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Proteste in Frankreich Wem gehört die Wut?

Gastkommentar von

Édouard Louis

Wer die Randalierer in Frankreich nur als Kriminelle sieht, übersieht die gesellschaftlichen Ursachen der Gewalt, sagt der französische Schriftsteller Édouard Louis. Wir müssen genauer hinsehen.

B ei den landesweiten Demonstrationen am 17. Oktober versammelten sich in ganz Frankreich Hunderttausende. Sie taten es, um ihre Meinung kundzutun, um zu protestieren, gemeinsam zu singen und einen radikalen politischen Wandel zu fordern – für soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und die Umverteilung von Reichtum.

Gleichzeitig ließen mehrere Tausend Menschen den Tag in Paris und Lyon, in Marseille und Limoges in eine Welle gewaltsamer Ausschreitungen umschlagen: Geschäfte wurden verwüstet und geplündert, Schaufenster eingeschlagen, Kioske und Autos angezündet. Der Place de la République in Paris wurde verwüstet, der Boulevard de Magenta entstellt. In Limoges wurde das Rathaus in Brand gesetzt, in Lyon ging auch die Touristeninformation in Flammen auf.

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Schon am nächsten Tag erhoben sich Stimmen von rechts bis links, um die Zerstörungen und Plünderungen anzuprangern. Hunderte Videos kursieren in den sozialen Netzwerken, die verzweifelte, manchmal weinende Ladenbesitzer vor ihren zerstörten Geschäften zeigen.

Als wäre die Gruppe der „Chaoten“ real

Vor dem Hintergrund dieser Bilder formten sich zwei unterschiedliche Sichtweisen. Die erste, vorherrschende Reaktion verurteilt die „Chaoten“ in aller Schärfe und fordert möglichst harte Strafen: Sie hätten Frankreich „ins Chaos“ gestürzt und die Republik als Ganzes ins Visier genommen. Das ist der Diskurs der Rechten und Rechtsextremen – und auch der Sozialisten, die sich stets Sprachregelungen der Regierung zu eigen machen, aus Angst, nicht respektabel genug zu erscheinen.

Édouard Louis

33, wurde 2014 mit seinem autofiktionalen Debütroman „Das Ende von Eddy“ (S. Fischer) bekannt. Er studierte Soziologie und Philosophie in Paris, unter anderem bei Didier Eribon. In seinen Büchern beschäftigt sich Louis vor allem mit sozialer Ungleichheit, Klassenverhältnissen, Gewalt und Homosexualität.

Die zweite Reaktion betont dagegen, dass die „Chaoten“ mit den Demonstrationen „nichts zu tun“ hätten, dass sie der gegenwärtigen sozialen Bewegung schadeten und sie in ein schlechtes Licht rückten. Die extreme Rechte werde die Ereignisse nutzen, um nach Ordnung und Repression zu rufen – wie sie es bereits tut.

Wie die Geier stürzen sich die Rechtsextremen auf die Kadaver der verbrannten Läden und die Überreste der verkohlten Bushaltestellen, um ihre abscheuliche Sprache zu nähren. Das ist einem Teil der Linken bewusst und der besteht deshalb darauf, dass die Ausschreitungen, die Zerstörer und die Plünderer nichts mit der sozialen Bewegung zu tun haben.

Diese Diskurse haben gemeinsam, dass sie so tun, als wäre die Gruppe der „Chaoten“ real. Als ließe sich die Bevölkerung in zwei Gruppen aufteilen. Als gäbe es auf der einen Seite die authentischen Demonstranten, die über die politische und soziale Lage empört sind und sich dazu entschieden haben, friedlich zu protestieren – und auf der anderen Seite diejenigen, die sich, völlig losgelöst vom Kontext, dazu entschieden haben, gewalttätig zu werden; vereinzelte, zusammengewürfelte Individuen, die angeblich nur von der Lust am Zerstören und Unruhestiften angetrieben seien.

Aber wie kann man übersehen, dass diejenigen, die am Wochenende randalierten und plünderten, einander ähnlich sehen? Dass sie alle, zumindest zum großen Teil, aus den unteren sozialen Schichten zu kommen scheinen, die dort übliche Kleidung, Mützen, Turnschuhe tragen und dass sie, wie man in den Videos hören kann, mit Akzenten und Ausdrücken aus diesem Milieu sprechen?

