Frauenhaus Maison Baobab: Hier sind sie sicher
Im Maison Baobab im marokkanischen Rabat leben viele Migrantinnen, die auf der Flucht Gewalt erlebt haben. Nun atmen sie durch. Doch es ist nur ein Schutz auf Zeit.
L ächelnd blickt Bsrat Hndya auf die kleinen Bilder ihrer Eltern, die sich nur noch schemenhaft auf den Fotokopien in ihrer Hand erkennen lassen. „Als die Raketen über mein Dorf flogen, bin ich gegangen“, erinnert sie sich. Damals, im Jahr 2020, begann ein Bürgerkrieg in der Region Tigray in Äthiopien, der Hunderttausenden das Leben kostete, erst vergangene Woche ist er wieder voll entbrannt.
Damals emigrierte Hndya jahrelang durch den afrikanischen Kontinent, durchquerte den Sudan, Libyen, Algerien, dann ging sie klammheimlich zu Fuß über die seit 1994 geschlossene Grenze zum verfeindeten Königreich Marokko. Obwohl das nordafrikanische Land an der schmalsten Stelle nur rund 15 Kilometer vom europäischen Kontinent entfernt liegt, gibt es für Hndya kein Weiterkommen: „Seit drei Jahren hänge ich hier in Marokko fest“, erzählt sie.
Die junge Äthiopierin sitzt auf dem oberen Stockbett in ihrem Zimmer des Apartments II des Maison Baobab. Fünf Betten stehen in dem kleinen Raum, der von einer Glühbirne erleuchtet wird. Durch die angelehnten Fensterläden dringen Motorengeräusche von der Straße, die sich im Haus mit Babygeschrei mischen. Die Ankunft in Marokko sei hart gewesen, sagt sie.
Anfangs lebte sie auf der Straße. Nachdem sie von einer Bekannten von dem Frauenhaus erfuhr, klopfte sie an dessen Tür und stellte sich beim Team der Organisation vor, das selbst aus Menschen mit Migrationserfahrung besteht. Im Maison Baobab wird sie verstanden. „Ich bin sehr froh, dass ich hier ein Bett bekommen habe“, sagt die 26-Jährige.
In ihrem Zimmer, das sie mit vier Frauen und zwei Kindern teilt, hat sie sich eingerichtet. Am Fußende ihres Stockbetts liegt ihre gestapelte Kleidung, daneben eine Packung Reis und etwas Gemüse. Neben ihrem Kopfkissen hat sie ein laminiertes Bild des Heiligen Erzengels Michael an die Wand geheftet.
„Meine Religion hat mir die Kraft gegeben, das alles zu überstehen“, sagt Hndya, die wie viele Äthiopier:innen christlich-orthodoxen Glaubens ist. Mit gesenktem Blick streift sie mit ihren Fingerspitzen über das Abbild des Engels, der in ihrer Religion für den Kampf gegen das Böse steht. „Er erinnert mich an meinen Vater“, sagt sie leise.
Sorgfältig zieht Bsrat Hndya einige weitere Blätter Papier aus einer Klarsichtfolie. Langsam faltet sie die Dokumente auseinander, die mehr über ihre Herkunft verraten. In blasser Schrift zeichnen sich in den Zeilen die Namen, Wohnorte und Geburtsdaten ihrer Eltern ab.
Die Familie lebte in einem abgeschotteten Dorf im Norden Äthiopiens, bevor Hndya – wie auch ihre acht Geschwister – ihre Heimat verließ. Wenn Hndya von ihrer Familie erzählen möchte, dann sammeln sich Tränen in ihren Augen. „Ich bin ganz allein hier“, flüstert sie mit bebender Stimme und gebrochenem Englisch. Über sechs Jahre ist es her, dass sie vor den Raketen floh. Und noch immer sucht sie eine sichere Zukunft.
Ein breiter Flur eröffnet den Blick in die weiteren Zimmer des Maison Baobab, in denen metallene Stockbetten stehen und nur wenig Platz zur Decke lassen. Auf dem Boden spielen Kinder mit Knete oder malen auf Papier. In den Betten telefonieren die Bewohnerinnen in die Heimat, waschen im kleinen Innenhof Wäsche oder drängen sich um den lodernden Gasherd, von dem Dampf aus Reistöpfen emporsteigt.
