Bayern kriegt seinen Moralischen

Starkbieranstich auf dem Nockherberg Die Lage ist ernst, der Ton verroht. In München lässt sich die CSU deshalb eine Standpauke halten, und das Gehirn von Ministerpräsident Horst Seehofer wird untersucht. Ob’s hilft?

Oberste kabarettistische Verhaltensregel: Niemals beleidigt sein! Foto: Tobias Hase/dpa

AUS MÜNCHEN Dominik Baur

Zugegeben, ein bisschen pervers mutet das Ganze natürlich schon an. Da sitzen sie und bejubeln den Spiegel, der ihnen vorgehalten wird. Einen Spiegel wohlgemerkt, der eine Fratze zeigt, ein bisschen weichgezeichnet zwar, aber doch unverkennbar. So geschehen wieder einmal am Mittwochabend beim alljährlichen Politiker-Derblecken auf dem Münchner Nockherberg. Derblecken – ein eigenes Verb gibt es im Bayrischen sogar für diese Melange aus politischem Kabarett, Hofnarrerei und Moralpredigt. Es ist eines dieser besonderen Rituale in Bayern, die zu verstehen den Bewohnern weniger besonderer Landstriche Deutschlands mitunter etwas schwerfällt.

Warum steht da vorne eine Frau im Gewand einer Münchner Bronzestatue und liest den Politikern die Leviten? Warum sitzen praktisch alle, die in Bayern etwas zu sagen haben oder meinen, dass sie eigentlich etwas zu sagen haben müssten, jetzt brav und bierselig vor ihr, lassen die Tiraden über sich ergehen und spenden ihr auch noch begeistert Applaus?

Es ist nicht immer leicht, die Bayern in ihrer Dialektik verstehen zu wollen, aber der Versuch verspricht dem Versuchenden zumeist ein gewisses Amüsement. Also alles schön der Reihe nach.

Mama Bavaria, so heißt – in diesem Jahr zum sechsten Mal – die Fastenpredigerin, benannt nach dem riesigen Standbild, das seit 1850 oberhalb der Theresienwiese thront. Und als Mutter knüpft sich auch deren Darstellerin, die Kabarettistin Lui­se Kinseher, ihre Kinder vor – den Horst Seehofer zum Beispiel (“Wenigstens äußerlich bist du mir nicht missglückt“), den Alexander Dobrindt („Mautkasperl“) oder den Hubert Aiwanger (“Opfer des bayerischen Schulsystems“).

Bei anderen wird sie deutlicher, etwa bei Andreas Scheuer: „Er meint’s ja nur gut“, erklärt sie. „Er ist Generalsekretär der CSU, da will er halt noch den Rechtesten der Rechten auf den rechten Weg bringen und in die CSU integrieren. Und da ist er für seine Partei relativ fortschrittlich: Damit man in der AfD nicht unsere Sprache lernen muss, lernt halt der Andi Scheuer die ihre. Wenn man in der AfD sagt, dass an der Grenze geschossen werden kann, dann kann der Andi Scheuer nur noch die Kalibergröße nachreichen.“ Oder bei CSU-Fraktionschef Thomas Kreuzer: „Da wo andere einen offenen Geist haben, ist bei dir ein Fliegengitter.“ Oder natürlich bei Finanzminister Markus Söder: „Ich hab ihn als Bua untersuchen lassen, er hatte damals schon moralische Legasthenie.“

Angesichts der besonderen politischen Lage waren die Erwartungen in diesem Jahr vor dem Starkbieranstich besonders hoch. Denn natürlich ist es ein Spagat zwischen Gastfreundschaft und kabarettistischer Härte, der hier Jahr für Jahr gemacht werden muss. Meist gelingt er. Was auch daran liegt, dass es einen ungeschriebenen Verhaltenskodex gibt. Oberste Regel: Niemals beleidigt sein!

