der rote faden

Der Seehofer-Uluwä spielt Migranten­verstecken

Foto: taz

Durch die Woche mit Nina Apin

Was für eine gespenstische Woche war das denn, bitte? Am Montag ging ich zu spät ins Bett, und noch immer war ungewiss: Haben wir noch einen Innenminister? Oder ist er bereits ein, wie Kollegen diagnostizierten, ­Untoter der Politik, der zombiegleich durch die politische Landschaft taumelt und alle mitreißt, die er kriegen kann? Gibt es die Union noch, oder ist sie bereits Fiktion?

Politzombie

Am Dienstag wurde es noch irrealer. Rücktritt vom Rücktritt, und mitten in den heiklen Verhandlungen mit der Kanzlerin verkündet Seehofer in der Süddeutschen, er lasse sich doch nicht von einer Frau entlassen, die nur wegen ihm Kanzlerin geworden sei. Dieser Seehofer, dachte ich da, ist so etwas wie der Uluwä der deutschen Politik geworden.

Kennen Sie nicht? Macht nix, den hat ja auch mein Sohn erfunden. Der Uluwä ist laut seinem sechsjährigen Schöpfer ein großes und zotteliges Wesen mit scharfen Krallen. Meist ist er friedlich, wenn auch etwas ungehobelt. Mitunter kann er aber auch grundböse sein, so genau weiß man das bei dem nie. Und verstehen kann ihn ohnehin nur mein Sohn.

Der Mensch, der die Seehofer’schen Gehirnwindungen am besten durchdringt, ist wahrscheinlich sein ewiger Widersacher Markus Söder. Wenn man sich Seehofers Körpersprache mal genau anschaut, diese tapsig-eckigen Bewegungen, dieses zehntelsekundenlang erstarrte leere Grinsen, als ob die Mimik erst wieder neue Impulse von außen braucht, um weiterperformen zu können –, dann könnte man fast denken, dass der Seehofer-Uluwä vom Puppenspieler Söder ferngelenkt wird … Aber Schluss jetzt mit den Golemfantasien, das Geschehen ist auch so ausreichend gespenstisch.

Gehirnwindungen

Von Anfang an war der Unions-Streit über Flüchtlinge, die an der österreichisch-bayerischen Grenze auflaufen, eine reine Geisterdebatte. Laut Bundespolizei handelt es sich bei den Massen, die den Freistaat stürmen, derzeit um durchschnittlich 32 Menschen pro Tag. Nicht an einem Grenzübergang, wohlgemerkt, sondern in ganz Bayern. Diese Menschen gibt es wirklich, aber sie sind so wenige, dass man sich fragt, wieso ihretwegen nun die bayerische Grenzpolizei wiederbelebt wird, die vor zwanzig Jahren abgeschafft wurde.

Eine Chimäre auch die sogenannten Transitzonen, die an den Grenzen errichtet werden sollen. Hier bedient sich die von den Rechtspopulisten getriebene Groko eines bizarren rechtlichen Kon­strukts, das komisch wäre, wäre es nicht so erbärmlich. In der Transitzone befinden sich Mi­gran­ten zwar auf deutschem Boden, aber nicht in Deutschland, ähnlich wie im Flughafenverfahren. Auf Bürokratendeutsch heißt das „Fiktion einer Nichteinreise“. Der Migrant, den man nicht sieht, ist zwar da, aber irgendwie auch nicht – weshalb man ihn schneller wieder loswird, so die Logik.

Fiktion

Der Umgang dieser Bundesregierung mit Migranten beginnt langsam dem Verhalten kleiner Kinder zu ähneln, die sich beim Versteckenspielen die Hand vor die Augen halten und denken, jetzt seien sie unsichtbar. Die Migranten, die es offenbar nur noch mit dem gedanklichen Zusatz „unerwünscht“ gibt (so sie es überhaupt bis nach Europa und Deutschland schaffen), werden an der Grenze interniert oder „rückgeführt“ in ihre Heimatländer, im Mittelmeer von der libyschen „Küstenwache“ weggebracht in irgendwelche Folterlager oder gleich versenkt, weil die Seenotrettung durch Freiwillige von Europa aktiv unterbunden wird. Wegdefiniert – aus den Augen, aus dem Sinn. Damit können erstaunlicherweise alle leben, sogar die Sozialdemokraten, die jetzt ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz fürs gute Gewissen bekommen haben und brav das ganze „Asylpaket“ abnicken. Die Transitzentren heißen jetzt Transferzentren, es soll dort keinen Stacheldraht geben, und sie sollen nach einer Seite offen sein (nämlich nach Österreich) – na, dann ist ja gut, und die Ferien sind für alle gerettet.

Herumgurken

Auch ich verlasse bald Berlin, das sich langsam in einen gigantischen Ferienpark voller unsicher auf Leihfahrrädern herumgurkender Städtereisender und singender Fußballfreunde aus aller Welt zu verwandeln beginnt. Sogar die Bayern zieht es hierher, neulich schlenderte direkt vor meiner Nase eine junge Frau mit einem T-Shirt über die Friedrichstraße, auf dem in riesigen Lettern stand: „Mia san fucking mia“.

Ach, Heimat. Schon bald werde ich bei meinen Eltern im Garten sitzen, keine halbe Stunde von der berühmten österreichischen Grenze ­entfernt, an der alles so sein wird wie immer. Wir werden spazieren gehen auf Wegen, die von Kreuzen gesäumt sind. Der Chiemsee wird ­glitzern, und mein Vater wird vielleicht auf einen der dort selten anzutreffenden Afrikaner zeigen, der mit den Omas an einer verwaisten Bushaltestelle wartet oder im Biergarten die Gläser einsammelt, und so etwas sagen wie: „Am Ende ist mir der lieber als der Söder.“

Nächste Woche Robert Misik