Foto: Leon Scheffold
Seit 2015 stellt das Frauenhaus in Marokkos Hauptstadt Rabat Schlafplätze für rund 50 Migrantinnen und ihre Kinder aus verschiedensten Ländern Afrikas, etwa dem Sudan, der Elfenbeinküste oder Äthiopien, zur Verfügung. Rund drei Monate können sie dort kostenlos unterkommen, an Alphabetisierungs- oder Nähkursen teilnehmen, medizinische Unterstützung erfragen und versuchen, sich von den kräftezehrenden Wochen, Monaten oder gar Jahren, die hinter ihnen liegen, zu erholen.
Mariama Diaby arbeitet für die Organisation Arcom, die das Maison Baobab eröffnete. Die Langfassung des Namens bedeutet übersetzt: Vereinigung der Flüchtlinge und Migrantengemeinschaften in Marokko. Diaby verbringt die Tage in den Appartements des Frauenhauses und kümmert sich um all jene, die Hilfe ersuchen.
„Wir nehmen bei uns Frauen aller Nationalitäten und Hintergründe auf“
Am kleinen Esstisch im Flur sitzt sie auf einem Plastikstuhl und wartet auf Frauen, die an die Haustür klopfen. Einige Bewohnerinnen des Maison Baobab flüchteten vor Krieg. Andere wiederum verließen ihre Heimat aus geschlechtsspezifischen Gründen, etwa um einer Kinderehe oder Gewalt durch den Partner zu entkommen. Wieder andere suchten schlicht ein besseres Leben in der Ferne. Die Wege der Frauen in das sichere Rasthaus waren unterschiedlich. Doch eint sie alle das Bedürfnis nach Sicherheit.
„Wir nehmen bei uns Frauen aller Nationalitäten und Hintergründe auf“, sagt Mariama Diaby. Die Erfahrungen, die die Frauen auf ihrer Route nach Marokko machten, seien oft schwerwiegend: „Manche von ihnen wurden von ihren Partnern und Freunden zurückgelassen, andere erlebten schwere sexuelle Gewalt und sind ungewollt schwanger, wenn sie bei uns ankommen“, erklärt sie. Geschlechtsspezifische Gewalt ist entlang der gefährlichen Migrationsroute durch die Sahara weit verbreitet. „Frauen sind dabei besonderen Risiken ausgesetzt. Deshalb kümmern wir uns um sie“, sagt Diaby.
Durch die Fensterläden fällt ein schmaler Lichtkegel in Bsrat Hndyas Zimmer. Im Apartment II des Maison Baobab fand sie ein warmes Bett, genügend Essen, dazu einige Freundinnen. Dass sie hier einziehen konnte, sei so etwas wie eine Rettung gewesen. Doch die vergangenen sechs Jahre auf der Flucht haben die junge Frau gezeichnet. Sie sitzt im Schneidersitz auf ihrem Bett, legt ihre Finger ineinander.
„Dreimal habe ich versucht, mich umzubringen. Ich habe Bleichmittel getrunken“, sagt sie und senkt ihren Blick. Die Erinnerungen, die sie auf der Route quer durch Afrika machte, verfolgen sie noch immer: „Die Männer schliefen mit mir. Manchmal jeden Tag. Nachts wache ich auf, weil ich davon träume.“
Die Gewalt, die Hndya auf ihrem Weg durch den afrikanischen Kontinent erlebte, ist alles andere als ein Einzelfall. Über drei Viertel der Frauen, die durch den afrikanischen Kontinent nach Marokko emigrieren, erleben auf der Route sexualisierte Gewalt. Besonders gefährlich sind dabei abgelegene Wüstenabschnitte und Grenzregionen, insbesondere in Libyen und den malischen Grenzregionen.
Sexualisierte Gewalt hat auf der Route durch Afrika System. Die Täter sind staatliche Akteure wie Grenzschutzbeamte oder Polizisten, aber auch Schleuser- und Menschenhändlerbanden oder Einzelpersonen, die die Schutzlosigkeit der Menschen auf der Migration ausnutzen.
Die Marokkanerin Imane Echchikhi arbeitet als Fachberaterin für Migration und Entwicklung für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). In der Stadt Oujda, nahe der algerisch-marokkanischen Grenze, betreut sie Migrant:innen, die irregulär ins Land kommen.
