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Wahlsieg der Opposition Das Wunder von Serbien

Kommentar von

Andrej Ivanji

Bis vor Kurzem schien es noch undenkbar: Die Opposition unter Führung der Studenten hat Aleksandar Vučić aus dem Amt gejagt – ein historischer Tag.

S erbische Studenten haben Aleksandar Vučić und sein Regime zerlegt. Alles andere ist zweitrangig an dieser vorgezogenen Parlamentswahl vom 25. Oktober 2026.

Alle Eindrücke dieses Tages, alles Bangen, alle Hoffnungen passen in einen Satz des ehemaligen serbischen Präsidenten, der jetzt auf ganzer Linie ein ehemaliger ist: Die Studentenliste hat gewonnen. Aleksandar Vučić hat die Niederlage seiner Serbischen Fortschrittspartei (SNS) eingeräumt. Und löste eine Eruption von Freude und Jubel im ganzen Land aus. Das Undenkbare ist Wirklichkeit geworden. All die Lügen, Verleumdungen, Drohungen, Beschimpfungen, Versprechen, Verdrehungen und Täuschungsmanöver der SNS-Maschinerie haben nichts gebracht.

Vor zwei Jahren haben die Studierenden Serbien in Bewegung gesetzt. Und nicht lockergelassen, bis sie das groteske Regime auseinandergenommen haben. Der Möchtegern-Putin, der Autokrat, der ein Diktator werden wollte, muss die Koffer packen.

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Die Menschen in Serbien haben ihre Angst abgeschüttelt, das Joch der Erniedrigung und des Gehorsams abgeworfen und für Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit und Freiheit gestimmt.

Und alles das ging friedlich vonstatten, ohne Gewalt, mit einem Lächeln im Gesicht. Die Gewalt ging die ganze Zeit von der SNS aus. Sie schickte Schläger zum Prügeln, Polizisten zum Verhaften und Staatsanwälte, um wahnwitzige Anklagen gegen Studenten zu erheben.

Studenten gewinnen eine Wahl

Das Experiment namens „Studentenliste – Die Studierenden siegen“ ist geglückt. Sie haben die Regimeliste „Vereintes Serbien“ überrollt und gleich noch alle anderen Parteien, ausgenommen die Parteien der ethnischen Minderheiten, aus dem Parlament rausgeschmissen.

So etwas hat es in der Geschichte noch nie gegeben: Studenten gewinnen eine Parlamentswahl. Mit einer Liste von Menschen, die sie selbst ausgesucht haben. Menschen, die geschworen haben, die Zukunft des Landes nach den Vorstellungen derjenigen zu gestalten, die ganz buchstäblich seine Zukunft sind.

Die Gendarmerie hat sich Sonntagnacht von den Straßen zurückgezogen. Die Polizeibrigade prügelt nicht mehr auf Studierende ein, sondern begrüßt sie. Die Schläger sind aus dem Zentrum Belgrads geflohen.

Wie einfach das auf einmal jetzt aussieht. Hat aber 14 lange Jahre gedauert.

Andrej Ivanji Auslandskorrespondent Belgrad

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29 Kommentare

  • Janix

    Gratulation. Und die eigentliche Arbeit kommt erst noch. Filz auskämmen, Gesetze säubern, Regieren auch noch. Mit (West-)Europa und den Nachbarn ein Auskommen finden - womöglich die Kriegsverbrecher isolieren und allesamt ausliefern/bestrafen.



    Und das mit hochmotivierten Amateuren.

    Daumendruck, sonst ist bei der nächsten Wahl Vučić wieder dran. Diese Aussicht und die EU dürften den bewogen haben, das Selbstverständliche auch zu tun: Eine Niederlage auch anzuerkennen.

  • O.F.

    Ich will den Feiernden nicht in die Suppe spucken, aber von einem zerlegten Regime zu sprechen, erscheint mir allzu optimistisch: die SNS hat die Wahl verloren, ist aber mit fast 40% der Stimmen immer noch ein erheblicher Machtfaktor, zumal die Studentenliste vor zwei Problemen steht: sie hat keine Zwei-Drittel-Mehrheit, die für tiefgreifendere Reformen nötig wäre und sie ist intern höchst heterogen. Die Gefahr, dass sie an den eigenen Widersprüchen scheitert und nach der nächsten Wahl wieder die SNS reagiert, ist also durchaus real.

