Auf dem Thron ein Arsch

LEBENSPHILOSOPHIE Antoine Compagnon entführt den Leser in einen „Sommer mit Montaigne“

VON CHRISTOF FORDERER

Montaigne ist unser Bruder“, resümiert Antoine Compagnon am Ende seines Buches. Er folgt mit dieser Fraternisierung einem Topos in der Montaigne-Literatur. Stefan Zweig etwa hatte beim Lesen der berühmten „Essais“ das Gefühl, dass „hier ein Du ist, in dem mein Ich sich spiegelt“. Selbst der auf seine einsame Modernität so viel Wert legende Friedrich Nietzsche war überzeugt, dass er es mit diesem Renaissance-Schriftsteller „halten (würde), wenn die Aufgabe gestellt würde, es sich auf der Erde heimisch zu machen“.

Auf den meisten Porträts, die von Michel Montaigne überliefert sind, steckt der französische Gentilhomme in einer Halskrause, die in ihrer strengen Monstrosität den Eindruck eines Halsbandes macht, das ihn an ein uns fernes Jahrhundert anschirrt. Wenn gleichwohl der französische Literaturwissenschaftler Compagnon und viele andere Leser bei ihren Begegnungen mit Montaigne so wenig fremdeln, so liegt das an der Passgenauigkeit, mit der die Überlegungen dieses Prämodernen mit Themen, mit denen auch wir Postmoderne noch zu tun haben, kommunizieren.

Aus Montaignes Schriften könnte man leicht eine ganz unideologische politische Ethik interpolieren, die statt abstrakter Menschenwürde die unakzeptable Not von Schmerzen zur Grundlage hat und die auch bei unseren Konfliktregelungen Richtlinie sein sollte. Den Hexenverbrennern und den Schlächtern aus religiösen Gründen – er lebte mit ihnen fast in direkter Nachbarschaft – hielt er entgegen, dass sie „den Wert ihrer religiösen Spekulationen doch wohl allzu hoch einschätzen, wenn sie um derentwillen einen Menschen bei lebendigem Leib verbrennen“.

In Frankreich erreichte das Buch Platz eins der Bestsellerliste

Den Kolonialismus lehnte er schon zu einem Zeitpunkt ab, als die Europäer gerade erst mit der imperialistischen Verheerung der anderen Kontinente begannen. „Wenn ich tanze, tanze ich, und wenn ich schlafe, schlafe ich“, bekannte er und widersetzte sich so bereits in einem Jahrhundert, das noch von keiner Beschleunigungspirale vorangetrieben wurde, der liberalistischen Auffassung, dass Zeit eine knappe Ressource sei und also jeder Lebensaugenblick durch Multitasking maximal ausgebeutet werden muss.

Antoine Compagnon kann bei seinem Streifzug durch Montaignes „Essais“ viele Zeugnisse einer bei dem Zeitabstand überraschenden political correctness zitieren. Bei der Konzeption seines Buches hat der am angesehenen Pariser Collège de France lehrende Literaturwissenschaftler sich mit souveräner Klugheit dafür entschieden, „ohne Ordnung und Plan“ den vielfältigen Facetten Montaignes nachzuspüren.

Es ist so ein sehr lockeres Buch entstanden, das von Philosophie und Biografie, von Historie und dem Alltag der „Gerüche, Ticks und Gebärden“ handelt. Das Buch kann für sich verbuchen, in seiner unverbundenen Aneinanderreihung von Disparatem strukturell die unlinearen, sich bewusst dem Zufallsprinzip überlassenden und so ein neues Genre etablierenden „Essais“ abzubilden.

Einen wichtigen Stellenwert nimmt in Compagnons Montaigne-Kaleidoskop natürlich die eigentliche Erfindung dieses Schriftstellers ein: sein kühner Entschluss, das soziale Konstrukt Scham zu durchbrechen und sich, wie er schreibt, „rundum nackt“ seinen Lesern zu präsentieren.

Montaigne hat wie kein anderer Schriftsteller vor ihm „ganz ohne Schamgefühl, aber niemals schamlos“ von seinem Körper geschrieben. Mit verblüffender Ungezwungenheit spricht er beispielsweise von seinen Erektionsproblemen. Es wäre interessant gewesen, wenn Compagnon die im weitesten Sinne politische Dimension von Montaignes literarischen Verletzungen der „gewöhnlichen Anstandsregeln“ angedeutet hätte. Montaignes Schreiben über sich hat wenig zu tun mit den Selbstinszenierungen, bei denen Menschen leichtfertig oder stolz ihre eigene Bespitzelungsakte erstellen und in ein unkontollierbares Archiv einspeichern.

Den Körper und dessen Lüste und Ausfälle thematisierend, kündigt Montaigne Rollenerwartungen auf und schreibt sich in ein subversives Projekt ein, das mit Foucault als „Sorge um sich“ beschrieben werden kann.

Compagnons Buch sinkt manchmal allzu sehr ins Hausbackene ab, aber es wäre unsinnig, daraus einen schweren Vorwurf machen zu wollen. Wie der Titel andeutet, wollen die jeweils sehr kurzen Kapitel nicht mehr, als am Strand lesenden Urlaubern einen anregenden „Sommer mit Montaigne“ zu verschaffen. In Frankreich erreichte das Buch, das auf einzelnen Radiofeatures basiert, letztes Jahr denn auch Platz eins der Bestsellerliste.

Vielleicht hat zu dem Bucherfolg beigetragen, dass einigen Franzosen noch das von Gisèle Freund erstellte offizielle Präsidentenfoto Mitterrands in Erinnerung ist. Es zeigte den Präsidenten nicht neben der üblichen Staatsflagge, sondern aus einem Band von Montaignes „Essais“ aufblickend. Hatte Frankreichs erster sozialistischer Präsident damit signalisieren wollen, dass er bei Montaigne gelesen hatte, dass „wir selbst auf dem höchsten Thron nur auf unserem Arsch sitzen“, und dass er es keineswegs halten werde wie jene Leute, die bei der Übernahme eines hohen Amtes „selbst Leber und Eingeweide in diesen Stand erheben und ihre Würde noch auf dem Klosett nicht ablegen“?

Antoine Compagnon: „Ein Sommer mit Montaigne“. Aus dem Französischen von Lis Künzli. Ullstein, Berlin 2014, 176 Seiten, 18 Euro