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In Zeiten der Zeitenwende Wir sind nicht die Guten

Kommentar von

Wolfgang Müller

Eine neue Friedensbewegung wäre dringend notwendig. Viel zu lange wurde das Thema moralisch selbstgewiss den Falschen überlassen.

W enn man in Deutschland auf die siebzig zugeht, schaut man auf eine lange Zeit des Friedens zurück. Manchmal sehe ich jetzt 30-Jährige oder 3-Jährige und frage mich: Werdet ihr Krieg erleben? Wohin man schaut, Werbung für die Bundeswehr, Artikel über Zivilschutz, die geringe Zahl an Bunkerplätzen, die Bedrohung durch Russland. Und eine nie da gewesene Aufrüstung: 600 Milliarden Euro werden in Deutschland recht geräuschlos bis 2029 dafür bereitgestellt. Zum Vergleich: Die „Rente mit 63“ kostet pro Jahr 10 Milliarden. Habe ich zu viel Geschichte studiert, wenn mir der Gedanke kommt: „Es fühlt sich an wie eine Vorkriegszeit“? Und es könnte kommen, wie es schon manchmal kam: Alle fühlen sich im Recht – und dann beginnt das Grauen.

Wolfgang Müller

war bis 2020 Redakteur beim NDR in den Ressorts Bildung Wissenschaft. Zuletzt erschien im Kröner-Verlag das Buch: „Das Rätsel Rudolf Steiner. Irritation und Inspiration“.

Aber sind „wir“ nicht wirklich im Recht? Das Kernargument wurde gleich nach dem russischen Angriff auf die Ukraine formuliert: Dieser brutale Bruch des Völkerrechts bedeute eine „Zeitenwende“, die regelbasierte internationale Ordnung werde von Russland zerstört. Und weil die Schuld so offenkundig war, musste man sich nicht länger mit der Frage aufhalten, wann und wo eigentlich diese regelbasierte Ordnung je existiert habe.

Eine Chronik von Völkerrechtsbrüchen

Dabei ist auch die jüngere Geschichte des Westens eine Chronik von Völkerrechtsbrüchen, vom Vietnamkrieg über den Einmarsch im Irak und die über Jahrzehnte tolerierten Völkerrechtsbrüche Israels bis zum jüngsten Angriff auf den Iran. Die zynische Formel lautet: Der Westen steht fest zur regelbasierten Ordnung – solange es um die andere Seite geht. Diese Doppelmoral erklärt auch die viel beklagte Tatsache, dass der Globale Süden nach Putins Überfall auf die Ukraine recht unbeteiligt reagierte. Natürlich spielen da auch Abhängigkeiten von Russland mit hinein, vor allem aber ein klarer Blick dafür, dass der Westen nicht in der moralischen Position ist, anderen in diesen Fragen Belehrungen zu erteilen.

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Seltsam, wie wenig diese simplen Tatsachen im dominierenden Diskurs hierzulande vorkommen. Der folgt wie benommen seinem Wir-sind-im-Recht-Mantra. Im Internet aber hört man dann all die anderen Stimmen. Es sind, neben manchen verrückten Stimmen, auch maßvolle, erfahrene, besorgte. Etwa die eines Günter Verheugen, Klaus von Dohnanyi, Jeffrey D. Sachs. Dass der eine mal als fähiger EU-Kommissar galt, der andere als intellektueller Lichtblick des deutschen Politikbetriebs, der dritte als renommierter Ökonom und UN-Sonderberater, das alles zählt offenbar nicht.

Jetzt wird ihre komplette Argumentation damit abgefertigt, sie bedienten russische Narrative. Die Frage ist aber nicht, ob sie in jedem einzelnen Punkt recht haben – das haben andere auch nicht. Die Frage ist, ob ihre Argumente innerhalb dessen liegen, was in einem vernünftigen Diskurs zu besprechen wäre. Sie liegen weit innerhalb, werden aber dennoch kaum je ernsthaft erwogen.

Oder ist die Bedrohung so groß, dass die Reihen schärfer geschlossen werden müssen? Auch hier hilft ein Blick in die Wirklichkeit. Russlands Wirtschaftskraft liegt bei der Hälfte der deutschen, also einem Bruchteil dessen, was allein Mittel- und Westeuropa auf die Waage bringen. Gewiss kann ein Regime wie das Putins seine Ressourcen viel rabiater mobilisieren und auf Kriegswirtschaft umstellen. Dennoch stößt auch das an Grenzen.