„Ohne die NGOs in Marokko würde das System nicht funktionieren“
„Einige der Menschen, die bei uns ankommen, können nicht sprechen, weil sie zu traumatisiert sind“, sagt sie. Die Route durch die Sahara sei voller Gewalt. Kriminelle Banden überfielen die Migrant:innen-Gruppen, würden ihnen Smartphones, Papiere und Kleidung abnehmen. Selbst Kinder würden sexualisierte Gewalt auf der Route durch den Kontinent erleben.
Diejenigen, die in Marokko ankommen, sind nicht automatisch in Sicherheit. Durch ihren illegalen Status im Land können Betroffene von Gewalt sich nicht problemlos in Krankenhäusern oder bei der Polizei melden. Zusätzlich mangele es im Land an psychologischer Hilfe für Migrantinnen.
„Die wenigen Sozialarbeiter in Oujda sind selbst in einer schwierigen Situation, da sie täglich mit den schrecklichen Geschichten konfrontiert sind und nur wenig helfen können“, erklärt Echchikhi. Von Seiten der marokkanischen Regierung hingegen käme nur marginale Unterstützung. So liegt es an privaten Initiativen, die Probleme anzugehen. „Ohne die NGOs in Marokko würde das System nicht funktionieren“, erklärt die Beraterin.
Im Land gibt es ein Netz an privaten Organisationen, die untereinander gute Kontakte pflegen, sich gegenseitig helfen. Einerseits seien internationale Verbände und auch marokkanische Organisationen – wie etwa Ärzte ohne Grenzen oder die „Association Marocaine des Droits Humains“ – für Migrant:innen und Geflüchteten ansprechbar. Zusätzlich gibt es im Land verstreut einige NGOs, die von Migrant:innen selbst gegründet wurden. Der Ursprung dieser selbstverwalteten Initiativen geht mutmaßlich auf den Gründer des Maison Baobab, Emmanuel Mbolela, zurück.
Denn als der Kongolese im Jahr 2005 selbst noch ohne Aussicht auf Besserung als politischer Geflüchteter in Rabat gestrandet war, gründete er mit einer Reihe von Mitstreitern die Geflüchtetenorganisation Arcom. „Mein Ziel war damals, die Grundrechte der Migranten in Marokko zu verteidigen“, erklärt er. Die Gründung der Organisation ermöglichte ihm und seinen Mitstreiter:innen, die Forderungen der migrantischen Community geschlossen in die Öffentlichkeit zu kommunizieren.
Offiziell 111.000 Migrant:innen in Marokko
Als Präsident von Arcom hörte man ihm zu, selbst mit politischen Akteuren habe er das Gespräch suchen können. Ungefährlich war das nicht. Mit seinen öffentlichen Kundgebungen im repressiven Marokko der Nullerjahre riskierte Mbolela mindestens seine Freiheit. Denn der seit 1999 herrschende König Mohammed VI. schränkte Kritik an seiner Person und der konstitutionellen Monarchie weitgehend ein.
Foto: Leon Scheffold
Wer sich dem widersetzte, riskierte eine Haftstrafe. Im Zuge des Arabischen Frühlings reformierte das Land die Verfassung, König Mohammed VI. gab weitere Teile seiner Macht an das Parlament ab. Doch ist er bis heute Marokkos Staatsoberhaupt und für viele eine paternalistische, unfehlbare Schutzfigur.
Nach Jahren als Aktivist gründete Mbolela das Maison Baobab. Marokko ist Transit- und Zielland für viele Menschen aus Subsahara-Afrika. Offiziell leben rund 111.000 Migrant:innen in Marokko, zusätzlich sind mehr als 23.000 Geflüchtete und Asylsuchende beim UNHCR registriert. Wie viele Menschen aber wirklich ohne Papiere im Land leben, weiß niemand. Schätzungen vermuten, dass es bis zu 700.000 sein könnten.
Alle paar Wochen reist Emmanuel Mbolela zurück in die Vororte von Marokkos Hauptstadt, wo der Grundstein seiner Organisation gelegt wurde. Nur wenige Straßen vom Maison Baobab entfernt liegt das unter Migrant:innen beliebte Viertel Takaddoum. „Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem ich hier ankam“, sagt er mit ernster Miene.
