Was für ein Sehnsuchtsort

Heimat-Projekt SchülerInnen aus zwei Sprach- förderklassen in Wilmersdorf beschäftigen sich in einem Projekt mit dem Thema „Verletzte Heimat“ und produzieren Texte und Filme. Das löstviele Gefühle aus – ein Schritt zur Heilung

Heimat war für mich als Kind immer ein Sehnsuchtsort. Es gab ihn für mich nicht, bedingt durch die häufigen Wohnortswechsel meiner Familie. So wurden Geschichten für mich zu einer Alternative – eine Strategie, die ich auch in meiner Arbeit mit Menschen, mit unterschiedlichen Altersgruppen, einfließen lasse: international gemischt, oft Minderheiten oder Randgruppen, aus den Konfliktgebieten dieser Welt. Wie auch bei diesem Projekt. Gefördert wurde es vom Berliner Projektfond Kulturelle Bildung. Es hieß: „Verletzte Heimat“. Der Begriff ist mächtig und löst in uns allen Gefühle aus.

Die Filmemacherin Thurit Kremer und ich wollten herausfinden, was 30 Jugendliche, aus zwei Sprachförderklassen der Sekundarschule Wilmersdorf, darunter verstehen. Sie lernen Deutsch. Eine Woche lang unterstützen wir sie, sich in Texten oder One-Minute-Filmen dazu zu äußern.

Die meisten sind vor Kriegen nach Deutschland geflohen, andere aus europäischen Ländern zu uns gezogen. Jetzt sitzen wir gemeinsam an einem Tisch, und der Satz des Psychologen Walter Mischel – „Weil man Denken verändern kann, kann man auch Handeln verändern“ – wird zur Hoffnung.

Die Jugendlichen sind unterschiedlich alt, haben verschiedene Bildungshintergründe, Lebenserfahrungen und -umstände. Das muss erst mal unter einen Hut gebracht werden. Dazu nutze ich den poetischen Spielraum. Es ist eine gestalterisch erzählende Methode, die ich entwickelt habe. Ein „Malen mit Worten“ und ein „zur Sprache bringen“ in mehrfacher Bedeutung, das in beinahe allen gesellschaftlichen Bereichen zur Verständigung und Entwicklung von Gemeinschaft genutzt werden kann.

Begriffe werden durch einfache Sprachmittel hinterfragt und es wird versucht zu verstehen, was sie für jede/n individuell bedeuten. Dabei gibt es erst mal kein richtig oder falsch, und die Jugendlichen begreifen, dass sie, was sie bewegt, endlich erzählen dürfen. Es ist ein Zugeben – auch den Schmerz. Das hilft, um richtig verstanden zu werden und zu verstehen. Grundvoraussetzung, um in Frieden miteinander zu leben: Weil sich unser Denken in unserer Sprache zeigt. Der Prozess funktioniert aber auch umgekehrt, weil wir, wenn wir unsere Art, miteinander zu sprechen, ändern, sich auch unser Denken ändert, was sich auf unser Verhalten auswirkt.

Die subjektiven Analysen der Schüler*innen zum Thema, ihre Bedürfnisse und Träume sind in Form kleiner Texte lesbar (Auszüge auf diesen Seiten) – und hörbar, am Ende des Workshops wurden die Filme der Jugendlichen in der Schule präsentiert. In ihnen zeigt sich der Begriff Heimat nicht nur als verletzt, sondern auch als Sehnsuchtsort. Farben und Formen erzählen von Hoffnungen. Dabei ist das Annehmen, ein Sich-Äußern und auch Hören vom anderen ein Schritt zur Heilung.