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Wahlen in Israel Weder Held noch Bösewicht

Kommentar von

Tamar Ziff

Das deutsche Israel-Bild ist verengt, egal aus welchem Blickwinkel. Aber Israel ist ein reales Land, keine Projektionsfläche.

N ächste Woche sind die Israelis zu Parlamentswahlen aufgerufen. Gerade die Linken unter ihnen betonen, dass es bei dieser Wahl um die Existenz des Landes gehe. Nur: Diese Wahlen sind natürlich wichtig, aber sie werden sehr wahrscheinlich nicht über das Schicksal Israels entscheiden. Sie werden weder den Untergang des Landes bedeuten noch dessen sofortige Heilung einläuten. Selbst im besten Fall eines Sieges der Opposition wird die dann vermutlich nötige Mehr-Parteien-Koalition sehr heterogen sein und vor großen Hürden stehen, um die demokratische und soziale Krise des Landes zu stoppen.

Die scheidende Regierung schrieb aus zwei Gründen Geschichte: Sie war die rechtsextremste Regierung in der Geschichte Israels, und es gelang ihr, eine volle Legislaturperiode zu überstehen. Die vergangenen 30 Jahre waren die meisten israelischen Regierungen kurzlebige Mitte-rechts-Koalitionen.

Tamar Ziff

ist freie Journalistin in Tel Aviv. Sie hat zuletzt über Demokratie- und Rechtsstaatsthemen in den USA und Lateinamerika gearbeitet.

Benjamin Netanjahus Regierung konnte sich nur aufgrund des Angriffs der Hamas vom 7. Oktober und des anschließenden Gazakriegs halten, der den massiven innenpolitischen Antiregierungsprotesten von 2023 die Energie nahm. Doch die Ursachen dieser Proteste – soziale Spannungen, hohe Lebenshaltungskosten, der umstrittene Status der Ultraorthodoxen, eine erodierende Demokratie und die Besetzung im Westjordanland mitsamt gewalttätigen Siedlern – haben sich nur noch verschärft.

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Eine neue Regierung wird keine Wunder bewirken. Eine mögliche Koalition unter Ex-General Gadi Eisenkot dürfte sehr fragil sein. Zu einer neuen Rechts-Regierung wiederum, selbst ohne Netanjahu an der Spitze, dürften erneut rassistische und ultrareligiöse Parteien gehören. Die neue Regierung, egal welcher Couleur, wird Enttäuschungen erzeugen. Das bedeutet aber nicht, dass Israel „am Ende“ ist oder dass gar der Zionismus gescheitert ist.

Viele Deutsche betrachten Israel nicht als normales Land. Sie verengen Israel entweder zu einer brutalen Kriegsmaschinerie – oder sehen das Land nur als heiligen Zufluchtsort für Juden, der wegen des Holocausts und des weltweiten Antisemitismus geschützt werden muss. Aber Israel ist in erster Linie einfach nur ein Land. Wie alle Demokratien verändert es sich, macht Fortschritte und erleidet Rückschläge.

Insgesamt ist Israel in den letzten 30 Jahren religiöser, mizrachischer (von Mizrachim, aus dem Orient und Nordafrika stammende Jüdinnen:Juden, d. Red.) und konservativer geworden. Mehr Mizrachim als früher gehen in die Politik. Gleichzeitig aber ist Israel, nur als Beispiel, Vorreiter bei künstlichen Befruchtungen für gleichgeschlechtliche Paare und alleinstehende Frauen, und das unter der Ägide des öffentlichen Gesundheitssystems.

Israel treibt wichtige Entwicklungen bei grünen Technologien an, insbesondere mit Blick auf die Trinkwassergewinnung und den Umgang mit knappen Wasserressourcen; es steht weiterhin an der Spitze der wissenschaftlichen Forschung auf mehreren Gebieten. Und ja, es führt Kriege und besetzt Gebiete. Es unterstützt völkerrechtswidrige Siedlungsprojekte, die einen hohen moralischen und finanziellen Preis haben. Kurz gesagt: Israel ist ein work in progress. So wie viele andere Länder auch.

Israel ist keine leere Leinwand, auf die man nationale Schuldgefühle, Angst oder Hass projizieren kann. Demokratische Solidarität bedeutet, Israel als ein reales Land zu betrachten, das nun mal mit realen Feinden und realen existenziellen Bedrohungen konfrontiert ist. Es bedeutet, den Zionismus nicht als historischen Fehler zu bezeichnen und Israel den Erfolg als vielfältige und liberale Demokratie zu wünschen, damit es seine Identität aushandeln und seine eigene Zukunft innerhalb der Grenzen des demokratischen Diskurses, des Völkerrechts und der Staatengemeinschaft gestalten kann.

