„Erfolgreich wie ein Geldfälscher“

Der beim Publizieren in Scheinverlagen ertappte Bremer Uni-Rektor flüchte sich in Ausreden, sagt Experimental­physiker Wolfgang Dreybrodt. Es wäre ein Leichtes gewesen, sich über die Veröffentlichungspraxis dieser Verlage zu informieren

Immer schön lächeln: der Bremer Uni-Rektor Bernd Scholz-Reiter nach seiner Wahl 2011 Foto: Pressestelle Uni Bremen/dpa

taz: Herr Dreybrodt, kennen Sie das Phänomen der sogenannten Raubverlage, der „Predatory Publishers“?

Wolfgang Dreybrodt: Natürlich. Ich habe auch Dutzende von diesen Mails bekommen, in denen steht: „Wir haben Ihre Arbeit gelesen und fanden sie außerordentlich interessant. Wollen Sie sie nicht bei uns veröffentlichen?“ Und dann wird man sofort eingeladen, Gutachter zu werden. Alles sehr unkompliziert. Ich habe diese Sachen immer weggelöscht. Das sind Zeitschriften, die keine Rolle spielen.

Warum?

Ich weiß doch, welche Zeitschriften in meinem Fachgebiet relevant sind. Und dann gibt es zum Beispiel den „Science Citation Index“, dort sind alle Qualitätszeitschriften aufgelistet. Da kann man, wenn man sein Fachgebiet nicht überschaut, nachsehen. Außerdem werden Artikel aus Raubjournalen kaum zitiert.

Der Rektor der Uni Bremen, Professor Bernd Scholz-Reiter, hat in solchen Verlagen veröffentlicht. Er sagt, es sei ihm um „Open Access“ gegangen.

Er baut eine Nebelwand auf, um sich da herauszumogeln. Es stimmt: Damals gab es eine Diskussion darüber, weil die Verlage von den Bibliotheken für ihre wissenschaftlichen Zeitschriften immer mehr Geld verlangt haben und dies auch heute noch tun. Es gab den Vorschlag, Open-Access-Zeitschriften zu gründen, um die Macht der Verlage zu begrenzen. In dieses Feld haben sich diese unseriösen Publisher hineingemogelt. Aber es gibt auch seriöse Open-Access-Verlage, nur sind die knallhart in ihren Review-Kriterien.

Scholz-Reiter hat in der Publikationsliste seines „Bremer Instituts für Produktion und Logistik“ (BIBA) 62 Links von Publikationen mit dem Hinweis versehen: „Der Verlag, bei dem diese Publikation erschienen ist, steht heute unter dem Verdacht, ein Raubverlag zu sein.“ Allerdings sei das entsprechende Forschungsprojekt mit Drittmitteln finanziert worden, und die Gutachter hätten keine Kritik geäußert.

Das ist eine Schutzbehauptung, die von einem Außenstehenden nicht widerlegt werden kann. Sie dient der Verschleierung. Richtig ist, die Projekte sind öffentlich gefördert, durch die DFG oder andere. Dazu gehört, dass man am Ende einen Abschlussbericht schreibt und dort die Ergebnisse darstellt und auch die in diesem Vorhaben entstandenen Veröffentlichungen angibt. Dieser wird an die anonymen Gutachter gegeben, die das Vorhaben befürwortet haben. Diese Gutachter sind aber völlig überfordert, alle diese Veröffentlichungen genau zu lesen und zu bewerten. Die Angabe, dass diese Arbeiten in einer peer-reviewed wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht oder zur Veröffentlichung eingereicht wurden, stellt sie zufrieden, weil für sie das Peer-Reviewing die Qualität der Publikationen bestätigt. Sie geben damit ihre wissenschaftliche Verantwortung an die Reviewer ab. Ich weiß das aus eigenen Erfahrungen. Diese Bewertung der Abschlussberichte ist kein Nachweis der wissenschaftlichen Qualität der dort angeführten Publikationen.

Warum hat Scholz-Reiter das nötig? Er hat in zehn Jahren über 600 Veröffentlichungen gemacht.

So was beeindruckt nur Außenstehende. Eher könnte man sagen, er ist erfolgreich wie ein Geldfälscher, solange seine Fälschung nicht entdeckt wird.

Wieso Geldfälscher?