Mbolela flüchtete im Jahr 2002 aus der Demokratischen Republik Kongo, durchquerte fast den gesamten afrikanischen Kontinent bis nach Marokko. Vier Jahre lang war er in dem Land gestrandet, bevor er Asyl in den Niederlanden erhielt. „Wenn ich nach Takaddoum komme, dann weiß ich, wo meine Wurzeln liegen“, sagt er.
Mbolela kneift seine Augen zusammen und blickt über das weiße Meer aus Häusern. Wenn er heute durch den Vorort Rabats schlendert, seine Bekannten auf der Straße mit einem Handschlag und einem freundlichen „Hallo, meine Brüder“ begrüßt, muss er keine Repression der Polizei mehr fürchten.
Doch das war nicht immer so. Damals, als er im Viertel ankam, habe er versteckt in einem sogenannten „Ghetto“ geschlafen – also einer geteilten Unterkunft, in der Migrant:innen unter meist prekären Bedingungen leben. Im Viertel existieren noch immer viele dieser Ghettos, in denen Migrant:innen zwar Wohnraum anmieten können, wegen ihrer Herkunft jedoch oft deutlich teurere Mieten für die meist prekären Unterkünfte zahlen müssen.
Im Labyrinth der engen und undurchsichtigen Gassen finden sich migrantische Communitys zusammen und teilen ihre Zimmer teilweise mit Dutzenden anderer Migrant:innen. Unter Marokkaner:innen ist Takaddoum als „Viertel der Afrikaner“ bekannt – zwar liegt Marokko auch auf dem afrikanischen Kontinent, doch möchten viele arabischstämmige Marokkaner nicht mit dem Afrika südlich der Sahara gleichgesetzt werden.
Expert:innen führen den verbreiteten anti-Schwarzen Rassismus in Marokko unter anderem auf den Sklavenhandel zurück, der zwar ab dem Jahr 1922 abgeschafft wurde, doch noch Jahrzehnte fortbestand. Zusätzlich könnte auch Marokkos Rolle bei der Kontrolle der europäischen Außengrenze eine Ursache für die Ressentiments gegenüber Menschen aus Subsahara-Afrika sein.
Wenige schaffen es über die Straße von Gibraltar
Mbolela ist in der migrantischen Community gut vernetzt. Mit einer Tüte voller Reis, Öl und Tee tritt er durch eine unscheinbare Haustür, die ihn in eine dunkle Wohnung führen soll. Auf klapprigen Stühlen sitzen junge Männer mit fleckiger Kleidung, die zurückhaltend antworten, nachdem Mbolela sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigt.
„Die Polizei bereitet uns hier große Schwierigkeiten“, sagt einer der Bewohner des Ghettos. „Ohne Papiere riskiert man, inhaftiert und in eine andere Stadt gebracht oder sogar in der Wüste ausgesetzt zu werden“, fährt er fort. „Und selbst wenn man die Papiere hat, kann es einen treffen“, ergänzt ein anderer. Mbolela nickt. Auch er machte diese Erfahrungen, als er sich als junger Mann in einem der Ghettos der Stadt versteckte.
Migrant:innen kommen nach Marokko, weil das Land bessere Lebensbedingungen als deren Heimatländer bietet und nah an Europa liegt. Doch nur wenige schaffen es über die Straße von Gibraltar. Damit das so bleibt, tun die marokkanischen Behörden ihr Übriges.
Als Türsteher der EU erhält Marokko Gelder, um die Migrationsströme noch vor den europäischen Außengrenzen zu unterbinden. Zwischen 2021 und 2023 erhielt Marokko allein von der EU rund 193 Millionen Euro für migrationsbezogene Programme, auch Spanien hat nach Recherchen der Zeitung The Objective über die vergangenen Jahre über 100 Millionen Euro an Marokko überwiesen. Kritiker:innen werfen der EU vor, sie würde ihre Grenzkontrollen damit nach Afrika auslagern.