So hat das Repräsentantenhaus in den USA gerade ein neues umfassendes Sanktionspaket gegen Russland verabschiedet. Russland selbst dürfte in absehbarer Zeit keinen Angriff auf die Nato riskieren, konstatierte unlängst selbst der Nato-Oberbefehlshaber in Europa Alexus Grynkewich. Das heißt nicht, dass von Russland keine Gefahr ausgehe, es ist nach wie vor eine Atommacht. Das Übrige aber, die hybriden Attacken, die Drohnenangriffe, muss man richtig einordnen: Asymmetrische Kriegsführung ist immer das Mittel der Schwächeren. Selbstverständlich muss man sich dagegen wehren.

Jenseits eines diffusen „Wir sind für Frieden“

Gerade jetzt wäre Zeit für eine neue Friedensbewegung. Nur – welche inhaltliche Richtung könnte sie haben? Jenseits eines diffusen „Wir sind für Frieden“? Es rächt sich, dass hierzulande über Jahre hinweg keine offene Debatte dazu stattfand. Und dass jeder Aspekt, der nicht in die westliche Binnenerzählung passte, als „rechts“ oder Putin-nah diffamiert wurde. Zugleich verursacht dies, indirekt und ungewollt, enormen Schaden für die politische Kultur: Gewisse relevante Fragen werden nur noch von „den Falschen“ gestellt, etwa von der AfD oder dem Narzisstenduo Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine. Mit denen gemeinsam möchte man nicht mal für den Frieden sein.

Es fehlt eine internationale Friedensbewegung mit einer nüchternen, humanen, freiheitlichen Grundierung

Es ist ein Desaster. Es fehlt eine internationale Friedensbewegung mit einer nüchternen, humanen, freiheitlichen Grundierung. In Richtung Russland müsste sie unmissverständlich ein Ende des barbarischen Angriffs auf ein souveränes Land fordern. In Richtung Westen aber wäre ihr erster Leitsatz: Wir sind nicht die Guten. Wir sind mächtiger, es lebt sich bei uns angenehmer, aber die Arroganz des Westens muss an ein Ende kommen.

Es wäre keine Friedensbewegung der verträumten Art. Vielmehr hätte sie klare völkerrechtliche Maßstäbe. Zugleich aber einen pragmatischen realpolitischen Ansatz, der feststellt: Die mächtigsten Player dieser Welt, die USA, China und eben auch Russland werden sich noch für lange Zeit niemals wirklich Regeln unterwerfen. Das ist eine unerfreuliche Tatsache. Aber es ist eine, und keiner ist in der Position, dem anderen moralische Ansprachen zu halten. Auf dieser Grundlage kommt es schlicht darauf an, die gefährlichsten Potenziale einzuhegen und bei allen Unterschieden die Interessen der anderen Seite zähneknirschend zu berücksichtigen. So wie dies im Kalten Krieg über Jahrzehnte gelang.

Es gälte, wie es Gustav Stresemann, Außenminister der Weimarer Republik, einmal sinngemäß formulierte, mit heißem Herzen kühle Politik zu machen. Auf diese Weise könnten sich dann neue Wege für Gespräche und Verhandlungen öffnen und friedlichere Verhältnisse schrittweise in Reichweite kommen.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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33 Kommentare

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  • nihilist

    "Das Kernargument wurde gleich nach dem russischen Angriff auf die Ukraine formuliert: Dieser brutale Bruch des Völkerrechts bedeute eine „Zeitenwende“, die regelbasierte internationale Ordnung werde von Russland zerstört."

    Das ist das Wachs-Argument für die Wolfgang Müllers, die eeinfach auf ihre alten Tage nicht mehr einsehen können, dass es nicht mehr so ist wie als sie in Bonn gegen den NATO-Doppelbeschluss demonstriert haben.



    Das Kernargument ist: Russland ist noch aggressiver als alle dachten und es reicht nicht aus, Gespräche zu führen und das Beste zu hoffen.

