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Ein Gotteshaus zum Selberbauen

Architekten, Theologen und andere Unterstützer setzen sich dafür ein, dass die nach Ende des Zweiten Weltkriegs gebauten Notkirchen des Architekten Otto Bartning in Hannover und an rund 100 anderen Orten Unesco-Welterbe werden

Gut erhalten: Johannis- kirche von Otto Bartning in Rostock Foto: Obak

Von Joachim Göres

Von Weitem sieht sie unscheinbar aus. Die Außenmauern der evangelischen St.-Petri-Kirche in Hannover-Döhren sind grau verputzt, auch die kleinen Kirchenfenster wirken schmucklos. Umso stärker hat der Architekt das Augenmerk auf das Innere gerichtet: Die Gemeinde rückt durch die Anordnung der Holzbänke nahe an den Altar.

Neben dem unverputzten Backstein dominiert Holz den Kirchenraum – 18 mächtige Holzstützen führen zum Holzdach. „Durch die sichtbare Holzbinderkonstruktion und das zeltartige Dach entsteht eine warme, beschützende Atmosphäre, die gerade zu Weihnachten eine besondere Wirkung entfaltet“, sagt Volker Gläntzer, Vorsitzender des Kirchenvorstandes. „Die Ausmauerungen aus rotem Backstein passen dazu farblich sehr gut und unterstützen den besinnlichen Charakter des Raumes.“

Mitglieder von St. Petri haben diese 1949 als erste in Hannover errichtete Nachkriegskirche innerhalb weniger Monate zum großen Teil in Eigenregie aufgebaut. Sie halfen beim Ausschachten, legten das Fundament und mauerten die Wände aus Trümmersteinen der hier 1943 zerstörten Vorgängerkirche.

Ideengeber war der Architekt Otto Bartning (1883–1959), nach dessen Plänen nach dem Krieg in Döhren und rund 100 anderen Orten seine sogenannten Notkirchen errichtet wurden. Notkirche bedeutet nicht Provisorium, sondern bezieht sich auf die Orientierungslosigkeit und Depression vieler Menschen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Trotz der von Bartning aus Kostengründen entwickelten Serienfertigung der Dachbinder, Dachtafeln, Fenster und Türen hat jede Kirche ihr besonderes Aussehen. In Döhren prägt der erhaltene Turm der Vorgängerkirche das Bild.

Bartning, Mitbegründer der Bauhausbewegung und wichtigster Architekt des modernen protestantischen Kirchenbaus in Deutschland, beschreibt die Bedingungen für den Aufbau Ende der 1940e- Jahre so: „Heute gilt es, mit der barren Not zu ringen … All dies, unabhängig von deutschen Materialengpässen, für 10.000 Dollar pro Notkirche mit 450 Sitzplätzen lieferbar und aufstellbar in etwa 3 Wochen, während am Bauort das Mauerwerk aus Trümmern entstehen konnte mit einfachen Bindemitteln und ungelernten Kräften.“

Die besondere Geschichte, die bis heute wirkende besondere Atmosphäre – alles Gründe, warum eine Initiative von Architekten, Theologen und anderen Unterstützern die nach dem Krieg in Döhren und rund 100 anderen Orten gebauten Notkirchen als „einzigartiges sakrales Flächendenkmal mit herausragender architektur-, kultur- sowie kirchengeschichtlicher Bedeutung“ mit dem Titel Unesco-Weltkulturerbe gewürdigt sehen will.

Dazu hofft die Otto-Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau (Obak) derzeit auf ein Bundesland, das einen entsprechenden Antrag bei der Kultusministerkonferenz stellt. Sie könnte 2020 über die Aufnahme in die Liste der deutschen Bewerber für das Unesco-Weltkulturerbe entscheiden. Danach würden wiederum mehrere Jahre vergehen, bis eine Kommission über die Vergabe des Titels entschiede.

Ein weiter Weg, denn bislang gibt es kein Flächendenkmal mit so vielen Einzelobjekten aus verschiedenen Regionen als Antragsteller. „So ein Titel würde die Notkirchen von Bartning stärker in den Blick rücken, die in der Öffentlichkeit wegen der bewusst schlicht gehaltenen Gestaltung leicht übersehen werden“, sagt Gläntzer.

Auf die Anerkennung durch die Unesco können nur diejenigen Bartning-Kirchen hoffen, die ihren ursprünglichen Charakter bewahrt haben. Keine Chance hat die ursprünglich in die Ruine der Lister Matthäuskirche gebaute Notkirche, die später abgebrochen und in Herrenhausen als Zachäuskirche wieder errichtet wurde. Durch zahlreiche Umbauten ist die ursprüngliche Form heute kaum noch erkennbar. „Der Geschmack wandelt sich“, sagt Immo Wittig, Obak-Vorstandsmitglied. „Im Westen gab es in den 1970er-Jahren mehr Umbauten und ‚Aufhübschungen‘. In der DDR fehlte für so etwas das Geld, die dortigen Notkirchen sind meist besser im Original erhalten.“ In der erwähnten St.-Petri-Kirche in Hannover-Döhren wurde nur das gelbe Fensterglas nachträglich ausgetauscht, weil das kaum gebrochen eindringende Licht „den Augen nicht gut tat“, sheißt es in einem zum 60. Jubiläum erschienenen Kirchenführer. „Unsere Kirche in Döhren gehört zu den am besten erhaltenen Notkirchen Bartnings“, sagt Gläntzer. „Es finden sich hier noch die Originalbänke und der Altar aus der Zeit des Wiederaufbaus.“

Es ging Bartning nie um den schönen Schein, sondern um die Lösung konkreter Probleme. So scheinen viele seiner Aussagen bis heute so aktuell wie diese: „Die Kirche soll alle Tage geöffnet sein.“ Und: „Dem Diebstahl ausgesetzte Schmuckwerte sollen lieber vermieden werden, als daß um des Schmuckes willen die Kirche an sechs Tagen der Woche verschlossen bleibt.“

St. Petri kann man heute nur zu Gottesdienstzeiten betreten. Während der Öffnungszeiten des gegenüberliegenden Gemeindebüros können sich Interessierte die Kirche aufschließen lassen.