: „Wir haben alle gemeinsam Glück gehabt“
Uwe Hiksch war 2015 Anmelder einer Demo gegen das Freihandelsabkommen TTIP. Und am Ende froh, dass es keine Massenpanik gab
Foto: Ben Kriemann/Pop/Eye/imago
Plötzlich ist die ganze Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule voller Menschen. Die Polizei meldet uns, dass der Hauptbahnhof gesperrt wird, die S-Bahn-Stationen rund um unsere Demo sowieso. Von überall würden Menschen strömen. So weit, dass sie bald schon nicht mal mehr strömen können, so viele stehen bereits da. Ich als Demoanmelder bin natürlich begeistert. 250.000 Leute sind da. Geschätzt! So was kann man ja gar nicht mehr zählen.
Sie alle wollen mit uns 2015 in Berlin für einen gerechten Welthandel demonstrieren. Festgemacht ist das an den beiden Freihandelsabkommen TTIP und Ceta, also zwischen der EU und den USA beziehungsweise Kanada. In einem breiten Bündnis aus Umweltverbänden, Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften und vielen anderen haben wir eine Anti-TTIP-Demo geplant.
Die Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit kreist um die berühmten Chlorhühnchen. Wenn TTIP käme, würden andere Lebensmittelstandards gesetzt, das empört viele. Und natürlich bringt Essen Menschen auf die Straße. Aber die Leute wollen auch gegen das ungerechte Weltwirtschaftssystem protestieren, gegen Menschenrechtsverletzungen, gegen den Abbau von Sozialleistungen und gewerkschaftlichen Rechten.
Unter dem Label „TTIP/Ceta verhindern“ gelingt es der Bewegung, eine ganze Reihe von unterschiedlichen Grundströmungen zusammenzuführen. Organisatoren von Demos wollen immer möglichst viele Menschen mobilisieren. Meist können wir das nur bedingt beeinflussen. Diesmal ist einfach eine Grundstimmung entstanden. Dass die am Ende so viele Menschen anzieht, damit haben selbst wir nicht gerechnet.
Am Anfang gehen wir noch von 50.000 Demonstrierenden aus. Bereits das war eine Dimension, die man erst mal auf die Straße bekommen muss. Dann melden sich schnell Busse um Busse mit Teilnehmern an. Wir merken, da entwickelt sich eine Dynamik, und verdoppeln unsere Prognose gegenüber der Polizei. Und auch die schätzt: Das könnten 100.000 werden.
In Hochstimmung passen wir unsere Pläne an. Die Bühne machen wir wesentlich größer und stellen sie an die Siegessäule, weil von da die Abflussrichtungen einfacher sind, sollte Panik ausbrechen. Da braucht es breite Wege. Außerdem bestellen wir zusätzliche Lautsprecheranlagen – wir müssen ja die ganze riesige Straße beschallen.
Am Demotag selbst sieht die Hälfte der Angereisten die Bühne nie. „Feiert da, wo ihr seid, gemeinsam werden wir TTIP verhindern!“, sagen wir mit Megafonen durch. In die Euphorie mischt sich Anspannung. Spätestens, als die Polizei uns meldet, dass sich am Hauptbahnhof – zwei Kilometer entfernt – seit anderthalb Stunden nichts mehr bewegt, merken wir, wie gefährlich die Situation ist. Ein Freund von mir kommt aus der Richtung. Über zwei Stunden steht er auf der gleichen Stelle. Wenn da eine Massenpanik ausbricht, könnte es wie 2010 in Duisburg kommen. Wie bei der Loveparade, als 21 Menschen im Gedränge gestorben sind.
Wir wissen: Nur ruhige Demonstrierende und besonnene Ordnerinnen und Ordner können das verhindern, wenn überhaupt. Hinter der Bühne versuche ich, so viel wie möglich im Blick zu behalten. Jedoch haben wir keine Chance, das Geschehen am Hauptbahnhof zu beeinflussen. Es gibt 150 Ordner und nur einen Kanal für die Funkgeräte, über den wir reden. Es ist einfach zu viel.
Im Viertelstundentakt sprechen wir mit der Polizei. Grundvoraussetzung ist, dass Ruhe bleibt. Prinzip gute Laune. Wir loben auf der Bühne die Zusammenarbeit, damit die Demonstrierenden die Durchsagen befolgen. Am Ende geht alles gut. Im Gespräch danach mit der Polizei schauen wir uns tief in die Augen und sagen: Wir haben alle gemeinsam Glück gehabt.
Seitdem schauen wir noch genauer auf den Ablauf der Demo, strukturieren das Ordnerkonzept sehr klar. Für die Funkgeräte nehmen wir unterschiedliche Kanäle, sodass jeweils nur ganz wenige Leute miteinander kommunizieren. Wir berücksichtigen besser, wie die Leute abfließen können.
Aber die größte Lektion war: Massenbewegungen allein verändern die Gesellschaft nicht. Politische Einstellungen verschieben sich nicht, wenn ich zweimal auf die Straße gehe. Ich erinnere mich noch, wie sich in der ersten Reihe der Demo die ganzen Politikerinnen und Politiker von SPD, Grünen und Linkspartei versammelt haben. Sie haben uns heilig versprochen, sie werden gegen TTIP und Ceta sein. Kurze Zeit später hat die SPD einen kleinen Parteitag abgehalten und beschlossen, „Ja“ zu den Abkommen zu sagen. Auch die Grünen stimmten in der Ampel für Ceta.
Mehr Wucht von der Straße konnten wir gar nicht entfalten. Aber Sie haben immer das Problem, diese Wucht ins Parlament zu übertragen. Die großen Industrielobbys standen so stark hinter TTIP und Ceta, dass wir keine Chance hatten. Bewegungen können meist nur mittelfristig etwas verändern.
Und selbst wenn Sie an die großen Unteilbar-Demonstrationen mit 200.000, 250.000 Menschen auf der Straße denken – das allein führt erst mal keinen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel herbei. Da muss viel, viel mehr dazukommen. Was das ist, weiß ich auch nicht genau. Aber ich bin jetzt seit 45 Jahren politisch aktiv und bleibe das auch, bis ich irgendwann mal weggetragen werde. Bei mir führt das nicht zur Resignation. Man muss einfach weitermachen.
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