  • Marvienkäfer

    Ich frage mich, was der Autor zu den Linken, den Gazaprotesten und den Schulstreiks gegen die Wehrpflicht denkt. Ich habe das Gefühl, er übersieht sie, oder hält sie nicht für "freiheitlich". Was etwas lustig wäre, weil "Free Palestine", die Freiheit, nicht eingezogen zu werden und generell die Freiheit von kapitalistischer Ausbeutung doch selbstredend auch "freiheitliche" Positionen sind. Vielleicht ist der Autor aber auch unbewusst klassisch bundesdeutscher Antikommunist, und traut sich nur nach links zu blicken, wenn er das Gesehene ablehnen kann. Oder er hält seine Leserschaft dafür. Beides wäre etwas traurig für eine Tageszeitung, die sich selber als "links" bezeichnet.

  • wortwart

    Guter Impuls, die Friedensbewegung den Putin-Fans zu entreißen. Trotzdem bin ich skeptisch.

    Erst mal: Unter sehr vielen, die heute meist mit wenig Begeisterung für Aufrüstung sind, herrscht ein Bewusstsein darüber, dass "wir" (= der Westen) trotz seiner propagierten Werte von Vietnam- bis Afghanistankrieg oft auf der ethisch falschen Seite stand und steht. In Deutschland ließ sich dieses Bewusstsein komfortabel mit dem latenten Antiamerikanismus verbinden, und weil die Bundesrepublik die geopolitische und militärische Drecksarbeit dem großen Bruder überließ, konnte man sich hier so schön moralisch überlegen fühlen. Diesen Luxus haben wir jetzt nicht mehr.

    Was genau würde eine Friedensbewegung heute erreichen wollen? Ich sehe hier niemanden -- niemanden! --, der sich einen Krieg herbeiwünscht.

    Russland führt gegen den Westen bereits Krieg, wenn auch einen asymmetrischen, und uns bleibt nur die Wahl, klein beizugeben oder uns zu wehren. Und Verhandlungen? Die lassen sich nur erfolgreich führen, wenn beide Seiten sich gegenseitig ernst nehmen, sonst lässt sich höchstens über die Kapitulationsbedingungen verhandeln.

    Was hätte eine Friedensbewegung 1938 getan?

  • KLaus Hartmann

    Die Bundeswehr garantiert den Frieden in Deutschland und Europa mit. Die Begeisterung der Jugend für den Dienst bei der Bundeswehr oder für ein freiwilliges soziales Jahr hält sich aber in Grenzen. Frieden ist für viele Menschen mittlerweile selbstverständlich geworden. Sollen sich doch andere drum kümmern. Gerne auch Ausländer. Keine gute politische und gesellschaftliche Entwicklung.

  • JeanK

    Ein bemerkenswerter Kommentar.



    Nicht nur in der Friedenspolitik hat die Einstellung, man sei die Guten (statt: man erzielt gute Ergebnisse), üble Folgen.

  • Gerhard Krause

    Ich denke, da sind mehrere Erzähl- und, doch, ja, das kann man eingrenzen, Handlungsstränge, die entweder von den Rednern, oder den Zuhörern ohne die korrekte Einordnung miteinander verwoben werden. Wie Frieden undoder Krieg uns bewegen, unterliegt dem fußballerischen "Bundestrainerprinzip" - "80 Millionen Einwohner", "80 Millionen Bundestrainer".

  • Bürger L.

    Erstmal Danke für den anregenden Kommentar.



    Ich denke auch, dass einer der Entscheidenden Denkfehler ist, dass wir "die Guten" und andere "die Bösen" sind.



    Politische Drohungen oder Kriege gegen andere Staaten oder Gruppen dienen in der Regel vorrangig der Durchsetzung eigener Interessen.



    Daran ändert sich auch nichts, wenn man ethische oder moralische Gründe vorschiebt.



    Ich bin jetzt 76 jahre alt und bin erschüttert, wie schnell und reibungslos es möglich ist, eine Atmosphäre zu schaffen in der ein Krieg in naher Zukunft geradezu unausweichlich und normal erscheint. Wenn VW nicht mehr genügend Autos nach China verkaufen kann, wird es als tolle Lösung propagiert, dass ein Werk nicht geschlossen wird, sondern künftig Rüstungsgüter produziert.



    Die Sehnsucht nach einem "starken Mann" führt dazu, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung den Verteidigungsminister als Bundeskanzler wünscht. Im TV wird gefeiert, dass er in den USA den ersten von 35 moderneren Kampfjets in Empfang nimmt, die auch Atomwaffen transportieren können.