Dabei steht das Vorgehen der marokkanischen Behörden immer wieder in der Kritik. In Berichten ist von Abschreckung durch gewaltvolle Inhaftierungen, Aussetzungen in der Wüste und Erpressung durch Polizisten die Rede. Mehrfach starben Migrant:innen, wie etwa im Jahr 2022, als bei einem Einsatz der Sicherheitsbehörden an den Grenzzäunen zur Exklave Melilla laut Pro Asyl mindestens 27 Menschen ihr Leben verloren. Bei Razzien in den Ghettos des Landes kommt immer wieder zu Schlägen, willkürlichen Festnahmen oder Diebstahl des wenigen Hab und Guts der Migranten und Geflüchteten durch die Sicherheitsbehörden.
Dabei passt das Image des repressiven Polizeistaates ganz und gar nicht zur Zukunftsvision Marokkos. Denn im Jahr 2030 wird die Fußballweltmeisterschaft auch in dem Königreich stattfinden. Schon jetzt bereitet sich das Land darauf vor. Wenn die Weltöffentlichkeit auf das Land blickt, soll es sicher, schön und erschlossen sein. Dafür investiert Marokko in Infrastruktur, baut 3.000 Kilometer neue Autobahn.
Dazu entsteht aktuell rund eine Autostunde von der Hauptstadt entfernt das größte Fußballstadion der Welt, in dem im Jahr 2030 bis zu 115.000 Menschen gebannt Spiele der Weltmeisterschaft bestaunen sollen. Was nicht zur ambitionierten Agenda 2030 passt, muss weichen.
In Casablanca etwa wurde für die neue, prunkvolle „Avenue Royale“ ein Teil der historischen Altstadt abgerissen. In Rabat rückten Bulldozer an, um unter dem Vorwand der Modernisierung ganze Straßenzüge dem Erdboden gleichzumachen. Die Bewohner:innen der Migrantenviertel sind besorgt. In den Gängen Takaddoums sprechen sie über den möglichen Abriss ihres Viertels. Offiziell gibt es keine Verlautbarungen dazu.
Die Politik Marokkos verärgert aber auch junge Marokkaner:innen. Proteste der Generation Z sorgten Ende des vergangenen Jahres für internationale Aufmerksamkeit. Mit Plakaten, auf denen Slogan wie „Invest in Brains, not just Games“ standen, demonstrierten Zehntausende junge Marokkaner gegen die Fußball-WM und für eine Kehrtwende in der Politik. Marokkos Behörden reagierten hart: Drei Demonstranten starben durch Schüsse der Polizei, andere wurden für bis zu 15 Jahren ins Gefängnis gesteckt.
Auch die jüngsten Vorfälle an den Grenzzäunen der Exklave Ceuta zeigten, wie viele junge Marokkaner:innen unzufrieden mit der Situation in ihrem Land sind. Noch immer harren dort Hunderte ohne jede Perspektive aus.
Bei den Parlamentswahlen am 23. September – bei der nur 22 Prozent der Wahlberechtigten den Weg zur Wahlkabine bestritten – konnte die Partei PAM die Mehrheit erlangen. Sie will 500.000 Arbeitsplätze für junge Menschen schaffen. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten.
Übergriffe durch Männer aus der eigenen migrantischen Gemeinschaft
In seinem autobiografischen Buch „Mein Weg vom Kongo nach Europa“ schreibt Mbolela über seine Flucht und über die prägenden Jahre in den Vororten Rabats. In den Kapiteln, die von Mbolelas Route durch Afrika, seiner schweren Zeit im Ghetto und dem Befreiungskampf der Migranten und Migrantinnen in Marokko handeln, beschreibt Mbolela immer wieder die Repression, der sie ausgesetzt sind.
Insbesondere widmet er sich den Schicksalen der Frauen, die mit ihm durch die Sahara reisten: „Die Frauen in meiner Gruppe wurden systematisch misshandelt. Die Schmugglerringe nutzen sie als Tauschmittel gegenüber Polizisten oder Grenzbeamten, um ihre Macht zu sichern“, führt Mbolela aus. Doch auch in Marokko sind Frauen auf der Flucht keinesfalls sicher: „In dem Ghetto, in dem ich schlief, kam es zu sexuellen Übergriffen durch Männer aus der eigenen migrantischen Gemeinschaft“, erinnert er sich.
