„Das ist kein Spiel, wir sind in der freien Wirtschaft“

„Bier trinken, Gutes tun“ ist der Slogan des Bierlabels Quartiermeister. Das Unternehmen zeigt, dass anderes Wirtschaften möglich ist. Die Gründer üben aber auch Selbstkritik

Mitgründer Peter Eckert will Spaß bei der Arbeit Foto: Julien L. Balmer

Interview Beate Willms

taz: Ist Bier trinken der richtige Weg zu einer nachhaltigen Gesellschaft?

Peter Eckert: Es gibt viele Wege, das ist der Weg von Quartiermeister. Ursprünglich ging es uns aber gar nicht so sehr um ein konkretes Produkt. Wir wollten zeigen, dass es eine gerechtere Wirtschaft geben kann, dass social business – soziales Unternehmertum – funktioniert. Und weil wir das anderen Menschen näherbringen wollten, kamen wir auf Bier. Bier ist ein soziales Produkt. Man trinkt zusammen und entwickelt gemeinsam Konzepte.

Und je mehr man trinkt, umso besser fürs soziale Gewissen?

David Griedelbach: Uns ist bewusst, dass das nicht widerspruchsfrei ist. Wir wollten nie dazu animieren, mehr zu trinken, sondern die Alternative bieten, das Biertrinken mit einem sozialen Mehrwert zu verbinden. Inzwischen merken wir aber, dass das nicht reicht. Alkohol schließt ja auch aus, Kinder, Schwangere, viele Muslime, andere Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht trinken. Das passt nicht zu Quartiermeister. Gerade machen wir ein Crowdfunding für ein alkoholfreies Bier. Wenn das gut läuft, wollen wir mittelfristig auch Limonaden, Wasser oder ganz andere Produkte verkaufen.

Eckert: Wir wollten anfangs einfach losrennen. Hätten wir gewartet, bis alles perfekt ist, wäre die Hürde zu hoch gewesen. Deshalb haben wir mit einem konventionellen Pils angefangen und der Brauerei gezeigt, wir können das, und sie später überzeugt, auf Ökostrom umzusteigen, ökologisch kontrollierte Rohstoffe zu verwenden, sich bio-zertifizieren zu lassen. Mit dem Biobier haben wir dann einen neuen Kanal aufgemacht und andere Menschen erreicht. Das Alkoholfreie ist ein weiterer Kanal, anderes Wirtschaften zu propagieren. Es kann nicht gleich alles ganzheitlich gut sein, wir sehen das als Prozess.

Haben Sie Vorbilder für Ihr „anderes Wirtschaften“?

Griedelbach: Den Social-business-Ansatz von Mohammed Yunus, der 2006 den Friedensnobelpreis bekommen hat: Unternehmen, die nicht nur wirtschaften, sondern auch Gutes tun. Der besondere Weg von Quartiermeister ist, dass wir mit den Gewinnen aus dem Bierverkauf soziale Projekte im Kiez – regional – fördern. Und jede* kann mitbestimmen, wohin das Geld geht, sich einbringen.

Ein Großkonzern beherrscht den Biermarkt weltweit, liefert jedes dritte Bier und verdrängt kleine unabhängige Brauereien. Wie kann man fair wirtschaften und in diesem Haifischbecken bestehen?

Indem wir unsere Geschichte erzählen – das müssen wir wohl noch mehr. Wir zeigen, dass es geht, wir haben Biere, die schmecken nicht schlechter als andere, sogar besser und sind nicht teurer. Wir sind regional, sozial, partizipativ und ökologisch dazu, und es tut den Konsument*innen nicht weh, wenn sie sich für unser Bier entscheiden.

Was versteckt sich hinter diesen Schlagworten?

Unsere Zahlen können alle immer nachlesen. Wir stellen das Bier regional her und verkaufen es dort, wo es gebraut wird. Das Münchner Helle bekommt man also nicht in Berlin, weil das schlecht wäre für die Ökobilanz. Von jedem verkauften Liter gehen 10 Cent an soziale Projekte, bewusst auch an ganz politische. Jede*r kann online ein Projekt vorschlagen und später über die Vergabe mitabstimmen. Das organisiert der Verein, der ehrenamtlich agiert.

Was sagt die Branche zu diesem Ansatz?

Eckert: Eine große Berliner Biermarke hat mal bei einem unserer Vertriebler angerufen und ihm dazu gratuliert, ihnen einen großen Kunden abspenstig gemacht zu haben. Und dann machten sie klar, dass das Wohlwollen irgendwann umschlägt … Das ist kein Spiel, wir sind in der freien Wirtschaft. Wir haben schon Kunden verloren, mit denen wir lange im Gespräch waren, weil eine Konkurrenzmarke kurz vor der Vertragsunterzeichnung mit Freiware auftrumpfte. In Berlin ist Bier vor allem Marketing. Wenn dein Bier in einem Berliner Club verkauft wird, kannst du in deiner Region erzählen, dein Bier ist total hip. Das kostet Geld, ist aber Werbung. Das ist bei uns anders. Wir wollen und müssen an jedem Kunden Geld verdienen, um die soziale Botschaft zu erhalten.

Gelten die Prinzipien „sozial“ und „partizipativ“ bei Quartiermeister auch nach innen?