    Wie wärs denn damit, die Milliarden zur Verteidigung in wirklich defensive Bewaffnung und Zivilschutz zu stecken? Gibts nicht?t1p.de/Defensiv

    • Bürger L.

      @Bürger L.:

      Ergänzend will ich nochmal darauf hinweisen, dass es ein großer Unterschied ist, ob "Kriegstauglichkeit" oder "Verteidigungsfähigkeit" gefordert wird.



      Wobei mit Verteidigung nicht die ehemals fantasievolle Interpretation von Herrn Struck gemeint ist, der mal behauptete, die Deutsche Freiheit würde am Hindukusch verteidigt. Nach dieser Logik könnten Deutsche Soldaten weltweit "für den guten Zweck" töten oder getötet werden.

      Meine persönliche Haltung zum Pazifismus hat sich in den zurückliegenden 50 Jahren doch verändert. Nach wie vor möchte ich keine Waffe in die Hand nehmen und wünschte mir, dass es idealerweise eine Welt ohne Waffen gäbe. Andererseits sind die zum Teil irren Macht- und Verteilungskämpfe, ist die wachsende Aggression in der Welt nicht zu verleugnende Realität.



      Eine "neue Friedensbewegung" müsste m.E. den Begriff Verteidigung neu definieren und ohne das ideale Ziel aus den Augen zu verlieren, bewusst den Schutz der Menschen auch durch eine REIN DEFENSIVE Bewaffnung zumindest diskutieren. ( t1p.de/Defensiv )



      Der Anspruch, allein im Besitz der reinen Wahrheit zu sein, oder die Formulierung eigener Feindbilder und Schuldzuweisungen hilft nicht weiter.

    • Agarack

      @Bürger L.:

      Krieg ist keineswegs unausweichlich. Teil der subversiven Taktik Russland ist es, genau das zu behaupten, weil es Russland nützt. Dieses Land möchte, dass wir Angst haben und die Forderung pushen, uns im Zweifel unterzuordnen.

      Es ist zudem aus meiner Sicht nicht die Sehnsucht nach einem "starken Mann", die Pistorius beliebt macht, sondern die Tatsache, dass Herr Pistorius es versteht, den Eindruck zu erwecken, er habe sein Ressort im Griff und sei in der Lage, es zu führen. Das ist ein Kontrast zum Rest der Bundesregierung, der sich in Teilen fast schon einen Wettbewerb zu liefern scheint, wer es schneller schaffe, sich unbeliebt zu machen.

      Zivilschutz ist tatsächlich ein großes Versäumnis unserer jetzigen Verteidigungspolitik, und ich würde mir einen stärkeren Fokus darauf wünschen.

  • Tom Farmer

    Gute Analyse, aber leider muss muss man davon ausgehen, dass jedwede "neue" Friedensbewegung, wenn es sie denn gäbe, von den wiederrum Falschen gekapert werden würde. Nicht nüchtern aber argumentationsfreudig, sondern Wirrwarr Leute von Sinnlosargument "Frieden schaffen ohne Waffen" bis antiamerikanisch bis antikapitalistisches irgendwas. Also immer schön an den relevanten Themen vorbei.



    Und daher haben viel ernünftige Leute auch keine Lust mehr da eine relevante Gegenposition aufzubauen.

  • Agarack

    "Auf dieser Grundlage kommt es schlicht darauf an, die gefährlichsten Potenziale einzuhegen und bei allen Unterschieden die Interessen der anderen Seite zähneknirschend zu berücksichtigen."



    Die Frage ist doch, welche "Interessen" das genau sind. Wenn diese "Interessen" die Herrschaft über andere Staaten sind, die dieser Herrschaft nicht zustimmen, dann ist eine solche Diskussion nicht "kühl" oder "friedliebend", sondern schlichtes Appeasement. Und auf etwas Anderes will sich Russland - erklärtermaßen - derzeit doch gar nicht einlassen. Ich verstehe nicht, wo der Wert darin liegen soll, zum hunderttausendsten Mal zu fordern, man solle doch bitte neue Wege finden, mit Russland zu verhandeln, wenn die russische Regierung immer wieder völlig eindeutig erklärt, dass sie unterhalb der kompletten Räumung aller annektierten ukrainischen Gebiete nicht zu Verhandlungen bereit ist. Und ich habe auch keine Lust, zum hunderttausendsten Mal über Vietnam und den Irak zu reden und so zu tun, als seien der Tschetschenienkrieg und die sowjetische Invasion Afghanistans nie passiert.

