Ein großer Störfaktor

Gitmo Guantánamo ist so viel mehr als die US-Militärbasis. Aber wir werden damit identifiziert, und das wird wohl auch so bleiben

Zwanzig Kilometer von der Stadt Guantánamo entfernt ist das erste Bild, was man von der Stadt bekommt, ein riesiges Plakat mit der Silhouette eines Grenzschützers und der Aufschrift: „Willkommen in Guantánamo, dem vordersten antiimperialistischen Schützengraben Kubas“.

Guantánamo könnte auf viele Arten beschrieben werden. Als Wiege des Changüi, des Nengón oder des ­Kiribá, laut dem Musikwissenschaftler Argeliers León auch als erste Keimzelle des Son, als Ort, wo die Sonne aufgeht, oder als Halbwüste, wo Kubas trockenste und regenreichste Zone aufeinanderstoßen.

Aber wir haben uns ausgesucht, der vorderste antiimperialistische Schützengraben zu sein, oder vielmehr ist uns das auferlegt worden, seit die Präsidenten Tomás Estrada Palma und Theodore Roosevelt am 16. Februar 1903 ein im Platt-Amendment enthaltenes Übereinkommen unterschrieben, mit dem die Insel den USA „solange wie nötig und mit dem Ziel der Errichtung einer Marinebasis und eines Kohlebergbaus“ zwei Territorien überlässt: Bahía Honda und Guantánamo.

Generationen später ist die Marinebasis ein Störfaktor für die Kubaner, praktisch wie symbolisch. Von außerhalb der Insel, ob nun per Mail oder in den sozialen Netzwerken, werde ich dauernd gefragt, ob ich auf der Basis lebe. Die Marinebasis von Guantánamo, 117,6 Quadratkilometer in der Bucht, überall auf der Welt auch als Gitmo bekannt, erstes Suchergebnis im Internet, und seit 2002 als Gefängnis für mutmaßliche Terroristen und Folter bekannt.

Der kleine Streifen der Basis, mit seinen sumpfigen Böden, die künstlich aufgefüllt wurden, seinen Flughäfen und Krankenhäusern und seinen 6.000 Einwohnern, darunter die Soldaten, Vertragsfirmen und Zivilpersonal, ist bekannter als das wirkliche Guantánamo, eine Provinz mit zehn Gemeinden, 6.167 Quadratkilometern und 515.000 Einwohnern.

Ich lebe nicht in der Militärbasis. Mein Guantánamo ist eine landwirtschaftlich geprägte Provinz, größte Produktionsstätte von Salz für den nationalen Verbrauch, reich an schönen Hölzern, großes Potenzial an Wasserkraft, die Provinz des Alexander-von-Humboldt-Nationalparks, Weltnaturerbe, die Provinz von Baracoa und des Cruz de la Parra.

Es eine Provinz mit 702 Schulen, einschließlich 21 Fachschulen, vier Universitätsfakultäten und Universitätszentren in allen Gemeinden.

Es ist die „tierra caliente“, wo die Menschen gehen, als würden sie tanzen und sprechen, als würden sie singen. Dörflich geprägt, die Menschen kennen sich, grüßen sich, man bietet sich Kaffee und Wasser an, so ganz kubanisch und kulturell so weit von Havanna entfernt.

Guantánamo und die Basis sind nicht das Gleiche, aber man identifiziert uns damit. Das war so und es scheint, es wird es auch weiterhin so sein. Vor der Revolution brachte sie uns eine Menge Geld, aber sie verwandelte die Stadt auch in ein riesiges Vergnügungsgebiet für die Marines, einschließlich eines Rotlichtviertels mit Dutzenden von Bordellen und Bars.

Mit der Revolution kam die Feindseligkeit. Schüsse erleuchteten die Nacht. Die Grenzlinie, auf der sich die Posten gegenüberstehen, wurde kompliziert. Gemäß der „Forderungen des kubanischen Volkes an die Regierung der Vereinigten Staaten wegen erlittener Schädigungen und Benachteiligungen“ wurden an der Grenze 8 Kubaner von Marines getötet und 15 weitere verletzt, darunter auch Militärs und Fischer. Die Feindseligkeiten endeten erst mit neuen Abkommen in den 90er Jahren.

Die Basis, die nach Ansicht renommierter Juristen im Wesentlichen illegal ist, ist auch ein Hindernis. Drei Militärkontrollposten muss man passieren, um von der Stadt Guantánamo in das nur 23 Kilometer entfernte Caimanera zu kommen, als wäre es eine andere Welt, und es gibt nur einen speziellen Zugang.

Eine Fahne, die nicht meine ist, weht über kubanischem Boden. Und es ist ein verdammter Schmerz, wenn mich wieder jemand fragt, ob ich auf der Basis lebe.