Neue Ameisenart entdeckt: Ein Leben ohne Männer und Arbeiterinnen
Eine jüngst entdeckte Ameisenart setzt neue Maßstäbe. Sie kommt ohne Männchen und ohne eigene Arbeiterinnen aus – als einzige bekannte Art weltweit.
Foto: Kyoichi Kinomura/Universität Regensburg/dpa
Ein Leben ohne Männer ist nicht nur möglich, sondern auch sinnvoll. Das gilt für die neu entdeckte Ameise Temnothorax kinomurai. Die hat ein Forschungsteam aus Japan und Deutschland nun erstmals im Fachmagazin Current Biology beschrieben.
Die neue Ameisenart stelle die bekannte Ordnung der Ameisengesellschaften auf den Kopf, heißt es in einer Pressemitteilung der Universität Regensburg. T. kinomurai ist die erste bisher bekannte Art, die ohne Männchen und Arbeiterinnen auskommt.
Für eine systematische Untersuchung der speziellen Lebensweise von T. kinomurai züchtete das Team sechs Staaten in künstlichen Nestern im Labor heran. Die Kolonien wurden über zwei Jahre an verschiedenen Orten in Japan gefunden. Es schlüpften 43 Königinnen. Die wiederum legten Eier, aus denen ausschließlich weitere Königinnen schlüpften. Die WissenschaftlerInnen untersuchten die Puppen dabei auf ihr Geschlechtsteil.
Jürgen Heinze, emeritierter Professor für Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Regensburg
Die Herausforderung für eine systematische Datenerhebung war bislang, dass die Art extrem selten ist und zudem gut versteckt im Inneren von Eicheln haust. Zuletzt wurden neue Kolonien gefunden. Die gaben den Anstoß für die Arbeit des Teams um den Wissenschaftler Kyoichi Kinomura, dessen Namen die neue Art jetzt trägt.
Für die Ameisen ergibt das evolutionär Sinn
Die Art überlebt der Studie zufolge nur als Königin. Und ist damit weltweit die einzig bekannte. Das bewerkstelligt T. kinomurai einerseits, indem sie als Parasit von den Kolonien einer verwandten Art lebt. Die Königinnen überfallen die Nester von Temnothorax makora, übernehmen deren Staat, wo dessen Arbeiterinnen die Eier der neuen Königin aufziehen.
Wie die meisten anderen Lebewesen kommen bei Ameisen normalerweise Männchen und Weibchen vor. Die Königinnen produzieren weibliche Nachkommen, Arbeiterinnen genannt, genauso wie Männchen, die oft ausschwärmen, um sich mit fremden Königinnen fortzupflanzen.
In der Natur lassen sich genauso so viele Ausnahmen wie Regeln finden. So auch bei Ameisen. Manche Arten kommen zum Beispiel ganz ohne Arbeiterinnen aus und leben parasitär, indem sie die Arbeiterinnen fremder Kolonien für sich schuften lassen. Andere Ameisenarten wiederum kommen ganz ohne Männchen aus. Aus ihren unbefruchteten Eiern schlüpfen Königinnen und Arbeiterinnen. Dass beide Überlebensstrategien sich in einer Art vereinen, war der Wissenschaft bislang allerdings nicht bekannt. Tim Feldmann
Der nächste Trick heißt Parthenogenese: Aus den unbefruchteten Eiern von T. kinomurai schlüpfen wiederum Königinnen. Evolutionär war der Verzicht auf Männer und Arbeiterinnen für T. kinomurai also evolutionär effektiv. „Ein zwar unerwarteter, evolutionär gesehen, aber sinnvoller Schritt“, sagt der deutsche Mitautor Jürgen Heinze.
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