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Wahl in Sachsen-Anhalt Die Alternative zur AfD heißt Sozialismus

Leon Holly

Kommentar von

Leon Holly

Wer die AfD besiegen will, muss eine wirkliche Alternative zum Kapitalismus anbieten. Ein anderes Wirtschaftssystem ist nicht nur möglich – sondern nötig.

D er Schock über den Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt sitzt der Bundesrepublik in den Knochen. In der direkten Reaktion darauf war aus Politik und Feuilletons wenig zu hören, was man nicht schon tausend Mal gehört hätte. Brandmauer? Jetzt erst recht. AfD verbieten? Jetzt erst recht. Sozialhilfeempfänger? Vielleicht doch ein bisschen weniger quälen (SPD) oder doch jetzt erst recht noch mehr quälen (Amthor).

In einer viel zitierten Umfrage wählten zwei Drittel derer, die ihre finanzielle Lage als schlecht bewerten, die AfD. Der Regionalgeograf Tim Leibert spricht im Surplus Magazin über die „typisch ostdeutsche Kombination“ aus Deprivation bei gleichzeitig schrumpfender und alternder Bevölkerung. Doch der Osten ist als Testlabor des deutschen Neoliberalismus ja nur ein Gradmesser für Entwicklungen, die auch anderswo in Deutschland folgen werden. Und die bürgerlichen Parteien haben keine Antwort darauf.

Es ist auch kein Geheimnis, dass sich Menschen zunehmend eine Alternative zu der herrschenden Politik wünschen. Immer mehr sehen diese Alternative in der AfD. Die Linkspartei schien diese Sichtweise im Wahlkampf bestätigen zu wollen, als sie sich offen und tapfer zur Mehrheitsbeschaffung für die Parteien bis zur CDU bereit erklärte – zur „Rettung der Demokratie“.

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Doch diese Formel von der Demokratierettung klingt hohl in den Ohren jener, die nicht glauben, dass sie im repräsentativen System der Bundesrepublik nennenswert über ihr eigenes Leben bestimmen können. Und das aus gutem Grund: Bei den Wahlen im Vierjahresturnus können sie sich zwar ihre Herrschenden aus dem Angebot der Parteieliten auswählen. Aber fundamentale Veränderungen im Land (Aufrüstung, Migration, Sozialabbau) vollziehen sich ohne das Votum oder Zutun einfacher Bürger.

In Berlin, wo die Bevölkerung per Volksentscheid für die Enteignung von Wohnungskonzernen stimmte, ignorierten die Parteien die Entscheidung. Die „Rettung der Demokratie“ klingt da nur noch wie eine Chiffre für die Bewahrung des Bestehenden. Eine sozialistische Partei, wie die Linke sich selbst nennt, muss sich entscheiden: Will sie eine echte Alternative oder der linke Flügel der CDU sein?

Die Arbeiter im Mittelpunkt

Vielmehr sollte eine sozialistische Opposition zuerst einmal klarstellen, dass die AfD keine Alternative ist. Mit ihrem Austeritätsprogramm kann sie das Ausbluten des Ostens, von dem sie politisch profitiert, nur verstärken. Über die realen gesellschaftlichen Widersprüche (zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmerin, zwischen Vermieterin und Mieter) pinselt die AfD die Erzählung von Nation und Volksgemeinschaft. „Deutschland muss abschieben!“, sagt sie und meint: „Ein wenig mehr, als es die bürgerlichen Parteien und die EU heute schon tun!“

Wer jedoch eine Alternative will, darf nicht nur die Parteien austauschen, die den Staat verwalten. Vielleicht werden die Wähler der „Alternative“ das nach ein paar Legislaturperioden auch merken. Doch bis dahin regieren in Deutschland waschechte Neonazis. Wenn das nicht passieren soll, dann muss sich eines ändern: das System.

Eine echte Alternative für Deutschland bietet nur der Demokratische Sozialismus. Er stellt die Mehrheit der Bevölkerung – die arbeitende Klasse – in den Mittelpunkt seiner Politik. Er ermöglicht es den Arbeitenden, selbst über die Belange ihrer Betriebe zu bestimmen. Er erkennt, dass die sozialen und ökologischen Krisen des Kapitalismus dem System innewohnen und sich nur mit einer vernünftigen Politik jenseits der Profitlogik lösen lassen.

Gerade in Ostdeutschland könnte eine echte sozialistische Opposition loslegen. Sie könnte der gekränkten Bevölkerung etwas sagen, das die AfD nicht sagen kann: dass die DDR sozialistische Errungenschaften hervorgebracht hat, auf die die Menschen stolz sein können. Und dass es ein Fehler war, dass die BRD den Osten nach dem Mauerfall mit Haut und Haaren geschluckt hat.

„There is no alternative“, sagte Margaret Thatcher. „Alles ist möglich“, stand auf den Wahlplakaten der AfD in Sachsen-Anhalt. Da hat die Partei recht – aber nicht mit ihr. Möglich und notwendig ist eine Synthese aus Sozialismus, gesellschaftlicher Freiheit und radikaler Demokratie. Das ist die echte Alternative – und die einzige, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Leon Holly

Leon Holly

Schreibt über gesellschaftliche Konflikte und internationale Politik, mit besonderem Fokus auf die USA und die Levante. Von 2023 bis 2024 Volontär der taz Panter Stiftung. Davor Studium der Politikwissenschaft und Nordamerikastudien in Berlin und Paris.
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10 Kommentare

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  • Tom Farmer

    Sag ich auch immer: Die Arbeiter und Angestellten sollen über ihre Betriebe bestimmen. Ed ergo Mitarbeiterbeteiligung via GmbH Anteilen oder Aktien bei AGs.



