizid sterben, vorher in irgendeiner Form über ihre Suizidgedanken, ihre Absichten oder ihre Verzweiflung gesprochen hat“, sagt die Psychiaterin. „Wenn also jemand sagt: ‚Ich möchte nicht mehr leben‘, müssen wir das sehr ernst nehmen“, genauer nachfragen und Unterstützung anbieten. Klar müsse dennoch sein: Ein Gespräch sei keine Garantie dafür, dass ein Suizid verhindert werde.

Der zweite Mythos: Wenn man eine Person überzeugt, die geplante Suizidmethode nicht auszuführen, greift die Person zur nächsten Methode. Doch nur 5 bis 15 Prozent der Menschen, die in einem bestimmten Moment vom Suizid abgehalten werden, sterben später tatsächlich an Suizid. „85 bis 95 Prozent tun es nicht. Die halte ich in dem bestimmten Moment zurück“, sagt Lewitzka.

Oliver Wildenstein hat selbst entschieden, am Leben zu bleiben. „Ich konnte das meinen Kindern nicht zumuten“, erzählt er. „Meiner damaligen Frau auch nicht.“

Wegen seiner Schlaf- und Konzentrationsschwierigkeiten suchte Wildenstein einen Hausarzt auf. „Der sagte immer: ‚Ja, ja, jetzt machen wir erstmal autogenes Training, und dann klappt das schon.‘ Ihm war nicht klar, dass das eine Depression ist“, erzählt Wildenstein. Doch das autogene Training – eine Entspannungstechnik – half nicht, und Wildenstein ging es immer schlechter. Daraufhin suchte er seinen ehemaligen Hausarzt auf. Der erinnerte sich an einen ganz anderen, gesunden Wildenstein, verschrieb ihm ein Medikament und schickte ihn zum Psychiater. Dort erzählte er auch zum ersten Mal von seinen Suizidgedanken. Daraufhin diagnostizierte ihm der Psychiater eine Depression und meldete ihn in einer Klinik an. Wildenstein ließ es geschehen, war aber überzeugt, dass er einen Klinikaufenthalt nicht nötig hatte. Er hegte immer noch die Hoffnung, dass es ihm in ein paar Wochen wieder besser gehen würde.

„Die wertvollste Hilfe ist, wenn das Gegenüber dafür sorgt, dass der Betroffene ins Hilfesystem kommt“, sagt die Psychiaterin Ute Lewitzka. Denn depressive Betroffene selbst haben oft keinen Antrieb und sind häufig völlig hoffnungslos. „Wenn sie in einer Praxis anrufen und direkt eine Absage bekommen, weil keine neuen Patienten angenommen werden, verstärkt diese negative Erfahrung unter Umständen das depressive Erleben“, sagt sie. „Angehörige und Freunde können in so einem Fall bei der Person bleiben, sie bestärken und dafür sorgen, dass sie ins Hilfesystem kommt.“ Das muss nicht zwingend eine psychiatrische Klinik oder ein Therapieplatz sein – auch ein gemeinsamer Anruf beim örtlichen Krisendienst kann ein erster Anlauf sein.

Die wertvollste Hilfe ist, wenn das Gegenüber dafür sorgt, dass der Betroffene ins Hilfesystem kommt.

Ute Lewitzka, Psychiaterin und Professorin für Suizidologie

Bei Wildenstein gab es nicht die erhoffte Besserung – er ging in die Klinik. Dort stellten die Ärz­t:in­nen fest, dass es nicht nur die Arbeit und der Haushalt war, die ihn belasteten. Vor allem sei es der Tod seines Vaters gewesen, den er nicht habe verarbeiten können. Denn im selben Jahr, als der Vater an Nierenkrebs starb, zog Wildenstein mit seiner späteren Ehefrau nach Heidelberg. Er schrieb Bewerbungen und fing einen neuen Job als Softwareentwickler an. Er kümmerte sich um seine Mutter. Da blieb keine Zeit für Trauer – obwohl er einen sehr engen Kontakt zum Vater gehabt hatte.

Seit seiner Diagnose vor 25 Jahren hat Wildenstein fünf Klinikaufenthalte hinter sich. Noch immer steht er im engen Kontakt zu seinem ambulanten Therapeuten sowie zu seinem Psychiater. Er habe ein gutes therapeutisches Netz für sich aufbauen können.

Wildenstein ist heute froh, dass er noch am Leben ist. Die Psychiaterin Lewitzka sagt: „Oft geht ein suizidaler Gedanke und auch Depression wieder weg. Depressive Episoden bessern sich irgendwann, und dann hören auch die Suizidgedanken auf.“ Im Umgang mit ihren Pa­ti­en­t:in­nen habe sie erlebt, dass diese nach einer gewissen Zeit und mit Abstand ihre frühere Situation anders bewerten. „Diese Rückmeldung bestärkt uns auch in der Prävention“, sagt sie.

