liebeserklärung

Michael Schulte

Der 27-Jährige aus Buxtehude wird für Deutschland beim Eurovision Song Contest antreten. Er ist Maß und Mitte eines Landes, das nicht mehr Letzter oder Vorletzter sein will

Er ist 27 Jahre jung. Und zugleich nicht mehr ein Junger. Michael Schulte kann singen. Und mit YouTube umgehen. Dort hat er in seiner noch taufrischen Karriere 50 Millionen Views für seine Lieder. Er wird mit Ed Sheeran verglichen, wobei sich ergänzen ließe, dass seine Stimme es mit der Adeles aufnehmen könnte. Schulte ist ein Deutscher, er hat, als er Donnerstag beim deutschen ESC-Vorentscheid mit „You Let Me Walk Alone“ gewann, sich eine schwarz-rot-goldene Fahne umlegen lassen, ersichtlich gern, weil selbstverständlich: Er ist ja Deutscher.

Was an ihm ängstlich stimmt, ist eventuell dieser gewisse Hang zur Perfektion, dieses Rumbosseln an Tönen. Er ist, wie man in Norddeutschland sagt, ein Pütscher, ein Pingeliger. Als Älterer denkt man: Uih, in dem Alter war man doch selbst ungefähr so orientierungslos wie eine unverankerte Boje in aufgewühlter See. Er hat alles drauf, was Zeitgenossenschaft der guten Menschen zu bedeuten hat. Er ist höflich, sieht gut aus, trägt die wirrlockigen Haaren mittelscheitelig, ohne dass sie durch Coiffeurkunst aufgebrezelten Eindruck machen. Er wirkt natürlich und nahbar – er ist ein Mann ohne flamboyante Allüren.

Mit anderen Worten: ein Deutscher wie von nebenan, ein Mann, der keinen #metoo-Schutt mehr wegräumen muss, weder in biografischer noch in sonst wie ideeller Hinsicht. Michael Schulte aus Buxtehude ist Maß und Mitte eines Landes, das beim Eurovision Song Contest nicht mehr Letzter oder Vorletzter bleiben will. Das Lied vom nie endenden Kummer um den Verlust des Vaters soll es richten. Dieser Mann kann ein Idol seiner Generation sein – männlich, aber smart, ein durchkomponiertes Stück Selbstreflexion: der Hipster ohne Gefallsucht, sondern gefällig bis zum Übersympathischen.

Michael Schulte, so gesehen, ist ein Kontrollierter, der keine Kostüme braucht, um Glanz in eigener Sache zu empfinden. Trinkt Alkoholisches in Grenzen, als ob er keine Zeit in Exzessen zu verlieren hat. Der Sieg beim ESC-Vorentscheid ist für ihn eine „Zwischenetappe“ – so viel Respekt vor dem eigenen Können muss wohl sein. Das ist nicht übel zu nehmen, sondern, als Projekt „Karriere“ für einen deutschen Mittelschichtsspross auf dem Weg zur persönlichen „Singularität“ (Andreas Reckwitz), nur zu natürlich – und erstaunlich. Jan Feddersen