    Wenn man das dann aber konsequent weiterentwickelt, also Rentenvorsorge über Aktien oder Firmenanteile, dann ist das plötzlichTeufelszeug derlei Idee.



    Also was nun?

  • gyakusou

    Es gibt Länder in Europa, in denen keine Rechtsextremen an der Macht sind oder kurz vor der Machtergreifung stehen. Vielleicht mal schauen, was dort besser läuft.

  • Fridolin

    Oh je, ob Sozialismus wirklich die Antwort auf unsere Probleme ist, da bin ich mir mehr als unsicher.



    DDR und sozialistische Erungenschaften steht für mich als ein System das eine Gesellschaft richtig vollkommen und gründlich runtergewirtschaftet hat.



    Das grundsätzuliche Menschenbild des Sozialismus ist nicht stimmig für uns Menschen.



    Ein Wettbewerbssystem wie der Kapitalismus ist dem Menschen angepasster, um diesen zu notwendiger Leistung und Fortschritt zu motivieren. Wir müssen hier jedoch die Kapitalakumulation in den Griff bekommen und das Thema moralische Verantwortlichkeit für sein Handeln dem Menschen beibringen.



    Hierzu finde ich die religiöse Komponente des Menschseins wichtig um den Mensch vom "Egozentriker sein" abzuhalten.

  • Šarru-kīnu

    Als jemand der schon 89 für einen demokratischen Sozialismus und gegen eine sofortige Wiedervereinigung war, würde ich dem Artikel sofort zustimmen.



    Das derzeitige System muss weg. Wir brauchen eine demokratische Alternative nur gibt es dafür leider derzeit keine Angebote im Parteienspektrum. Ich habe nur die Wahl zwischen rechtem Dreck oder eine Verlängerung des StatusQuo mit Fremdherrschaft aus dem Westen. Das ist doch keine Wahl.

  • passthedutchie

    Problem:



    Mit dem Begriff Sozialismus kann und sollte man nicht mehr arbeiten, auch wenn das, was eigenltich dahintersteckt, völlig richtig ist. Ich bin da voll d'accord.

    Aber dank jahrhundertelanger uns sehr erfolgreicher Dämonisierung seitens allen Rechten von konservativ-moderat bis ultraextrem - löst der Begriff nur Abwehrreflexe aus. Da ist eine Debatte schon verunmöglicht und die Haltungen fest betoniert, bevor das Gespräch überhaupt begonnen hat.

    Das haben wir doch schon zu Zeiten Merkels deutlich sehen können: Mit der Linkspartei darf keinesfalls auch nur geredet werden, wohingegen zu Pegida und der AfD muss man den Dialog suchen.



    Was denn jetzt?



    Entweder ich meide den Kontakt zu allen Radikalen (wobei ich die Linkspartei nicht unbedingt wirklich als radikal bezeichnen würde; aber das ist ein anderes Thema) , oder ich suche den Kontakt zu beiden Seiten.



    Aber da haben wir es wieder:



    Das Messen mit zweierlei Maß.

  • Bommel

    Warum genau sollte der Sozialismus nach den vielen Versuchen, die es weltweit dazu gab, jetzt funktionieren? Manchmal drängt sich ein wenig der Verdacht auf, dass so etwas besonders gerne Leute fordern, die den Sozialismus nicht selbst gespürt haben.



    Sozialismus kann niemals wirklich demokratisch sein, weil er dann bspw. abweichende ("nicht-sozialistische") Meinungen ertragen müsste. Und dazu ist er nicht in der Lage, er reagiert regelmäßig mit Knast auf soetwas.

  • GregTheCrack

    "Möglich und notwendig ist eine Synthese aus Sozialismus, gesellschaftlicher Freiheit und radikaler Demokratie."

    oder Synthese von Eichhörnchen und Pferd: das könnte dann den Baum rauf galoppieren.

  • JSch

    Noch nie hat der Sozialismus demokratisch funktioniert und kann es auch nicht, weil der Sozialismus per Definition eine Diktatur ist und auch nur ein kurzer Übergang zum Kommunismus sein soll. Es kann doch nicht sein, dass die Alternative zu einer faschistischen Diktatur, einfach eine andere Diktatur ist.

  • Kaboom

    Hmm. Der demokratische Sozialismus also.



    Kann mal irgendjemand eine Definition liefern?



    Das Ziel des demokratischen Sozialismus findet sich so ziemlich in jedem SPD-Parteiprogramm. Ich vermute aber mal, dass Helmut Schmidt etwas anderes darunter verstand, als es Heidi Reichinnek tut. Und die wiederum etwas völlig anderes, als es vor 20 Jahren Sarah Wagenknecht tat.

  • MarsiFuckinMoto

    Man kann für die Linke nur hoffen, dass sich solche Meinungen nicht innerparteilich durchsetzen. Falls doch, landet sie bei der nächsten Bundestagswahl unter Umständen wieder bei der 5%-Hürde...