Wie kann man übersehen, dass es sich zu einem großen Teil um rassifizierte Männer handelte. Um Schwarze und Araber. Um Menschen, die die französische Gesellschaft seit Jahrzehnten in heruntergekommenen Wohnsiedlungen zusammenpfercht und in Armut hält, denen sie verkommene, von Ratten oder Kakerlaken befallene weiterführende Schulen zuweisen und die sich nicht durch die Städte bewegen können, ohne von der Polizei kontrolliert und gedemütigt zu werden?

Der Schmerz der einen darf uns nicht blind machen

Dass die Randalierer zum Großteil aus dem gleichen sozialen Umfeld zu kommen scheinen, sollte uns Folgendes verdeutlichen: Es ist immer ein bestimmtes Milieu mit bestimmten Lebensbedingungen, das bestimmte Verhaltensweisen hervorbringt. Und es geht nicht um individuelle Entscheidungen, etwas einzuschlagen oder zu zerstören, sondern um eine soziale Prägung, die einen dazu bringt, auf die eine oder andere Weise zu handeln.

Ich sage es ganz offen: Auch mich macht es traurig und ich fühle mit den weinenden Händlern, wenn ich sie vor ihren Läden sehe. Aber die Empathie darf nicht davon ablenken, tiefer zu hinterfragen, was diese Gewalt bedeutet.

Zu verstehen, warum gewisse Menschen randalieren, bedeutet nicht, das Leid derjenigen zu leugnen, die von den Zerstörungen betroffen sind. Es bedeutet, sich zu weigern, dieses Leid als Vorwand zu nehmen, nicht weiter nachzudenken. Als ob der Schmerz der einen uns zwangsläufig blind für den der anderen machen müsste.

Inwiefern treiben Leid und soziale Gewalt manche Menschen dazu, dass Gewalt ihre einzige Sprache ist? Inwieweit haben die Verarmung der französischen Bevölkerung, der Rückgang an Sozialhilfen, die Zerstörung öffentlicher Dienste sowie die Vernachlässigung der unteren sozialen Schichten durch die Regierungen Macrons und die seiner Vorgänger dazu beigetragen, dass Zerstörung und Plünderung für manche zum einzig möglichen Weg werden?

Selbstverständlich gibt es andere Faktoren. Wie etwa die Männlichkeit – während die Plünderungen von Männern und Frauen ausgingen, so gingen die zerstörerischen Handlungen fast ausschließlich von Männern aus –, die Kultur oder die Verherrlichung der Gewalt in den sozialen Medien, die Faszination für das Geld und den Konsum.

Aber die Fragen bleiben die gleichen: Warum finden diese Darstellungen, diese Verhaltensweisen in bestimmten sozialen Milieus einen größeren Anklang als in anderen? Warum nimmt Gewalt genau diese Form an, bei genau diesen Personen, in genau diesem Moment?

Warum nimmt Gewalt genau diese Form an, bei genau diesen Personen, in genau diesem Moment?

Über eine Tat, über eine Handlung entscheidet niemals ein Mensch allein. Eine gewaltsame Handlung, das ist nie eine Einzelperson, selbst keine Gruppe von Personen, die am Morgen aufwacht und entscheidet: „Hey, ich werde heute was Gewaltsames machen.“ Und selbst wenn sie so denken würde, läge der Grund ihrer Handlung jenseits ihrer selbst. Man müsste noch erklären, warum sie einen Zerstörungsdrang haben, warum gerade diese Art des Handelns ihnen zugänglich erscheint.

An dem Tag, an dem wir Kinder aus vornehmen Vierteln und Studierende der Eliteuniversitäten in weißen Hemden und blank geputzten Schuhen sehen, wie sie Schaufenster zertrümmern und Supermärkte plündern – an diesem Tag vielleicht können wir anfangen, an die Theorien von Verantwortung und individuellem Handeln zu glauben. Aber solange die gleichen Verhaltensweisen fast immer bei den gleichen Bevölkerungsgruppen, in den gleichen Gegenden und bei den gleichen Gruppen von Männern auftreten, muss man wohl zugeben, dass etwas in der Organisation unserer Gesellschaft diese Verhaltensweisen wahrscheinlicher macht als andere.

