Echte Europäer machen

Europas Bildungsminister fragen sich, wie der alte Kontinent beim Studieren nationalstaatliche Fesseln ablegen könnte. Eine Initiative zeigt, wie’s geht: Sie baut mit 15 Unis den „Campus Europae“

aus Berlin CHRISTIAN FÜLLER

Minsk, im September 2005. Wenn Jürgen Seifert*, 24, morgens an seinen Arbeitsplatz in Minsk geht, ist ihm immer ein bisschen mulmig. Seifert überquert einen Platz und steht dann vor dem Präsidentenpalast. Dort befindet er sich in Sichtweite eines gewissen Alexander Lukaschenko – des despotischen Präsidenten Weißrusslands.

Seifert ist nicht etwa Wahlbeobachter, sondern Student der Universität Greifswald. Sein erster Auslandsaufenthalt führt ihn nach Weißrussland an die „European Humanities University“ in Minsk. Die ist Gast im erzbischöflichen Palais des Metropoliten Philaret, der seinen Amtssitz gegenüber von Präsident Lukaschenko hat.

Die Mini-Universität hält ihren Vorlesungsbetrieb praktisch unter dem Schutz der orthodoxen Kirche Weißrusslands ab. George Sorros, der ungaro-amerikanische Aktien-und-Währungs-Spekulant, hat die Uni gestiftet und sie in die Obhut des Metropoliten gegeben. Seitdem machen sich dort 1.000 Studierende Gedanken über die offene Gesellschaft – während Lukaschenko nebenan an Erlassen feilt, die seine Herrschaft in Belorussland verlängern.

Berlin, im September 2003. Was Studenten erleben, die sich nach Minsk zum Studium wagen, ist für Konrad Schily so etwas wie der Ernstfall des freien Studiums in Europa – und der Idealfall. „Es geht darum, echte Europäer auszubilden“, beschreibt der als Universitätsgründer in Deutschland bekannt gewordene Schily sein neues Projekt. Die Idee dazu ist so alt ist wie Europa selbst, wurde aber nie ganz verwirklicht: ein freies Studium quer über den alten Kontinent hinweg möglich zu machen. Europas Unis zu einem Campus zu verbinden. „Campus Europae“ heißt das Unternehmen, das 2004 starten soll.

Junge Europäer beginnen dann ein fünfjähriges Studium zu absolvieren, von denen sie zwei volle Jahre im europäischen Ausland verbringen. Obligatorisch, im zweiten Studienjahr. 2005 sollen 600 Studierende erstmals auf Studienreise gehen. Sie werden, wenn alles klappt, die ersten echten europäischen Akademiker sein. Die Pilotgruppe eines Netzwerks von 15 Hochschulen zwischen Limerick (Irland) und Trient (Italien), zwischen Madrid (Spanien) und Novi Sad (Serbien), die untereinander den „Campus Europae“ besiegelt haben.

Bis es so weit ist, gibt es noch viel zu tun. Die Unis müssen das gleiche Format von Studiengängen anbieten, dreijährige Bachelorabschlüsse mit darauf aufbauenden Masterprogrammen. Sie müssen die Studieninhalte abstimmen, für die Studierenden Unterkunft und Unterhalt bereitstellen, sie müssen Sprachkurse organisieren. Denn Russisch würde der junge Jurist Jürgen Seifert in Greifswald üben, um es in Minsk in Intensivkursen auf Seminarniveau zu heben.

„Die ganze Universität muss sich ändern“, beschreibt Christoph Ehmann die Herausforderung. „Wer bei Campus Europae mitmacht, hat bald 40 Prozent ausländischer Studierender. Das ist eine ganz andere Dimension als bei den bisherigen universitären Europaprojekten. Die rühmen sich ihres wunderbaren europäischen Designs – und haben doch nur zwei Gaststudenten.“

Christoph Ehmann ist ein ehemaliger deutscher Wissenschaftsstaatssekretär und gehört zu einer, wie er selbst spottet, fünfköpfigen Combo von Polit- und Hochschulpensionären, die den Campus Europae aufbauen helfen. Meinolf Dierkes gehört dazu, Direktor am Wissenschaftszentrum Berlin, die Kurzzeit-Wissenschaftssenatorin Christa Thoben (CDU), Ekkehard Storck, Direktor a. D. der Deutschen Bank Luxemburg, Christoph Ehmann (SPD) und Konrad Schily, der derzeit wieder die Amtsgeschäfte der einzigen privaten Volluniversität in Witten/Herdecke leitet.