Ohne einen Regierungswechsel wird Israel weiter an Boden verlieren und unter noch mehr jüdischer Auswanderung leiden

In ihren Memoiren erinnert sich Angela Merkel daran, wie sie als junge Physikstudentin Mitte der 1970er Jahre darauf angewiesen war, dass Gastwissenschaftler Forschungsstudien aus Israel in die DDR schmuggelten. Sie bewunderte israelische Forscher und hoffte, sie eines Tages persönlich kennenzulernen.

Heute betrachten jene jungen linken Europäer, die durch den Gazakrieg politisiert wurden, Israel ausschließlich als einen rassistischen und kolonialistischen Staat, von dem nichts Gutes kommen kann. Errungenschaften in Medizin, Agrarwissenschaften oder Physik werden ignoriert. Ignoriert werden Israels ethnische Vielfalt, eine immer noch funktionierende Demokratie, liberale Freiheiten, LGBTQI+-Rechte und eine lebendige Kultur. Ausgeblendet werden auch die offen ausgetragenen Debatten zwischen verschiedenen religiösen, ethnischen und politischen Gruppen und die Protestbewegungen.

Es ist klar: Ohne einen Regierungswechsel wird Israel weiter an Boden verlieren, unter noch mehr jüdischer Auswanderung leiden und mit einer weiter den Bach heruntergehenden sozialen und öffentlichen Infrastruktur konfrontiert sein.

Die alte Regierung hat Israel finanziell und diplomatisch geschwächt und militärisch diskreditiert. Sie hat Rassismus, Spaltung und Korruption geschürt und die demokratische Kultur des Landes untergraben. Eine neue Regierung wird vielleicht nicht sofort Lösungen oder Fortschritte liefern. Das bedeutet aber nicht, dass Israel aufhören wird zu existieren.

Internationale Solidarität bedeutet, Israel als einen realen Ort zu begreifen, der Unterstützung bei Reformen benötigt, um demokratischer zu werden. Als einen Ort, wo es Sachen gibt, von denen man lernen kann, als auch Dinge, die angeprangert werden müssen. Es bedeutet, jene Gruppen zu unterstützen, die Israels demokratische Widerstandsfähigkeit fördern. Es bedeutet, zu akzeptieren, dass Israel weder komplett rassistisch noch komplett tugendhaft ist. Weder Held noch Bösewicht. Es ist eine Demokratie, die versucht zu überleben.

Aus dem Englischen von Gunnar Hinck

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12 Kommentare

  • *Sabine*

    "Aber Israel ist in erster Linie einfach nur ein Land."

    Ich finde den Artikel sehr gut, sehe diese Aussage jedoch anders. Israel ist ein Land, das von anderen Ländern ausgelöscht werden soll, ebenso wie seine Bevölkerung und die dort vorherrschende Religion. Bekanntermaßen geht es ja so weit, dass israelische Bürger:innen weltweit angegriffen werden; jüdische Bürger:innen werden sogar verfolgt und angegriffen, wenn sie nicht einmal die israelische Staatsbürgerschaft haben, sogar! in Berlin/Deutschland.

    Den Begriff xy-Krititk, also Israel-Kritik, kenne ich weder von Ländern wie Iran, Russland, China usw..

    Ich wünsche Israel, dass es so bald als möglich einfach "nur ein Land" ist, das hieße jedoch, den über 2.000 Jahre alten Antisemitismus zu überwinden. Das stelle ich mir schwer vor, da ich Antisemitismus weder verstehen noch nachvollziehen kann und deswegen auch nicht weiß, was dagegen hilft bzw. ob Antisemitismus global grundsätzlich überwindbar ist.

    Dieser Satz trifft auf mich, abgesehen von "nur" und "heilig", zu:



    "... sehen das Land nur als heiligen Zufluchtsort für Juden, der wegen des Holocausts und des weltweiten Antisemitismus geschützt werden muss."

  • Stavros

    Vor allem der Hinweis des Artikels, dass Israel keine deutsche oder europäische Projektionsfläche sein sollte, ist sehr wertvoll.

    Erstens wird der Nahostkonflikt weder durch Problemwälzen und Empörung in Berliner Cafés, noch durch ausgeprägte Palästina-Solidarität, sondern (bestenfalls) im Nahen Osten gelöst.

    Zweitens genießt Israel einen besonderen Platz im Herzen vieler Deutscher, verbunden mit Schuld, Verstrickung, Wut, Gefühlen von Verantwortung und schlicht überkommenem Antisemitismus.

    Die Betrachtung Israels sollte aber frei von der Überhöhung seiner Angelegenheiten geschehen, frei von der Zuschreibung bestimmter Eigenschaften an die religiöse Herkunft der Mehrzahl seiner Bewohner und vor allem frei von ungeprüften, unreflektierten Emotionen.

  • Beate Homann

    Endlich mal ein angemessenener Artikel: Unaufgeregt, sachlich ohne vorgefasste, verurteilende Meinung. Bitte mehr davon in der taz, die mit ihrem Haus-Nahost-Fachmann Daniel Bax den latenten Antisemitismus hier im Leserforum bedient.