Wer hat ein Recht auf Soziologie und Politik? Wenn Schüler demonstrieren und ihre Gymnasien blockieren, dann sagen wir bereitwillig, dass der Kontext und die Situation sie dazu veranlasst haben. Aber wenn diejenigen, die protestieren, indem sie Gebäude niederbrennen, Schaufenster einschlagen und Läden plündern, junge Männer oder Frauen aus Arbeitervierteln sind, dann bricht diese Argumentation plötzlich ab. Sie sind dann nicht mehr das Produkt einer Geschichte, einer sozialen Klasse, einer Gegend, einer Erziehung, eines Verhältnisses zur Polizei, zum Geld und zum Konsum. Sie werden zu Personen ohne Motive, ohne Vergangenheit, ohne gesellschaftliche Prägungen. Man schreibt ihnen einen puren Willen, eine fast natürliche Bösartigkeit zu.

Das Problem dieser entsoziologisierenden Sichtweise auf die Randalierer ist, dass sie uns daran hindert, die soziale, expressive und politische Dimension ihrer Handlungen wahrzunehmen. Die Frage ist keine moralische. Sie dreht sich nicht darum, ob das, was sie tun, gut oder schlecht ist. Sie ist politisch: Warum tun sie das und was erzählt ihr Handeln über den Zustand von Frankreich und der aktuellen sozialen Gewalt? Was sagen uns diejenigen, die randalieren, manchmal, ohne es selbst zu beabsichtigen, über die Vernachlässigung bestimmter Bevölkerungsschichten, über Leben, die auf Ausgrenzung und Gewalt reduziert sind?

Die Ereignisse, die sich in den vergangenen Tagen in Frankreich zugetragen haben, sind von immenser Komplexität. Ich behaupte nicht, sie zu verstehen oder zu lösen. Aber ich glaube, dass wir die Augen nicht vor bestimmten Fragen von entscheidender Bedeutung verschließen dürfen, um die so sehr berechtigte Wut zu begreifen, die das Land seit mehreren Wochen erschüttert.

Aus dem Französischen von Marlene Thaler

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41 Kommentare

  • Janix

    Eddy Louis nutzt eine soziologische Lupe. Einzuwerfen ist, dass auch weiße privilegierte Hockey-Yuppies sehr wohl kampfsaufen, randalieren und gewalttätig sein können, doch ist der Unterschied in der Größenordnung schon klar.

    Eine Kultur der faktischen und verstärkten Ungleichheit ist schlicht ungesund, so verführerisch sie der jeunesse dorée auch erscheinen mag.

  • Roman Herrle

    Was ist eigentlich so schwierig daran, 'Gewalt' zu differenzieren?



    Danach, wer sie gegen wen und aus welchem Grund und daher wie ausübt?



    Revolutionen sind, wie es der Name schon andeutet, immer mit einer Art von 'Gewalt' verbunden.



    Die Frage ist also, wer sie gegen wen und aus welchem Grund ausübt.



    Einfaches Beispiel: wenn es mir gelingt, einer Person, die mich mit einer Waffe bedroht, diese aus der Hand zu schlagen, wird in beiden Fällen 'Gewalt' ausgeübt.



    Was gerechtfertigt sein könnte, wird auf jeden Fall ins Gegenteil verkehrt, wenn ich dann diese Person zu ...klopfe.



    Dass Kriminelle, wie nicht nur in Frankreich, berechtigten Unmut seitens einiger Bevölkerungsschichten ausnützen, rechtfertigt die folgenden, von ersteren gesteuerten Gewaltausbrüche zwar nicht, sollte aber den anderen, nicht beteiligten zeigen, wie Lösungsversuche aussehen sollten, wenn es denn welche gäbe.



    Da wirds jedoch schwierig in einer Gesellschaft, die immer noch vom Widerspruch eines, wenn auch leicht wachsenden Teils von Besitzenden zu den exponentiell wachsenden Nicht-Besitzenden lebt.



    Lässt sich aber nachlesen, so man denn will und was ändern will.

  • Reinhardt Gutsche

    Drohnen statt Butter

    Zitat: „Das ist der Diskurs der Rechten und Rechtsextremen – und auch der Sozialisten, die sich stets Sprachregelungen der Regierung zu eigen machen, aus Angst, nicht respektabel genug zu erscheinen.“

    Eine bemerkenswerte Allianz, die noch weiteres eint, das Ignorieren der Militarisierung als Protestthema, nicht nur in Frankreich, und medial nur tröpfchenweise zu vernehmen:

    «Es kann nicht sein, daß Milliarden Euro in die Taschen von Unternehmen fließen, die Krieg führen, und nicht in diejenigen der Beschäftigten.» (CGT-Sekretärin F. Martinez in „La Marseillaise“).

