Micha Brumlik
Gott und die Welt

Ist es gerecht, dass die einen Heimat haben und die anderen nicht?

Weil gesunder Patriotismus und Liebe zur Heimat wichtig sind.“ So heißt es im siebten Punkt des von der CSU publizierten Grundsatzpapiers. Und weiter: „Wir können stolz sein auf das, was Deutschland in den letzten 70 Jahren erreicht hat. Die Werte und Prägung unserer Heimat sorgen für Identität und Zusammenhalt. Nur wer der eigenen Sache sicher ist, kann anderen offen und tolerant begegnen. Dagegen müssen wir klarmachen: Wer Kreuze abnehmen, Schweinefleisch verbannen und Martinsumzüge in Lichterfest umbenennen will, ist nicht tolerant, sondern betreibt gefährliche Selbstverleugnung.“

Was aber genau ist Heimat? Jener Ort, an dem Menschen schon immer gelebt haben? Der Ort ihrer Herkunft? Oder doch vielleicht ein Ort der Ankunft? Wie etwa jene westdeutschen Städte, Länder und Gemeinden, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg etwa 12 Millionen aus Ostdeutschland Vertriebene eine – ja – „neue“ Heimat fanden? Her-kunft, An- kunft und: Zu-kunft: Auswanderer, etwa die „Pilgrim Fathers“, die im frühen siebzehnten Jahrhundert von England mit der Mayflower nach Nordamerika segelten, suchten einen Ort, an dem sie ihren im Herkunftsland bedrängten Glauben in Freiheit – also in geistiger Heimat – leben konnten.

Neu ist die Debatte um die „Heimat“ hierzulande nicht: Schon vor dreißig Jahren drehte der Regisseur Edgar Reitz seine mit Prolog und Epilog insgesamt fünfteilige Filmserie „Heimat“ – eine Serie, die alles in allem aus dreißig Fernsehfilmen besteht und deren Handlung im fiktiven Dorf „Schabbach“ im Hunsrück nach dem Ersten Weltkrieg beginnt, um die Jahre des Zweiten Weltkrieges fernab der Front zu zeigen und schließlich die Binnenwanderung der Hauptpersonen nach München zu verfolgen.

„Heimat“ – das zeigte dieses monumentale Filmprojekt in ungewöhnlicher Eindringlichkeit – ist eben dies, was die CSU unterstellt, genau nicht: ein territorialer, sozialer und geistiger Ort, an dem man sich der eigenen Sache sicher ist, ein Ort, an dem man sich auskennt, wohlfühlt, anerkannt wird und eben auch ein materielles Auskommen findet. Damit wird sofort deutlich, dass „Heimat“ allemal mehr und anderes ist als lediglich „Herkunft“. Dann aber stellt sich sofort eine moralische Frage, ein Gerechtigkeitsproblem: Ist es gerecht, dass die einen über „Heimat“ verfügen und die anderen nicht?

Keine Schrippen mehr

Ist es wirklich so, dass die An-kunft der anderen, ihre Be-Heimatung auf neuem Territorium die Heimat der anderen, genauer gesagt: deren „Heimatgefühl“ in unzumutbarer Weise beeinträchtigt, beeinträchtigen muss: Etwa wenn allmählich immer mehr Kopftücher im Quartier zu sehen sind oder wenn man in Berlin beim Bäcker, wie vor geraumer Zeit der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse beklagte, keine „Schrippen“ sondern nur noch „Brötle“, erhalte.

1959 beendete Ernst Bloch sein über tausend Seiten langes Werk „Das Prinzip Hoffnung“ mit diesen Worten: „Hat sich der die Verhältnisse umbildende Mensch erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Daran ist so viel richtig, dass der Begriff der „Heimat“ immer auch eine Erinnerung an eine – keineswegs von allen Kindern erfahrene – ersehnte Geborgenheit darstellt. Indes: Ernüchtert von den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, wird man skeptisch gegenüber Blochs Forderungen nach einem Leben ganz ohne Entfremdung sein.

An die Stelle seines utopischen Begriffs der Heimat sollte daher ein kleinformatigerer – ja – liberaler Begriff von „Heimat“ stehen: Heimat als territorialer, sozialer und geistiger Ort gar nicht einmal versöhnter, wohl aber respektierter Verschiedenheit – was ohne ein Minimum an materieller Sicherheit kaum vorstellbar ist.

Micha Brumlik lebt in Berlin und arbeitet am Zentrum für Jüdische Studien.