  • XxmadrugalxX

    Meines Erachts ist die serbische Gesellschaft mit dem wirtschaftlichen Erfolg der letzten Jahre aus den überkommenen bisherigen Strukturen von Politik und Verwaltung herausgewachsen. Die moderne serbische Gesellschaft sucht eine moderne serbische Verwaltung, die fit für die Zukunft ist.



    Ein Teil des wirtschaftlichen Erfolgs Serbiens ist der bisherigen politischen Führung zu verdanken.

    Unter der Protestbewegung sind auch nationalistische Strömungen. Die junge Frau auf dem Titelfoto zeigt kein Victoryzeichen sondern drei gespreizte Finger, den „serbischen Gruß“.

  • Pico

    Immerhin hat der Abgewählte das Ergebnis akzeptiert. Da können sich andere daran mal ein Beispiel nehmen. Stichwort: Brasilien + USA

  • Dietmar Rauter

    Wie schon in Ungarn und Polen haben wohl die jungen WählerInnen gegen den rechten Sumpf und -hoffnungsvoll- für Europa entschieden. Die Erfahrung, wie begrenzt der Einfluss einer 'parlamentarischen Demokratie' nur sein kann, wie wir das gerade auch in Frankreich und Südeuropa erleben, wenn wirtschaftliche Mächte die Politik bestimmen, müssen wir alle noch machen. Dass in Serbien jetzt eher Wissenschaftler und Fachleute mitwirken sollen, macht Hoffnung, dass versucht werden soll, eben nicht die Lobbyisten -sei es Lidl, Wintershall, VW oder Nestle- zum Zug kommen zu lassen, die nur Abhängigkeiten schaffen und zum Reichtum der Bevölkerung nichts beitragen.

  • Il_Leopardo

    Erst Polen, dann Ungarn und jetzt Serbien. Das lässt hoffen!

  • Sonntagssegler

    Anfang des Jahres ist eine Gruppe serbischer Studenten von Belgrad nach Brüssel gelaufen, aber die Aktion fand in den deutschen Medien kaum Beachtung.



    Das wirkte damals etwas frustrierend.

  • Thomas Müller

    Es ist schon erstaunlich, dass ein "Autokrat", der gerne "Diktator" werden wollte mit seinem "Regime" ganz einfach abgewählt wurde und seine Niederlage auch noch eingestanden hat an statt das Ergebnis, wie es in Mode gekommen scheint, bei Verlust anzuzweifeln. Eine sprachliche Abrüstung wäre dem allgemeinen politischen Klima sicher förderlich.

    • Janix

      @Thomas Müller:

      Es ist eine enorme Abstumpfung, wenn wir uns mal über die Schulter blicken, dass dies etwas Besonderes wäre, ein Verlieren auch einzugestehen.

      Vučić dürfte a) Druck von der EU erhalten haben, und b) nur so hat er eine Chance auf Rückkehr an die Macht, falls das Gegen-Bündnis bröckeln sollte.



      Sein Verhalten war ansonsten leider mindestens autokratisch, wie auch hier in der taz dokumentiert.

    • pumble

      @Thomas Müller:

      Es wäre förderlich, wenn Sie sich über Vučić und sein Regime informieren würden, anstatt es zu verharmlosen.

    • Stefan Schmitt

      @Thomas Müller:

      Nun, es ist ein Kommentar. Und demokratisch betrachtet ein Erfolg, was in der Zeit der Autokraten durchaus ein Grund zum Enthusiasmus sein darf...

    • mutabilis

      @Thomas Müller:

      Ja genau, "ganz einfach abgewählt" - war ja alles ein Kinderspiel. Korruption, Unterdrückung der Medien, jahrelange gewaltsame Unterdrückung friedlicher Proteste, Mauschelei mit Putin... das können wir ja jetzt gerne alles vergessen und normalisieren, weil er sich nicht gegen seine haushohe Niederlage gewehrt hat. Was in Serbien passiert, interessiert Europa sowieso nur am Rande, da können wir ja gleich wieder zur Tagesform übergehen.

  • taz.manien

    Glückwunsch Serbien, denn egal was jetzt kommt, das kann alles nur besser sein, ganz sicher viel besser als die jetzige abgelöste korrupte Regierung!