    „Wir verstehen den Unmut,wenn wir sehen, daß zusätzlichüber400 Mrd € an die Armee gehen. Sollen wir in den Tod oder in die Zukunft investieren?“ (S. Kharbach, Sprecherin der Union étudiante, in „EuroNews“)







    „Es ist skandalös, daß das Geld in weniger wichtige Bereiche wie die Armee fließt. Es ist doch Bildung, die die Nation rettet.“ (Eine Schülerin in ARD-Tagesschau),

    „Geld für die Schulen, nicht für Waffen!“ (Demo-Plakate in Rom und Chivasso)

    Die Drohnen-statt-Butter-Politik als Kernursache für die soziale Misere wird nun langsam auch Kernthema der sozialen Proteste in West- und Südeuropa.

    • Janix

      @Reinhardt Gutsche:

      Bei aller Liebe zu greifender Kostenkontrolle bei der nötigen Gegenrüstung:



      Nicht vom Schichten- und Klassenkonflikt zu sehr ablenken, s'il vous plaît. Louis ist da anders unterwegs, mit Verlaub.

  • Kohlrabi

    @Auweiowei: Mit säkularer Niederlage meine ich: Die Linke hat immer die Emanzipation der Entrechteten und Unterprivilegierten verfochten, das ist ihr Seinsgrund. Eine linke Agenda mit organisierter politischer Vertretung gab es überhaupt erst seit 1789. Die Revolten der Armen im frühen 19. Jh. waren oft spontan, lokal, gewaltsam, sie hatten keine übergreifende Idee und sind deshalb gescheitert. Einen Ausweg bot später der Sozialismus, das war eine übergreifende kämpferische Idee, die Organisation und Disziplin verlangte. Parallel dazu entstand der Sozialreformismus, der den Eigentumslosen zwar keine andere Welt, aber über soziale Schutzrechte ("Sozialeigentum" nach R.Castel) eine Teilhabe an der bürgerlichen Gesellschaft versprach.

    Wenn jetzt aber wieder spontanes Plündern und Zerstören Protestformen der Ausgeschlossenen werden, dann zeugt das davon, dass beide linke Projekte gescheitert sind und dass wir auf die Stufe des frühen 19. Jh. zurückgefallen sind. Also 200 Jahre zurück. Das meine ich mit der säkularen Niederlage.

    Für eine Antwort auf Ihre anderen Fragen reicht der Platz nicht, und ich müsste auch länger darüber nachdenken :-)

    • Kohlrabi

      @Kohlrabi:

      P.S. - Der Kommentar sollte natürlich als Antwort an @Auweiowei weiter unten erfolgen, ist mir aber sozusagen "verrutscht".

      • Auweiowei

        @Kohlrabi:

        Dem kann ich ohne Weiteres zustimmen. Zu meiner (ersten von drei) Nachfrage kam ich wegen des Begriffs der "gesellschaftlichen" Linken (die es so zweifellos erst seit 1789 gibt), und im Zushg.



        damit war ich auch in Bezug auf deren "säkulare" Niederlage (Bedeutung?) unsicher. Aber so komme ich eigentlich mit ihrer Erläuterung gut klar und bin durchaus konform.



        Danke für Ihre Mühe.

  • Sabine Hofmann-Stadtländer

    Ich schreibe meine Information mal in dieses Forum hinein:



    Laut www.n-tv.de hat die Junge Union Berlin-Mitte gefordert, vorsorglich die Bundeswehr hinzuziehen, falls die Schülerproteste in Berlin am nächsten Wochenende in Gewalt umschlagen sollten. Auf Instagram hat die JU dazu ein Plakat veröffentlicht und noch ergänzend geschrieben, dass die "Schüler"-Proteste unterbunden werden sollen.



    Hier der Link zum Artikel:



    www.n-tv.de/politi...en-id31455818.html

    • Lesenundschreiben

      @Sabine Hofmann-Stadtländer:

      Danke für die Information!



      So erwartbar wie beunruhigend, weil es auch die Strategie von ganz rechts außen ist.