Veröffentlichungen sind für Wissenschaftler Bargeld, das ihrer wissenschaftliche Karriere förderlich ist. Und wie in jedem Bargeldsystem gibt es auch hier Geldfälscher. Er setzt seinen Namen auf Veröffentlichungen, zu denen er nichts Wesentliches beigetragen hat. Er nutzt dafür nicht seine wissenschaftliche Kompetenz, sondern missbraucht seine Macht in der Hierarchie seines wissenschaftlichen Umfelds. Wenn diese Artikel zitiert werden, dient das seiner Reputation. Solche Raub-Autoren beuten die Kreativität junger Wissenschaftler für ihre Zwecke aus. In der Publikationsliste des BIBA gibt es in den Jahren von 2005–2015 insgesamt 625 Veröffentlichungen mit dem Autor oder Co-Autor „Scholz-Reiter“. Das bedeutet eine Arbeit pro Woche. Dies legt nahe, dass er sich auf viele Arbeiten als Co-Autor hat eintragen lassen, ohne sie im Detail zu kennen. Dennoch liegt sein H-Index (eine Bewertungszahl, wie oft man zitiert wird) nur bei dem unerwartet niedrigen Wert von 30, trotz der stolzen Zahl der Veröffentlichungen. Ein Hinweis darauf, dass seine vielen Arbeiten nicht besonders wahrgenommen werden.

Müssen Doktoranden in Kauf nehmen, dass sich andere als Co-Autoren ausgeben?

Ja. Ein Doktorand, der es wagen würde, dagegen zu protestieren, hat schlechte Karten. Der Chef bewertet seine Promotion und schreibt vielleicht später Gutachten über ihn, die er nicht zur Kenntnis bekommt. Da werden Machtverhältnisse ausgenutzt. Die Bremer Universität wollte ja die Zustände der Ordinarienuniversität abschaffen, aber dieses Verhalten ist schlimmer als das der früheren Ordinarien. So ist das eben bei Revolutionen.Wir wissen ja aus der Fabel „Animal Farm“ von George Orwell, dass am Ende einer Revolution die Revolutionäre (Schweine) sich von ihren früheren Unterdrückern (Menschen) nicht mehr unterscheiden lassen.

Foto: privat

Wolfgang Dreybrodt, geboren 1939, war von 1974 bis 2004 Professor für Experimentalphysik an der Universität Bremen, damals Mitglied im Akademischen Senat und Streiter für den Bund Freiheit der Wissenschaft. International bekannt wurde er als Höhlenforscher, der sich mit der Geochemie und Geophysik von Klimasignalen in Stalagmiten beschäftigte.

Während seiner Zeit als Rektor hat Scholz-Reiter weiter publiziert.

Von 2012 bis 2018 immerhin 188 Publikationen, die er mit verantwortet. Er selbst würde wohl sagen, das waren Vorhaben, die vorher begonnen wurden, als er noch Institutsleiter war. Er war Antragsteller, hat deshalb als Co-Autor agiert, obwohl er später als Rektor kaum noch etwas beitragen konnte. Dies bezeichne ich als Raub-Autorschaft. Dieses Verhalten wiegt schwerer als Publikationen in Raubverlagen. Wie kann jemand, in dessen wissenschaftsethische Prinzipien man so wenig Vertrauen haben kann, die Bremer Universität als Rektor repräsentieren?

Er behauptet, getäuscht worden zu sein.

Eine reine Schutzbehauptung. Scholz-Reiter versucht sich da herauszureden. Er gibt Dinge vor, die jemand, der außerhalb des Wissenschaftssystems steht, nicht beurteilen kann. Scholz-Reiter war nicht nur Vizepräsident der DFG, er war auch in der Kommission, die die Millionenbeträge für die Sonderforschungsbereiche vergibt. Diese Kommission muss die Qualität von wissenschaftlichen Anträgen beurteilen. Und da sind frühere Publikationen der Antragsteller ein wesentliches Kriterium.

Das heißt: Es kann nicht sein, dass er nicht beurteilen konnte, was sich zum Beispiel hinter Waset verbirgt, dem Verlag, in dem er unter anderem publiziert hat?

Wenn er es nicht konnte, dann war er für diese Kommission in der DFG absolut ungeeignet. Wenn er es konnte – dann hat er ein sehr kreatives Verhältnis zur Wahrheit.