„Sich nicht unterwerfen, sondern weiterdenken“

Das Schwule Museum* würdigt das – noch nicht abgeschlossene – Lebenswerk des Sexualwissenschaftlers Martin Dannecker. Kuratiert hat die Schau die Polittunte Patsy L’Amour La love

Interview Jan Feddersen

taz: Patsy, du hast für das Schwumu* eine Ausstellung zu Ehren Martin Danneckers kuratiert. Nun, warum ist dieser schwule Mann eine Ausstellung wert?

Patsy L’Amour La love: Martin Dannecker ist der wichtigste Theoretiker zur Homosexualität unserer Zeit, deshalb allein ist seine Arbeit eine Ausstellung wert. Vor allem aber sind seine Beiträge hochaktuell, und er mischt sich nach wie vor ein. Von daher handelt die Ausstellung nicht von etwas eigentlich Musealem, sondern von einem schwulen Leben und einer schwulen Theorie, die auf eine bessere Welt und die Zukunft ausgerichtet ist.

Was war das damalig Neue am Blick Danneckers, was hat sich an Aktualität dieses Blick bewahrt ?

In den Aids-Debatten der 1980er und 1990er Jahre bestand Dannecker darauf, dass auch HIV-Positive ihre Sexualität ausleben und dass es auch dann nicht moralisch abzuwerten ist, wenn sich jemand beim Sex mit HIV infiziert. Der allgemeine und auch der schwule Mainstream dachte da ganz anders. Das war schon in den Siebzigern das Besondere an ihm, und das macht ihn auch heute aktuell. Sich nicht unterwerfen, sondern weiterdenken.

Die Ausstellung trägt den Titel „Faszination Sexualität“. Warum?

Theorie und Aktivismus von Martin Dannecker sind nie blutleer, er hat schon immer mit vollem Herzen an seinen Thesen gearbeitet. Dadurch konnte er Anfang der Siebziger gemeinsam mit Rosa von Praunheim Initiator der radikalen Schwulenbewegung sein. Wenn er über Sexualität schreibt, ist er nah am Gegenstand und lässt ihn lebendig werden, er macht die Theorie des Sexuellen nachvollziehbar, ohne dabei distanzlos oder unseriös zu sein. Dannecker lässt einen seine Faszination für die Sexualität spüren und regt so zur Reflexion an.

Die Zeiten, da Sexuelles faszinierte, scheint doch vorbei, oder?

Das denke ich nicht, denn hinter dem ganzen oberflächlichen, zu Markte getragenen Sex-Kitsch in der Werbung und dem scheinbar so freien Reden über Sexualität steckt umso mehr ein Sexuelles, das sich seine Geheimnisse nicht so einfach entlocken lässt. Ich denke, nach diesem Sexuellen, das nicht schon irgendwie öffentlich verwaltet ist, suchen die Menschen heute.

Dannecker könnte man als radikalen Denker des Schwulen – und Sexuellen – begreifen. Queer­feminist*innen sprechen lieber über Identitäten – das Sexuelle zu diskursivieren lohnt für sie kaum. Was ist im Hinblick auf deine Kenntnisse zu Dannecker dazu zu sagen?

Ich würde keine so strikte Trennung ziehen, sonst wird es mir politisch zu lagermäßig und identitär. Gerade das Differenzierte an Dan­neckers Arbeit ist ja so inspirierend, ihn in den Texten bei seinen Denkbewegungen zu begleiten. Er beschreibt Sexualität ganz praktisch nachvollziehbar und hebt sie zugleich auf eine gesellschaftstheoretische Ebene. Zum Beispiel in Bezug auf den neueren Diskurs, dass es keinen Unterschied mehr geben soll und jede Sexpraktik gleichsam in einem Meer der Sexualitäten aufgeht. Das Gute an diesem Gedanken greift Dannecker auf: Keine Vorliebe, bei der alle freiwillig mitmachen, sollte dazu führen, dass man abgewertet oder sogar dafür belangt wird. Und wenn es sich um eine Perversion handelt, soll man sie auch Perversion nennen und nicht drum herumlavieren, nur damit es sich irgendwie harmloser anhört. Dannecker beharrt da politisch und theoretisch sozusagen auf dem Perversen und steht für das Sexuelle ein. Das ist intellektuell anregend!

Lohnt es noch, in queerfeministischen Identitäts-Zeiten Dannecker zu lesen? Und wenn welchen Text am besten?

Ich weiß nicht genau, was mit queer­feministischen Identitäts-Zeiten gemeint ist, und ich glaube nicht, dass wir in solchen Zeiten leben. Ein großes Problem ist, dass unsere Zeiten auf eine Politik der Emotionen und des Defizits ausgerichtet sind. Ein Gefühl ist in der öffentlichen Auseinandersetzung zu einem Argument geworden, dabei handelt es sich aber meistens um eine Lüge des Gefühls. Das passiert aus unterschiedlichen Richtungen. Zum Beispiel wird behauptet, dass die Leute aus Angst Flüchtlinge hassen. Ich halte das aber für Unfug.

Wie meinst du das? Spielen Ressentiments gegen Flüchtlinge keine Rolle?

Es handelt sich um einen politischen Kurs gegen Flüchtlinge, der mit einem angeblichen Gefühl gerechtfertigt wird. Und diese Haltung ist abzulehnen, mehr nicht. Auch als Tunte und Schwulenaktivistin glaube ich nicht, dass es in der politischen Debatte hilfreich ist, so zentral auf meinen Gefühlszustand zu verweisen. Damit macht man sich abhängig. Ich bin nicht verletzt oder traurig, weil mich Rechte und Konservative ablehnen. Ich lehne die Feinde von Homo-, Bi- und Transsexuellen ab, die Feinde des schönen Lebens, und ich werde alles nur Mögliche tun, dass diese Leute nicht die Oberhand bekommen. Das ist etwas, das ich von Martin Danneckers politischer Theorie und von seinem Aktivismus gelernt habe. Das Gefühl und die Psyche zu erforschen und auf Vernunft und Aufklärung zu pochen.

Wissenschaftlerund Aktivist

Hat in 74 Jahren schon viel erlebt: Martin Dannecker Foto: Dragan Simicevic Visual Arts, 2016

Der Sexualwissenschaftler und Schwulenaktivist Martin Dannecker ist ein homosexueller Mann neuen Typs: In den 1960er Jahren schloss er sich im Lackmantel der Studentenbewegung an, in den Siebzigern war er dann wesentlich mit dafür verantwortlich, dass man um die offene Auseinandersetzung mit Homosexuellen nicht umhinkam. Die Ausstellung „Faszination Sex – der Theoretiker & Aktivist Martin Dannecker“ läuft im Schwulen Museum*, noch bis zum 28. Feb. 2018. Ein gleichnamiges Buch mit Texten Danneckers erscheint in diesen Tagen.

Schwules Museum, Lützowstr. 73. So., Mo., Mi., Fr. 14–18 Uhr, Sa. 14–19 Uhr & Do. 14-20 Uhr