der rote faden

Die drei Jungs mit dem Sagrotan-Humor

Foto: Jan Schmidbauer

Durch die Woche mit Johanna Roth

Was ist noch schlimmer als Antisemitismus? Leute, die nicht darüber lachen können. So in etwa muss die Logik lauten, die die drei bekannten Komiker Jan Böhmermann, Klaas Heufer-Umlauf und Serdar Somuncu dazu brachte, für eine Sendung mit ihrem jüdischen Kollegen Oliver Polak eine Flasche Desinfektionsmittel auf der Bühne bereitzuhalten. So landete am Ende folgende Szene im Kasten: Nachdem sie ihn als Gag von der Bühne gejagt haben, fragt einer von ihnen: „Habt ihr ihm die Hand gegeben?“, bevor er den anderen beiden mit dem Desinfektionsmittel die Hände einsprüht.

komiker

Das Ganze hat sich schon 2010 zugetragen, erfährt aber jetzt erst größere Aufmerksamkeit, da Oliver Polaks Buch „Gegen Judenhass“ erschienen ist, das mit Komik ausnahmsweise nichts zu tun hat, sondern auf jeder Seite traurig bis wütend macht. Und erst in dieser Woche wurde bekannt, dass Jan Böhmermann der Mann mit dem Desinfektionsspray war, denn Polak nennt in seinem Buch bewusst keine Namen. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier schreibt im aktuellen Freitag nicht nur darüber, dass es in der Szene um Jan Böhmermann ging, sondern auch darüber, dass Polaks Buch statt wie geplant im Verlag Kiepenheuer & Witsch jetzt bei Suhrkamp erschien. KiWi wollte die entsprechende Passage so vehement streichen, dass Polak die Zusammenarbeit beendete; der Verleger Helge Malchow bezeichnete das Kapitel später in der Welt als „absolut gegenstandslos“ und warf Polak „unseriöse Spielereien“ vor. Auch Jan Böhmermann ist KiWi-Autor.

Was auf Niggemeiers Artikel folgte, war die quasiautomatische Kettenreaktion bundesdeutscher Hatespeech-Diskurse im Jahr 2018. Erstens: Die Nachricht („Oliver Polak wirft Jan Böhmermann Antisemitismus vor“). Zweitens: Deren twittertaugliche Verkürzung zulasten des einen, à la ‚Jan Böhmermann ist ein Antisemit‘. Drittens: Der Whataboutism zu Lasten des anderen – Polak habe doch selbst kein anderes Thema als seine jüdische Identität, da dürfe er sich auch nicht beschweren.

kettenreaktion

Wichtig ist: Polak hat Jan Böhmermann nicht als Antisemiten bezeichnet. Diesen als einen zu labeln, der Juden grundsätzlich mit Spott oder Hass begegnet (obschon die Szenen – es war nämlich nicht nur die eine –, die Niggemeier und ­Polak aus Polaks Begegnungen mit Böhmermann schildern, einen ziemlich übel werden lassen), wäre zu einfach. Die Fragen lauten eher: Wie kommt einer (beziehungsweise kommen gleich drei) der beliebtesten deutschen Fernsehmacher auf die Idee, eine Anti-Juden-Desinfektionsmittelbehandlung könne wertvolle Unterhaltung sein? Wenn der Gag Antisemitismus abbilden oder gar anprangern sollte – inwiefern propagiert er ihn dann nicht selbst?

Und: Was ist eigentlich so schwer daran, mehr als ein Argument gleichzeitig im Hirn zu bewegen? Denn nur, weil Oliver Polak mit einem Programm namens „Ich darf das – ich bin Jude“ und gleichnamigem Buch auf Tour war und selbst auch ganz gerne mal Witze über Minderheiten macht, ist es weder erforderlich, ihm gegenüber im Stakkato judenfeindliche Witze rauszuhauen (Somuncu über Polak: „Juden schinden immer Zeit, damit sie hinterher Forderungen stellen können“), noch seine Legitimation zur eigenen zu erklären (Böhmermann zu Polak: „Sorry, aber dein Judentum ist dein Unique Selling Point, da musste jetzt durch.“)

unique selling point

Überhaupt ist das Traurigste an dieser Sache das Phänomen, dem diskriminierte Menschen in hiesigen Diskursen – again and again and again – ausgesetzt sind: Nicht die Person selbst hat darüber zu entscheiden, ob sie Hass erfahren hat, denn das liegt immer noch bei denen, die ihn (potenziell) äußern, ob nun bewusst oder nicht. In diesem Fall bedeutet das: Der Jude soll sich doch bitte nicht das Urteil anmaßen, was – nun wirklich! – Antisemitismus ist und was nur ein harmloser Joke. Willkommen in Deutschland 2018.

klappe halten

Böhmermann äußerte sich zu alldem nur auf Twitter. Und zwar so: „Ich kann leider ohne eine angemessene Umsatzbeteiligung nicht an der nachträglichen Umdeutung von ultrakrassen Ficki-Ficki-Comedykarrieren in schillernde, sensible Intellektuellenbiografien mitwirken.“ Dahinter ein trauriges Emoji. Diese Reaktion ist aufschlussreicher als alle Gags, denn was drückt sie anderes aus als: Verachtung. Nicht nur tut dieser Polak plötzlich so, als habe er auch was Relevantes zu erzählen, wo er doch eigentlich nur schlechtere Witze macht als ich. Und jetzt erdreistet er sich auch noch, Geld für dieses Buch zu verlangen!

Man hätte sich als einflussreicher Fernsehkomiker, der sich darüber hinaus auch gerne über-ernsthaft zum Zeitgeschehen äußert, sich also offenbar als politische Person begreift, mit dem Kollegen solidarisch zeigen können, oder immerhin: sich inhaltlich äußern. Ober wenigstens, verdammt noch mal, auch einfach die Klappe halten. Lacht dann halt keiner. Aber davon ist noch niemand gestorben.

Nächste Woche Klaus Raab