Angst vor Überfremdung: Das schmutzige Geheimnis
Es gibt kein Zurück in die Zeit westlich-weißer Dominanz. Antifaschismus muss die notwendige mentale Anpassung an die neuen Realitäten vermitteln.
Foto: James Zabel/imago
D ie meisten Deutschen glauben, der Anteil chinesischer Direktinvestitionen betrage hierzulande 33 Prozent – während er tatsächlich bei 1 Prozent liegt. Der Einfluss Chinas auf das hiesige Leben wird also, einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung zufolge, weit jenseits der Realität verortet. Beim Lesen dachte ich sofort daran, wie der Anteil von Muslimen regelmäßig grotesk überschätzt wird. Was beides verbindet: Es handelt sich um Feindbilder. Und bei der Angst vor Überfremdung ist stets eine Portion Wahn am Werk.
Doch es geht um mehr. Wenn sich Sozialproteste als rassistischer Hass äußern, dann sei es der Rechten gelungen, Verteilungskonflikte zwischen oben und unten in einen Kampf zwischen innen und außen umzudeuten, so formuliert es der Soziologe Klaus Dörre. Dieses Außen können dann hiesige Migranten oder Muslime sein oder andere, die im Innenraum des properen Deutschseins nicht geduldet sind. Doch handelt das rechte Ressentiment meines Erachtens gleichermaßen vom großen Außen, von der Echokammer veränderter Weltverhältnisse.
Die besondere Unerbittlichkeit und die Nachhaltigkeit, die den gegenwärtigen Rassismus von anderen Wellen früherer Jahrzehnte unterscheiden, speisen sich aus dem globalen Kontext. Sie entstammen einem Gefühl von Verlust, das keineswegs nur eingebildet ist. CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz polemisierte neulich, das Kürzel AfD bedeute Abstieg für Deutschland. Aber ist nicht der Zustrom zu dieser Partei eher eine Reaktion auf dessen realen Abstieg?
In die Abenddämmerung der westlichen Gesellschaften hinein habe ich vor sieben Jahren ein Buch mit dem Titel „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“ geschrieben. Es reflektierte die Veränderungen während meiner eigenen Lebenszeit seit den Tagen, als in meiner Schulklasse nur Kinder mit beige-braunen Haaren saßen. Und war von der Hoffnung getragen, es könne ein reflektiertes Abschiednehmen geben, nach 500 Jahren europäischer Dominanz.
Rasante Veränderung globaler Rangordnungen
„Das Wort Abschied setzt voraus, dass es Handelnde gibt. Andernfalls wäre nur von der Vertreibung aus der weißen Dominanz zu reden, ein Prozess, der ohnehin im Gange ist. Ich möchte zu einem tätigen Abschiednehmen ermuntern und zum Annehmen von Neuem, ohne Furcht“, schrieb ich damals.
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Die turbulente Entpuppung einer Einwanderungsgesellschaft steht in Zusammengang mit größeren Fragen, die unser Weltbild und unserer Bild von uns selbst betreffen, denn die Vorstellungen vom Eigenen und vom Fremden sind gleichermaßen Fantasien über unseren Platz auf dieser Erde, ob bewusst oder unbewusst: „Weiße Europäer und Europäerinnen müssen heute einen historischen Abstieg verkraften, und sie werden das hoffentlich tun, ohne in Faschismus zu verfallen.“
Der Begriff Faschismus schien damals noch gewagt und irgendwie fern. Sieben Jahre später ist mein Buch nicht mehr im Handel und sein Thema brennender denn je.
Zwischen den beiden zurückliegenden Wahlwochenenden, die als schicksalhaft für Deutschland hochgejazzt wurden, tagte der BRICS-Gipfel in Neu-Delhi. 20 Staaten, die mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung vertreten, einigten sich dort auf einen umfangreichen politischen Katalog. Nicht die USA oder die EU brachten Derartiges zuwege, sondern Indien. Ganz offenkundig ändern sich Rangordnungen und Prioritäten, und die Schnelligkeit, in der das geschieht, verläuft wie eine Parallelkurve zum rasanten Aufstieg der AfD.
Opfersein als wirkmächtigste rechte Identitätspolitik
Und doch wird bei uns der globale Moment kaum zur Erklärung herangezogen. Lieber stochert man in früheren Zeiten herum, borgt sich bei Hegel den Begriff der „unbestimmten Negation“ zur Analyse des Wählerhirns. Nur wenige sehen klarer. Die Philosophin Eva von Redecker spricht von der Verteidigung eines „Phantombesitzes“: Gekränkte Besitzansprüche seien in Wirklichkeit „Überlegenheitsansprüche, die auf vergangene Herrschaft verweisen“. Ähnlich sieht es der Politikwissenschaftler Ingar Solty: Der Absturz des Westens und der Aufstieg Chinas verursachten eine Kränkung des kollektiven Narzissmus.
Opfersein ist die wirkmächtigste rechtsradikale Identitätspolitik; sie rechtfertigt die eigene Verrohung und macht aus Aggression einen Akt der Notwehr. Deshalb liegt heute latent Gewalt in der Luft bei denen, die sich aus der geistigen Geografie einer weißen Überlegenheit vertrieben fühlen – sie mag in der eigenen Fantasie immer noch so überproportioniert aussehen wie auf einschlägig verzerrten Landkarten, deren Korrektur die Vereinten Nationen gerade beschlossen haben.
Der Widerstand gegen Migration fungiert bei all dem, um einen freudschen Begriff zu variieren, als Deck-Ressentiment für alles unbegriffen Rumorende – weshalb die AfD vor allem in Gegenden mit wenig Zugewanderten reüssiert. Das Geraune von der Remigration schürt die Illusion, die Verhältnisse seien wenigstens im nationalen Maßstab reversibel. Doch für die Wiedererlangung verlorener globaler Bedeutung gibt es nicht mal ein hypothetisches Rezept. Und wenn die Parteien der sogenannten politischen Mitte versprechen, unsere Privilegien aus einer angestammten imperialen Lebensweise zu verteidigen, dann verschieben sie damit nur die notwendige mentale Anpassung an neue Realitäten.
Die Tatsache, dass jene Weltverhältnisse, die ein beträchtlicher Prozentsatz der Deutschen zurückhaben will, unwiderruflich verloren sind, wird wie ein schmutziges Geheimnis behandelt. Ein ehrlicher Antifaschismus müsste dreimal am Tag eine simple Wahrheit verabreichen: Es gibt kein Zurück in ein Zeitalter westlich-weißer Dominanz. Und wer davon träumt, täte besser daran, seine oder ihre Energie in die Bildung der eigenen Kinder zu stecken, um sie fit zu machen für eine Welt, in der es keineswegs mehr à priori von Vorteil ist, weiß zu sein.
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