Wir sind selbst basisdemokratisch aufgestellt. Die Leute sollen sich beteiligt fühlen, uns eingeschlossen. „Partizipativ“ war Quartiermeister deshalb sofort, beim Sozialen haben wir uns auch weiterentwickelt. 2010 ist Quartiermeister als soziales Projekt ehrenamtlicher Personen gestartet. Alle haben noch studiert. Als uns klar wurde, dass wir auch mal fertig werden und dann Geld verdienen müssen, fanden wir es wenig nachhaltig, wenn wir deshalb keine Zeit mehr haben und alle zwei Jahre neue Leute suchen, die den Laden schmeißen. Also haben wir uns professionalisiert.

Das bedeutet?

Wir wollten nicht zu weit von der Gründungsidee wegkommen, aber die klassische Selbstausbeutung auch nicht fortsetzen. Seit Ende 2012 gibt es nun die GmbH, die das operative Geschäft macht, den Vertrieb und auch den Gewinn. Und es gibt den Verein, der wie eine Art Aufsichtsrat agiert, ehrenamtlich geführt wird, die Förderung organisiert und die Projekte auswählt, über die dann abgestimmt wird. Rechte und gegenseitige Verpflichtungen sind vertraglich geregelt. In der GmbH gibt es elf Mitarbeitende, wir haben transparente Gehälter, die nicht mehr ganz schlecht sind, und vor allem ist die nichtmonetäre Vergütung sehr hoch.

Was bieten Sie?

Arbeiten soll Spaß machen, wir arbeiten 36 Stunden die Woche, die Zeiten sind sehr flexibel. Alles ist transparent, und alle können mitbestimmen. Wir arbeiten noch daran, was faire Gehälter für alle heißt, was Kennzahlen sein könnten in Bereichen, wo man mit Zahlen eben nicht weit kommt.

Griedelbach: Manche Mit­ar­bei­ter*innen sagen, sie wollen gar nicht mehr mitreden, sondern ihren Job machen. Das ist auch gut.

Eckert: Um einen Blick von außen zu bekommen, haben wir eine Gemeinwohlbilanz aufgestellt. Da haben wir ziemlich gut abgeschnitten. Ganz regelmäßig so zu bilanzieren ist aber zu viel Aufwand.

Hat sich die Konstruktion GmbH plus Verein bewährt? Gesellschafter in der GmbH sind Sie beide, nicht der Verein. Das gibt Ihnen Macht.

Uns beiden liegt es fern, von oben herab zu entscheiden. Dass jeder Teil für sich arbeiten kann, ist gut. Wenn ein Kunde zur GmbH kommt und sagt, ich nehme gern 1.000 Kästen Bier, wenn ihr ein bestimmtes Projekt finanziert, können wir sagen: Das entscheiden nicht wir, der Verein bestimmt das. Am Ende werden die besten Projekte ausgewählt. Es würde mich wundern, wenn Quartiermeister in zwanzig Jahren noch eine GmbH ist. Wir könnten uns eine Stiftungsstruktur vorstellen oder eine Genossenschaft, in der alle beteiligt sind: die beiden Gesellschafter, der Gründer, der Verein, Leute, die sich um Quartiermeister verdient gemacht haben. Es ist sehr schade, dass es in Deutschland noch keine eigene Rechtsform für soziale Unternehmen gibt.

Laut Koalitionsvertrag will die Bundesregierung die Bedingungen für nachhaltig wirtschaftende Unternehmen verbessern. Wie müsste das aussehen?

Griedelbach: Es fängt mit der Definition an. Was ist nachhaltig oder sozial: Was Arbeit schafft? Was Projekte fördert? Was sind Standards? Was Kennziffern? Letztlich muss es darum gehen, Unternehmen, die die Auflagen erfüllen, zu fördern, mit Programmen, mit Steuervorteilen oder weniger -nachteilen, mit Vorzugsmöglichkeiten bei öffentlicher Beschaffung. Wenn das Ministerium Bier bestellt, nimmt es natürlich Quartiermeister, weil wir gemeinwohlorientiert sind, und kein Fernsehbier.

Wo steht Quartiermeister in zwei Jahren?

Das wird im Verein diskutiert. Wollen wir, können wir wachsen? Wie? Über Fremddarlehen, über eine Bank? Das Crowdfunding für das Alkoholfreie ist ein Experiment, bei dem wir viel gelernt haben. Wir hätten es nicht so aufwendig eingeschätzt. Und von dem Geld bleibt nicht so viel übrig. Als GmbH zahlen wir Steuern darauf, wir führen 7 Prozent an Startnext ab, Merchandising und das Verschicken von Bierpaketen kosten. Wenn von 30.000 Euro, die wir haben wollen, 12.500 Euro bleiben, ist das schon das, was an Realkosten für die Entwicklung des neuen Biers anfällt.

Und wann passiert die sozial-ökologische Transformation?

Eckert: Ich glaube nicht, dass wir irgendwann in einer Wirtschaft leben, die nur noch nachhaltig ist. Aber wir können Druck auf große Akteure ausüben. Und wenn die dann auch nur kleine Schritte gehen, dann ist das auch ein Impact. Die Großen vor sich herzutreiben und sie zu ärgern, das macht natürlich Spaß.