    Fast niemand hierzulande will Krieg. Und wenn wir keinen Krieg wollen, müssen wir uns verteidigen können.

  • Zangler

    Soll eigentlich Klaus von Dohnanyi der „intellektuelle Lichtblick“ sein? Der Mann, der einen Unfall im Schacht Asse ausschloss, der mit den Grünen nicht regieren wollte und Neuwahlen herbeiführte, um schließlich mit der FDP (nach dem Sturz von Helmut Schmidt wohlgemerkt!) zu regieren, der (mit-)verantwortlich war für den Bau des AKW Brokdorf und v.a. den „Hamburger Kessel“ und der zum Dank dann bei der Bertelsmann-Stiftung die deutsche Lehre und Forschung mit abwickeln durfte?



    Kritik an der Politik des Westens? – Ja! Aber von links muss das schon noch kommen, und das muss auch benennen dürfen, was für mich als Linker „rechts“ von meiner Position ist. Die angebliche „Diffamierung“ aller eher autoritären (d.h. gewaltvollen und der rationalen Beweisführung nicht geneigten, sowie aller marktradikalen, d.h. unsolidarischen und die systematischen Verarmung der von Arbeitseinkommen Abhängigen betreibenden) Politik ist überhaupt gar keine Diffamierung, sondern linke Systemkritik. Dass selbst rechte Spezialdemokraten die nicht mögen: geschenkt! Aber dahin gehört dieser Beitrag: In die Mottenkiste der Hamburger SPD der 1980er und -90er, wo Schmidt als Bundeskanzler als zu links galt.

  • Philippo1000

    Alles hat seine Zeit.



    Die Zeit, in der die USA verlässlicher Partner waren, der uns beschützt hat, ist vorbei.



    Die Zeit, in der Deutschland und Frankreich gemeinsamer Motor für Europa waren, ist vorbei.



    Die Zeit in der rechtsextreme Parteien klein gehalten wurden ist vorbei.



    Es gibt viel Neues und wenig davon ist erfreulich.



    Einen donald trump hätte es nicht gebraucht.



    In einer Weltordnung, die sich gerade neu justiert, ist es sinnvoll, sich zuerst einmal auf sich selbst zu verlassen.



    Das heißt z.B. sich selbst verteidigen zu können.



    Kriegstüchtig zu sein bedeutet, nicht nur ein paar Soldaten und Waffen zu haben, sondern in der Lage zu sein, Deutschland zu verteidigen.



    Das war bisher nicht so und ist gerade im Aufbau.



    Wie wir an der Ukraine sehen, braucht es nicht zwingend Zwei, die sich streiten, es reicht Einer, der Krieg führen will.



    An den hybriden Attacken ist ablesbar, dass die Gefahr auch für Europa real ist.



    Das muss auch alten Linken klar werden.



    Sich verteidigen zu können ist keine Kriegstreiberei.



    Es ist die Vorsicht, für den Ernstfall vorbereitet zu sein.



    Da ist es klug, Material selbst zu bauen, wie in Osnabrück.



    Demokratie verteidigen nach innen und nach außen.

  • Sam Spade

    "600 Milliarden Euro werden in Deutschland recht geräuschlos bis 2029 dafür bereitgestellt"

    Und wenn Deutschland dann in zwanzig Jahren sein Ziel erreicht hat und die größte konventionelle Militärmacht auf dem Kontinent stellt, dann stehen dem deutschen Altmetall KI gestützte Drohnen und Kampfroboter gegenüber und das Spiel beginnt von vorne.

    Ein Fass ohne Boden. Wundert mich das die deutschen Steuerzahler diesen Irrweg so geräuschlos begleiten. Zumal Geld allein noch kein Garant für ein funktionierendes Militär ist, aber auf diesem Gebiet hat Deutschland ja reichlich Erfahrung.

  • Uwe Kulick

    70 Jahre Frieden? In welcher Welt leben wir denn? 1999 war Kosovokrieg und, obwohl die NATO nicht angegriffen war und auch kein UN-Mandat vorlag, waren Tornados der Luftwaffe inklusive Bundeswehrpiloten an Angriffen beteiligt. Anno 1999! Die Zeitenwende ist also schon drei hoch drei Jahre her! Da war bereits Bundeswehr buchstäblich in den Krieg gezogen!

