piwik no script img

Reaktion auf CSD-Anschlag Prävention nicht vergessen

Frederik Eikmanns

Kommentar von

Frederik Eikmanns

Die Regierung legt ein ganz vernünftiges 10-Punkte-Programm gegen Islamismus vor. Entscheidend ist aber, was darin zu kurz kommt.

B undesinnenminister Alexander Dobrindt hat sich zurückgehalten. Oder vermutlich präziser: Er wurde wohl zurückgehalten von SPD-Justizministerin Stefanie Hubig. Jedenfalls ist das 10‑Punkte-Programm gegen Islamismus, das die beiden am Mittwoch vorgestellt haben und das anschließend vom Kabinett beschlossen wurde, erstaunlich vernünftig geraten.

Das ist keine Selbstverständlichkeit, wenn man sich vergegenwärtigt, wie sich Dobrindts Unions-Kolleg*innen direkt nach dem Anschlag auf den Berliner CSD aufgeführt hatten. Sie wollten etwa Gefährder grundsätzlich von Bewährungsstrafen ausnehmen und sie immer nach Erwachsenenstrafrecht verurteilen lassen, auch wenn sie Heranwachsende unter 21 Jahren sind. Der damalige Spitzenkandidat der CDU in Sachsen-Anhalt, Sven Schulze, legte gar nahe, man solle auch Gefährder mit deutscher Staatsbürgerschaft abschieben.

Dass solche Verirrungen nun in den 10 Punkten glücklicherweise fehlen, bedeutet noch nicht, dass man über die Ideen, die drinstehen, nicht streiten kann. Zum Beispiel ist es ein grundsätzlich repressiver Ansatz, auf den Dobrindt und Hubig setzen, es geht vor allem um Strafverschärfungen und Überwachung. Das ist nicht per se falsch. Geht es darum, die Finanzierungsnetzwerke der islamistischen Organisationen auszutrocknen oder ihre Propaganda im Netz zu bekämpfen, ist staatliche Härte sogar eine gute Idee.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Das Problem ist, dass Dobrindt und Hubig dabei aber stehen bleiben und Präventionsangebote in dem Plan nur am Rande vorkommen. Vage heißt es nur, man wolle solche Projekte stärken. Doch konkrete Zusagen für Förderungen gibt es nicht.

Dabei haben Präventions- und Deradikalisierungsprogramme das Potenzial, Probleme viel grundsätzlicher anzugehen, als es Polizei und Staatsanwaltschaften je könnten. Es ist offensichtlich besser, Radikalisierung vorab zu verhindern, als erst dann einzugreifen, wenn ein Anschlag schon begangen worden ist.

Das macht aus dem 10-Punkte-Plan noch kein falsches Vorhaben. Aber ein unvollständiges.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Frederik Eikmanns

Frederik Eikmanns

Fachredakteur für Innere Sicherheit und Migration
Mehr zum Thema
Stilisierter Packshot der wochentaz mit Handy daneben, in dem das wochentaz-Logo und die taz-tazze zu sehen ist. Daneben die Abbildung der Prämie: ein Jockstrap in Weiß und Rot mit taz-Logo

10 Wochen wochentaz + limitierter taz-Jockstrap

Fest an der Seite der queeren Community seit 1978: Mit unserem Pride-Abo der wochentaz gibt's jede Woche progressiven taz-Journalismus in den Briefkasten.

  • Seit ihrer Gründung nimmt die taz kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, für die Belange von queeren Menschen einzustehen
  • Unser Pride-Abo bietet dir diesen taz-Journalismus jede Woche neu in der wochentaz, unserer progressiven Wochenzeitung
  • Du bekommst 10 Ausgaben der gedruckten wochentaz und eine einmalige Prämie als Dankeschön
  • Unser Dankeschön: Der streng limitierte taz Jockstrap – elegant, minimalistisch und ausdrücklich für alle Geschlechter gestaltet

Probeabo & Prämie für nur 25 Euro

Jetzt Angebot sichern

2 Kommentare

 / 
  • Wanderin

    Wie beim social media Gesetz geht es nur darum, die Verunsicherung in der Bevölkerung auszunutzen, um Massenüberwachung und den Abbau unserer Rechte voranzutreiben. Es geht weder um Terrorismus noch Schutz von Kindern, aber damit soll es in den Medien verkauft werden. In 5, 10 Jahren werden wir merken, wofür und gegen wen diese Gesetze eigentlich zur Anwendung kommen werden

  • Zuversicht

    Präventionsarbeit und Versuche Radikalisierung zu unterbinden, da sind leider auch die muslimischen Verbände gescheitert. Aber nicht aus der Pflicht. Klar, ein fundamentalistischer Christ fühlt sich genauso von einer Freikirche angezogen, wie ein Muslim, der mit ausgeprägten Glaubenssätzen jenseits seiner Ditib Gemeinde eine neue Heimat sucht. Aber leider, wird von den etablierten Moscheevereinen wenig getan, um dem Extremismus Einhalt zu gebieten. Analog zu den christlichen Kirchen erfreut man sich seiner eigenen Gemeinde. Resigniert gegenüber Außenseitern. Hat im Hinterkopf, es seien vielleicht doch Rechtgläubige unterwegs, deren Weg man vielleicht sogar bewundert. Pfui.