  • Wombat

    Tja Geld kann man halt nur 1x ausgeben. Entweder man steckt es in ein grotesk absurdes Rentensystem und einen völlig absurd ausgeblähten öffentlichen Dienst, oder in die Jugend. Frankreich hat sich gegen die Jugend entschieden.

    • Janix

      @Wombat:

      Mensch könnte es in Bildung stecken, dass das Mittel Pseudo-Alternative aus der öffentlichen Rhetorik verschwindet.

      Soziale Sicherheit ist etwas Zentrales und Positives, egal, was neoliberale Stellen trommeln. Ohne jede Maßnahme im Einzelnen zu bewerten.



      Das Geld, das der Jugend fehlt, ist wohl eher bei Milliardär Hrn. Arnault und seinen Gesellen.

  • Bambuspanda

    Der Mann spricht mir aus der Seele.



    Danke.

  • Frank Naumann

    "Wer die Randalierer in Frankreich nur als Kriminelle sieht," ist ein Realist.

    Obwohl, im Luxusuhrengeschäft einbrechen aus Angst vor Hunger, das klingt plausibel.

  • Il_Leopardo

    „Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, und es helfen nur Menschen, wo Menschen sind.“



    ―Bertolt Brecht

    Ich frage, was wiegt eigentlich schwerer, die paar zerstörten Geschäfte oder die Gewalt, die die in den Vorstädten zusammengepferchten Menschen tagtäglich erfahren müssen?

    Ich lasse mich gerne belehren.

    • Captain Hornblower

      @Il_Leopardo:

      Es ist eigentlich kontraproduktiv ausgerechnet kleine Geschäfte zu zerstören und die Inhaber vor dem Nichts stehen zulassen, es sind die falschen.



      Der Zorn und die Wut müssen andere Wege finden nur so findet das Aufbegehren Akzeptanz.



      Gewalt lässt sich schlecht steuern und bewirkt meist das Gegenteil.



      Manchmal kann ein gewaltfreier Schweigemarsch effektiver



      sein, das haben das die anderen keine Antwort drauf.

    • Querbeet

      @Il_Leopardo:

      Wer pfercht denn ein?

      • Il_Leopardo

        @Querbeet:

        Lesen Sie mal bei Wikipedia unter dem Stichwort "Banlieue" den Abschnitt weiter unten "Abwertung und Stigmatisierung der Großwohnsiedlungen seit Beginn der 1970er-Jahre".



        Der Staat hat sich da zurückgezogen und das Feld den islamistischen Gruppierungen überlassen.

  • Elite123

    Interessant, wenn Donald Trump oder JD Vance die ethnologische Komponente ansprechen, wird sie negiert.



    Hier wird sie als Diskriminierungsreaktion gelesen.



    Sie ist also zweifellos vorhanden.



    Sowohl rechts als auch links sind aber der Meinung, dass die Existenz der Banlieus ein Versagen des Staates darstellen. Nur der Lösungsansatz ist ein anderer.

    • Auweiowei

      @Elite123:

      Wo Trump und Vance einfach ihrem ungeschminkten Rassismus freien Lauf lassen, ziehen Europäer vergleichsweise zimperlich die rote Karte 'Du sollst nicht diskriminieren!' - ist es vielleicht das, was Sie hier sagen wollen?



      (Allerdings, 'ethnologisch' im Sinne von 'völkerkundlich', das wäre für Rassisten denn doch etwas zu hoch gegriffen.)

    • doda

      @Elite123:

      Was genau ist jetzt vorhanden? Die "ethnologische Komponente" oder die Diskriminierungsreaktion?

      Letztere ist ja eben gerade letztlich die Folge der Behauptung des Ersteren.

  • Axel Schäfer

    Bezogen auf den letzten Satz gehe ich mal davon aus, dass die "Fragen von entscheidender Bedeutung" vor allem wie überall in Europa die der Gerechtigkeit von Steuer- und Sozialsystem sein dürften und in Sonderfall Frankreich kommt dann auch noch eine schlimmere soziale Segregation als bei uns sowie ein Tradition von robusten Protesten und eine eskalierende Polizeistrategie dazu. Es ist bei den derzeitigen rechten Tendenzen allerdings kaum zu erwarten, das in Europa sich kurzfristig irgendeine Regierungsmehrheit mit den echten Fragen beschäftigen wird, sondern höchstens die Spaltung vorantreiben und Sündenböcke für ihr programmiertes Scheitern suchen wird.