Viele Menschen haben noch immer starke Berührungsängste mit dem Thema

Doch bei der Prävention mangelt es noch sehr – was damit beginnt, dass viele Menschen starke Berührungsängste mit dem Thema haben. Das gelte auch für medizinisches Personal.

„Manche Menschen, die sich weniger mit der Thematik auskennen, haben oft den Impuls, sofort die Polizei oder den Rettungswagen rufen, da der Unterschied zwischen einer akuten Suizidalität und einer Lebensmüdigkeit nicht bekannt ist“, sagt Nora Fieling, die mit bürgerlichem Namen anders heißt. Für einen Blog gab sich Fieling vor elf Jahren selbst das Pseudonym. Sie schrieb über eigene Erfahrungen mit Depression, Angststörungen und Suizidalität. Heute ist sie Peerberaterin und gibt Workshops für Betroffene bei den Berliner Selbsthilfe-Kontaktstellen Sekis und Kis Pankow.

Im Job erlebe sie immer wieder, dass Menschen von ihrer Lebensmüdigkeit erzählen. Das ist kein medizinischer Fachbegriff, beschreibt aber umgangssprachlich ein Gefühl der Erschöpfung und Sinnlosigkeit. Das gehe von „Ich kann nicht mehr“, „Ich schaff’ das nicht mehr“ bis hin zu „Ich will nicht mehr aufwachen“. Die meisten würden solche Äußerungen eher nebenbei erzählen. Hier sei es wichtig, eine Nachfrage zu stellen: „Wie meinst du das genau?“, anstatt sofort in Panik zu geraten. „Nicht jede lebensmüde Äußerung muss in einer Klinik behandelt werden, und nicht jede Lebensmüdigkeit ist per se eine akute Suizidalität“, erklärt Fieling.

Also müsse man versuchen, die Bedrohung einzuschätzen: Je detaillierter die Vorstellungen eines Suizids sind, desto akuter ist die Gefahr – wie im Fall von Oliver Wildenstein. Fieling erklärt, dass sich viele Menschen mit Lebensmüdigkeit oftmals eher einen Raum wünschen, wo sie offen über ihre Gedanken sprechen können. Wenn das Gegenüber den Krankenwagen oder die Polizei rufe, sei es kontraproduktiv. „Die Leute haben sich getraut, es anzusprechen. Wenn Unterstützende sofort Alarm schlagen, verbauen sie eine Brücke. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Personen bei einer erneuten Krise an jemanden wenden, sinkt“, erklärt Fieling.

Ute Lewitzka ergänzt, dass Angehörige und Freun­d:in­nen auch nach potenziellen Suizidabsichten fragen können, wenn sie den Eindruck haben, dass hinter Erzählungen von Überforderung und Überlastung mehr steckt. Zum Beispiel: „Mensch, bei dir ist ja so viel los gerade, gibt es da auch Gedanken, dass du nicht mehr leben willst?“ Dies anzusprechen, könne das Gegenüber sogar entlasten. In jedem Fall sei wichtig, bei suizidalen Gedanken zu fragen, was diese auslöse. Man könne auch direkt weiterfragen: „Sind es Gedanken, die mal kommen und gehen, oder die dir gar nicht mehr aus dem Kopf gehen?“

Dadurch könne abgeschätzt werden, wie alarmierend die Situation ist. Wenn die suizidale Person erkläre, die Gedanken seien häufig da und es falle ihr schwer, sie wegzuschieben, sollten Angehörige fragen, ob sich die Person auch schon Gedanken über eine Suizidmethode gemacht habe. Das sei wichtig, weil diese den Hinweis darauf gibt, wie leicht umsetzbar ein suizidaler Impuls wäre.

Zuhören, ernst nehmen, nicht verurteilen

Angehörige sollten einen Sterbewunsch zwar nicht gutheißen, aber den Betroffenen diesen auch nicht absprechen. Erst wenn die Person die Suizidgedanken nicht verteidigen oder verheimlichen müsse, entstehe ein Raum für ein offenes Gespräch und die Suche nach Alternativen.

Denn für Betroffene sei ein möglicher Suizid oft eine von mehreren vermeintlichen Lösungsoptionen. „Suizidale Menschen sind häufig ambivalent“, sagt die Psychiaterin Ute Lewitzka. „Wenn ich den Gedanken nicht bekämpfe, sondern ernst nehme, kann ein Gespräch darüber entstehen, was neben dem Suizid noch möglich ist“, erzählt sie.