Natürlich gab es, sehr vereinzelt, Politiker, die sich nicht an den Kodex hielten: Helmut Rothemund, ein ehemaliger SPD-Landesvorsitzender, an den man sich nicht unbedingt erinnern muss, etwa fand es 1982 gar nicht lustig, dass auch Fastenprediger Walter Sedlmayr vorgab, sich nicht an seinen Namen zu erinnern. „Da Dings, da Dings, da-da-da ...“, stotterte Sedlmayr immer nur. Irgendwann platzte dem nicht Genannten der Kragen, und er beschimpfte Sedlmayr als „Arschloch“. Guido Westerwelle sah sich 2010 in einer Predigt von Michael Lerchenberg mit einem KZ-Wärter verglichen und blieb dem Nockherberg fortan fern (wie im Übrigen und gezwungenermaßen auch Lerchenberg).

Es ist nicht immer leicht, die Bayern in ihrer Dialektik verstehen zu wollen

Der Versuch verspricht dem Ver­suchenden zumeist ein Amüsement

Kinseher ist da freundlicher. Ihre Predigt hat Kalauer, Hänger, Längen, aber auch – was vielen der Besucher besonders gefällt – ganz und gar ernste Stellen. So wird Kinseher, während sie sich beim Thema Obergrenze gerade noch über die mathematischen Fähigkeiten von Physikerin Merkel und Mystiker Seehofer lustig gemacht hat, für einen Moment nachdenklich: „Es ist schwer, eine Obergrenze für Menschen zu finden, wenn das Leid keine hat.“ Das ist wahr, klingt aber leicht pathetisch. Zum Glück geht es gleich wieder um Söder: „Der hat gar keine Obergrenze. Der hat gleich gesagt: Ein Zaun muss her! Der Markus Söder kauft sein ideologisches Handwerkszeug im Baumarkt. Deshalb war er auch immer schon in der Lage, seinen Gartenzaun für den Horizont zu halten.“

Etwas komplizierter präsentiert sich da schon das Innere des Seehofer’schen Gehirns. Selbiges ist in diesem Jahr nebst dem berühmten Keller mit der ministerpräsidentialen Modelleisenbahn Schauplatz des anschließenden Singspiels, inszeniert von Regisseur Marcus H. Rosenmüller (“Wer früher stirbt, ist länger tot“) und musikalisch untermalt von Komponist Gerd Baumann und Bananafish­bones-­Sänger Sebastian Horn.

Da wird metaphert, was das Zeug hält. Die Flüchtlingskrise wird als Unwetter dargestellt, das über Deutschland hereinbricht, AfD-Chefin Frauke Petry läuft als gackerndes braunes Huhn durch die Gegend. Und der arme Seehofer wird nicht nur in seinem Keller von Markus Söder und Joachim Herrmann, sondern auch noch in seinem Unterbewusstsein von Weggefährten heimgesucht, die er zu verdrängen sucht. So haben der Überichhofer und der Eshofer, die in diesem Gehirn die Aufsicht führen, alle Hände voll zu tun, die Aigners und Merkels, die Reiters und Hofreiters in Schach zu halten. Und, oh Gott, den Guttenberg.

Zuletzt kommt auch noch Sigmar Gabriel vorbei. Er will Asyl in Bayern beantragen – aus Glaubensgründen: „Ich glaube, ich bin Sozialdemokrat. Meine Partei glaubt das nicht.“ Und in Bayern sei die Obergrenze für Sozialdemokraten schließlich noch lange nicht erreicht.

Der Saal ist begeistert. Zum ersten Mal in der Geschichte des Nockherbergs gibt es Standing Ovations. Auch der Ministerpräsident selbst, der echte, ist begeistert. Größtenteils treffe das Beschriebene zu. „Weltklasse“, schwärmt er. Und verspricht: Er werde das jetzt erst mal sich setzen lassen und dann überlegen, „was man in der Realität davon anwenden kann“. Man darf also gespannt sein, was das oberste bayerische Hirn demnächst ausbrütet.