    Immerhin wurden die teuren Flieger da mal benutzt. Aber ich war der Meinung, im Bundestag hätte der Einsatzfall besser ausdebattiert werden müssen. Später noch war immer mal wieder von der Bundeswehr als Parlamentsarmee die Rede, aber im Kosovokrieg hätte das überzeugender zelebriert werden müssen, damit es auch alle ein für allemal verstehen.

    Olaf Scholzes "Zeitenwende" war also eine Wende rückwärts: Nicht eingreifen, sondern schön zögerlich Waffen liefern. Auch sein Nachfolger Merz zögert schon mehr als ne Weile mit dem Taurus ...

    In früheren kohlgemütlichen Zeiten hat Waigel einfach drei Milliarden an die USA überwiesen, und über einen Einsatz der Bundeswehr im Kuwaitkrieg wurde gar nicht erst diskutiert. Deutschland konnte sich nochmal freikaufen vom Kriegführen.

    Nach Kosovo und Kundus ist schon die 2. Bundes-Nachkriegszeit!

  • XXX

    "Mit denen gemeinsam möchte man nicht mal für den Frieden sein."



    Diese Haltung ist genau das Problem! Ein Standpunkt wird nicht dadurch wahr oder falsch, ob die AfD oder das BSW ihn vertritt. Das sollte vollkommen egal sein und sollte auch niemand jemals vorgeworfen werden.

    • nihilist

      @XXX:

      Das ist korrekt.

      Wer klug ist, prüft seinen Standpunkt aber nochmal ganz genau und ergebnisoffen, wenn ihm ausgerechnet AfD und BSW zustimmen.

  • rero

    „Russland selbst dürfte in absehbarer Zeit keinen Angriff auf die Nato riskieren, konstatierte unlängst selbst der Nato-Oberbefehlshaber in Europa Alexus Grynkewich.“

    Setzt voraus, dass es in absehbarer Zeit überhaupt noch eine NATO…

    Da ist sich nicht jeder so sicher.

    Ein NATO-Oberbefehlshaber wird nun daran keine Zweifel äußern.

  • Cornelia Gliem

    "dass jeder Aspekt, der nicht in die westliche Binnenerzählung passte, als „rechts“ oder Putin-nah diffamiert wurde" - sry nein. Das wurde jahrzehntelang als links und kommunistisch diffamiert.

    Ich stimme zu, dass es eine bessere rational und gleichzeitig idealistische Friedensbewegung braucht.

    Aber zt wirkt es beliebig: mal heißt es, Russland wäre ja so wirtschaftlich schwach, dass es dumme angstmacherei sei von wegen Böse russische Gefahr.



    Mal dass Russland ja so riesig wäre und im Besitz enormer Ressourcen, dass Ukraine nie gewinnen könnte etc.



    Was denn nun?



    Und die drei genannten ach so verkannten und als putinfreundin gebashte Verfechter von frieden -



    werden zt eben auch kritisiert, weil sie aus dem sicheren Deutschland heraus der Ukraine ihre Handlungen Verhandlungen vorschreiben wollen...

    Aber wie gesagt: stimme zu dass wir eine echte Diskussion benötigen, eine über schwarz weiß hinaus.

  • Kohlrabi

    Vielem möchte ich zustimmen. In einem Punkt aber leider Pessimismus einstreuen.

    Gustav Stresemann war ein klassischer Zentrist in der deutschen Politik. Vor 1918 innenpolisch linksliberal, außenpolitisch ein Falke.



    Solche gibt es auch heute.

    Stresemanns Hinwendung zur Entspannungspolitik mit dem Ergebnis der Locarno-Verträge geschah erst nach der Erfahrung eines verheerenden und massenmörderischen Krieges.

    Gibt es heute genug zentristische Politiker, die einer solchen Erfahrung nicht bedürfen und die schon VORHER zu einer Erkenntnis gelangen, welche Stresemann leider erst NACHHER zuteil wurde?

  • Hometown Tourist

    Der Artikel hat gute Fakten und Absichten, aber warum wird hier die dem Militarismus zugrunde liegende Logik ausgespart? Der "Frieden" hieß die letzten Jahrzehnte, dass sich alle(+-) Nationalstaaten und Gigakonzerne einig sind über Wettbewerb und Expansionslogik (national und transnational), sprich Kapitalismus.



