piwik no script img

Nachwahl in GroßbritannienPinker Farbtupfer im Unterhaus

Die Labour-Kandidatin Sagal Abdi-Wali holt einen Sitz im Wahlkreis Holborn und St. Pancras. Sie kam als Flüchtlingskind aus Somalia nach Großbritannien.

„Ich fühle mich zutiefst geehrt, dass unsere Community mich zur nächsten Unterhausabgeordneten für Holborn und St. Pancras gewählt hat“, sagte die Labourkandidatin Sagal Abdi-Wali am Freitagmorgen. Die 42-Jahre alte bisherige Leiterin der Kommunalstadtbehörde Camden, die in Somalia geboren wurde, erhielt in dem Londoner Wahlkreis 45 Prozent der abgegebenen Stimmen und folgt dem zurückgetretenen ehemaligen Premierminister Keir Starmer nach. Der Parteichef der Grünen Zack Polanski landete mit nur 33 Prozent auf dem zweiten Platz.

Im rosa Outfit, inklusive rosa Kopftuch, dankte Abdi-Wali allen, und betonte, dass ihr Verantwortungsgefühl gegenüber dem Wahlkreis groß sei. Sie werde sich jeden Tag hart für die Verbesserung des Lebens der Menschen einsetzen. „Dieser Moment bedeutet für mich etwas sehr persönliches, da ich den Ort repräsentiere, der mir und meiner Familie ein Zuhause und Chancen gegeben hat. Camden hat in mir den Glauben an Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Fairness geweckt“, sagte Abdi-Wali.

Die Labour-Politikerin war als Kind mit ihrer Familie als Flüchtling nach England gekommen. Sie hoffe, dass die Wahl etwas darüber aussage, wer in der Gesellschaft dazu gehöre. Menschen, die wie sie aussähen, seien nun im Parlament repräsentiert. Sie seien ein Symbol gegen all jene, die versuchten, die menschliche Vielfalt in Camden sowie in Großbritannien zu spalten und zu schwächen.

Abdi-Walis Sieg ist historisch. Sie ist die erste schwarze Frau ostafrikanischer Abstammung, die ins britische Parlament einzieht. Abdi-Wali versprach, sich mit Premierminister Andy Burnham vor allem auf den Kampf gegen Obdachlosigkeit und für die Schaffung von Sozialwohnungen einzusetzen. Zudem wolle sie sich auf eine Verstaatlichung des Wasserunternehmen Thames Water und mehr Chancen für junge Menschen konzentrieren.

Ergebnis verdreifacht

In einem Interview mit der BBC redete Zack Polanski das Wahlergebnis schön. „Wir haben unserer Ergebnis verdreifacht“, sagte er. Man habe auf Themen wie Mietenkontrolle, grüne Klimapolitik und eine Verstaatlichung des Wasserunternehmens Thames Water gesetzt, sagte er zur Begründung.

Zu einem Beschluss des Parteitags der Grünen am vergangenen Wochenende befragt, der Zionismus als Rassismus definierte, antwortete Polanski, dass er in einem zionistischen Haushalt aufgewachsen sei. Dort sei von einem Land ohne Menschen für ein Volk ohne Land gesprochen worden. „Ich glaube nicht, dass das wahr ist. Stattdessen sehen wir seitdem einen Völkermord und die Vertreibung palästinensischer Menschen.“ Das sei nach wie vor rassistisch.

Der Frage nach dem Recht für Jüdinnen und Juden wich er dabei aus. „Das ist nicht etwas, worüber wir entscheiden sollten.“ Antisemitismus dürfe nicht mit Kritik an dem israelischen Staat verwechselt werden. Als Jude glaube er, dass diese Vermischung die Lage der Juden unsicherer mache. „Die Sicherheit jüdischer Menschen dürfe nicht gegen die Rechte von Pa­läs­ti­nen­se­r:in­nen ausgespielt werden.

In den vergangenen Tagen war Polanski immer wieder kritisiert worden. Statements wie diese machten Jüdinnen und Juden für den gestiegenen Antisemitismus verantwortlich. Der Beschluss der Grünen wurde nicht nur von nahezu allen jüdischen Ver­tre­te­r:in­nen und Verbänden in Großbritannien, dern europäischen Grünen und Premierminister Andy Burnham kritisiert. Mittlerweile wurde Rassismusbeschwerde bei der britischen Polizei und der britischen Menschenrechtsorganisation EHRC bezüglich dem Beschluss der Grünen, dass Zionismus Rassismus sei, eingelegt.

Intensive Reformen

Nach einer Untersuchung hatte die EHRC die Labourpartei unter Jeremy Corbyn vor sechs Jahren als institutionell antisemitisch eingestuft, was zu intensiven Reformen in der Partei geführt hatte. Ein Teil der damaligen Labour-Genoss:innen, die aufgrund dessen und dem Stil Keir Starmers Labour verlassen hatte, wurde Mitglied bei den Grünen.

Die britische Gruppe Campaign Against Antisemitism (CAA) hatte die letzte Beschwerde gegen Labour mitgetragen. In einer Erklärung hieß es, dass der grüne Parteitag das Ende eines jüdischen Heimatstaates fordere. Das sei per Definition gegen jüdische Mitglieder der Partei rassistisch.

Die ehemalige Parteichefin und Unterhausabgeordnete Caroline Lucas, einst die prominenteste und beliebteste britische Grüne, warf Polanski am Wahlabend vor, sich nicht an der Entscheidung vom Sonntag beteiligt zu haben. Stattdessen habe er in London Wahlkampf gemacht. Sie forderte, dass Polanski nun die notwendige Führungsstärke an den Tag lege, die ihm am Wochenende gefehlt habe.

Nur begrenzt positiv

Aus ihrem Sieg könne Labour, laut des britischen Wahlexperten Sir John Curtice, nur begrenzt positive Prognosen ableiten. Abdi-Wali habe vier Prozent weniger Stimmen erhalten, als Keir Starmer 2024. Die Arbeiterpartei versucht momentan auszuloten, wie stabil der Zuspruch unter Andy Burnhams neuer Führung ist.

Die Wahlbeteiligung in Holborn and St Pancras lag mit knapp 39 Prozent um 15 Prozent niedriger als bei der Nationalwahl 2024. Curtice spekulierte, ob dies daran liegen könne, dass knapp ein Drittel der Wäh­le­r:in­nen Stu­den­t:in­nen seien. Diese wohnen entweder nicht mehr in Camden, weil sie ihr Studium beendet haben oder sie haben sich noch nicht registriert. Die Wahlbeteiligung ist bei Nachwahlen immer niedriger.

Mehr zum Thema

0 Kommentare