das portrait

Der Stinkefinger, gemeinsames Symbol von Sozis, Punkern und Fußballprolls

Foto: dpa

Kevin Kühnert, 28, hat in der „Sagen Sie jetzt nichts“-Rubrik der Süddeutschen Zeitung eine vielsagende Antwort gegeben. Auf die Frage „In CDU-Führungsrunden nennt man Sie offenbar den ,niedlichen Kevin‘. Einverstanden?“ antwortete der Bundesvorsitzende der Jungsozialisten mit einem nonverbalen Klassiker – dem Stinkefinger.

Was in diesem Fall niedlich ist, weil es sich bei Kühnert um eine altersgemäße Geste handelt; anders als bei Peer Steinbrück, der 2013 an gleicher Stelle als SPD-Kanzlerkandidat auf eine ähnlich provokante Frage („Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi – um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?“) den seit der Antike bekannten „schamlosen Finger“ zückte. 2016 war es Sigmar Gabriel, der in Salzgitter rechten Pöblern seinen Mittelfinger zeigte.

Kühnert stellt sich also in eine alte sozialdemokratische Tradition, bei mangelndem Respekt spielerisch eine Penetration mit dem symbolischen Phallus anzudrohen. Im Affekt gibt sich der ansonsten eher dröge Funktionär eben als bodenständiger Proletarier zu erkennen – und tut, was „man nicht macht“.

Als wohlbedachte Provokation soll der Stinkefinger den politischen Gegner auf Distanz halten. Er erklärt sich von selbst und ist der prägnanteste Ausdruck dessen, was man „unüberbrückbare Differenzen“ nennen könnte. Allerdings verstellt die gut durchblutete Aggressivität schnell den Blick darauf, dass es sich in Wahrheit um eine defensive Geste handelt.

Sie ist nie Aktion, sondern immer Reaktion desjenigen, der sich in die Enge getrieben sieht. Angesichts von Zumutung oder Provokation ist der Stinkefinger die letzte Rückzugslinie, bevor es wirklich „was auf die Fresse“ gibt. Und damit, wie übrigens der undurchblutete Phallus auch, ein Zeichen von Schwäche. Hart wird’s nur, wenn man ihn reizt.

Vor der Politik hatte der Stinkefinger seinen Platz in der Popkultur, mit einer fulminanten Premiere 1969. Damals zeigte Johnny Cash vor seinem Konzert im Gefängnis von San Quentin einem Fotografen ganz spontan, was er von den Strafvollzugsbehörden hielt; das Bild ist inzwischen legendär. Als subversive Waffe, die auch mit leeren Händen immer zur Hand ist, machte der Stinkefinger gewissermaßen rasch Karriere.

So ist „the finger“ beispielsweise der kleinste gemeinsame Nenner, auf den eine so weitgefächerte Subkultur wie der Punk sich bringen lässt. Das Establishment möge „gefickt werden“ – echte Punks „didn’t give a flying fuck“. Unüberbrückbare Differenzen mit seinem Publikum brachte auch Stefan Effenberg zum Ausdruck, als er sich bei der WM 1994 vom Platz und seiner Karriere verabschiedete.

Damals war ein Stinkefinger selbst auf dem Fußballplatz noch ein Skandal. Heute ist er ein probates Mittel in der politischen Auseinandersetzung. Warum aber Kevin Kühnert dieses Mittel so neckisch an die Lippen legt, ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden. Arno Frank