    Und wenn Wirtschaftsstatistiken straucheln, niemand mehr deutsche Autos kaufen will (+ Stichwort Klimakatastrophe die künstliche Knappheit zur tatsächlichen Ressourcenknappheit ausartet) ist doch klar, was laut diesem System geschehen muss

    "friedlichere Verhältnisse" ist nicht, solang Klassenwidersprüche, Staatendenken und weitere Formen von Apartheid unangetastet bleiben



    die neue Friedensbewegung sollte keine sein, die (egal ob verbal/emotional/inhaltlich oder aktiv(Barrikaden)/passiv(streikend) gewaltvoll) an das System herantritt und fordert es solle nicht genau das machen, was in seiner Natur liegt, sondern es einfach mal durchs tatsächlich kollektiv nicht länger mitspielen "verdursten" lassen (vgl. Benjamin: "proletarischer Generalstreik")

  • Pawel_ko

    "In Richtung Russland müsste sie unmissverständlich ein Ende des barbarischen Angriffs auf ein souveränes Land fordern."

    Und die Rückgabe der annektierten Gebiete, Reparationszahlungen und die Rückgabe aller entführten Kinder.

    Eine Einstellung der Kampfhandlungen und einfrieren der Frontlinie würde de facto ein Land belohnen ein anderes mit Gewalt seiner Ressourcen und Bevölkerung zu rauben.

  • PeterArt

    Leider ist ja das selbstherrliche "Wir sind ja für Frieden" (während die, die sich um Verteidigungsfähigkeit kümmern, natürlich als Kriegstreiber verteufelt werden) immer wieder mit dem Putin-Lawrow-Narrativ von der Schuld des Westens und der NATO am Ukrainekrieg verbunden.

    • nihilist

      @PeterArt:

      Ja. Es ist am Ende immer wieder die selbe Soße - der Westen hat um die Jahrtausendwende auch mal wen angegriffen, also hat Russland dazu nun auch jedes Recht und sollte am besten möglichst schnell und unblutig alles bekommen, was es will.



      Und das nennt sich dann Friedenspolitik.

  • Totti

    Einer Friedensbewegung, die von Russland fordert, den barbarischen Angriff auf ein souveränes Land zu beenden, und vom Westen, weniger arrogant zu sein, schließe ich mich gerne an und wünsche ihr vor allem viel Erfolg...

    • KaosKatte

      @Totti:

      Da möchte ich gerne zustimmen. Sehe aktuell auch das Muster der 80er-Jahre-Friedensbewegung, wo gegen amerikanische Raketen protestiert wurde aber nie gegen sowjetische; ähnlich wie aktuell unter Führung von Afd, Wagenknecht & Co.

      • Schleicher

        @KaosKatte:

        Sich an die eigene Nase zu fassen ist kein "Muster", sondern gehört zum Standardrepertoire einer funktionierenden Demokratie. Amerikanische Raketen standen schließlich auf westdeutschem Boden. Das galt für sowjetische Rakten wohl kaum. Es ist also Selbstkritik.

        Dass Sie die AfD damit in Verbindung bringen ist komplett falsch. Genau wie Sie möchte die AfD Schluss machen mit diesen "Denkmälern der Schande". Lass uns doch lieber Denkmäler für russische Verbrechen aufstellen, statt immer nur für die eigenen.

        • xriss

          @Schleicher:

          Aber natürlich gab es sowjetische Atomwaffen auf DDR Gebiet. Die NVA hatte die Trägersysteme dafür.

          www.atomwaffena-z....fen-in-deutschland

          • Iguana

            @xriss:

            Okay, aber DDR war nicht "westdeutscher Boden". Im Kommentar davor stand nicht deutscher sondern westdeutscher Boden und es ging davor wohl eher um die Friedensbewegung in der BRD.

          • Axel Schäfer

            @xriss:

            Und auch in der DDR gab es eine sehr mutige Friedensbewegung, Stichwort "Schwerter zu Pflugscharen" ....

      • elektrozwerg

        @KaosKatte:

        Der Feind meines Feindes ist mein Freund geht halt meistens in die Hose.

        • nihilist

          @elektrozwerg:

          Mein Freund ist Russland geht immer in die Hose.

  • Black & White

    Danke für diesen offenen und inspirierenden Beitrag.