Die Idee aber zum Europa-Campus stammt von Helmut Kohl (CDU). Der Dauerkanzler wollte ganz am Ende seiner Amtszeit „von einem Europa der Bauern zu einem Europa der Bildung kommen“. Kohl beauftragte 1997 Schily, das Konzept zu schreiben – aber dann kam alles ein bisschen anders. Ein neuer Kanzler, ein Krieg im Kosovo und ein neuer Schirmherr für Campus Europae, der Proto-Europäer Jean-Claude Juncker, Luxemburgs Regierungschef.

Inzwischen sind beinahe alle auf den Kohl’schen Trip eingeschwenkt. Morgen treffen sich in Berlin 37 Bildungsminister aus ganz Europa, um den 1999 in Bologna beschlossenen mehr oder weniger frei studierbaren Hochschulraum weiter auszubauen. Dennoch ist Campus Europae weit voraus: Während in Europa nämlich Bachelor und Bachelor noch lange nicht das Gleiche bedeuten, stecken die Campus-Unis schon mitten in der Detailarbeit. „Wir haben nicht nur die große europäische Idee, wir versuchen sie von der einzelnen Universität aus zu verwirklichen“, sagt Christoph Ehmann – und legt die Stirn in Falten.

Denn die Probleme, die aus den Mühen der Ebene erwachsen, können auch hartgesotten optimistische Politrentiers nervös machen. All das, was die europäischen Bildungsminister morgen gar nicht oder nur im Hinterzimmer besprechen, gehört bei Campus Europae zum Alltag: Wie löse ich das Paradox, dass Madrid für Gaststudenten attraktiv, aber unerschwinglich ist; dass dafür Minsk umso günstiger ist – und voller Abenteuer steckt? Wer lockt die 8.000 von 12.000 Limericker Studierenden, deren Studienort zugleich der Wohnort ihrer Eltern ist, in die Ferne – etwa nach Riga (Lettland), Aveiro (Portugal) oder Novi Sad? Wo kommt das viele Geld her, das das Campus-Projekt benötigt – von Europa, vom nationalen Wissenschaftsminister, von der Industrie?

„Wir müssen nicht so tun, als hätten wir uns zusammengesetzt und es liefe schon alles“, sagt Konrad Schily, „aber wir denken jetzt vor, wovon Europas Minister noch nicht einmal reden.“ Die Campus-Europäer monieren etwa, dass die soziale Dimension beim offiziellen Bologna-Prozess so gut wie keine Rolle spielt. Und dass über so etwas wie den wichtigen Austausch der Professoren niemand spricht.

Was Schily und seine Mitstreiter so sicher für ihr Projekt macht, ist zweierlei, Abstraktes und Konkretes. Der Esprit der Ideen, die Europa von anderen Kontinenten unterscheidet: die Bedeutung der Menschenrechte und die Freiheit der Wissenschaft. Und die ungeheure Kraft der Orte und der Menschen. „Wer Europa kennen lernen will, muss seine Länder bereisen.“

Der muss etwa an die Autonome Universität Madrids, die der Diktator Franco einst aus der Stadt vertrieb und in einer Talsenke neu errichten ließ – damit er die aufsässigen Studenten notfalls von den Hügeln ringsum beschießen lassen konnte.

Oder an die Universität von Novi Sad, wo in einer von ethnisch-religiösen Bürgerkriegen geschüttelten Region plötzlich eine Muslimin eine serbische Universität leitet. Oder eben nach Minsk, wo ein Jürgen Seifert gerne Recht studieren möchte – Tür an Tür mit Lukaschenko.

*Name erfunden