„Sein Kneifen macht ihn angreifbar“, sagt Joachim Raschke

Erfolgreich meidet Ole von Beust jeden Konflikt. Jetzt lenkt die Absage des TV-Duells den Blick auf seine Schwächen

taz: Herr Raschke, die große Mehrzahl der Hamburger möchte Ole von Beust als Bürgermeister behalten. Warum?

Joachim Raschke: Viele Hamburger schätzen an ihm, dass er die Politik Ronald Schills fortsetzt – aber ohne dessen schräge Person.

Wie erklären Sie aber, dass Beust auch liberale Wählerschichten bindet?

60 Prozent der Bevölkerung sagen zwar, der Beust-Senat habe schlecht gearbeitet. Aber sie sagen auch: Zweieinhalb Jahre sind zu kurz, Beust soll eine zweite Chance haben. Es ist das gleiche Argument, das Rot-Grün 2002 im Bund geholfen hat.

Ist das nicht berechtigt – zumal Beust durch das Bündnis mit Schill behindert war?

Wie so oft ist der Common Sense auch in dieser Frage durchaus vernünftig. Trotzdem irritiert es, dass Beust zu allen strittigen Fragen eine verbindliche Aussage verweigert und seinen Popularitätsvorteil auf opportunistische Weise sichern will. Sein Name ist mit keinem politischen Konflikt verbunden – anders als etwa bei Roland Koch oder Christian Wulff. Jede Kritik qualifiziert er als unhanseatisch ab.

Mit diesem Argument hat er auch das Fernsehduell der Spitzenkandidaten abgesagt. Fürchtet Beust etwa, dass er der Konfrontation mit Thomas Mirow nicht gewachsen ist?

Der Vorwurf eines unfairen Wahlkampfs ist jedenfalls nicht haltbar. So sanft wie Mirow ist noch kein Oppositionspolitiker aufgetreten. Mit seiner Absage hat Ole von Beust in der letzten Kurve noch einen Fehler gemacht, der möglicherweise entscheidend ist. Sein Kneifen macht ihn angreifbar. Es lenkt den Blick auf Schwächen seiner Person, über die man bislang in Hamburg gar nicht reden konnte – seine Konfliktscheu, sein Ausweichen vor allen Inhalten.

Was Sie kritisieren, wollen die Wähler offenbar: Einen präsidialen Bürgermeister, der das Lebensgefühl der Stadt verkörpert – wie Wowereit in Berlin.

Es stimmt, in den Stadtstaaten spielen die großen ideologischen Fragen eine immer geringere Rolle. Aber es könnte sein, dass Beust das überstrapaziert hat.

Die Grünen haben eine Koalition mit Beust nach langem Zögern ausgeschlossen. Vergeben sie damit eine Chance?

In Schwarz-Grün steckt durchaus ein Potenzial. Aber nicht in Hamburg. Das liegt an den Themen: Industriepolitik, Hafenausbau, innere Sicherheit. Da ist Beust wesentlich näher an der SPD als an den Grünen. Deshalb hat sich Beust schon über die Avancen belustigt, mit denen sich die Grünen nur dem Verdacht des Opportunismus aussetzten.

Das Thema Schill spielt dabei keine Rolle mehr?

Die Springer-Zeitungen haben Ronald Schill aus dem kollektiven Gedächtnis der Hamburger gelöscht. Für die meisten Wähler ist das schon ganz weit weg.

Dann hat Beust die Rechtspopulisten also entzaubert?

Das war nicht sein Verdienst. Schill hat sich selbst entzaubert. Hätte er über ein bisschen mehr Selbstkontrolle verfügt, dann wäre er noch im Amt. Beust profitiert von einem Potenzial zur Selbstzerstörung, das dem Spitzenpersonal des Rechtspopulismus offenbar eigen ist.

Viele haben dem Bürgermeister das Bündnis mit Schill verziehen, weil sie den SPD-Filz überwinden wollten. Reichen zweieinhalb Jahre dafür aus?

Nein, die SPD hat sich noch nicht regeneriert. Das hängt auch damit zusammen, dass Olaf Scholz den Neubeginn blockiert hat, weil er sich nicht zwischen Berlin und Hamburg entscheiden konnte. Hinzu kommt der lange Zerfallsprozess einer SPD-Hochburg. Wie in allen Metropolen ist die Partei in einer klassischen Spagatsituation: Sie verliert Wähler an die Grünen, während der untere soziale Rand nach rechts abwandert. Die Sozialdemokraten haben noch kein Mittel gefunden, um diese beiden abdriftenden Bewegungen einzufangen.

Wie soll das gehen – nachdem die Erinnerungen an Rot-Grün in Hamburg alles andere als positiv sind?

Außerhalb der rot-grünen Stammwählerschaft gibt es in Hamburg keine positive Rückerinnerung an Rot-Grün. Das verringert die Chancen auf einen Machtwechsel.

Gibt es ein Zurück zur sozialdemokratischen Hegemonie?

Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Aber eine christdemokratische Stadt ist Hamburg deshalb noch lange nicht – auch wenn Beust am Sonntag gewinnt. Für die SPD war es in Hamburg immer entscheidend, dass ihre Bürgermeister auch im liberalen Milieu über hohes Ansehen verfügten. Das ist ihr schon mit Ortwin Runde nicht mehr gelungen.

Hat die SPD vor dem Hintergrund der Reformdebatte im Bund überhaupt eine Chance, ihre Stammklientel zurückzugewinnen?

Sie leidet in Hamburg natürlich unter dem Gegenwind der Bundespolitik. Das gleichermaßen schwache Erscheinungsbild in Hamburg und in Berlin ist ein doppeltes Minus, aus dem in der Politik kein Plus wird – anders als in der Mathematik.

Wird eine SPD-Niederlage in Hamburg die Krise der Bundespartei noch vertiefen?

Über die Stimmung entscheidet nicht so sehr die Wahlniederlage, sondern die Reaktion darauf. Die SPD hat erst dann wirklich verloren, wenn wieder ein großer Streit über den Kurs ausbricht. Das ist der erste Test, ob der neue Vorsitzende Franz Müntefering die Partei disziplinieren kann. Es kommt darauf an, mit Fassung zu verlieren.