Im Jahr 2008 konnte Mbolela Marokko verlassen. Mit einem sogenannten Resettlement – also einer Umsiedlung in einen aufnahmebereiten Drittstaat – erhielt er Asyl in den Niederlanden. Damals wie heute war dafür das Büro des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen UNHCR in Rabat zuständig.
Dass Mbolela ausreisen durfte, lag vielleicht auch daran, dass er mit seiner Organisation zu einem einflussreichen Kritiker staatlicher Systeme wurde. Marokko ganz hinter sich zu lassen, sei aber nie eine Option gewesen. „Als ich in Europa ankam, war mir klar, dass ich etwas an der Situation der Migranten und Migrantinnen in Marokko ändern muss“, sagt Mbolela.
Also schrieb er seine Autobiografie, veranstaltete Lesungen, besuchte Schulklassen, sprach auf Podien und baute sich so ein Netzwerk aus Unterstützern in Europa auf. Mittels Spenden konnte er das Maison Baobab anmieten und ab dem Jahr 2015 die ersten Frauen darin unterbringen.
Seitdem wuchs das Haus auf inzwischen drei Apartments mit je drei bis vier Zimmern. In den vergangenen zehn Jahren beherbergte das Maison Baobab nach Angaben von Arcom rund 1.500 Frauen und deren Kinder.
Geheimer Standort
Finanziert wird das Haus durch die Unterstützung des Vereins Medico International und des Netzwerks Afrique-Europe-Interact. Zusätzlich gebe es einige Privatpersonen, die regelmäßig größere Beträge spenden würden. Nach Angaben von Arcom kostet die Unterbringung monatlich durchschnittlich 75 Euro pro Person.
Arcom bietet neben der Wohnung Lebensmittel, Unterricht und medizinische Betreuung. Den Namen des Hauses wählte Mbolela als Referenz an seine Heimat, die Demokratische Republik Kongo: „In meinem Heimatdorf treffen sich die Menschen im Schatten unter den Blättern der Baobab-Bäume, um sich auszutauschen und Gemeinschaft zu spüren. So auch in unserem Frauenhaus.“
Der genaue Standort des Maison Baobab ist geheim, über Hilfsangebote erfahren die Frauen von dem Standort. Das Team des Hauses rät den Frauen, nicht zu viel Zeit vor der Eingangstür zu verbringen, um keine ungewollte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – zu unsicher sei es, als migrantische Initiative Platz im öffentlichen Raum einzunehmen. Arcom will unter dem Radar bleiben, um kein Ziel von Razzien zu werden.
Viele Frauen, die im Maison Baobab unterkommen, haben nie eine Schule besucht. Um ihnen auch nach ihrer Zeit im Maison Baobab eine Perspektive zu bieten, können sie in Räumlichkeiten der Organisation Französisch, Englisch und Arabisch lernen, Näh- und Informatikkurse besuchen oder etwas über wirtschaftliche Grundlagen erfahren.
Und auch die Kinder der Frauen werden unterrichtet. In einem Klassenzimmer sitzen Schüler:innen jeglichen Alters auf kleinen Stühlen und schreiben Vokabeln in ihre Hefte. „Die Kurse sollen den Frauen und Kindern ermöglichen, nach ihrer Zeit im Maison Baobab eigenständig leben zu können“, erklärt Mbolela. Ein Zimmer weiter sitzen fünf Frauen vor klackernden Nähmaschinen und unterhalten sich.
Die Gabunerin Fleure erzählt, dass sie nach Marokko gekommen sei, um Erbstreitigkeiten in der Familie zu entgehen. Sie wollte ein neues, konfliktfreies Leben beginnen. Doch es kam anders. „Weil ich keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen habe, verlor ich meinen Job in einem Krankenhaus hier in Rabat. Dann bin ich auf der Straße gelandet“, erzählt sie. Das Maison Baobab nahm sie auf. Sie möchte in Marokko bleiben, ihr Ziel ist ein Arbeitsvertrag und eine eigene Wohnung.
Doch das sei nicht ohne Weiteres möglich: „Ohne Arbeit bekommt man keinen Aufenthaltstitel“, sagt sie. Und eine reguläre Festanstellung zu erhalten, ist komplex. Denn selbst unter marokkanischen Hochschulabsolventen liegt die Arbeitslosenquote bei 20 Prozent. Rund 45.000 Marokkaner verlassen das Land jährlich, ein Großteil aus wirtschaftlichen Gründen. Während Marokko also längst nicht mehr nur Transit-, sondern auch Zielland für Migrant:innen ist, möchten große Teile der jungen marokkanischen Bevölkerung selbst das Land verlassen.