  • kaleko

    "Über eine Tat, über eine Handlung entscheidet niemals ein Mensch allein."

    Doch natürlich. Genau darüber entscheidet ein Mensch allein, will er sich als autonomes Individuum verstehen und als solches gesehen werden. Jeder und jede hat jeden Morgen die Möglichkeit zu entscheiden: ich handle oder ich handle nicht. Ich handle gewalttätig oder nicht. Oder ich unterlasse es und bin bereit, auch dafür Verantwortung zu übernehmen.



    Das ist die Freiheit, die wir haben. Sie im Sinne Eribons abzustreiten, ist paternalistisch und verkennt individuelle Entscheidungsmöglichkeit, die einen reifen Menschen ausmacht.



    Jeder und jede hat, in der Masse stehend, und von Volksverhetzern aufgepeitscht, die Wahl, mit zu schreien oder wegzugehen. Und in den Widerstand.

    • Iamthesword

      @kaleko:

      Und jeder und jede hat, wenn die eigene Lebenssituation unerträglich erscheint, und Staat und Gesellschaft das seit Jahren egal zu sein scheint, wenn es nicht gerade wieder gilt, durch dein Viertel "durchzukärchern" (Nicolas Sarkozy, 2005), die Wahl, das hinzunehmen. Oder eben nicht.

      Einfach mal ne "verdachtsunabhängige" Polizeikontrolle in der banlieue erleben - das ändert einiges an der Perspektive...

    • doda

      @kaleko:

      Das sind heere Worte, aber ist das nicht vielleicht ein bisschen zu pathetisch, die Randalierer als "reife Menschen" zu bezeichnen? Vielleicht liegt gerade hier die Krux?

      Das trifft übrigens auch auf andere "reife Menschen" zu, wie bspw. diverse aktuelle Staatslenker, die sich ebenfalls wie Plünderer aufführen, wenn auch mit anderen Mitteln.

      Die Frage ist für mich eher, unter welchen Bedingungen ein Mensch frei ist in seiner Entscheidung. Definitiv macht uns der Kontext unserer Entscheidung unfrei, auch wenn er erst unsere Entscheidungen überhaupt ermöglicht. Das Thema könnte man also noch ein bisschen vertiefen.

    • Andreas J

      @kaleko:

      Das hängt aber auch ganz gewaltig von den individuellen Lebensumständen und der Situation ab. Hier von Volksverhetzern zu sprechen, ignoriert die Dynamik von Gruppen sowie Reaktion und Gegenreaktion. Gerade bei jungen Menschen. Die Proteste eskalierten durch hartes Eingreife. Sie machen es sich zu einfach mit ihrer Einordnung.

    • Hugo

      @kaleko:

      Die Entscheidung, an den Protesten teilzunehmen, ist die Entscheidung, an einer Veranstaltung teilzunehmen, wo es raucht. Wer nu wie und warum ist da Rille, ebenso die rechtliche Interpretation. Also geht mer laut Deinem Freiheitsverständnis da ned hin so rein präventiv. Hm, ich hab keine eigenen Kinder, jedenfalls (Provinz undso) würd ich die zu so ner Veranstaltung sogar gerne hinbringen und mitlatschen.

  • la suegra

    Wann plündern Menschen? Ich denke da an die Nachkriegszeit in D., wo gestohlen wurde durch alle Schichten (siehe Wolfszeit von Harald Jähner). Hunger und Mangel, Prekarität war der Kontext.



    .



    Was ist der Kontext der Plünderungen heute? Da liegt die Komplexität. Mangelerfahrungen, extreme Armut sind sicher einer der Faktoren. Schuhe klauen und online verticken, als erweiterter Mundraub. Ein anderer Faktor: Jugendlicher Übermut, Abenteuerlust, Mutprobe. Hedonismus, tiktokable, for the fame. Nicht cool, aber verständlich.



    .



    Strategischer Opportunismus krimineller Netzwerke ist ein dritter möglicher Faktor. Mir ist jedenfalls bisher unklar, ob es tatsächlich vor allem armutsbasierte Kleinkriminalität war oder auch OK.



    .



    Rechtsnationalen Kräfte ersehnen sich nichts mehr als ihr Stereotyp des arabischen Diebs. Bequem und simpel.