Daher ist auch wichtig, über Auslöser zu sprechen: Was ist gerade besonders belastend? Bei starken körperlichen Beschwerden wäre eine Lösungsidee eine bessere Behandlung von Schmerzen; bei sozialer Isolation mehr Begleitung im Alltag. „Manchmal geht es zunächst auch gar nicht um eine langfristige Lösung, sondern darum, die nächsten Stunden oder Tage sicher zu überbrücken, die Person nicht allein zu lassen und professionelle Hilfe hinzuzuziehen“, sagt Lewitzka.

Die zweite Bedingung in einem solchen Zweiergespräch: „Ich darf nicht bewerten, warum ein Mensch suizidal ist“, sagt Lewitzka. Denn das Empfinden sei individuell und sehr unterschiedlich. „Wenn eine 16-Jährige sich das Leben nehmen will, weil ihr erster Freund sie verlassen hat, sollte ich mit meiner Lebenserfahrung nicht sagen: ‚Ach Mädchen, der war doch sowieso nicht der Richtige‘. Denn dann habe ich ihr Vertrauen verloren.“

Hier sei es wichtig, die Gefühle der jungen Frau anzuerkennen und zu akzeptieren, dass der momentane Zustand sehr schlimm für die betroffene Person ist.

Für Angehörige und Freun­d:in­nen von Suizidgefährdeten ist ein solches Gespräch nicht einfach. Deshalb rät Lewitzka auch dazu, Grenzen zu setzen – und im Zweifel auf professionelle Hilfe zu setzen. In etwa: „Danke, dass du mir das anvertraut hast. Ich mache mir aber große Sorgen um dich und möchte, dass wir jetzt zusammen zu einem Hausarzt gehen oder uns zusammen in einer Ambulanz vorstellen.“

Auch wenn Oliver Wildenstein derzeit keine suizidalen Gedanken hat – depressive Phasen hat er noch heute. Er kann aber mittlerweile besser damit umgehen und darüber reden. Symptome wie Konzentrationsschwierigkeiten sind geblieben. Ein Buch zu lesen, fällt ihm immer noch schwer. Wenn er liest, hat er einen Zettel daneben liegen, auf den er die Namen der Charaktere und deren Verbindungen zueinander schreibt, damit er die Geschichte verfolgen kann.

Von der Mutter seiner Kinder hat er sich getrennt, dafür steht heute seine neue Lebenspartnerin Tina Dix an seiner Seite. Auch Dix hatte mit Depression und Suizidalität zu kämpfen, weshalb die beiden von Anfang an direkt offen darüber reden konnten. Sie tauschten sich über Erfahrungen zu sozialem Rückzug, Angststörungen und Konzentrationsschwierigkeiten aus.

„Die Gespräche mussten nicht bei null starten, weil ich gut nachfühlen konnte, wie es Oli geht“, sagt Dix, die sich zwischendurch mit in das Gespräch einschaltet. „Diese innere Qual, die man Außenstehenden schwer erklären kann, wenn man Depression hat – für uns war das direkt nachvollziehbar.“

Professionelle Hilfe ist daher essenziell. Doch die zu bekommen, wird immer schwieriger: Die aktuelle Bundesregierung plant Einsparungen in der gesetzlichen Krankenversicherung, die auch Kürzungen in der Psychotherapie vorsehen. Fachverbände fürchten, dass gesetzlich Versicherte dadurch letztlich weniger Therapiestunden erhalten könnten – auch Wartezeiten für Therapieplätze könnten sich verlängern.

Auch der Entwurf des Gesetzes zur Stärkung der nationalen Suizidprävention lässt zu wünschen übrig: Er setzt ausschließlich auf Koordination und Vernetzung, ohne konkrete Finanzierungswege oder Umsetzungsvorgaben zu nennen. Es gibt keine verlässliche Dauerfinanzierung von bereits bestehenden Krisenhilfen und Beratungsangeboten.

Die Psychiaterin Ute Lewitzka hofft dennoch, dass in Zukunft mehr Bewusstsein für das Thema geschaffen wird. „Leute müssen hinschauen und sich trauen, das Thema anzusprechen“, sagt sie. Denn: „Reden kann Leben retten.“

Haben Sie suizidale Gedanken? Dann sollten Sie sich unverzüglich ärztliche und psychotherapeutische Hilfe holen. Bitte wenden Sie sich an die nächste psychiatrische Klinik oder rufen Sie in akuten Fällen den Notruf an unter 112. Eine Liste mit weiteren Angeboten finden Sie unter taz.de/suizidgedanken.

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