Diese Dualität ist ein weiterer Grund für die weit verbreitete ablehnende Haltung gegenüber Migranti:nnen aus Subsahara-Afrika. „Viele Marokkaner sagen: Wir haben unsere eigenen Probleme. Wir können uns nicht auch noch um andere kümmern“, erklärt GIZ-Beraterin Imane Echchikhi. Klar sei aber auch, dass die Feindseligkeit noch einen weiteren Ursprung habe: „Ein Problem ist schwerwiegender Rassismus in weiten Teilen der nordafrikanischen Bevölkerung gegenüber Migranten aus Subsahara-Afrika.“
Diese Ressentiments erfuhr auch Bsrat Hndya. Die Äthiopierin ist eine von nur rund 3.000 Menschen mit christlich-orthodoxem Glauben im Land, hat schwarze Haut und ist noch dazu eine Frau im patriarchalen Marokko. Das mache sie gleich mehrfach zur Zielscheibe. „Viele Marokkaner haben ein Problem mit mir“, sagt sie und zeigt mit ihrem Zeigefinger auf die Narbe in Kreuzform, die – seit sie ein Kleinkind ist – auf ihrer Stirn prangt.
150 Menschen kommen täglich zum UNHCR-Büro
„Teilweise lassen mich Taxifahrer nicht mitfahren, weil ich Christin bin“, fügt sie hinzu. Bei potenziellen Chefs habe sie versucht zu lügen, also ihren christlichen Glauben zu verschweigen, da sie dringend einen Job brauchte. Inzwischen könne sie zwar einige Tage im Monat in der Spülküche eines Restaurants aushelfen, doch habe sie noch immer weder einen Arbeitsvertrag noch eine Aufenthaltsgenehmigung. Pro Tag verdiene sie weniger als 10 Euro.
Hndya versucht sich unauffällig zu verhalten, um keine ungewollte Aufmerksamkeit auf sich und das Maison Baobab zu ziehen. Sobald es dunkel wird, hält sie sich nicht mehr auf der Straße auf, tagsüber versucht sie in der Menge an Menschen unterzugehen. Nicht zuletzt wegen der allgegenwärtigen Repression sieht Hndya in Marokko keine Zukunft für sich. Wie ein Großteil der Migrant:innen träumt sie von einem Leben in Europa.
Unzählige Male habe Hndya bereits vor den Türen des UNHCR angestanden, um über den Status ihres Asylantrags zu sprechen. Nach Diskussionen mit den Sicherheitsbeamten blieben die Türen meist verschlossen, sie habe gehen müssen, ohne über ihre Zukunft sprechen zu können. Zwar ist sie offiziell als Geflüchtete registriert, doch bietet das Blatt Papier, auf dem das UNHCR ihren Flüchtlingsstatus bestätigt, keine echte Sicherheit im Fall einer Polizeikontrolle.
Rabab Talal arbeitet für das UNHCR in Rabat. Sie versucht, zukunftssichere Lösungen für Geflüchtete zu finden. „Auch das Geschlecht kann für das Verständnis des Schutzbedürfnisses einer Person von Bedeutung sein“, erklärt Talal. In der Genfer Flüchtlingskonvention ist geschlechtsspezifische Gewalt aber nicht als Fluchtgrund festgehalten. „Rund 150 Menschen kommen täglich zu uns ins Büro“, erklärt Talal.
Die Mitarbeiter des UNHCR registrieren Asylsuchende, stellen ihren Flüchtlingsstatus fest, kümmern sich um Rechtsbeistand und helfen beim Zugang zu Bildung oder einer ärztlichen Versorgung. Dafür erhielt das UNHCR das Mandat von der marokkanischen Regierung. Denn diese etablierte bis heute kein eigenständiges, funktionsfähiges Asylsystem für die Registrierung und Anerkennung von Geflüchteten. Dabei hat sich die Zahl der Asylsuchenden in Marokko in den vergangenen zehn Jahren vervierfacht.