    .



    Und wenn man doch eh dauernd als Dieb gesehen wird, was hat man als rassifizierter Mensch noch zu verlieren? Stereotype Threat wie bei Max Frischs Andorra. Die Plünderungen als verkorkstes Empowerment. Selbstermächtigung der Ausgegrenzten, ein Versuch kapitalistischer Teilhabe. Laut, aber nicht hilfreich. Affirmative Rebellion, die Gewalt inkorporiert hat.

    • Auweiowei

      @la suegra:

      Auch wenn ich nicht gleich Zugang zu allen Einzelheiten finde (wie etwa zu den stereotypen threats in Frischs Andorra), möchte ich doch sagen: eine insgesamt respektable Auflistung oder Sammlung relevanter Aspekte - danke dafür.



      Etwas in der Art hätte ich eigentlich von Édouard Louis erwartet.

  • economista

    Das Wohlstandsgefälle zwischen Westeuropa und ehemaligen Kolonien besteht fort, nun aber verkürzt auf die Strecke zwischen Banlieues und den reichen Vierteln des Zentrums. So sind Hochspannungsleitungen in Griffweite gelangt und die Funken fliegen.

  • Auweiowei

    Ehrlich gesagt, ich hatte mir von Édouard Louis, der Annie Ernaux nacheifert, mehr versprochen - ich bin enttäuscht.

    Denn er kommt nicht dazu, die offensichtliche Verwahrlosung (sowohl des Staates als auch der 'Autonomen') zu hinterfragen. Mit den drastischen Ausdrucksmitteln des Schriftstellers wird die durch den Titel 'Wem gehört die Wut?' genährte Hoffnung auf Einblicke in Steuerungsmechanismen der Gewalttäter - denn das wäre mein Erwartungshorizont - nicht erfüllt.



    Der Autor bewegt sich im Rahmen der von Hippolyte Taine, einem Nietzsche-Verehrer des 19. Jhs., vorgegebenen Theorie von 'race-milieu-moment'. Wobei er 'race' nicht im Sinne der 'Vererbungslehre', sondern zeitgemäß am Beispiel der "rassifizierten [rassistisch diskriminierten] Schwarzen und Araber" soziologisch verstanden wissen will.

    Am Ende spricht der Autor ausweichend von der "immensen Komplexität" der "Ereignisse" [die Fragen aufwerfen], die er auch nicht "zu verstehen und zu lösen" vermag.

    Mit Verlaub, da war ja Victor Hugo mit seinem Roman 'Les Misérables', der seinen Worten zufolge die Schnittstelle zwischen 'Infamie' und 'Glücklosigkeit' beleuchten sollte, schon wesentlich weiter.

  • DiMa

    Und wieder ein Artikel der taz, mit dem der Versuch der Rechtfertigung von Gewalt unternommen wird.

    Gewalt ist indiskutabel! Kommt es zu Gewalt, dann sollten die Diskussionen enden. Andernfalls entsteht der Eindruck, dass man durch Gewalt Themen eskalieren kann. Mit der Gewalt endet jede Rechtfertigung und Diskussion.

    • Tongo

      @DiMa:

      Widerstand steht nicht alleine auf Demoschildern. Macht kaputt was euch kaputt macht kann durchaus als probates Mittel verstanden werden. Gewalt ist nicht immer gleich Gewalt und Unterdrückung wird immer auch eine gewaltsame Antwort mit sich tragen. Wer so simpel denkt, kann nur in Deutschland sitzen, wo statt Aufstand AfD wählen geprobt wird und Menschen sich damit wahnsinnig wichtig fühlen.

      • Marcelo

        @Tongo:

        Gewalt ist Gewalt, die Ursache ist egal! Gewalt bleibt Gewalt. So zu denken wie sie heißt Gewalt gibt es nicht weil jede Gewalt in den Augen eines anderes keine Gewalt ist aus irgendwelchen Gründen auch immer

      • Andreas Flaig

        @Tongo:

        👍👍👍

      • rero

        @Tongo:

        Sie tun so, als würde das Ganze keine Außenwirkung erzielen.

        Auch AfDler freuen sich ggf. auf diese „probaten Mittel“.

        „Macht kaputt, was euch kaputt macht.“ ist ja nun nichts, was Linke für sich gepachtet hätten.