  • Lindenberg

    Sehr gut, dass die taz Differenzierung in die Debatte zu Israel bringt, wie sich auch der in Berlin lebende Israeli Tomer Dotan-Dreyfus es mit seinem Buch Keinheimisch es tut. Erstaunlich, dass dieses Buch, das tief in die Identitätsbildung Israels und seiner Person eintaucht und sich kritisch mit der Staatsraison Deutschlands auseinandersetzt bisher nur in einer Studentenzeitung mit einem Interview rezipiert wurde. Tomer glaubt, dass der Gaza-Konflikt schwerwiegende Folgen für die deutsche Erinnerungskultur hat, eine Entlastungsfunktion für uns Deutsche also. Gut abzulesen wie ich finde beim Banner der Jungen Berlin zur Linken in Berlin, welches dezidiert mit nie wieder ist jetzt wirbt. Nie wieder auch jetzt beim Protest von SPD-Fraktionsmitgliedern gegen die Linke oder Ausladung von Künstlern, denen Antisemitismus unterstellt wurde Tomer beklagt im Rahmen der Staatsraison negative entlastende Folgen für die deutsche Erinnerungskultur, da eine pluralistische Debatte verhindert werde.



    DIe taz sollte Tomer dringend interviewen, um zu zeigen wie wichtig die Perspektive von Tomer für unsere Erinnerungskultur zur Shoa ist zu der auch Verantwortung für die Nakba gehört.

  • StefanMaria

    Es wird in Deutschland viel zu wenig ùber die Opposition in Israel geschrieben. es ist neben aller notwendigen Erinnerung eben ein normaler Staat geworden. So muss auch in Deutschland kritisch über die problematischen Entwicklungen bestimmter israelischer Gruppen, die so entsetzliche Vorgehensweisen rechtfertigen und sogar noch vorantreiben wollen, ohne Antisemitismusvorwùrfe gesprochen werden können. Ein normaler Staat in der Pubertät mit rebellischen "Jugendlichen"die schnellstens erzogen werden sollten

    • *Sabine*

      @StefanMaria:

      Ich stimme Ihrem Kommentar zu bis auf

      "So muss auch in Deutschland kritisch über die problematischen Entwicklungen ..."

      Nach 6.000.000 unschuldiger von uns ermordeter jüdischen Menschen bin ich der Ansicht, dass wir uns diesbezüglich zurückhalten sollten (es gibt ca. 195 Staaten auf der Welt, für Kritik reichen die anderen ca. 194 Staaten doch aus), zumal wir damit, meiner Meinung nach, Antisemitismus Vorschub leisten. Ich gehe so weit zu behaupten, würden sich unsere Politiker, Organisationen, Vereine usw. alle klar und deutlich von Antisemitismus distanzieren, könnte ein Bewusstseinswandel stattfinden und es würden weniger Angriffe auf jüdische und/oder israelische Menschen in Deutschland erfolgen.

  • Janix

    Israel durch eine "deutsche" Brille scheint in der Tat entweder ein völlig verklärtes Land zu sein, das immer Recht hätte und so handeln "müsste" (so ist michel schon mal kein "Antisemit" puh), oder aber das einzige Land in der Welt, das Menschenrechts- und Völkerrechtsverstöße Tag um Tag beginge.

    Ohne Brillen geht es nicht, der Staat hatte auch durch die deutschen Verbrechen das Momentum zur Gründung, da gibt es die Verbindung.

    Dennoch können wir universal ja auch versuchen. Gibt es da auch noch z.B. Marokko, das die Westsahara ähnlich notorisch und illegal besetzt? Ist jeder Bürger verantwortlich für die Untaten seiner Regierung? Oder gar: jemand mit deutschem Pass und Kippa auf - wieso?



    Wo auch ist die Grenze zwischen Unterstützung des Selbsterhalts und Unterstützung von Unterdrückung, Vertreibung, Tötung Dritter? Ist Völkerrecht so ernstgenommen, dass mensch auch den Internationalen Strafgerichtshof unterstützt?



    Solche Fragen.

  • Agarack

    Ich finde diesen Artikel gut, richtig und wichtig, fürchte aber, dass er die Leute, für die Israel qua Geburt ein "Staatsprojekt mit rassistischem und kolonialistischem Charakter" (Linksjugend-Beschluss) ist, nicht erreichen kann, da diese weder willens noch in der Lage sind, ein solches Maß an Differenzierung überhaupt zuzulassen.

  • Oma

    Angenehm unaufgeregter Artikel.

  • Mtyp

    Andauernde Völkerrechtsverstöße seien „work in progress“. „So wie viele andere Länder auch“



    Das scheint mir dann doch zu relativierend.

    • derzwerg

      @Mtyp:

      Sie ignorieren die wichtigen Errungenschaften in Medizin, Agrarwissenschaften oder Physik, tsts.

      • rero

        @derzwerg:

        Vor allem ignoriert er das Bekenntnis zur Fehlbarkeit, die die Autorin offen einräumt.