Bsrat Hndya träumt vom Leben in Europa. Doch von den rund 23.000 registrierten Geflüchteten und Asylsuchenden wird jährlich nur „eine niedrige dreistellige Zahl an Personen“ mittels eines Resettlements an andere Länder ausgewiesen, sagt Talal. Wahrscheinlicher sei es für Asylsuchende, in Marokkos nationale Systeme integriert zu werden. Doch das sei einerseits ein langwieriger und unsicherer Prozess, andererseits für viele Menschen keine zufriedenstellende Situation – zu sehr würden sie den Groll und Rassismus ihnen gegenüber durch die marokkanische Bevölkerung spüren.
So bleibt Hndya nur der illegale und gefährliche Weg über das Meer. Mehrfach habe sie bereits versucht, mit einem Boot auf spanischen Boden überzusetzen. Nie gelang es ihr. Aus Mangel an Alternativen möchte sie jedoch wieder die Fahrt über das Meer wagen. Schwimmen kann die 26-Jährige nicht.
Das Team von Arcom möchte vermeiden, dass die Bewohnerinnen sich diesem Risiko aussetzen. Denn allein im Jahr 2025 sind allein 483 Menschen in der Straße von Gibraltar gestorben oder vermisst.
Emmanuel Mbolela sitzt an einem Frühlingstag an seinem Schreibtisch im Büro der Organisation, die er vor zwanzig Jahren gründete. Er blickt zu einem Regal zu seiner Rechten. Darauf steht sein Buch in vier verschiedenen Sprachen. Mbolela hat sein Leben dem Kampf für die Rechte von Migrant:innen gewidmet. Das Resultat ist eine Organisation, die das Leben Tausender beeinflusste, doch das System nicht ändern konnte.
Kehrtwende in der globalen Migrationspolitik
„Die Mehrheit der Frauen, die im Maison Baobab unterkommen, werden nicht resettelt und finden auch keine Arbeit hier in Marokko. Am Ende ihres Aufenthalts in der Maison Baobab wissen sie nicht, wohin sie gehen sollen“, erklärt er. Einige Frauen würden in ihre Heimatländer zurückkehren, andere erneut in prekäre Lebensumstände geraten.
Um einen wirklichen Unterschied zu machen, die Situation der Migrant:innen und Geflüchteten in Marokko nachhaltig zu verbessern, brauche es eine Kehrtwende in der globalen Migrationspolitik: „Einerseits müsste das marokkanische Migrationsrecht reformiert, aber auch die Externalisierung der europäischen Grenzen beendet werden“, sagt Emmanuel Mbolela sachlich.
Marokko habe bereits in der Vergangenheit zwei große „Regularisierungskampagnen“ durchgeführt, dabei auf einen Schlag Zehntausenden Migrant:innen Papiere gegeben. Weitere Kampagnen würden gebraucht, seien aber nicht geplant. Wenn Mbolela über die Repression spricht, unter der seine Kameraden bis heute leiden, lässt sich der Frust in seinen Augen erkennen.
Die Leidtragenden der europäischen Abschottungspolitik sind Kriegsflüchtlinge wie Bsrat Hndya, die trotz ihres Fluchtgrundes nicht die Hilfe erfahren, die sie brauchen. Wann sie Marokko verlassen wird oder ob sie ihre Eltern bald wieder in die Arme schließen kann, weiß sie nicht. Klar ist Hndya aber, dass sie in Zukunft anderen Frauen unter die Arme greifen möchte, die eine Krise durchleben: „Ich habe zwar nicht viel Zeit in der Schule verbracht, aber ich habe viele Länder gesehen und einiges erlebt. Irgendwann will ich den Mädchen, denen es so geht wie mir, helfen“, sagt die 26-Jährige entschlossen.
Bald wird sie aus dem Maison Baobab ausziehen müssen, um Platz für eine Frau zu machen, deren Notlage akuter ist als ihre. Eine neue Wohnung hat sie noch nicht.
Leon Scheffold lebt als freier Journalist, Fotograf und Filmemacher in Baden-Württemberg. Er hat unter anderem zu den Themenfeldern Migration, Inklusion und Kirchen gearbeitet und gerade auch einen dokumentarischen Kurzfilm über das Maison Baobab fertiggestellt.
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