  • wheredallthegoodpeoplego

    Guter Anfang. Trotzdem ist Serbien mE kein EU-Beitrittskandidat, solange es seine Korruption und sein Nationalismus -Problem nicht in den Griff kriegt. Solange noch Abertausende am Sarg eines Kriegsverbrechers vorbei defilieren und Kreuze küssen, braucht man sich um einen EU-Beitritt nicht zu unterhalten. Und die Strukturen der Vucic Ära werden auch nicht einfach verschwinden, genauso wenig wie die russischen Agenten. Bitte Kirche im Dorf lassen.

    • nihilist

      @wheredallthegoodpeoplego:

      Eine Wahl ändert erst mal nichts an den Beitrittskriterien oder den Strukturen in Serbien und kann daher natürlich auch keine Rolle für den Prozess spielen.



      Zumindest gibt es aber nun ein einwandfreies Beispiel dafür, dass das politische System demokratische und friedliche Machtwechsel ermöglicht.

    • Machiavelli

      @wheredallthegoodpeoplego:

      "Solange noch Abertausende am Sarg eines Kriegsverbrechers vorbei defilieren und Kreuze küssen, braucht man sich um einen EU-Beitritt nicht zu unterhalten. " Sie haben gerade nahezu ganz Europa beschrieben. Das finden sie in jedem Land, die interessante Frage ist, ob die Regierung das macht.

  • pumble

    Das sollte den Protestbewegungen, die sich derzeit in vielen europäischen Ländern formen, Mut geben!

  • Andreas Flaig

    Glückwunsch!!!



    Jetzt wünsche ich Gutes Gelingen!

    Vielleicht gibt's in Serbien ein paar Milliardäre die spendend unterstützen.... muß man nicht ja ausschließen.

  • Gerhard Krause

    Hoffnung.

  • hessebub

    Natürlich bleiben die globalen Strukturkrisen und hinterlassen korrupte Autoritäre immer auch ein sozio-ökonomisches Trümmerfeld. Trotzdem macht es Hoffnung, das politische Wenden wie in Ungarn und Serbien möglich sind und dass auch in Brasilien die Hoffnung über den Hass gesiegt hat. Schade allerdings, dass andere Gesellschaften die Lektion nicht lernen und so fürchte ich Deutschland wird dunkle Jahre einer blau-schwarzen Herrschaft durchmachen müssen, bis auch hier dem letzten klar wird, dass die neuen Faschisten keine Lösungen haben und immer nur in die eigene Tasche wirtschaften.

  • FtznFrtz

    Tolle Nachricht, die zeigt, dass auch Autokraten und Befürworter einer autoritären Demokratie nur mit Wasser kochen. Ein ermutigendes Zeichen, gerade auch in Richtung von AfD u.a., es ist kein Naturgesetz, dass diese dauerhaft triumphieren müssen. Wenn das Volk der Lügen und Angriffen auf die Freiheit überdrüssig ist sind sie ihre Ämter leicht wieder los.

  • Hans Dampf

    Ich freue mich für Serbien.



    Doch glauben dass jetzt alles besser wird und wirklich sehen dass jetzt alles besser wird, sind zwei paar Schuhe. Also warte ich noch mit der Freude, bis man sieht was die neue Regierung zu leisten in der Lage ist. Denn für Reformen braucht man Geld, nur woher soll das kommen?

    • Günter Witte

      @Hans Dampf:

      Aus der aufgeblähten Verwaltung

    • nihilist

      @Hans Dampf:

      Aber uns wird doch immer versprochen, mit Reformen spart man Geld und/oder schafft Wachstum, um besser Geld verdienen zu können.

    • Ice-T

      @Hans Dampf:

      EU-Geld

  • Willi Müller alias Jupp Schmitz

    GLÜCKWUNSCH ❗️

  • Ice-T

    Hurra, die Lib-Demokratie wurde wiederhergestellt.



    Aber was kommt nun danach? Wieder der bürgerliche Parlamentarismus, der letztlich dem kapitalistischen Systemzwang unterliegt?

  • Narrenfell

    Seit Tagen schauen wir auf Socia Media, welche endlich mal wieder diesen Titel verdient haben, dem Marsch auf Belgrad zu. Wer die Anteilnahme der Menschen am Straßenrand gesehen hat, der wünschte sich diesen Ausgang.

  • MariaMarie Donnerblech

    Gänsehaut! Solche Nachrichten brauche ich heute!! (Auch wenn der Text etwas pathetisch klingt. EGAL!)