    • Anna Bell

      @DiMa:

      klar, bloß nicht an die Ursachen rangehen. Optional kann man auch fragen, was mit der strukurellen staatlichen Gewalt ist.

      Einfach mal drüber nachdenken.

    • Kohlrabi

      @DiMa:

      Der Eindruck kann entstehen, aber das ist m.E. ein Missverständnis. Der Text rechtfertigt ja in keiner Weise die Gewalt von Individuen, und er spricht die individuellen Täter nicht unschuldig. Er verweist nur darauf, dass es durchaus gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten gibt, die über der Ebene individuellen Handelns und individueller Rechtfertigung stehen. Man kann vielleicht eine Wiederkehr des frühen 19. Jh. sehen mit seinem Wechselspiel aus Pauperismus, spontanen destruktiven Gewaltausbrüchen der Armen und staatlicher Repression dagegen. Dazwischen liegt die lange Periode organisierter, teils sozialistischer, teils verbürgerlichter Arbeiterbewegung. Eine solche Wiederkehr wäre dann der Ausdruck einer säkularen Niederlage der gesellschaftlichen Linken.

      Mal nicht soziologisch, sondern literarisch: Büchners Woyzeck (dem ein realer Fall zugrundeliegt) ist kein Sympathieträger. Er ist ein Mörder, der schwere Schuld auf sich lädt, dessen Handeln zu verurteilen ist. Aber jenseits der individuellen Ebene beschreibt Büchner gesellschaftliche Macht- und Ausbeutungsverhältnisse, die notwendigerweise periodisch solche Woyzecks hervorbringen.

      • Auweiowei

        @Kohlrabi:

        Wenn wir also die periodische Wiederkehr - ein circulus vitiosus? - als "Ausdruck einer säkularen [in Jahrhunderten erfolgenden?] Niederlage der gesellschaftlichen Linken" zu sehen haben - sind wir dem dann "notwendigerweise" quasi hilflos, ausgeliefert [Fatalismus] oder könnten wir auch, als vernunftbegabte Wesen, die unaufhaltsame Wiederkehr womöglich gewaltfrei überwinden?

        Dreht sich, wenn wir uns die letzten großen 'Niederlagen' - von 1789 über 1919 und 1968 bis 2026 - vor Augen führen, von den 'kleineren' dazwischen ganz zu schweigen, die Gewaltspirale insgesamt nicht eher schneller und heftiger?

        Müssten wir angesichts dieser verheerenden 'Ereignisse' nicht viel entschiedener alles tun, um die "gesellschaftliche Linke", von der Sie hier sprechen (oder zitieren), vor ständigen 'Niederlagen' zu bewahren?

        Das würde konkret bedeuten, für die Menschenrechte einzustehen [égalité], für die Freiheitsrechte [liberté], für die



        weltweite Solidarität [fraternité] im Blick auf Klimawandel, Bildungschancen, Lebensbedingungen, usw.

        Und das alles gewaltfrei - und nicht, wie Büchner vor rund 200 Jahren in seinem 'Hessischen Landboten' formulierte: Friede den Hütten, Krieg den Palästen.

    • Klabauta

      @DiMa:

      Und wieder ein Kommentar, in dem "versuchen zu verstehen" mit "rechtfertigen" gleichgesetzt wird.

      • DiMa

        @Klabauta:

        Der Autor rechtfertigt die Krawalle nicht direkt, versucht aber, sie durch soziale Ungleichheit und Ausgrenzung zu erklären. Dabei besteht die Gefahr, dass die individuelle Verantwortung der Täter zu wenig berücksichtigt wird.

        Summa summarum ordnet er sich damit in die die Gewalt rechtfertigenden Artikel insgesamt ein.

        Nochmals, wenn es zu solchen Gewalttaten kommt, dann sollte über die möglichen Hintergründe nicht diskutiert werden, den ansonsten wird Gewalt ein Druckmittel zwecks Aufmerksamkeit.

        • Auweiowei

          @DiMa:

          Ich versuche mal, Ihrer 'Logik' auf den Grund zu gehen:



          'Wer nach den Motiven von Gewalttätern fragt, verschafft der Gewalt Aufmerksamkeit.'



          Offenbar sehen Sie aber nicht, dass Sie damit im Grunde sagen: 'Wer nach den Motiven von Gewalttätern fragt, macht sich mitschuldig.'



          So kommen wir nicht weiter.